Notizbuch: Dionysos

22 09 2016

Donnerstag, 22. September 2016

Wenn ein Pater, dessen Lebensaufgabe es ist, die Menschheit mit gutem Wein zu beglücken, ausgerechnet Dionysos heißt, ist das mehr als ein Zufall. Dionysos ist der Gott des Weines. Unser Dionysos ist Abt des Klosters Chrysorrogiatissa auf Zypern, des Klosters der „Heiligen Jungfrau des Goldenen Granatapfels“.

Das Kloster liegt 40 Kilometer von Paphos entfernt an einem Berghang. Ein Mönch namens Ignatius hat es 1152 gegründet, das heutige Gebäudeensemble stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ignatius, so erzählt man sich heute auf der Insel, habe damals eine wundervollbringende Ikone der Jungfrau Maria gefunden, die er in die Berge trug und um die herum er das Kloster baute. Kein Geringerer als der Evangelist Lukas soll die Ikone gemalt haben. Ihm wird auch die Christus-Ikone zugeschrieben, die ebenfalls im Kloster zu sehen ist. Das Kloster ist berühmt für seine Ikonensammlung und seine Restaurationswerkstatt sowie für die Fresken in der Klosterkirche.

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cccAbt Dionysos ist ein stattlicher Mann mit einem Rauschebart und schönen, klugen Augen. Er hat seine Stimme verloren und spricht mit hoher [Speiseröhre-]Ersatzstimme. Er spricht schnell und viel, zeigt uns Artikel über ihn und das Kloster und führt uns dann in sein Allerheiligstes [also gut: in das Zweitallerheiligste nach der Ikonensammlung]: den Weinkeller.

Aber dort wird längst kein Wein mehr gekeltert, das hat die EU dem Kloster untersagt.

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Dionysos hatte den traditionellen Weinbau des Klosters erst 1984 wiederbelebt, wie überhaupt der Weinbau im griechischen Teil der Insel erst in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance erfuhr. 6000 Jahre ist der Weinanbau auf Zypern alt. Einst hatte Richard III die Insel besetzt, um an deren hervorragende Wein zu gelangen. Doch im vergangenen Jahrhundert verkam die Weinproduktion zur einer Quelle von Billigexporten verschnittenen Weins in Ostblockländer. Erst in den 1990-er Jahren blühte sie wieder auf. Heute sind es junge Winzer und kleine Betriebe, die den Ton angeben. Aber der Ton ist nicht mehr zu überhören. Die Weinstöcke auf Zypern sind übrigens die einzigen in Europa, an denen nicht die Reblaus knabbert!

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Auf die EU ist Dionysos nicht gut zu sprechen, weil sie seine Weinproduktion unterbunden hat. Warum? Das habe ich nicht verstanden. Aber wahrschenlich hat Abt Dionysos das selbst nicht verstanden. Das Kloster lässt jetzt die Trauben seiner – durchaus inselberühmten – Weinberge außerhalb keltern. Aber die alten Geräte sind noch da. Ich habe Dionysos geraten, die Räume in ein Museum umzuwandeln.

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