Notizbuch: Türkei oder nicht Türkei – das ist hier die Frage

19 11 2016

Samstag, 19. November 2016

Igitt! schrieb ein Kollege, als er in Facebook las, ich wolle in die Türkei fliegen. Ein anderer wurde – nach der Reise – deutlicher: Und alles wieder Happy Peppy in der schönen Türkei… Das Tausende Journalisten zwangs-arbeitslos gemacht wurden, Hunderte in der neuen türkischen Diktatur ins Gefängnis geworfen wurden, was kümmert das schon Reisejournalisten, so lange man tollen Spaß haben kann. Das ist eine böse Unterstellung.

Jener Kollege – jeder, der sich in der Branche auskennt, kennt ihn – kartete nach: Wenn ich den Facebook Output der letzten Tage sehe für diese Veranstaltung, dann empfinde ich den für Journalisten schon etwas bedenklich… Und er hat nichts mehr mit unserem Common Sense bzgl. DRV zu tun, zwar fachkundig über PKs in diesem Land zu berichten, uns aber nicht kritiklos für den bunten Teil vereinnahmen zu lassen.

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Der Kollege störte sich an Fotos, die mich – beispielsweise – in der römischen Arena von Aspendos im „Kampf“ mit einem als römischen Legionär verkleideten Türken zeigen.

Und wohl auch an anderen, die die eingeladenen Journalisten nicht mit ernsten, grübelnden Minen abbilden, sondern lachend.

Also als Journalisten, die sich „kritiklos vereinnahmen lassen…“

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Nur Spass im Sinn?

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Anlass der derart kritisierten Reise war die Programmvorstellung von Öger Tours, dem größten Türkei-Anbieter in unserem Land, der zur Thomas Cook-Gruppe gehört. Das war ein Auftrag von touristik aktuell. Mit Freunden habe ich die Frage ventiliert: Darf ein Journalist heute überhaupt noch in die Türkei fliegen? Stärkt der damit nicht Erdogans Weg in die Diktatur? Oder genau im Gegenteil: Helfen solche Reisen und die Berichterstattung darüber nicht allen Türken, die an die Demokratie glauben und an ihr festhalten? Mehr noch: Stärken Türkei-Berichte über Reisen in dieses Land nicht sogar die Demokratie?

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Ich habe mich fürs Reisen entschieden. Dazu sind mir zwei Erlebnisse eingefallen. Erstens: In Griechenland herrschte die Obristen-Diktatur, als ich mich 1973 als Leiter der Reiseredaktion der Zeitschrift „test“ für oder gegen eine Recherchenreise in dieses Land entscheiden musste. In der Redaktion wurde die Frage heiß diskutiert: Darf man als eine [damals] zur Hauptsache vom Staat finanzierte Einrichtung wie die Stiftung Warentest überhaupt in einem zur Diktatur verkommenen Land Hotels testen und darüber berichten? Das entscheidende Argument lieferte die Schauspielerin [„Sonntags…nie!“] und spätere Kulturministerin Melina Mercouri. Unter Tränen rief sie im Fernsehen die Deutschen dazu auf, in Scharen in Griechenland Urlaub zu machen. Das sei die einzige Chance für ihr Land, die demokratischen Wurzeln nicht zu vergessen.

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Zweites Beispiel: Dr. Manfred Busche, der als „Vater der ITB“ allseits geschätzte frühere Chef der Messe Berlin, wurde einmal von Reisejournalisten hart dafür angegangen, dass er ein Land als Aussteller zuließ, das es nicht so hatte mit demokratischen Regeln. Busches trockener Kommentar: Die ITB ist unpolitisch. Sonst hätten wir hier 180 Aussteller weniger. Ende der Diskussion.

Am kommenden Montag erscheint mein Bericht über die Programmvorstellung von Öger Tours in der Fachzeitschrift touristik aktuell. Ich werde darauf zurückgreifen. Nur so viel: Wir haben mit den Gastgebern, mit türkischen Kollegen, mit Touristikern im Land viel über die Situation in der Türkei gesprochen. Sie war und ist allen bewusst. Und ich habe niemand getroffen, der sie befürwortet. Die Führungsmannschaft von Öger Tours hat nicht den geringsten Versuch unternommen, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. Nur um eins bat sie: um Fairness.

Zur Fairness gehört die Feststellung, dass die Türkei in touristischen Hotspots wie Antalya den Eindruck macht, ein friedliches Land zu sein. [Ihr Kritiker, ehe Ihr Euch wieder aufregt: Ich habe geschrieben „den EINDRUCK macht“.] Keine Soldaten auf den Straßen, kaum Polizei, keine übers normale Maß hinausgehende Sicherheitskontrollen. Und die Welle der Herzlichkeit, die uns überschwemmte [auch dort, wo die Leute NICHT wussten, dass wir Journalisten waren…], war regelrecht rührend. Das mag uns zu dem einen oder anderen Facebook-Post verlockt haben, der der politischen Situation im Land nicht ganz angemessen erscheint…

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Äußerlich: ruhig & friedlich

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img_0005rrrrcccEines tat weh, und darüber hätte ich gerne mehr gesprochen mit den Türken, denen ich begegnete [zum Beispiel dem Oberbürgermeister von Antalya, Menderes Türel, kleines Bild, der auch diesen Verdacht hegt]: Nicht wenige – und nicht nur Erdogan-Anhänger oder Erdogan-Kuscher – sind offensichtlich fest davon überzeugt, dass in der deutschen Presse eine regelrechte Kampagne [also eine zentral gesteuerte Aktion] zur Diffamierung des Reiselandes Türkei läuft.

Das ist genau so lächerlich, wie Reisejournalisten, die in die Türkei reisen, zu unterstellen, sie kümmere das Schicksal der Entlassenen, der Verschleppten, der Gefolterten nicht – „so lange man tollen Spaß haben kann“…

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3 responses

20 11 2016
Muhtesem Aydogan

Sehr geehrter Herr Schwartz,liebe Reisefreunde,bitte lassen Sie sich durch hören und sagen die Reiselust und Erholungsphase vom arbeitsreichen Jahr nicht vermiesen, denn die Türkei ist ein Land der Erholung im Wellness,gutes Essen und Lifestyle -bereich. Das was sie in der Türkei für ihre Erholung bekommen ist schwer in anderen Regionen zu bekommen,in den Urlaubs – Regionen der Türkei bekommen Sie alle Möglichkeiten für ihre Bedürfnisse,sie können sich Erholen (einfach nichts tun – Relaxen),sich Bilden (in allen Epochen) Ski fahren,Wandern und vieles mehr…Sie müssen nicht Politisch werden und auch keine Äußerungen über unseren gewählten Staatspräsidenten machen,genießen Sie die Zeit die sie hier in der Türkei mit allen Vorzügen haben und Erholen sie sich von der schwierigen und harten Arbeitswelt,tun sie was für die Einwohner in ihrer Urlaubs – Region, den Bauern, Hotelangestellten, Verkäufern und allen anderen die sie herzlich Empfangen und ihre wertvollste Zeit im Leben gestalten.REISEN sie in die Türkei,erleben sie die Türkei, unternehmen sie was in der Türkei,die Türkei hält ihnen alle Türen offen…In diesem Sinne vertraue ich ihnen und würde Sie gerne vom Herzen mit einem „HOS GELDINIZ in der TÜRKEI begrüßen.
Sie werden es nicht bereuen…..

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23 11 2016
Cihan Ata

Hallo Herr Schwartz, wieder Propaganda und Lügen verbreiten$$$$$$$$

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23 11 2016
Cihan Ata

Wo ist denn Ihre political correctness im Bezug auf Europa und den Umgang mit Flüchtlingen, Minderheiten und Muslimen. Bei den Zuständen müsste es eine Reisewarnung für Muslime nach Europa geben….

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