Tagebuch: Saigoner Kaleidoskop – Vietnam II

29 05 2016

Samstag, 28. Mai 2016

Das wäre keine Frage für „Wer wird Millionär?“ Wie viele Einwohner hat Ho Chi Minh-Stadt? Die rasant wachsende Wirtschaftsmetropole, die früher Saigon hieß? Sieben Millionen? Acht Millionen? Neun Millionen? Genau weiß das niemand.

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Drei Millionen Vietnamesen strömen täglich zusätzlich in die Stadt. Das Verkehrschaos ist entsprechen groß. Fünf Millionen oder mehr Motorräder, Motorroller und Mopeds setzen alles außer Kraft, was wir hierzulande unter Verkehrsordnung verstehen. Zu den Rush Hours verstärken Mitarbeiter des Ordnungsamtes [in Grün] die Polizisten [in Gelb]. Hilft alles nichts… Die Baustelle der U-Bahn, die Abhilfe schaffen soll, macht alles nur noch schlimmer. Sie wird wie so vieles im Land mit japanischer Hilfe gebaut und soll 2025 fertig sein.

ffffffff

Wir Presseleute werden Zeuge, wie Parteigenossen aus der Provinz vor dem Denkmal des Nationalhelden Ho Chi Minh einen Kranz niederlegen und in Ehrfurcht verharren. Kaum sind sie abgezogen, kommt die nächste Staffel zur Zeremonie. Es ist der 19. Mai, der Geburtstag des großen Führers.

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Fast hundert Jahre lang, von 1859 bis 1954, war Vietnam – zuletzt nur der Südteil – in der Hand der Franzosen. Saigon war ihre Hauptstadt. Und so zieren noch heute zahlreiche Prachtbauten im französischen Kolonialstil das Stadtbild. Einer der schönsten Bauten, von außen und von innen, ist das Hauptpostamt [s. letzten Post].

Ganz in der Nähe steht die Kathedrale, die natürlich Notre Dame heißt. Die Franzosen haben das mächtige Bauwerk zwischen 1877 und 1883 aus Backsteinen errichtet, wobei sie sämtliche Baumaterialien importieren mussten. Die Kirche ist 57 Meter hoch, 94 Meter tief und 37 Meter breit. Innenarchitektonisch ist der Bau uninteressant.

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Um der Hitze zu entfliehen, sind wir durch das berühmte – und kühle! – Hotel Rex gestromert. Von der Terrasse im vierten Stock aus hatten wir einen schönen Blick auf die Stadt – und auf die sich permanent wiederholende Huldigungsszene vor dem Ho Chi Minh-Denkmal.

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Die Stimmung unter uns war heiter, trotz des schwülen Wetters. Und dann plötzlich der Schock: Ich sah unter den Menschenmassen ein kleines Kind mit total deformiertem Kopf. Schnell war es in der Menge verschwunden, aber nicht aus meinem Kopf. Zuhause habe ich recherchiert.

40 Millionen Liter Agent Orange hat die US-Luftwaffe während des Vietnamkrieges über dem Land versprüht. Noch immer werden in Vietnam Kinder geboren, deren Missbildungen Wissenschaftler auf das dioxinhaltige Entlaubungsmittel zurückführen. Verschwunden ist die Heiterkeit.

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