Notizbuch: Die Schulz-Story

16 12 2017

Es gibt Interviews, die ich im Nachhinein als Sternstunde bezeichne. Das kommt nur selten vor. Und es soll ja eigentlich gar nicht vorkommen. Denn Journalisten sollten neutral recherchieren, Sympathie oder Antipathie dürfen keine Rolle spielen. Das ist Theorie – und eine Illusion. Das letzte Mal, dass ich also gegen die Regeln verstieß, war mein Interview mit Nizar Rockbani, einem der drei Gründer der Meininger Hostals. Jetzt plant das Trio eine neue Hotelgruppe. Der Name: Schulz.

Stinknormal und typisch deutsch: der Familienname Schulz. Eignet der sich für eine Hotelmarke? „Aber klar“, sagt Nizar Rokbani, einer der drei in der Branche schon legendären Gründer der europaweit erfolgreichen Meininger-Häuser, einem Hybridprodukt zwischen Hostel und Hotel. Diese Hotels wurden 1999 „mit viel Herzblut und wenig Budget“, wie Rokbani sagt, gegründet und konnten sich schnell zu einer europäischen Kette mit 18 Hotels in fünf Ländern entwickeln. Das Hybridprodukt hat „das Budget Nischensegment maßgeblich entwickelt und bestimmt“ [Rokbani]. Zum Zeitpunkt des Unternehmensverkaufs hatten die Gruppe einen Jahresumsatz von 50 Millionen  Euro mit insgesamt 8.500 Betten. Derzeit entwickelt sich  Meininger global mit dem Ziel, in den kommenden Jahren 50 Hotels zu eröffnen.

Nach dem Verkauf der Gruppe 2011/2012 durfte das Trio zwei Jahre lang kein Konkurrenzhotel eröffnen. „Aber es war uns schnell klar, dass wir wieder ins Hotelgeschäft gehen“, berichtet Rokbani, „wir sind gerne Gastgeber, aber wir wollen nichts Elitäres.“ So erfanden Rokbani, zuständig für das operative Geschäft, und seine Mitstreiter Sascha Gechter (Expansion und Finanzen) und Oskar Kann (Neuentwicklung, Bau und Instandsetzung), das Schulz Konzept. Das ist eine Tribid-Mischung aus den drei wachstumsstärksten Gastgeber-Bereichen Hostel, Boutique-Hotel und Ferien-Apartments. Rokbani: „Wir wollten ein deutsches Hotel, verbunden mit deutschen Werten, wie das Land sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft gezeigt hat“: gastfreundlich, verbindlich, zuverlässig.

Das erste Schulz-Hotel entsteht zur Zeit an der East-Site-Gallery – „wo denn auch sonst“, sagt der Mitgründer, „das ist neue deutsche Geschichte“. Das Haus mit markanter 100-Meter Front soll Ende kommenden Jahres eröffnet werden. Die 345 Gästezimmer sind in vier Typen unterteilt, die meisten davon sind Vier-Bett-Zimmer. Das hängt mit dem vom Gastgeber-Trio erwarteten Gästemix zusammen:  je fünf Prozent Familien und Business-Gäste, zehn Prozent Backpacker, 30 Prozent Aktiv-Touristen und 50 Prozent Gruppen – „zum Beispiel Bildung, Studenten, Chöre…“ Charakter und Werte, so heißt es in einer Präsentation des Konzepts, „verbinden die Gäste von Schulz, nicht Budget, Herkunft, sozialer Hintergrund oder Reisemotiv“.

Es wird im ersten Schulz-Haus eine Bibliothek in Zusammenarbeit mit einer Buchhandlung geben, einen Aufenthaltsraum mit dem Namen „Regenwald“, einen Waschsalon und eine große Gemeinschaftsküche „wie früher bei Partys, wo sich alles in der Küche abspielte“, wie es sich der Hotelgründer vorstellt. Das Frühstück wird multiethnisch angerichtet, das Hochleistungs-Wi-Fi kostenlos angeboten.

Fünf Prozent des Gewinns werden in ein soziales Projekt fließen, in eine vom dreifachen Familienvater Rokbani mitgegründeten Freie Schule mit – das ist dem Hotelchef wichtig – gesellschaftlicher Durchmischung. Zudem darf jeder Mitarbeiter fünf Prozent seiner Arbeitszeit in soziale Dienste investieren. „Natürlich wollen wir Geld verdienen“, sagt Nizar Rokbani, „aber das ist zum sozialen Engagement kein Widerspruch.“ Und ebenso natürlich will die Gruppe expandieren, aber nicht so massiv wie einst die Meiniger-Gruppe. Derzeit sucht das Trio auf dem Hamburger Markt.

In einer kürzeren Fassung ist mein Bericht am 11. Dezember im Hotel-Special von touristik aktuell erschienen.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: