Tagebuch: Ex-Trinker-Börse

8 03 2016

Montag, 7.März 2016

Es wurde viel getrunken in den ersten zehn, zwanzig Jahren der ITB Berlin. Dafür ist heute kaum noch Platz. Heute ist die ITB, die 50 Jahre alt geworden ist, eine Messe, auf der hart gearbeitet wird.

Lediglich neun Aussteller aus fünf Ländern nahmen an der ersten ITB in Berlin teil, die der Übersee-Importmesse „Partner des Fortschritts“ angegliedert war. Damals dachte niemand daran, dass aus dieser Miniausstellung auf mickrigen 580 Quadratmetern einmal die weltgrößte Tourismusmesse werden konnte.

Im vergangenen Jahr wurden 160.000 Quadratmeter vermietet, gebucht von über 10.000 Ausstellern aus 186 Ländern. Rechnet man alle Verträge und Abschlüsse zusammen, beträgt der Umsatz der Aussteller und Fachbesucher 6,7 Milliarden Euro. Die Pioniere aus dem Jahr 1966 heißen Ägypten, Brasilien, die Bundesrepublik, Guinea und Irak. 250 Fachbesucher wurden im ersten Jahr gezählt. Sie nahmen in der Kongresshalle im Tiergarten an einem Seminar zum Thema „Neue Urlaubsziele in neuen Kontinenten“ teil. Dabei wirkten Vertreter von 24 mittel- und westafrikanischen Staaten mit.

 1966 - erste ITB 1966 - Klein und Bescheiden: Im September 1966 stellten anlässlich der 1. Internationalen Tourismus-Börse ITB Berlin neun Aussteller aus Ägypten, Brasilien, der Bundesrepublik Deutschland, Guinea und dem Irak auf einer Ausstellungsfläche von 580 qm ihr touristisches Angebot vor.

1966 – Klein und Bescheiden: Im September 1966 stellten anlässlich der 1. Internationalen Tourismus-Börse ITB Berlin neun Aussteller aus Ägypten, Brasilien, der Bundesrepublik Deutschland, Guinea und dem Irak auf einer Ausstellungsfläche von 580 qm ihr touristisches Angebot vor.

Der Visionär, der den Mut hatte, die ITB aus der Taufe zu heben, heißt Dr. Manfred Busche. Als Angestellter der AMK (Ausstellungs-, Messe- und Kongress-Gesellschaft), wie die Messe Berlin damals hieß, erdachte er das neue Format. Ein Jahr später, von 1967 bis 1999, wurde Dr. Busche Geschäftsführer der Berliner Messegesellschaft. All die Jahre wurde er anerkennend „Vater der ITB“ genannt, er nahm das schmunzelnd zur Kenntnis. Dabei schlug ihm viel Gegenwind entgegen, als er vor einem halben Jahrhundert seine ITB-Pläne präsentierte. Die Messe suchte dringend nach einem neuen Betätigungsfeld. „Zuerst war eine Jagdausstellung im Gespräch“, erinnert sich Dr. Busche, „in Anbetracht des Viermächte-Status von Berlin schien uns die Umsetzung allerdings illusorisch, diese Branche hat ja mit Waffen zu tun…“

1976 – Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, schneidet am Stand von Griechenland eine Torte an

1976 – Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, schneidet am Stand von Griechenland eine Torte an

Seine Idee einer Reisemesse kam nicht überall gut an. Reisebüro-Inhaber befürchteten eine Verschiebung ihres Reisegeschäfts. Hoteliers sahen eine Expansion der Hotelkapazität auf Berlin zukommen. Der Gedanke, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, war im damaligen West-Berlin nicht weit verbreitet. Doch Dr. Busche erzielte schnell Erfolg. Schon die zweite ITB 1968 brachte den dauerhaften Durchbruch: Sprunghaft kletterte die Ausstellungsfläche auf fast das Achtfache, mehr als fünfmal so viele Fachbesucher kamen auf das Messegelände.

Schnell hat die Internationale Tourismus Börse ITB – die inzwischen offiziell ITB Berlin genannt wird – ihren Spitznamen: Internationale Trinker Börse. Es wurde wirklich viel getrunken auf der Messe in früheren Zeiten, um nicht zu sagen: Es wurde gesoffen. Wer seit Jahrzehnten auf der ITB unter-wegs ist, wird sich an Interviewpartner erinnern, mit denen man sich am besten mittags zwischen 12 und 15 Uhr verabredete. Vor 12 Uhr waren sie noch nicht nüchtern, und nach 15 Uhr waren sie nicht mehr nüchtern.

Das ausgiebige Feiern ist seit vielen Jahren passé. Zu gigantisch ist die weltgrößte Tourismusmesse geworden und zu stressig, um sich mit Alkohol auszubremsen. Die Fachbesuchertage haben sich auf drei konzentriert, das verlangt stringentes Arbeiten. Früher war das anders. Die ITB erstreckte sich wie heute die Grüne Woche über zwei Wochenenden. Da fiel es nicht so ins Gewicht, wenn Touristikmanager mal einen Tag mit „Migräne“ ausfielen. 1980 wurde die Fach- und Publikumsmesse um ein Wochenende gekürzt, im Laufe der Jahre folgten weitere Streichungen. Auch die Zahl abendlicher Empfänge und Feste ist rapide zurückgegangen. Sie gehörten früher zur Reisemesse unterm Funkturm wie ein Papier-Ticket zur Flugreise. Im letzten Jahr lud JT-Geschäftsführerin Yasmine Taylor zur ersten „Pink Party“. Ihr Ziel: Der weltgrößten Tourismusmesse wieder ein abendliches Highlight zu bescheren, bei dem Glamour, Show und Tourismus zusammentreffen.

Schon von Anfang an zeichnete sich ab, ws ein Markenzeichen der ITB werden sollte: Noch als die Welt noch mitten im Kalten Krieg steckte, kamen die Ostblockländer Ungarn und Rumänien. Bis heute werden – unabhängig von politischen und weltanschaulichen Grenzen – Länder und Gebiete zur ITB zugelassen, ja geradezu eingeladen. Sternstunden waren gemeinsame Pressekonferenzen sich feindlich gegenüber stehender Länder wie Israel und Ägypten.

1986 – Die „2300-jährige unterirdische Armee“aus China  zu Gast auf der ITB Berlin

1986 – Die „2300-jährige unterirdische Armee“aus China zu Gast auf der ITB Berlin

Auch stellten und stellen Länder aus, die Untertanen nicht pfleglich behandeln und Menschenrechte wenig beachten. Auf der zu Busches Zeiten üblichen, stets gut besuchten und medial beachteten ITB-Abschlusspressekonferenz wurde der Messechef deswegen einmal hart angegangen. „Wenn Sie alle Länder von der Messe ausschließen würden, die es mit den Menschenrechten nicht genau nehmen, gäbe es keine ITB“, konterte er und fügte grummelig, wie er manchmal sein konnte, hinzu: „…und keinen Tourismus.“

Während seiner Amtszeit pilgerte Busche Abend für Abend von ITB-Event von ITB-Event. Kein Saal war ihm zu voll, keine Location zu eng, kein Weg zu weit, um mit Gastgebern, Ausstellern und Fach-besuchern ins Gespräch zu kommen. Oft ging das weit über Smalltalk hinaus. Er zelebrierte Networking – zu einer Zeit, als die touristische Welt das Wort noch gar nicht kannte.

Von Anfang an führt die ITB ein Zwitterleben, sie ist Fach- und Publikumsmesse zugleich. Zur zweiten ITB trafen sich schon 1.250 Fachbesucher, und 123.000 Privatpersonen besuchten als Publikum die Messehallen unter dem Funkturm. Zu der hohen Zahl trug gewiss bei, dass die zweite ITB mit der Boots- und Freizeitschau stattfand. Diese Kombination wurde bis 1980 beibehalten, dann wurde die Bootsmesse von der ITB abgekoppelt. Die Begründung, dass die ITB alleine nicht so respektable Publikumszahlen erzielen konnte, lautete vor der Wende: Dem eingemauerten West-Berlin fehle das Umland. Doch auch nach dem Fall der Mauer änderte sich die Zahl nicht signifikant. Letztes Jahr kauften rund 50.000 Besucher ein Ticket.

Aus Sicht des Veranstalters ist der Spagat zwischen reiner Fachbesuchermesse und rasanter Show fürs Publikum eine Herausforderung. Mal ärgerten sich Aussteller und Fachbesucher über zu viel Lärm durch Folklore-Darbietungen, mal beklagte sich das Publikum über zu wenig Show. 1982 unternahm die Messe den Versuch, mit klaren Regelungen zur Folklore und weiteren Publikumsattraktionen die ITB als Publikumsveranstaltung fester zu verankern. Fachbesucher und Aussteller haben die ersten drei Tage Business-Atmosphäre, das Publikum kommt am Wochenende. Dieser Versuch ist gelungen, auch wenn sich das nicht in steigendem Besucherandrang niedergeschlagen hat. Zeitig vor dem Messestart gibt die Messe sogar eine eigene Pressekonferenz zum Thema: ITB fürs Publikum.

Noch etwas zeichnet die Messe aus: Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente, viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, Gay & Lesbian Travel… Die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit. Noch etwas zeichnet die Messe aus. Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente. Viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen/Youth Travel, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, ITB Career Center, Gay & Lesbian Travel… Die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit. Ohne die Cluster wären Spezialisten vermutlich unauffindbar. Das riesige Angebot sinnvoll zu bündeln und zugänglich zu machen, ist eine der Herkules-Aufgaben des ITB-Teams. Hilft die Messe den einen, sich zu etablieren, bietet sie anderen eine Plattform, gesehen und gehört zu werden. Fachlicher Austausch, durchaus tiefgründig und kontrovers, findet in teils hochrangigen Podiumsdiskussionen statt.

Kritische Töne – aber bitte nicht zu viele und nicht zu laut – sind gerne gehört. Einen Namen gemacht haben sich die „Zwischenrufe“ des Studienkreis für Tourismus und das Studiosus-Gespräch mit Experten. Weltweiten Ruf genießen die ITB-Foren. 1977 feierte das Kirchenforum Premiere, 1988 wurde zum ersten Male das Afrika-Forum veranstaltet, 1992 folgte das Karibik-Forum. Jüngstes Austauschforum ist der Tag des Barrierefreien Tourismus.

Tourismuskritiker und Anbieter von alternativen Reisen bezeichnen 1984 als Durchbruch: „Probehalber“, wie die Messe ankündigte, stellten sie in einer eigenen Halle mit dem Titel „Anderes Reisen“ aus. Seitdem gehören sie zur ITB wie die Kehrseite einer Medaille – verstreut übers gesamte Messegelände und nicht mehr nur in einer Halle. Kritisches wird auch mit einigen der Awards ausgedrückt, die im Zusammenhang mit der ITB reichlich verliehen werden. Einige waren nicht so beständig wie die ITB selbst. Da gab es mal die „Goldene Reisekutsche“ des Jaeger-Verlags und den messe-eigenen Filmwettbewerb „Prix ITB“. Beide sind Vergangenheit.

Neu auf der ITB Berlin: "KulturTourismus" New at the ITB Berlin: "Culture Tourism"

Neu auf der ITB Berlin: „KulturTourismus“
New at the ITB Berlin: „Culture Tourism“

Etabliert haben sich der Book Award und auch der Columbus-Ehrenpreis „für besondere Verdienste um den Tourismus“. Zum zehnjährigen Bestehen der Weltmesse des Tourismus verlieh der VDRJ ihn zum ersten Mal an Bundeswirtschaftsminister Dr. Hans Friederichs. Die Liste der nachfolgenden Preisträger in vier Jahrzehnten liest sich wie der Gotha des Tourismus: César Manrique (1978), Dr. Martin Busche (1985), Horst von Xylander (1995), Friedensreich Hundertwasser (1998), Reinhold Messmer (2007), Klaus Laepple (2013)…

In dieser Ehrengalerie könnten wir uns auch gut Peter Köppen vorstellen. 34 (!) Jahre, von der vierten ITB bis zur Messe 2004, war er Pressesprecher der ITB – ein Fels in der Brandung, eine Persönlichkeit mit Stil und Charme. Jahr für Jahr saß Peter Köppen auf seinem blauen Stuhl im Pressezentrum und stellte sich dem Ansturm der Journalisten aus aller Welt. Sein Presseteam war bunt gemischt und spiegelte die Vielfalt der Nationalitäten. Im babylonischen Sprachengewirr prasselten täglich tausende Fragen ungezählter Medienvertreter auf das Presseteam ein, Fragen nach Pressekonferenzen und Parkausweisen, Interviewterminen und Messetrends. Meist gelassen und geduldig, mitunter auch leicht genervt ob der Ansprüche einiger Journalisten, war er über Jahrzehnte der Pol, um den sich das Messegeschehen aus journalistischer Sicht drehte. Peter Köppen war ein begnadeter Netzwerker. Manchem Journalisten verhalf er zu exklusiven Geschichten. Intensiv kümmerte er sich um den journalistischen Nachwuchs. Und wenn es nötig war, half er Kollegen auf den richtigen (Heim-)Weg, wenn diese sich zu sehr an den Spitznamen der Messe gehalten hatten. Sein blauer Stuhl steht noch immer in der Pressestelle.

Erst verborgen in den Katakomben, inzwischen herangereift zum größten Tourismus-Kongress der Welt und nicht mehr wegzudenken, geben sich illustre Branchenvertreter beim ITB-Kongress die Klinke in die Hand. Parallel zu den Fachbesuchertagen wird hier ein hochkarätiges Programm zu-sammengestellt. Hotellerie, CSR, Tourismus-Marketing, die Zukunft des Reisens sind die Themen, die – stets unter Beachtung der aktuellen Entwicklung – an eigenen Schwerpunkttagen in mehreren Kongresssälen behandelt werden. ITB-Vater Busche nennt die Gründung des Kongresses 2004 einen „großen Meilenstein“. Den Charme der Anfangsjahre hat sich der ITB-Kongress erhalten, Dozenten, Kongressbesucher und Studenten kommen unkonventionell miteinander ins Gespräch.

Und wie begeht die Messe Berlin das Jubiläum? Für die größte Tourismusmesse der Welt hat sie sich eine eigenwillige Aktion ausgedacht. In Kooperation mit airberlin schickte sie 50 ernannte ITB-Botschafter unter dem Motto „From Berlin With Love“ in 50 [Reise-]Ziele, u.a. nach Abu Dhabi, Wien oder das Kennedy Space Center in Florida: Dort trafen sie 50 Repräsentanten und unterhielten sich mit ihnen über 50 besondere Ereignisse, Themen oder Projekte, die für den Tourismus besonders prägend waren oder sind. Zur Erinnerung überreichten die Botschafter ihren Gesprächspartnern einen limitierten ITB-Buddy Bären. Zur ITB ist ein Erinnerungsbuch geplant. Der Titel: From Berlin with Love. 50 Destinations. 50 Encounters. 50 Stories.

Zum Jubiläum vor 25 Jahren widmete die Deutsche Bundespost der Messe eine 100-Pfennig-Sondermarke. Sie wurde in ganz Deutschland geklebt, nur nicht auf Briefe der Messe Berlin. „Dazu hätten wir ja extra einen Studenten anstellen müssen“, argumentierte die Messe und nutzte auch im Jubiläumsjahr den Freistempler. Diesmal gibt es keine Sondermarke.

Erwartet die ITB Berlin eine rosige Zukunft? „Im digitalen Zeitalter steigt die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung“, ist Busche überzeugt, „deshalb ist das jährliche Familientreffen auf der ITB Berlin, wo Menschen sich in die Augen sehen und die Hände schütteln, ein absolutes Muss.“ Oft ist die Begegnung eine kurze: „Wir sehen uns!“ rufen sich zwei Fachbesucher zu, die sich in irgendeiner Halle begegnen. Doch in dem Gewühl der Fachbesucher, der über 5.000 Journalisten aus 75 Ländern und der 350 Blogger aus 30 Ländern sehen sie sich – leider viel zu oft – nicht wieder.

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