Tagebuch: Das Lächeln des Rabbi Wolff

9 06 2016

Donnerstag, 9. Juni 2016

Eine der Sternstunden meines Lebens verdanke ich der Urania, der 128 Jahre alten Berliner Volksbildungsstätte. Nicht weil ich dort den Film „Rabbi Wolff“ sah [der wird auch in anderen Kinos gezeigt]. Sondern weil sich anschließend der Protagonist des Films, der fast 90-jährige Rabbiner William Wolff, den Fragen seines Publikums stellte. Sein Lächeln traf mitten ins Herz.

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Ja, das Lächeln. Es zog sich wie ein roter Faden durch den Film. „Ich habe ihn nie wütend oder schlecht gelaunt erlebt“, sagt eine Weggefährtin in dem Oskar reifen Dokumentarfilm. Viereinhalb Jahre hat das Team an dem Film gearbeitet, davon drei Jahre direkt mit dem Rabbi. Der Extrakt aus 100 Gesprächsstunden geht unter die Haut. Was der Regisseurin Britta Wauer und ihrem Kameramann [der auch ihr Ehemann ist] Kaspar Köpke hier gelungen ist, ist mehr als ein bloßer Dokumentarfilm. Die Zuschauer nehmen an einem langen Leben teil. So nahe die Filmemacher – und damit auch die Zuschauer – dem Rabbi kommen: Nie ist eine Szene auch nur eine Sekunde peinlich.

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Was für ein Leben! Als er sechs Jahre alt war, floh er mit Eltern, seinem Zwillingsbruder und der Schwester nach Amsterdam und sechs Jahre später nach London. Schon als Kind hatte er zwei Berufswünsche geäußert: Journalist oder Rabbi. So wurde er zuerst Journalist, und zwar politischer Korrespondent beim Daily Mirror und bei anderen britischen Tageszeitungen. Im Film ist zu sehen, wie er in dieser Funktion in den 1970-er Jahren Gast beim Internationalen Frühschoppen im deutschen Fernsehen ist. Und da ist es schon – dieses Lächeln!

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Mit 53 Jahren, so erzählt Rabbi Wolff, „wurde ich plötzlich wach und wusste, was ich tun musste“ – er begann seine Ausbildung zum Rabbiner. Nach seiner Ordination arbeitete er an der West London Synagoge und in Wimbledon. Wolff war schon 75, als er das Amt des Landesrabbiners von Mecklenburg-Vorpommern übernahm und er die drei jüdischen Gemeinden in Schwerin, Rostock und Wismar betreute. Da fast alle Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion stammten, lernte er Russisch. Auch dabei blieb er heiter. Er spricht auch fließend Deutsch, Englisch, Holländisch, Französisch und Hebräisch.

Bis er 2014 in den Un-Ruhestand trat, lief sein Leben so ab [ich zitiere aus der offiziellen Inhaltsangabe zum Film]: „Immer Mitte der Woche fliegt er nach Hamburg, steigt dort in den Zug und pendelt zu seinen Jüdischen Gemeinden nach Schwerin und Rostock. Samstags nach dem Gottesdienst geht es zurück nach London – es sei denn, er ist bei Verwandten in Jerusalem, auf Fastenkur in Bad Pyrmont oder beim Pferderennen in Ascot. Denn das Leben muss vor allem Spaß machen, findet Willy Wolff.“ Sein Kommentar beim anschließenden Publikumsplausch: „Immer wenn es keinen Spaß mehr machte, habe ich gewechselt“.

Als der kleine Mann nach dem Film ins Publikum kommt, erwarten ihn Standing Ovations. Er ist seit den Filmaufnahmen sichtlich gealtert, auch hört er nicht mehr ganz so gut. Auf dem Kopf trägt er die Kippa, seinen berühmten Hut hält der Kameramann, der ihn begleitet [die Regisseurin ist leider verhindert].Und da ist es wieder – sein Lächeln.

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Rabbi Wolff – den Titel behält er bis an sein Lebensende – beantwortet harmlose Fragen und auch schwierige. Ja, er bedaure sehr, nie geheiratet und Kinder bekommen zu haben – „jeden Tag“. Im Film ist eine Szene, in der er sich bei den Deutschen dafür bedankt, „dass Juden heute in diesem Land keine Angst mehr haben müssen“. Als ich ihn frage, was er den zur momentanen politischen Situation sage und ob er bei seiner Aussage bliebe, sagte er vollen Herzens: „Ja. Ich bleibe dabei. Die Deutschen machen das wunderbar.“ Ich hoffe inständig, dass der Rabbi Recht behält. Und ihm nicht sein zauberhaftes Lächeln vergeht.

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