Notizbuch: unterwegs – das Sterben der Reiseseiten

3 08 2016

Mittwoch, 3. August 2016

Das bundesweite Sterben der Reiseseiten hat jetzt auch meine Lieblingszeitung erfasst, den „Tagesspiegel“. Als ich das bemerkte, habe ich einem der beiden Chefredakteure, Lorenz Maroldt, folgende Zeilen geschrieben – Auftakt zu einem abstrusen Briefwechsel:

Lieber Herr Maroldt, morgen werden Sie wieder im Checkpoint den Zustand der Welt beklagen, vor allem den in Berlin: Gut so, ich glaube – um Berlinerisch zu reden – , da kann man nicht meckern. Wie ein Roter Faden zieht sich durch Ihre Texte ein Mit-Grund für den schlechten Zustand der Welt, vor allem in Berlin: die schlechte Kommunikation oder genauer: die mangelnde Kommunikations-Bereitschaft.
Auch wenn einer meiner Lieblingssprüche ist: Haben Sie schon einmal einen Wegweiser gesehen, der mit Ihnen zum Ziel läuft? – werfe ich Ihnen vor, dass Sie selbst keinen Deut besser sind. Konkret: Wo ist der Reiseteil hin? Soll der durch die großflächige Berichterstattung im Sonntagsteil ersetzt werden? Wohin sind dann die kleineren Berichte, die Reisemeldungen, bis letzten Sonntag eine der Stärken der Berichterstattung im Reiseteil des Tagesspiegels?
Klar, da wurde wieder eingespart. Nur kein Wort darüber verlieren. Die Leser werden sich schon beruhigen. Die sind ja eh zu blöd, um unsere Entscheidungswege zu verstehen… Das finde ich sehr enttäuschend von Ihnen.
Freundliche Grüße Horst Schwartz*
*Leser seit 44 Jahren – und gelegentlicher Autor des Blattes. Letzteres ist aber NICHT der Grund für dieses Schreiben

3333Gibt es nicht mehr: Solche Kurzberichte zu einem bestimmten Thema machten – auch – den Wert der Reiseseiten im „Tagesspiegel“ aus

Nun hat ja ein Chefredakteur etwas anderes zu tun als einem verärgerten Leser zu antworten. Als antwortete mir eine Mitarbeiterin, die ich mal xyz nennen will:

Lieber Herr Schwartz,
wir sind dicker geworden – trotz Veränderungen des Reiseteils.
Bisher hatte der Sonntag 6 Seiten, die Reise 3, Mobil 1 = 10 Seiten.
Vergangenen Sonntag hatte unser Magazin 12 Seiten = plus 2 Seiten.
Selbst wenn es künftig 10 Seiten wären: Wir arbeiten am „Sonntag“ derzeit mit mehr Redakteuren als zuvor. Lesen Sie die Artikel, etwa die Fotosafari von Deike Diening, die Geschichte über den Unternehmer Fromms oder das kulinarische ABC von Eckart Witzigmann – nicht nur diese lohnen die Lektüre und bieten besten Journalismus.
Bitte bleiben Sie uns auch weiterhin gewogen, und ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich anstelle von Herrn Maroldt antworte. Herzlich, xyz

001Auch Vergangenheit: Reisemeldungen im „Tagesspiegel“

Liebe Frau xyz, ich bin auch dicker geworden. Aber ich bin nicht stolz darauf.
Zu Ihrer Antwort: Sie ist beliebig – so als käme sie von der Pressestelle der DHL, bei der man sich beschwert, das ein Paket gar nicht angekommen ist. Die teilen einem dann auch mit, wie sehr das Volumen ihres Paketversandes gewachsen ist – ohne zu sagen, wo sich den nun, verdammtnochmal, das Paket befindet. So verfahren Sie auch. Sie loben den Tagesspiegel für seinen Sonntagsteil. Lassen aber meine zwei Kernfraggen unbeantwortet:
1. Warum wird der Reiseteil, wie er bisher war – in seiner Mischung aus großen Berichten, kleineren Berichten und viel aktuellen Meldungen – überhaupt abgeschafft?
2. Warum hat die Chefredaktion das nicht kommuniziert – z.B. in einem kleinen Passus im Sonntagsteil?
Die Fotosafari ersetzt doch keinen Reiseteil. Und das ABC des Meisterkochs – beliebig. Überlassen Sie Ihren Lesern, ob sich die Lektüre lohnt. Und unter „bestem Journalismus“ in einem Sonntagsteil verstehe ich etwas anderes als diese Schickimickibeiträge. Und ich weiß, wovon ich rede.
Aber danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mir zu schreiben. Jetzt habe ich wieder einen interessanten Beitrag für meinen blog. Mit freundlichen Grüßen Horst Schwartz

xxxxx

In der Beilage „Sonntag“ gibt’s eoine Prise Reise v- „unterwegs“

Lieber Herr Schwartz,
welche Beiträge wünschen Sie sich statt „Schickimicki“? Warum passt in einen „Unterwegs“-Teil keine aufwändig recherchierte Namibia-Geschichte?
Ich sehe, Sie haben ein Reiseblog, da kennen Sie sich doch in der Welt des Reisens aus.
Bitte schreiben Sie doch etwas freundlicher, ich bin mehr an einem wertschätzenden Austausch interessiert.
Beste Grüße, XYZ

Liebe Frau xyz, ich bin Reisejournalist seit 44 Jahren, seitdem ich nach Berlin kam, um Leiter der Reiseredaktion der Zeitschrift „test“ zu werden. Und seitdem bin ich auch Abonnent des „Tagesspiegel“. Sie müssen verstehen, dass dies mit sich bringt, dass man an bestimmten Rubriken hängt. Bei mir war es der Reiseteil. Und der ist nun futsch – ohne jede Erklärung.
Ich habe nicht gesagt, dass die Namibia-Geschichte nicht in einen „Unterwegs“-Teil passe. Nur halte ich die Umstellung auf diesen Teil für den falschen Weg.
Gut, das mit dem Schickimicki war vielleicht übertrieben. Das ist in der Tat persönliche Geschmacksache. Ich halte ein solches Thema einfach nicht für die Welt des Reisens. Als Zusatzthema: ok. Als einziger Reisebeitrag: schade um den Platz. Aber bitte, das ist wirklich nur mein persönliches Empfinden. Den Schickimicki-Vorwurf nehme ich für diesen Beitrag ausdrücklich zurück.
Ich hoffe, dass ich jetzt freundlich genug war. Ich wollte nicht unfreundlich sein, und ich wollte Sie nicht verletzen. Vielleicht bin ich zu verärgert, um „freundlicher“ zu schreiben. Denn ich fühle mich von Ihnen gar nicht wertgeschätzt. Meine zwei Kernfragen haben Sie immer noch nicht beantwortet.
Ich schlage vor, wir beenden jetzt diesen wertschätzenden Austausch, der uns nicht gelingen will.
Halt, eins will ich noch anmerken: Ich liebe den Tagesspiegel, nach wie vor. Ich brauche ihn. Die Redakteurinnen und Redakteure machen einen guten Job. Nur fallen manchmal Entscheidungen, die ich einfach nicht verstehe…
Herzliche Grüße Horst Schwartz

Seitdem herrscht, wie von beiden Seiten gewünscht, Funkstille. Der Reiseteil bleibt futsch. Der „Sonntag“-Teil war letzten Sonntag auf sechs Seiten geschrumpft. Eine Seite davon war „unterwegs“. Thema: eine Testfahrt ins Umland mit einem VW-„Bus“. Titel: „Bulli für Anfänger“. Autorin: meine Brieffreundin, die blendend schreibt. Na, denn gute Reise…

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