Notizbuch: Käthe in Gefahr

24 05 2017

Donnerstag, 25. Mai 2017

Schon das Gebäudeensemble ist ein Gedicht. Das „Wintergartenensemble“ in der vornehmen Berliner Fasanenstraße sind drei durch einen Garten verbundebne Stadtvillen im Stil des Historismus: rechts das Literaturhaus [1889/90 errichtet], links die Villa Grisebach [1891/92] und in der Mitte das Käthe-Kollwitz-Museum [1871, 1888 aus- und umgebaut]. Das Käthe-Kollwitz-Museum ist eines der schönsten der 175 Museen der Stadt. Jetzt ist es in Gefahr.

Asche auf mein Haupt. Seit über 30 Jahren existiert das Käthe-Kollwitz-Museum – und ich, eigentlich ein Museums-Renner, war noch nie dort. Als ich jetzt im „Tagesspiegel“ las, dass das Museum in Gefahr ist, habe ich es sofort besucht. Und ich bin begeistert.

Ein Garten mit Skulpturen verbindet die Häuser des „Wintergartenensembles“. Oben: Blick vom Käthe-Kollwitz-Museum hinüber zur Garten-Gastronomie des Literaturhauses

Zum Hintergrund: In Berlin ist ein Exilmuseum im Gespräch. Dazu schreibt der „Tagesspiegel“: Das in Rede stehende Exilmuseum hat einen schweren Geburtsfehler. Ab 2019 soll es in der Fasanenstraße eingerichtet werden, bei der Villa Grisebach. Dafür müsste das private Käthe-Kollwitz-Museum weichen, das dort seit 30 Jahren untergebracht ist. Das Haus gehört der „Stiftung Bernd Schultz in Erinnerung an Hans Pels-Leusden“. Schultz, der ehemalige Kunsthändler, gehört zu dem Kreis, der das Exilmuseum plant. Die Kunst der Pazifistin Käthe Kollwitz vertreiben, um Platz für Künstler aus dem Exil zu schaffen – das wäre eine grobe Geschmacklosigkeit.

Litho-Stein: Mutter mit Jungen. Ein Original-Abzug ist ebenfalls im Museum zu sehen.

Nein, das darf nicht geschehen. Das Museumsgebäude und die Sammlung der großen Künstlerin bilden eine Einheit. Auf vier Etagen wird das Werk der Zeichnerin, Plakatgestalterin, Holzschnitt-Künstlerin, Grafikerin und Bildhauerin dargestellt. Die Zeichnungen und Bilder sind ergreifend, die Plastiken im oberen Geschoß ebenso. Armut, Kinder, Krieg, Tod, dies oft in unheilvoller Kombination, bilden die Motive der Künstlerin.

In den vielen Selbstbildnissen lernen die Besucher einen starken, auch humorvollen, oft traurigen und vom Schicksal gezeichneten Menschen kennen.

Ergreifend, erschütternd: die Plastik „Mutter mit totem Sohn“. Im Großformat ist sie auch in der Neuen Wache Unter den Linden aufgestellt. Die Mutter hält die Hand des toten Sohnes…

Der Besuch im Käthe-Kollwitz-Museum wirkt lange nach. Ich kannte die Künstlerin und ihre Werke schon seit Jahrzehnten. Aber jetzt ist sie mir – vertraut. Dass sie hier ihre Heimat verlieren soll – an ein Exil-Museum, das überall in der Stadt eine Bleibe finden könnte -, das ist unbegreiflich.

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