Tagebuch: „Ich bin Schmidt“

10 11 2015

Nun ist er tot. Helmut Schmidt wird von vielen vermisst werden, auch von vielen, die ihn gar nicht als Bundeskanzler erlebt haben.

Er war keineswegs unumstritten. Zu seiner legendären Größe ist er erst nach seiner aktiven politischen Tätigkeit aufgelaufen. Weil er seit vielen Jahren niemandem mehr verpflichtet war und frank und frei seine Meinung sagen durfte. Und diese war alles andere als Mainstream. Was er sagte, klang einfach, scherenschnittartig. Aber wer genauer hinhörte, vernahm dahinter seine Weltordnung.

Hätten ihm nur mehr Politiker zugehört. Ihn als „Putinversteher“ zu verspotten, ist jedenfalls dümmlich. Nichts verstanden haben die Kollegen, die das tun.

Zwei Begegnungen habe ich mit dem großen Mann – der ja körperlich so klein war – gehabt. Als Abiturient besuchte ich in Hamburg eine Fotoausstellung über die große Flut, bei der Schmidt als Hamburger Innensenator durch sein entschlossenes Handeln viele Menschenleben gerettet hat. Ein elegant gekleideter Mann, der mich irgendwie an meinen Vater erinnerte, stellte sich neben mich und sagte nach einer Weile: „Wie gefallen Ihnen die Fotos?“ Ich sprudelte los: Wie toll die Fotos seien, wie grauenhaft die dokumentierte Flut, und wie toll ich den Schmidt fände, der so beherzt… Da sagte der Mann: „Ich bin Schmidt.“

Die zweite Begegnung war in den 70-er Jahren, ich habe sie hier schon einmal erzählt. Ich war Leiter der Reiseredaktion der Zeitschrift „test“, und als Bundeskanzler Schmidt die Stiftung Warentest besuchte, sollte ich das „Damenprogramm“ betreuen. Mit anderen Worten: Loki Schmidt erläutern, wie wir Reisen, Gebiete und Hotels testeten. Es war eine schöne Stunde, ich mochte diese pragmatische, kluge, äußerst lebendige Frau. Sie war nach der Stunde vom Reisetesten ganz begeistert und erzählte das ihrem Mann, als er dazu stieß. Aber der Vorstand der Stiftung, der mich noch nie leiden konnte, spielte die Bedeutung des „Reiseservice“ total herunter. Eigentlich unklug: Wieso lässt man dann die Frau des Bundeskanzlers eine so „unwichtige“ Abteilung besuchen?

Aber eine wichtige Anregung des Ehepaars Schmidt fiel auf fruchtbaren Boden: Ihr Lieblingshotel [auf Mallorca] war als Gebäude und in der Ausstattung korrekt beschrieben – aber den beiden fehlten Aussagen der Gäste zum Service etc. Fortan wurde jeder Reisereport in „test“ von einer repräsentativen Urlauberbefragung begleitet, vorgenommen vom IPK München.

Helmut Schmidt ist tot.

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