Tagebuch: geklautes Thema

5 02 2016

Freitag, 5. Februar 2016

Wohl als erster Journalist habe ich vor Jahrzehnten über die Sektenkolonie La Dignidad in Chile geschrieben – in einer Tageszeitung. Das Thema wurde mir von meinem Chef geklaut und ans Fernsehen verkauft.

Vorwort: Warum gibt es immer so große Lücken zwischen meinen Tagebuch-Eintragungen? Das ist ganz einfach erklärt: Ich reise viel, oder besser: sehr viel, und auf Reisen fehlen mir Zeit und Muße zu Tagebuch-Eintragungen. Oder Bilder oder Scans… Werde mich bessern!

Zum Thema: Vor fast 50 Jahren war ich wohl der erste Journalist in Deutschland, der über die chilenische Sekten-Kolonie La Dignidad berichtete. Das verdankte ich meinem Journalisten-Glück, das ich immer hatte, als ich in der Lokalredaktion einer Tageszeitung arbeitete. Der Informant kam zu mir – ein verzweifelter Vater, dessen Sohn in die Fänge jener merkwürdigen [deutschen!] Sekte in Chile geraten war. Wenn schon jemand zu uns in die [Lokal-]Redaktion kam und eine solche Geschichte erzählte, war das eigentlich Chefsache. Aber der Chef war nicht da, was bei uns immer zu guter Laune beitrug.

Obwohl noch nicht mit vielen journalistischen Wassern gewaschen, nahm ich die Geschichte auf und schrieb eine herzzerreißende Story über die Not eines Vaters und die grausame Sekte, die den Sohn nicht aus den Fängen ließ. Damals war die Sekte noch nicht ein Folterlager des Pinochet-Regimes, wie es der Film erzählt, der gestern in Berlin vorgestellt wurde und über den der „Tagesspiegel“ heute berichtet – mit Emma Watson und Daniel Brühl als Hauptdarsteller.

kkkk

Aber die Geschichte, die der Vater erzählte, war schlimm genug. Der Anführer Paul Schäfer, ein alter Nazi und wohl auch Kinderschänder, hielt in der Colonia Dignidad seine „Anhänger“ regelrecht gefangen, und der Staat deckte ihn. Entsprechend „scharf“ war meine Geschichte, die ich in Satz gab, ohne dass sie ein Vorgesetzter gelesen hatte. So ist sie am nächsten Tag auch erschienen.

Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern. Als ich spätabends heimkam und meinem Vater von meiner „tollen Geschichte“ erzählte, sagte er nur: Kenne ich doch alles. Die Story war schon – mit Zitaten meiner Texte – im WDR-Regionalfernsehen gelaufen. Mein Chef hatte sie geklaut. Dieses miese Geschäft betrieb er regelmäßig. Er klaute Stories seiner Mitarbeiter und verscherbelte sie an das Fernsehen – durchaus zum Nachteil seines Arbeitgebers.

Aber noch nie hatte er solche eine dicke Story gestohlen. Ich habe nicht gewagt, ihn deshalb zur Rede zu stellen. Heute würde ich mir das nicht gefallen lassen und ihn sogar anzeigen. Aber damals… Wer in Adenauer-Zeiten autoritär war, war das meist unangefochten. Bis zu den 68-er Jahren…

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