Notizbuch: hart aber unfair

18 06 2017

Sonntag, 18. Juni 2017

Griechen arbeiten wenig. Dafür faulenzen sie viel. Sie kommen nicht zu Potte. Und sie gehen in einem Alter in Ruhestand, wenn in anderen Ländern der Kampf um die Karriere erst so richtig anfängt. Ach so, noch etwas: schlampig sind sie auch noch. Und sie hassen die Deutschen wie die Pest. Keines dieser Klischeebilder stimmt.

Noch einmal für BILD-Leser: Keines dieser Klischeebilder stimmt. Deutschlands Reiseveranstalter beispielsweise werden nicht müde, das Land der 3.000 Inseln und 14.000 Küstenkilometer über den grünen Klee zu loben. Dabei bemühen sie keine Klischees, sondern nennen triftige Reisegründe: Griechenland ist ein sicheres Reiseland. Das Meer ist überall sauber. Wer Natur liebt kommt ebenso auf seine Kosten wie Bewunderer antiker Kunst. Die Gastgeber sind herzlich und kinderlieb. Und deutsche Urlauber sind höchstwillkommen.

Ich bin relativ oft in Griechenland und führe viele, viele Interviews und Gespräche. Vor allem im Tourismus treffe ich auf hart, sehr hart arbeitende Menschen, die nicht entsprechend entlohnt werden. Da ist ein Bürgermeister, Herr über ein großes Gebiet und eine große Schar von Mitarbeitern, der einen Zweitjob hat, um über die Runden zu kommen. Da ist eine dreisprachige Fachkraft mit Auslandsstudium und mustergültiger Ausbildung, die nach einer 60-Stunden-Woche [in Worten: sechzig…] mit 800 Euro netto nachhause kommt.

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Übrigens: Das Leben in Griechenland ist, auch ein Klischee, nicht spottbillig. Die Nebenkosten für Urlauber beispielsweise sind in Athen höher als in Berlin. Auch die Tavernen im noch so kleinen Kaff verlangen „normale“ Preise. Dass die meisten Griechen keine Miete zahlen, weil sie sie ein Haus besitzen, rettet sie. Auch die Familien, deren Zusammenhalt größer ist als bei uns, bilden rettende Häfen. Ich habe einen griechischen Freund, der nur über die Runden kommt, weil er sich auf die Rente von Mutter und Schwiegermutter verlassen kann, die beide von ihm und seiner Frau hingebungsvoll gepflegt werden.

Der Durchschnittsverdienst liegt nach übereinstimmenden Quellen bei 600 Euro brutto, die Arbeitslosigkeit ist enorm. Natürlich gab und gibt es – mit deutlich sinkender Tendenz – Vetternwirtschaft und Bestechlichkeit. Natürlich gibt es reiche Reeder, die den Steuerbehörden eine lange Nase machen. Und den in der deutschen Presse viel zitierten Athener Gynäkologen, dem laut seiner Steuererklärung ein Euro Gewinn verbleibt aber der eine Luxusjacht vor Anker hat, den gibt es höchstwahrscheinlich auch.

Aber die Kellner und „Zimmermädchen“, die Busfahrer und Souvenirverkäufer, die Hotelbesitzer und Reiseagenten, sie alle arbeiten hart. Ihr Einkommen ist nicht fair. Aber sie lächeln und verlieren ihre Gastfreundschaft nicht. Die Leichtigkeit des Seins – dieses Spiel beherrschen viele Griechen perfekt – darf nicht mit Leichtsinn verwechselt werden. Sie lieben einfach trotz allem das Leben. Und dafür liebe ich sie.

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