Notizbuch: Jetzt erst recht

21 12 2016

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Menschen weinen. Andere singen. Immer wieder legen Besucher Blumen und Kerzen nieder. Oder sie schreiben trotzige Botschaften: „Jetzt erst recht“ oder „Berlin gibt nicht auf“. Ein Besuch auf dem stillgelegten Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am zweiten Tag nach der Stunde X erschüttert.

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Der kleine, nicht besonders schmuckvolle und romantische Weihnachtsmarkt rund um die Gedächtniskirche ist einer der ureigenen Berliner Weihnachtsmärkte, ehe nach der Wende all die Schickimicki-Weihnachtsmärkte aus der Taufe gehoben wurden. Dort bin ich häufig mit meinen heute großen Kindern gewesen, als diese noch klein waren. Ich entsinne mich an einen Tag wie heute: Es war bitterkalt und es wehte ein schneidiger Wind. Sohn und Tochter ertrugen das tapfer – waren sie doch auf ihrem Weihnachtsmarkt.

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Auch die vielen, vielen Besucher, die es heute zum stillgelegten Weihnachtsmarkt rund um die Gedächtniskirche treibt, stört die Kälte nicht. Die Erschütterung ist jedem ins Gesicht geschrieben. Vielen treibt der Anblick all der Blumen und Kerzen in der Nähe der Stelle, an denen so viele Menschen ihr Leben oder ihre Gesundheit verloren, die Tränen in die Augen. Andere weinen still, aber das geniert weder sie noch die Menschen neben ihnen.

Die Meere von Kerzenlichtern und Blumen werden immer größer. Kinder haben ihr Taschengeld in Lichter angelegt und legen sie mit rührendem Ernst nieder. Andere kritzeln Engel oder Kerzen auf Papier, die Erwachsenen schreiben Parolen.

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Ein halbes Duzend Kameras sind aufgebaut, um Statements frierender Reporter einzuholen. Was sie aufnehmen, ist ein typischer Querschnitt der Berliner und Berlin-Besucher: „echte Berliner“, wa, Zugereiste, die schwäbeln, viele deutsch-türkische Mitbürger, Spanier, Italiener, Araber, Dänen und Briten. Ein Sprachen-Wirrwarr wie in Babylon. Eines eint alle: das Mitgefühlt und der Grundgedanke „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ oder „Berliner, lasst Euch nicht unterkriegen“.

img_3034Auf einmal bildet sich ein Kreis um eine der Blumen- und Kerzen-Inseln. Wildfremde fassen sich an den Händen und tanzen im Kreis. Dabei singen sie ein Lied, in dem sie Frieden für die ganze Welt erflehen. In der Gedächtniskirche, in der sehr viele Menschen stumm im Mittelgang stehen, singt niemand. Fast körperlich ist das Mitgefühl zu spüren und auch der Mut: Jetzt erst recht!

Abends dann das genaue Gegenteil: Eine Demonstration der ewig Gestrigen, der Verdummten, der Scharfmacher unter dem Motto „Die Grenzen dicht machen“. Bei ihnen stehen alle Geflüchteten unter Generalverdacht, auch die, die nebenan stumm trauern. Denn ihnen, so ein Redner, „verdanken wir den Schlamassel“. Gegen die Demonstration demonstriert das Bündnis gegen Rechts. Beide werden durch Gitter voneinander getrennt, bewacht von Polizisten mit Maschinenpistolen. Was für eine verrückte Welt. Mich verlässt der Mut.

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