Notizbuch: Athen im Wandel

20 10 2016

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Erst 29 Stunden bin ich hier in Athen. Wie eine Woche kommt mir diese Zeit vor. Das liegt an den intensiven Gesprächen. Dem Herumgerenne. Und dem Recherchenmodus, auf den ich Augen, Ohren und Hirn geschaltet habe.

Ein paar Impressionen, ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Ausgewogenheit. In dem geschilderten Hirn-Modus addieren sich neue Eindrücke schnell zu den gespeicherten aus fünf vergangenen Jahrzehnten. Wenn nichts beständiger als der Wandel ist, trifft das bei Athen in besonders hohem Maße zu. Die U-Bahn vom hypermodernen Flughafen in die Stadt, beides schon seit Jahren in Betrieb, ist ein Beleg für die neue Zeit. Moderne Anzeigen, effektive Ticketschalter, saubere Trains – die allerdings vollgeknallt sind mit Lidl-Werbung.

Einen Steinwurf weit vom Syntagma-Platz mit seiner U-Bahnstation, die der vielen Grabungsfunde wegen aussieht wie eine Museumshalle, liegt mein niegelnagelneues Hotel, das Electra Metropolis. Ein wirklich schönes Haus. Beim Frühstück auf dem Dach im zehnten Geschoss verschlägt den Gästen beim Blick über die Stadt – und die Akropolis! – der Atem. Nur – erst ein einziges Lächeln von Hotelbediensteten habe ich gesehen, das stammte von der Zimmerfrau. Ansonsten: Fehlanzeige. Das fängt bei der Rezeption an und hört bei der Frühstücksbedienung auf. Es dürfte doch nicht so schwer sein, den Mitarbeitern das Wörtchen „please“ oder die Floskel „would you like…“ beizubringen.

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Blick ins Hotel Electra Metropolis

Anders dagegen mein Taxifahrer. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Jannis. Der redete und redete – in bemerkenswert gutem Englisch -, dass es eine Wonne war. 17.000 Taxis gibt es in der Stadt, die meisten übrigens neu und modern. Jannis muss erst mal 100 Euro einnehmen, um etwas zu verdienen: Miete fürs Taxi, Steuern, Benzin. Heute um 14 Uhr hatte er die Summe noch nicht zusammen. Zu sagen, es ginge ihm nicht gut, wäre die Untertreibung des Jahres. „Die Kleider, die ich hier anhabe, sind fünf Jahre alt“, sagt er, „und ich esse dreimal in der Woche Souvlaki…“ Er habe wenig Freizeit, beklagt er. Dennoch besucht er morgens vor dem Dienst noch einen Kurs in Deutsch, „dieser schweren Sprache“. Er will demnächst in Deutschland sein Glück – das heißt: eine besser bezahlte Arbeit – suchen.

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17.000 von diesen Gefährten brausen durch Athen

Wie Service aussehen kann, wurde mir heute im National Historischen Museum demonstriert, das ich in all den Jahren, so muss ich zu meiner Schande gestehen, noch nie besucht habe. Kaum hatte ich den Kassenraum betreten, wurde ich in bestem Englisch angesprochen: Ob man mir helfen könne. Ob ich einen Prospekt haben wolle? Und in welcher Sprache: Französisch, Englisch, Deutsch? Und als ich zwei, drei gezielte Fragen hatte, wurden diese mit Engagement beantwortet. Ich kam mir vor wie im Märkischen Museum in Berlin, wo die herzlichsten Mitarbeiter Dienst tun, die man sich nur wünschen kann.

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Freundlicher Empfang im National-Historischen Museum

Gespräch mit Alexandros Vassilikos, dem Präsidenten der Hotelvereinigung. Seine Mitgliedshotels bereiten ihm keine Sorgen. Die meisten Hotels sind zur Olympiade vor zwölf Jahren rundum erneuert – oder gar neu gebaut – worden. Vassilikos: „Da ist es leicht, sie in gutem Zustand zu halten.“ Nein, Sorge bereitet ihm die Plattform Airbnb: In Athen direkt stehen 26.000 Gästebetten bereit, die Konkurrenz der Buchungsplattform wird auf 24.000 Betten geschätzt.

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Alexandros Vassilikos, dem Präsidenten der Hotelvereinigung, macht die Konkurrenz durch Airbnb Sorgen

Noch ein Wandel, nämlich der an der Spitze von EOT, der Nationalen Tourismusorganisation des Landes. Seit einem knappen Jahr heißt deren Generalsekretär Dimitris Tryfonopoulos. Ich habe schon viele Männer auf diesem Posten kommen und gehen sehen. Dieser sieht nicht nur unverschämt gut aus, er ist offensichtlich sehr eloquent, intelligent und durchsetzungsfähig. Und humorvoll. Als ich eine Frage mit dem Hinweis begann, er sei ja noch relativ neu in dem Geschäft [er kommt aus der Privatwirtschaft], konterte er: nee, nee [Deutsch-Nee, nicht Griechisch-Nee], er fühle sich schon alt. Denn die Halbwertzeit auf diesem Posten liege normalerweise unter einem Jahr. Ich halte ihm die Daumen.

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Hat die Verfallszeit verlängert: EOT-Generalsekretär Dimitris Tryfonopoulos

Und noch etwas habe ich heute erlebt, was so typisch griechisch war wie es nur sein kann. Heute bekam ich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook von einer mir unbekannten Dame: Sehr geehrter Herr Schwartz, herzlich willkommen in Athen! Ich bin Frau Areti Prinou und arbeite in der Griechischen Zentrale für Tourismus in Athen (GNTO). Ich freue mich Sie heute Nachmittag begrüßen zu dürfen, während Ihres Termins mit dem General Sekretär von GNTO Herrn Dimitrios Tryfonopoulos. Und als wir uns trafen, stimmte die Chemie sofort. Areti Prinou übersetzte und interpretierte das Gespräch mit ihrem Chef in fließendem Deutsch so, dass keine Zwischentöne verloren gingen. Herzlich und herrlich. Und während wir noch auf das Gespräch warteten, erfuhr sie, dass sie bald ihren Koffer packen muss: Sie geht als stellvertretende Leiterin zur Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr nach Frankfurt. Ich freue mich so für sie. Und ganz egoistisch freue ich mich auf das Wiedersehen.

Nachtrag: Von Tag zu Tag wurde das Personal im Hotel Electra Metropolis freundlicher. Vielleicht waren das nur Startschwierigkeiten…? Am dritten Tag gab es zum Frühstück sogar Kaffeelöffel!

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