Notizbuch: Athen, mon amour

11 04 2017

Dienstag, 11. April 2017

Athen. Das ist – bei allem Lärm und Chaos, bei allem Dreck und aller Unvollkommenheit – immer so etwas wie Heimkommen. Aber jedes Mal ist die Ankunft anders. Und ich war schon dreißigmal oder öfter hier, ich habe nicht gezählt. Diesmal habe ich einen Tag lang gefremdelt. Aber dann war ich angekommen. Ein paar Impressionen:

Mit dem Hinflug mit Aegean Airlines, deren Mitarbeiter sich noch große Mühe geben, den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten, fing meine Athen-Reise schon gut an. Neben mir saß Marie, eine junge Dame von einer Schönheit, die von innen heraus strahlt. Sie flog nach Kos, wo sie für den Robinson Club als Physiotherapeutin arbeitet. Sich mit ihr zu unterhalten war eine Wonne, die Zeit verging – buchstäblich – wie im Fluge. Marie sprach übrigens reinstes Hochdeutsch, obwohl sie aus Stuttgart stammt. 


Von meinem Hotelbett blicke ich über die schlafende Stadt auf die hell erleuchtete Akropolis in ziemlicher Entfernung. Der Parthenon-Tempel ist seit einem halben Jahrhundert für mich das schönste Gebäude der Welt. Ihn zu sehen, nur an ihn zu denken, löst in mir ein Glücksgefühl aus.

Spaziergang durch Athens Seitengassen, vorbei an Parks und Plätzen. Die Athener nehmen ihre Stadt viel mehr in Besitz als die Berliner.

Viele Bettler sehe ich. Aber sie sind nicht aggressiv. Manche wollen etwas bieten für das Almosen. Eine Packung Papiertaschentücher oder einen Kuli.

Athener haben es nicht so mit dem Platz lassen, dem Ausweichen, dem Rücksichtnehmen. Ist die Metro voll, wird rücksichtslos hineingepresst, wie man es von japanischen Bahnen kennt. Nur dass es hier keine „Poschieber“ gibt. Mitreisenden Platz machen, die aussteigen wollen? Wozu denn das? So musste ich nach der Ankunft beim Transfer vom Flughafen nach Athen in der Metro mit Koffer und Laptop eine Station weiter fahren als gewollt. Mir gelang es nicht auszusteigen. Stur wie eine Gruppe Esel bewachte eine Gruppe Griechen den Ausgang. Einer Familie ging es ebenso.

Das Foto ist schätzungsweise 35 Jahre alt: Mein Sohn Alexander, meine Tochter Kirstin und ich auf der Akropolis. Seitdem habe ich den Parthenon-Tempel nicht mehr ohne Gerüst gesehen

Und dann abends ein Kellner in einem ziemlich verlassenen Restaurant am Rand eines Parks. Er brachte schwuppdiwupp Wasser und Nüsse. Unter den wackelnden Tisch schob er ein Stück Pappe. Und fragte, ob er den TV-Kanal wechseln solle. Noch zweimal kam er beim Essen an den Tisch, um zu schauen, ob alles ok sei. Übrigens: Er sprach gutes Englisch.

Heute im Café. In meiner Nähe sitzt eine typische Griechin – ich meine, eine Frau mit einer Nase, wie man sie schon aus antiken Darstellungen kennt. Auf dem Schoß hat sie einen süßen kleinen Fratz. Mir geht das Herz auf. Der Kleine entdeckt mich, und ein Lächeln hält in seinen Augen Einzug. Wir lächeln und winken uns gegenzeitig zu. Ist das ein Junge, frage ich die Mutter. Ja, sagt sie. Und wie alt ist er? Heute genau ist er ein Jahr geworden. Stolzer kleiner Grieche.

Fragt man einen einzelnen Athener etwas, antwortet er auffallend freundlich, mitunter richtig herzlich. Aber so einige kennen die Straßen ihrer Stadt nicht. Stadtplan im Koffer, wie praktisch, Akku des Handys abgestürzt. Das bedeutet: nach dem Weg zum Hotel fragen. Ich wurde dreimal in die falsche Richtung geschickt – obwohl das Hotel an einer breiten Straße, an einer Avenue, liegt. So absolvierte ich mit dem Koffer so etwas wie einen Marathonlauf. Bis mich ein freundlicher Taxifahrer ansprach, auf Deutsch („ich war in Wuppertal“), und mir den richtigen Weg wies.

Jugendzentrum von Athen. Auch hier habe ich ein interessantes Gespräch geführt – Bericht darüber später

Einige Termine habe ich heute gemacht und gute Interviews geführt. Im Doku-Zentrum der Documenta war ich auch und habe meine Akkreditierung und Unterlagen erhalten. Ein Ausstellungsgelände, eines von 40, habe ich dann besucht. Über die Documenta werde ich später schreiben [nach dem Bericht in touristik aktuell]. Ansonsten: Kein Documenta-Plakat ist in der Stadt zu sehen, keine Aufsehen erregende Street Art, kein Flyer, der in den Straßen verteilt wird, kein Prospekt oder Programm im Hotel. Die Documenta, so mein Eindruck, findet hinter verschlossenen Türen statt. „Die ist geheim“, witzelt eine griechische Uralt-Freundin, die ich sozusagen zwischen Suppe und Kartoffeln getroffen habe.

Heute abends saß ich im Restaurant im achten Stock des Hotels und blickte über das Athener Häusermeer. Die Dämmerung verzauberte und veränderte die Szenerie. Am liebsten hätte ich den Kellner gefragt, ob er mich mal kneifen könne: Ich wusste nicht, ob ich wach war oder träumte. Athens Roof-Restaurants sind zu Recht berühmt in der Welt. Ich genoss den Blick – und wurde immer trauriger. Ich habe heute erfahren, dass eine Athener Geliebte aus uralten Zeiten vor ein paar Jahren an Krebs gestorben ist.

Und dann kam die Rechnung. Sie war falsch. Hat man versucht, mich über den Tisch zu ziehen??? Das geht gar nicht.

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