Notizbuch: das Stadtoberhaupt

29 09 2016

Donnerstag, 29. September 2016

Man würde Yiannis Boutaris auf den Straßen von Thessaloniki glatt übersehen, würde man ihm begegnen. Der mächtige Bürgermeister der nordgriechischen Metropole ist klein, fast schmächtig. Ein alter Mann, aber ein äußerst agiler. Mit dem ersten Satz macht er klar, wer hier das Sagen hat. „Hat jemand etwas dagegen, wenn ich rauche?“ Es ist eine rein rhetorische Frage. Denn schon hat er sich eine filterlose Camel angesteckt.

bSobald Yiannis Boutaris den Raum betritt, strahlt er aus, was seinem Berliner Kollegen zur Gänze abgeht: Charisma. Wenn ich so viel Geld im Rücken hätte, besäße ich das vielleicht auch. Der Bürgermeister war mal Winzer, Erbe des von seinem Großvater 1879 gegründeten Weinimperiums Boutaris. Beinahe wäre Yiannis Opfer seines Berufs geworden: Er wurde Trinker, ist aber seit einem Vierteljahrhundert trocken.

2002 übergab er die Firma seinen Kindern und ging als parteiloser Quereinsteiger in die Politik. 2010 wurde er knapp zum Bürgermeister gewählt und begann, die Stadt aufzuräumen. Inzwischen, 2014 wiedergewählt, hat er die Verwaltung von 5.000 Mitarbeitern auf 3.200 geschrumpft. Was vor ihm niemand geschafft hatte, gelang ihm: Er brachte die Müllabfuhr auf Trab. Stank es in Thessaloniki früher buchstäblich zum Himmel, ist das jetzt eine saubere Stadt. Das Verkehrsproblem [Boutaris: „Mit ein Hauptproblem“] ist schwerer in den Griff zu bekommen. So manche Straße wurde immerhin verkehrsberuhigt. Mit dem Bau der Metro wurde vor fünf Jahren begonnen, die Fertigstellung wird laut Boutaris „noch weitere fünf Jahre dauern“. Das allerdings hat auch mit den historischen Funden zu tun, die immer wieder in den Baugruben gemacht werden.

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Yiannis Boutaris geht keinem Streit aus dem Weg. Er legt sich mit sturer Verwaltung an, mit der Zentralregierung, weil er den griechischen Zentralismus absurd findet, und mit der orthodoxen Kirche. Und wahrscheinlich auch immer wieder mit glühenden Nichtrauchern.

Nach dem Straßenverkehr ist die Ebbe in der Kasse das zweite große Problem von Thessaloniki. Das dritte ist die Arbeitslosigkeit. Vielleicht hilft hier der Tourismus weiter? „Vor 2011 hab es hier keine touristische Planung“, kritisiert der Bürgermeister. Thessaloniki sei „kein touristischer Ort“, räumt er ein – „aber ein interessanter“. Der Weiße Turm ist dem Bürgermeister nicht berühmt genug, aber es gibt noch 99 weitere Monumente. Boutaris‘ touristische Strategie: „Wir setzen auf Kultur.“ Der deutsche Markt soll jetzt stärker umworben werden, bislang kamen in erster Linie Russen Israelis unds Türken. Vor dem Krieg besaß Thessaloniki 40 Synagogen und eine der größten jüdischen Gemeinden Europas mit 50.000 Mitgliedern. Das jüdische Leben will Yiannis ebenso wiederbeleben, soweit das geht, wie das türkische Erbe. Thessaloniki gehörte bis zum ersten Balkankrieg 1912 zum osmanischen Herrschaftsbereich, und in der Stadt wurde Mustafa Kemal Atatürk geboren.

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Woher die Besucher auch kommen: Sie müssen, so fordert der Bürgermeister, „den Geist der Stadt mitbekommen.“ Die Bewohner gelten als weniger hochnäsig als die in der Hauptstadt. Rechnet man die Vororte mit, kommt die Region auf 1,2 bis 1,3 Millionen Einwohner. Allein 150.00 Bewohner sind Studenten. Boutaris: „Die Stadt schläft nie.“

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