Notizbuch: die Goldgreise

28 12 2016

Mein DuMont-Reiseführer über Bornholm in der Reihe „Richtig reisen“ war fast fertig. Aber irgendetwas fehlte mir. Eine kleine Sensation beispielsweise, ein „Hingucker“. Da gab mir mein Freund Arne Ranslet, damals noch Bildhauer auf der Insel [inzwischen längst, des Wetters wegen, in Spanien] einen Tipp: Die Archäologin vom Bornholms Museum habe eine Menge seltsamer Goldplättchen gefunden. Da hatte ich sie, meine Sensation.

sss-001Margrethe Watt, die Archäologin, machte es mir leicht. Sie erzählte mir die Geschichte ihres Sensationsfundes. Und diesen durfte ich sogar fotografieren [s. kleines Bild aus dem „Bornholm“-Reiseführer]. Eigentlich sind Archäologen darin sehr pingelig, wenn sie über ihren Fund noch keine wissenschaftliche Arbeit publiziert haben.

Die Archäologin hatte 1985 und 1986 in Sorte Muld in der Nähe des denkmalgeschützen Bilderbuchortes Svaneke gegraben. Dabei setze sie ein riesiges Wassersieb ein, das mit 200 Liter Wasser pro Minuten die kostbaren, papierdünnen Goldplättchen vom Erdreich trennte.

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Die über 2000 Plättchen sind nur ein bis zwei Zentimeter groß. Sie alle zeigen hundert verschiedene, eingeprägte Motive, von denen einige nur einmal, andere dagegen bis zu 80 mal auftauchen. Sie alle sind die Variation eines einzelnen Themas: Eine stilisierte Männerfigur mit schulterlangem Haar wendet dem Betrachter ihren breitschultrigen Körper zu, zeigt aber das Gesicht, bartlos und häufig mit auffallend großer Nase, im Profil. Die Kleidung des Mannes, der steht oder geht, besteht aus einem halblangen, ärmellosen Kaftan. Häufig trägt der Mann einen Stock. Auf den wenigen Frauenbildnissen, die gefunden wurden, ist das lange Haar im Nacken zusammengebunden. Nur fünf Plättchen zeigen Mann und Frau, die sich umarmen. Die Prägestempel wurden übrigens bislang noch nicht gefunden.

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Die dargestellten Männer sind alt. Deshalb wurden sie „Guldgubber“ genannt. Das ist Dänisch, Guld heißt Gold, und Gubber bedeutet: Greise, alte Männer. Die Motive der Guldgubber sind den Archäologen bekannt. Sie sind germanischen Ursprungs. Man trifft sie außerhalb des römischen Limes in England, Skandinavien und Deutschland [dort sogar bis weit in den Süden, bis Köln]. Aber südlich der Ostsee wurden noch nie Goldprägungen gefunden. Höchstwahrscheinlich stammen die Plättchen aus der Zeit des Endes der Völkerwanderung, 500 bis 600 n.Chr. Aber wozu dienten sie? Als Kleiderschmuck sind sie zu dünn. Vielleicht haben die Guldgubber religiöse Bedeutung und sind Votiv- oder Weihegaben.

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In den 80-er und 90-er Jahren bildeten die Funde von Sorte Muld eine sensationelle Attraktion im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen. Inzwischen sind sie längst in die Heimat zurückgekehrt und werden in Bornholms Museum ausgestellt. Für die Künstler der Insel waren sie ein willkommenes Motiv. Ich besitze eine wundervolle Keramikdose, zwei kleine Keramikplatten mit Guldgubber-Motiven und zwei farbige Zeichnungen. Ich weiß nicht mehr, ab sie alle drei vom selben Künstler stammen, und wie der oder die heißen, weiß ich auch nicht mehr. Aber jeden Tag erinnern sie mich an Margarethe Watt und ihren sensationellen Fund.

Nachtrag: Inzwischen habe ich erfahren, von wem die kleinen Kunstwerke sind: Die beiden Bilder, farbige Linolschnitte, sind von Evan Max Hansen. Die kleinen Keramik-Bildnisse und die blaue Keramik-Dose hat die Künstlerin Vibeke [Vibe] Berland unter Verwendung von Evans Linol-Schnitten geschaffen. Vibe lebt in Svaneke auf Bornholm als Keramikerin: http://www.vibeberland.dk/

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