Notizbuch: Wo bitteschön, ist denn hier der Orient?

8 05 2017

Montag, 8. Mai 2017

Marokko ist ein politisch stabiles Land mit guter touristischer und sicherheitspolitischer Infrastruktur. Um dieses Urteil des Auswärtigen Amtes in seinen Sicherheitshinweisen würde so manches afrikanische Land die nordafrikanische Destination beneiden. Doch viele potenzielle Marokko-Urlauber sehen das anders, werfen das Land mit anderen Destinationen der Region in einen Topf und stufen es als unsicher ein. Marokko, das bislang kaum vom Terrorismus heimgesucht worden ist, hat weniger Urlauber, als es eigentlich verdient.


Um mehr Gäste anzulocken, sollte in Agadir, das mit Sehenswürdigkeiten nicht gerade gesegnet ist, ein Freizeitpark mit dem Namen Agadir Land entstehen. Die Verträge waren unterschrieben und die Kommune hatte dem Investor großzügig ein Grundstück von 19 Hektar zur Verfügung gestellt, als es Streit gab: Angeblich wollte der Betreiber des Parks vertragswidrig auf demselben Grundstück auch einen Campingplatz errichten. Die Auseinandersetzung sorgt nun für Gesprächsstoff in Agadir und dem ganzen Land.

Da ist die Initiative des Reiseveranstalters FTI zur Belebung des Geschäfts schon sinnvoller. Der Veranstalter bietet in diesem Sommer zehn wöchentliche Flugverbindungen nach Agadir an der Atlantikküste an, dem wichtigsten Badeort in Marokko. Das Hotelportfolio wurde um 16 Häuser erweitert. Zudem sind Tanger und zwei weitere Destinationen an der Mittelmeerküste in das Programm aufgenommen worden.

Wer zum ersten Mal nach Agadir kommt, um hier seine Ferien zu verbringen, wird sich erstaunt die Augen reiben: Das soll ein Urlaubsort aus tausendundeiner Nacht sein? Agadir ist die modernste Stadt des Landes. Fast alles ist neu hier: die Wohnhäuser, die Geschäfte, die Restaurants. Wer Historisches sucht, wird nicht fündig. Ein Erbeben hat die alten Gebäude buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht. Das war 1960. Die Erde bebte nur 15 Sekunden, aber das reichte, um 40 Prozent der Bausubstanz zu vernichten. Schätzungsweise 15.000 Einheimische und Urlauber starben.

Auch der Hafen, heute einer der bedeutendsten des Landes, wurde zerstört. Von der Kasbah, die vor 400 Jahren auf einem Berg in 240 Meter Höhe zum Schutz von eroberungswütigen Portugiesen erbaut wurde, blieben nur die Außenmauern stehen. Es lohnt sich also kaum, zur Kasbah hinauf zu fahren – wäre da nicht der überwältigende Blick über Agadir und aufs Meer. Auf dem Vorplatz zur Kasbah-Ruine begegnet den Urlaubern doch so etwas wie ein Hauch von Orient – oder was sie dafür halten könnten: Kamele, auf denen sie reiten dürfen, Einheimische, die mit Schlangen hantieren und Souvenirverkäufer, die Schmuck anbieten. Hier können die Urlauber schon mal üben, was zu jedem Urlaub im Orient dazu gehört: zu handeln.


Der beste Ort zu handeln ist in allen nordafrikanischen Ländern die Medina, die Altstadt mit verwinkelten Gassen und unzähligen Läden. Aber selbst die Altstadt ist – so paradox das klingt – neu in Agadir. Denn auch die echte Medina fiel dem Erdbeben zum Opfer. Der sizilianische Künstler Coco Polizzi begann erst 1992 fünf Kilometer vom heutigen Stadtzentrum entfernt eine neue Medina zu bauen, die immer noch Jahr für Jahr erweitert wird. Polizzi, Investor und Eigentümer zugleich, schuf die „Altstadt“ nicht nach alten Plänen und geretteten Materialien, sondern frei nach seiner Fantasie. So entstand eine Art Freilichtmuseum mit Gassen, Läden und Cafés, durchaus mit Flair.


Es ist ebenso einen Besuch wert wie das Amazigh Heritage Museum, das Berbermuseum. Auch wer sich für Geschichte und Alltagsleben dieser nordafrikanischen Ethnie nicht sonderlich interessiert, findet hier einen reichen Schatz an Volkskunst: Teppiche, Truhen, Kleidung und Schmuck. Besonders beeindruckend unter den 900 Exponaten ist der traditionelle Slberschmuck.

Die wenigen erhaltenen historischen Zeugnisse und das abgesehen von den Palmen europäisch wirkende Stadtbild erklären nicht, warum Agadir zum wohl wichtigsten touristischen Hotspot des Landes herangewachsen ist. Es ist der Strand – neun Kilometer lang, feinsandig, gesäumt von einer modernen Strandpromenade und auch ein heißer Tipp für Surfer. Golfer, Tennisspieler, Läufer, das Sportangebot lässt ebenso kaum einen Wunsch offen wie das Hotelsortiment. Dazu kommt das milde Klima rund ums Jahr.


Ausflugsziel Paradise Valley. das einst die Hippies für sich entdeckten. Heute begegnen Besucher dort vielen Souvenirständen…

Agadir ist auch ein guter Standort für Ausflüge. Wer also nmehr sehen will, sollte in die weitere Umgebung der Stadt ausschwärmen oder zum Wandern ins Atlasgebirge fahren oder dort das Paradise Valley besuchen, den einstigen Sehnsuchtsort der Hippies. Solche Ausflüge lassen sich mit Bussen oder preiswerten Taxis einfach arrangieren. Auch Überlandfahrten mit dem Mietwagen sind kein Wagnis, weil im Gegensatz zu anderen südlichen oder nordafrikanischen Ländern auf Marokkos Straßen keine Hasardeure unterwegs sind.

Alleinreisende Frauen, so behauptet der Fremdenführer Ouakrim Abdesselam [kleines Foto rechts] , können sich auf solchen Ausflügen sicher und unbelästigt bewegen. Nur Souvenirverkäufer werden sie antreffen, selbst in den abgelegensten Orten. Wer etwas kaufen will, sollte handeln, das macht den Verkäufern Spaß und erspart den Käufern große Summen. „Das gehört zu einer Marokko-Reise einfach dazu,“ sagt der Guide Abdesselam ,„wie unsere Gastfreundschaft, der man auf Tritt und Schritt begegnet.“

Aus zwei mach eins: Zwei Berichte, die ich in diesem Frühjahr für touristik aktuell geschrieben habe, habe ich hier zu einem zusammengefügt…

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