Tagebuch: Spitzmund & Locken

21 08 2015

Freitagm 21. August 2015

Kirsten Clemann ist tot. Das habe ich erst jetzt erfahren. Sie ist schon im Februar vorigen Jahres gestorben, verbrannt in ihrem Haus auf Bornholm. Wahrscheinlich war sie mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen. Ein grausamer Tod mit 82 Jahren.

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Ich habe die Keramikerin vor knapp 30 Jahren kennengelernt, als ich für einen Bornholm-Band in der Reihe RichtigReisen von DuMont recherchierte. Eines der Kapitel sollte „Kunst und Gewerbe – Keramik auf Bornholm“ heißen. Kirsten empfing mich von Anfang an mit großer Herzlichkeit. Ich besuchte sie über mehrere Jahre immer wieder, aus Gastfreundschaft wurde Freundschaft.

Aber da gab es eine immer wiederkehrende Begebenheit: Während der Buchrecherchen, die sich über mehrere Jahre erstreckten, und zu den alljährlichen Aktualisierungen, bin ich nie alleine angereist, sondern mit wechselnden Mitarbeiterinnen. Kirsten hat das nicht begriffen und die jungen Damen jeweils für eine neue Geliebte gehalten. Und vehement insistierte sie jedesmal: „Was hat denn die was die andere nicht hatte…?“ Gute Frage – nur hatte sie in diesem Zusammenhang nichts verloren.

Im Übrigen tat das unserer Freundschaft keinen Abbruch. Kirsten erzählte aus ihrem – bewegten – Leben, schilderte das Zusammenleben auf der Insel Bornholm, redete mit mir über Kunsthandwerk, Kunst und Künstler. Und natürlich über ihr eigenes Schaffen.

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Kirsten Clemann schuf – neben Gemälden und buntbemalten Tüchern – vor allem Keramikfiguren. Kirsten formte den Ton, als sei er Marzipan. Frauen mit Spitzmund, großen Augen und markanten Locken. Männer mit knappsitzenden Anzügen. Häufig auch Clowns, Vögel und auch Engel. Die Frage nach Kitsch und Kunst stellte sich nicht. Ihre Kunstwerke sind an vielen Stellen auf Bornholm zu finden, vor allem in Restaurants.
Kirsten Clemann wurde alkoholabhängig. Das hat uns zuerst entfremdet, dann die Freundschaft ganz zerbrechen lassen. Bei meinem letzten Besuch hat sie mich nicht erkannt.

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Ich besitze einen Keramik-Mädchenkopf als Kerzenleuchter, den mir Kirsten Clemann geschenkt hat. Und einen Wandspiegel mit Engelköpfen. Sie haben mich tagtäglich an Kirsten erinnert.

Ach Kirsten.

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