Notizbuch: Villa Winternitz

11 05 2018

Mit gemischten Gefühlen habe ich in Prag die Villa Winternitz verlassen, für mich der unbestrittene Höhepunkt der Pressereise durch Tschechien. Sie hatte den Titel: „Funktionalismus: Auf den Spuren der modernen Architektur in böhmischen Städten“. Auf der einen Seite stimmte der von Lhota und Loos konzipierte Bau heiter wie selten etwas, was man auf Pressereisen zu sehen bekommt. Auf der anderen Seite erschütterte das schreckliche Schicksal des Hausherrn, Dr. Josef Winternitz, und seiner Familie.

Ohne Schmuck – und doch hinreißend schön

1931 erhielten die Architekten Karel Lhota und Adolf Loos, die schon oft zusammen gearbeitet hatten, vom Rechtsanwalt Dr. Josef Winternitz den Auftrag, ein Haus für die Familie zu bauen. Dazu gehörten seine Frau Jenny und die Kinder Suzana und Peter. Kurz zuvor hatte Loos in Prag die damals schon gerühmte und heute berühmte Villa Müller errichtet. Das Heim für die Familie Winternitz war sein letztes Werk und wurde erst nach seinem Tod vollendet.

Loos war damals ein weltberühmter Architekt und scharf und pointiert formulierender Architekturkritiker [„Fassadenschmuck ist ein Verbrechen“]. Seinen Ruf als Wegbereiter moderner Architektur begründet das sogenannte Looshaus am Michaelerplatz in Wien. Das 1910 gebaute Wohn- und Geschäftshaus wurde von Volk und Kaiser als „Haus ohne Augenbrauen“ geschmäht, weil der glatten Fassade die damals üblichen Fensterüberdachungen fehlten. Kaiser Franz Joseph I., dessen Zimmer in der Hofburg dem Looshaus gegenüberlag, soll sich den Rest seines Lebens geweigert haben, aus den Fenstern dieses Zimmers zu schauen.

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Zu Loos‘ „Raumplan“ gehören Räume auf verschiedenen Ebenen. Die Sitzecke [unten] liegt höher als das daneben liegende Wohnzimmer [oben].

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Licht als Gestaltungsmittel – Blick vom Wohnzimmer auf eine der beiden Terrassen

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Die Familie lebte von 1932 bis 1941 in der Villa, dann schlugen die Nazis zu. Winternitz wurde gezwungen, seine Villa zu verkaufen, und zwar an den sogenannten Auswanderungsfond für Böhmen und Mähren, eine SS-Dienststelle. Die Stadt Prag kaufte vom Auswanderungsfond das Haus, um darin einen Kindergarten zu errichten. Als dieser 1997 die Villa verließ, blieb diese im desolaten Zustand und mit vielen baulichen Veränderungen zurück. Eine Ausstellungswand in der Villa dokumentiert heute diese Schäden.

W8Die Familie Winternitz wurde 1943 erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Dort ermordeten die Nazis Josef und Peter unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer. Jenny und Suzanna mussten in einer Fabrik für Getriebe arbeiten, wo sie Dank der dort herrschenden hohen Temperaturen überlebten. Nach Kriegsende nach Prag zurückgekehrt, wurde Jennys Anspruch auf die Villa anerkannt, aber die Rückgabe war mit hohen Erbschaftssteuern und einer Millionärssteuer verbunden. Ohne Vermögen und Einkommen konnte Jenny nicht zahlen und bot dem Staat die Villa als Spende an. Als Gegenleistung wurden eine Zwangsvollstreckung und andere Forderungen annulliert, die mit dem Kampf um die Restitution der Villa entstanden waren. Jenny soll nie wieder im Familienkreis von der Villa gesprochen haben. Suzanna heiratete, brachte vier Kinder zur Welt und wurde wieder geschieden.

W4Erst 1991 erfuhren die Nachkommen von der Villa, die Ende der 1990-er Jahre zurückgegeben wurde. In unsagbarer, jahrelanger Kleinarbeit und mit hohem finanziellen Aufwand rekonstruierte der Ingenieur Stanislav Cysař, Enkel von Josef Winterwitz, die Villa mitsamt der Inneneinrichtung. Stanislav Cysař starb 2016, sein Sohn David hat in der rekonstruierten Villa ein kleines Büro. Wir haben ihn auf unserer Pressereise kennengelernt.

Seit einem Jahr steht die Villa Winternitz für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie kann zu bestimmten Zeiten besichtigt oder zu Events genutzt werden. Auch wenn einige Ausstellungsstücke nicht original sondern dem damaligen Zeitgeist entsprechend nachgekauft worden sind, ist der Eindruck überwältigend. Sofort verstehen Besucher, was unter dem Begriff „Raumplan“ – den Loos übrigens selbst nie gebrauchte – zusammengefasst ist: Verzicht auf jegliche Ornamentik. Die Funktion des Raums W6bestimmt Zuschnitt und Ausstattung. Dreidimensionale Raumplanung schafft Räume auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher – wieder von der Funktion bestimmter – Raumhöhe. Und teure, edle und perfekt verarbeitete Materialien lassen die Räume gemütlich und sehr elegant erscheinen.

Heiter gestimmt versammeln wir uns nach dem ausgezeichnet geführten Rundgang auf der Dachterrasse. Urplötzlich, mitten im Gespräch und Gelächter, greift der Gedanke an das Schicksal der ersten Hausbewohner ans Herz.

 

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