Tagebuch: Die Schwarzen Berge werfen Schatten – Montenegro im Zwielicht

18 06 2016

Samstag, 18. Juni 2016

Ohne Zweifel ist Montenegro, das Land der Schwarzen Berge, ein zauberhaftes Reiseland. Mächtige Berge und kilometerlange Strände, malerische Seen und Nationalparks, romantische Altstädte, Inseln und kuriose Museen, das alles sind Farbsteinchen in einem abwechslungsreichen Kaleidoskop. Das bunte Bild ist in Gefahr, behauptet ein Experte.

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Montengro war ein Königreich bis 1918. Seit 2006, also seite zehn Jahren, ist Montenegro ein selbstständiger Staat, nachdem es vorher fast 90 Jahre Teil von Jugoslawien war und dann mit Serbien eine gemeinsame Staatenunion bildete. Das Land ist flächenmäßig etwa so groß wie Schleswig-Holstein und hat 625.000 Einwohner.

Seit nahezu 25 Jahren herrscht Regierungschef Milo Djukanovic mit der aus der sozialisti-schen Partei hervorgegangenen DPS im Land. „Seine Regierung hat die Bedeutung phantasti-scher und unterschiedlicher Naturlandschaften als Alleinstellungsmerkmal im Westbalkan nicht erkannt und gefährdet diese durch skandalöse Fehlentwicklungen.“ Das behauptet Hel-mut Röscheisen, unabhängiger Experte für nachhaltige Entwicklung in Montenegro und früher langjähriger Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings. Hier sein – äußerst kritischer – Bericht.

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Alle fünf Nationalparks des Landes leiden unter einer massiven Wilderei. Abgeknallt wird alles, was vor die Büchse kommt, Wolf, Bär, Luchs und Adler und vor allem Vögel. Typisch, der Direktor des Nationalparks Skadarsee ist gleichzeitig Vorsitzender des lokalen Jagdclubs. Er schoss sogar einen polnischen Adler ab, der für Forschungszwecke mit einem GPS-Sender versehen war! In allenParks erfolgt illegaler Holzeinschlag. Erlöse fließen in die privaten Taschen der in den Parks Verantwortlichen. Trauriger Höhepunkt ist der Nationalpark Lovcen mit seinen jährlichen Autorennen! Ständig werden in diesem Nationalpark neue Gebäude errichtet und vierrädrige Fahrzeuge (Quads) vermietet, die mit ihrem Höllenlärm im ganzen Park zu hören sind. Zudem wird jetzt noch eine Hochspannungstrasse durch den Park gebaut.

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Im gebirgigen Nationalpark Durmitor im Norden des Landes gibt es im Winter Fahrten mit Motorschlitten und Heliskiing. Dem als Unesco-Weltnaturerbe eingestuften See Crno Jezero im Nationalpark Durmitor geht durch den Trinkwasserbedarf der Gemeinde Zabliak das Wasser aus. Mitten im Nationalpark Skadarsee ist ein großer Ferienkomplex mit 30 Luxusvil-len, Helikopterlandeplatz und Jachthafen geplant. Die dafür erforderliche Baufläche wurde einfach nachträglich aus dem Nationalparkgebiet herausgeschnitten.

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Für den Naturschutz steht in Montenegro kein Geld zur Verfügung, wohl aber für den Ausbau der touristischen Infrastruktur in Form von Apartments, Hotels und Restaurants. Dabei ist dieser ständige Bau neuer Hotels auch wirtschaftlich unsinnig. Viele dieser Hotels stehen den größten Teil des Jahres leer. In den 80er Jahren hatte Montenegro etwa 5 Millionen Touristen
im Jahr. Jetzt sind es nur 2 Millionen jährlich. Die Serben stellen heute wie damals die größte Touristengruppe. Sie wurden im früheren Jugoslawien aber nicht als Touristen registriert. Seit der Selbstständigkeit von Montenegro schon. Der Rückgang der Touristenzahlen fällt also noch deutlicher aus.

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Neben den unzumutbaren Zuständen in den Nationalparks ist es eine zentrale Aufgabe, die Saline Ulcinj, nahe der albanischen Grenze, eines der wichtigsten Rastgebiete für europäi-sche Zugvögel, als einzigartiges Naturerbe zu schützen und nicht dem Massentourismus zu opfern, wie es die Regierung plant. Seit Monaten weigert sich das zuständige Ministerium für nachhaltige Entwicklung und Tourismus, den mit der Hilfe der Stiftung Euronatur fertig aus-gearbeiteten Antrag auf Unterschutzstellung der Saline Ulcinj als international bedeutsames Feuchtgebiet nach der Ramsar Konvention abzusenden. Bauabsichten der Regierung liegen auch für die kleine Bucht von Valdanos in Ulcinj mit ihrem einzigartigen, über 2000 Jahre alten Olivenhain und die wunderschöne, naturnahe Buljarica Bucht bei Petrovac vor.

Dabei gibt es in Budva, Bar, Petrovac und anderen Orten an der Küste ausreichend Kapazi-täten für den Tourismus. 2008 wurde ein Masterplan für den Tourismus, der mit starker deutscher Unterstützung erarbeitet wurde, von der Regierung verabschiedet, aber nie umge-setzt.Nach Auffassung von lange im Lande lebenden Experten sind Veränderungen nur durch Druck von außen möglich. Montenegro muss viel stärker als bisher ins Blickfeld der interna-tionalen Öffentlichkeit gelangen.

Das Land ist mit seiner derzeitigen Regierung noch weit von einer demokratischen Wertege-meinschaft entfernt. Die anstehenden EU-Beitrittsverhandlungen müssen dazu genutzt werden, Rechtsstaatlichkeit, Kooruptionsbekämpfung sowie Schutz von Natur und Landschaft entsprechend dem Auftrag der Verfassung des Landes, das sich in Artikel eins seiner Verfas-sung als ökologischen Staat ausweist, zu gewährleisten.

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