Tagebuch: Striptease am Trapez

17 09 2015

Donnerstag, 17. September 2015

Fast ein Dutzend Kinderwagen mit schlafenden Babys standen dort, wo heute die Bartheke ist, als ich direkt nach der Wende zum ersten Male eine – die erste! – Vorstellung des Chamäleons in den Hackeschen Höfen besuchte. Damals schleppten die „Ossis“ noch ihre Kinder mit, wenn sie abends etwas unternahmen und keinen Babysitter hatten. Das hat mir damals schwer imponiert.

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Pressekonferenz im Chamäleon

Das Chamäleon war in den Anfangsjahren noch ein richtiges Varieté alter Schule. Eine bildhübsche Dame mit knappem Kostüm und unglaublich gewagtem Dekolleté lief mit Bauchladen herum und verkaufte – nicht ohne Hilfe eines bezaubernden Lächelns – allerlei Schnickschnack. Ich habe für damals 2,50 DM eine Partygabel gekauft, die ich heute noch besitze. Sie lässt sich von 26 Zentimeter Länge auf 56 Zentimeter ausziehen, damit man an die Leckereien eines Buffets kommt.

Irgendwann ist das Chamäleon Pleite gegangen, seit zehn Jahren gibt es das neue Chamäleon. Es steht heute für eine Darstellungsform, die sich „in Deutschland noch nicht so richtig durchgesetzt“ hat, wie Anke Politz erklärt. Sie ist künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Chamäleon Productions GmbH. „Wir sind eine Bühne für Neuen, das heißt zeitgenössischen Zirkus,“ sagt sie, „Hauptstilmittel ist die Akrobatik, aber wir vereinen auf der Bühne auch alle anderen Künste.“ Es gebe „keine Genregrenzen“. Früher, ja früher bestanden die Programme des Chamäleons „aus Shows mit Solodarbietungen, die irgendwie geklammert waren.“

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Anke Politz und Geschäftsführer Hendrik Frobel

Wer die neue Show mit dem Titel „Wunderkammer“ besucht, bemerkt vielleicht auf den ersten Blick nicht, dass das Chamäleon knapp eine halbe Million Euro zur Restaurierung und Modernisierung des historischen Jugendstil-Saales ausgegeben hat, den Einnahmeausfall von 150.000 Euro während der Umbauphase eingerechnet. Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, das Landesdenkmalamt und der Hauseigentümer, eine Privatfamilie, haben die Summe aufgebracht. Das über 100 Jahre alte Parkett musste aufwendig erneuert werden. Dazu wurden zwei der drei Balkone für 28 Zuschauer hergerichtet, mit Theaterbestuhlung versehen und durch einen eigenen Eingang erschlossen. Jetzt haben 326 Besucher im Chamäleon Platz.

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Also jetzt ein Zweiklassen-System im Chamäleon, oben die VIPs und unten das gemeine Volk? Da wehrt Frederik Frobel, Geschäftsführer des Chamäleon-Theaters, energisch ab: „Die Plätze kosten nur zehn Euro mehr.“ In den letzten Jahren, so erzählt er, sei das Publikum anspruchsvoller geworden: „Es fordert elektronische Buchung und gastronomische Leistungen.“ Aber den Weg zur Dinnershow schlägt das Chamäleon nicht ein. Frobel: „Niemand soll mit dem Besteck klappern.“

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„Wunderkammer“- heißt also die neue Show. Ist der Name Programm? Wunderkammern waren in der Spätrenaissance und im Barock als Kunstkammern Vorläufer der heutigen Museen. Man kam, sah und staunte. Ob das neue Programm dieses Versprechen einlöst? Die australische Kompanie CIRCA ist nach 2011 wieder zu Gast, sieben junge Artisten – offensichtlich ohne Rückgrat, mit Gummiknochen und einem unendlichen Vorrat an Kraft. Ich habe nur bei der Pressevorführung einzelne Nummern gesehen, die komplette Show besuche ich morgen. Anke Politz verspricht “eine mitreißende Collage aus Artistik, Burlesque, Anarchie, schräger Comedy und Erotik“.

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Erotik – wie man’s nimmt. Am Trapez tanzt ein schöner Mann einen Striptease, natürlich nur bis auf den bestickten Slip.

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Bei der Pressevorführung fehlte mir ein wenig der Schwung, die Leichtigkeit. Vielleicht lag das an den Einzelnummern. Sollte die Show so flott sein wie versprochen, werde ich das an dieser Stelle vermelden. Indianerehrenwort.

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Samstag, 19. September: Gestern abend habe ich die ganze Show gesehen. Schwung fehlte nicht [sogar rasand war die Darbietung], aber ab und zu eine Prise Leichtigkeit. Vielleicht sollte man hier und da zugunsten des Tempos das eine oder andere Kunststück kürzen, dessen enorme Schwierigkeit sich dem Publikum ohnhin kaum erschließt. Und der Mann an der Stange – so verblüffend und unglaublich seine Kunststücke waren – hat einfach zu lange herumgeturnt. Aber bitte – das ist Meckern auf höchstem Niveau. Und noch eins: Ganz schön erotisch war die Show, wobei die Männer den Frauen den Rang abliefen. Zum Ende präsentierten sich alle sieben Kompanie-Mitglieder – von hinten mit fast nacktem Wackelpo. Jubel beim Publikum.

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