Notizbuch: Kräuter – Fröbel – Wandern

4 08 2018

Samstag, 4. August 2018

„Kräuterfrauen, Buckelapotheker und pfiffige Marketingleute“ – da hat Reiseredakteurin Heidi Diehl vom Neuen Deutschland [die ich gerne meine Lieblingskollegin nenne] einen perfekt passenden Titel für meine Reisegeschichte aus dem Schwarzatal in Thüringen gefunden. Der Bericht ist heute in der Wochenendausgabe der [übrigens bundesweit herausgegebenen] Tageszeitung erschienen.

Jana Kriebel ist Kräuterfrau. Eine von vielen, denn dieser    Beruf – oder besser: diese Tätigkeit – erlebt gerade eine Renaissance. „Ich bin durch ein krankes Kind auf Kräuter gekommen“, sagt sie. In mehreren Lehrgängen hat sie gelernt, Kräuter nach ihrer heilsamen Wirkung zu unterscheiden und gezielt einzusetzen, Bibernell (unter anderem gegen Husten), Quendel (Gelenkschmerzen), Augentrost (gegen Entzündungen der Augenbindehaut), Hirteltäschel (Regelblutungen), Johanniskraut (Depressionen) oder Arnika (entzündungshemmend) und viele Kräuter mehr. Ihre Erfahrung: „Pflanzen sind die sanftere Medizin, sie haben ein breites Wirkungsspektrum und weniger Nebenwirkungen.“

Drei Jahrhunderte lang war das Schwarzatal die Heimat der Kräuterfrauen. Es erstreckt sich im Süden Thüringens von der Quelle der Schwarza unmittelbar am Rennsteig bis zur Mündung in die Saale bei Rudolphstadt und zählt zu den kräuterreichsten Regionen Mitteleuropas. So entstand die Tradition, aus wildwachsenden Heilkräutern Naturheilmittel herzustellen. Hier mag Besuchern zum ersten Male der – lange vergessene und wieder zu neuem Leben erweckte – Begriff der Olitäten unterkommen, Destillate aus Pflanzenölen, wohlriechende Essenzen, Salben, Pillen.

Foto: Fröbelstadt marketing GmbH,  © Dörthe Hagenguth

Für die in langen Winternächten produzierten Olitäten, die in ganz Europa begehrt waren, existierte ein ausgeklügeltes Vertriebsnetz: sogenannte Buckelapotheker transportierten die in Krügen, Flaschen und Schachteln verpackte Ware auf großen Holzgestellen sogar bis Italien und Spanien. Jede Händlerfamilie hatte ihr genau festgelegtes Absatzgebiet, und damit sie nicht als vogelfrei galten, führten die Buckelapotheker fürstliche Schutzbriefe mit sich.

An diesen Berufsstand erinnert der zehn Kilometer lange Wanderweg „Auf den Spuren der Buckelapotheker“ rund um Oberweißbach. Ein vier Kilometer langes Teilstück wurde zu einem originellen Kräuterlehrpfad umfunktioniert, über den Jana Kriebel und andere nebenberufliche Kräuterfrauen auf Wunsch Gäste führen. Über 90 Heilpflanzen wachsen am Weg. Jede ist durch eine mit einem QR-Code versehene kleine Tafel markiert; wird der Code gescannt, werden die Pflanzen noch einmal in Wort und Bild erläutert.

Der Kräuterlehrpfad endet in Oberweißbach. Dort erfüllt das Fröbelhaus viele Funktionen. Jana Kriebel und andere Kräuterfrauen führen hier Kräuterseminare durch. Das Haus ist Touristinformation und Kräuterlädchen. Eine ständige Ausstellung informiert über den historischen Olitätenhandel. Und der 400 Jahre alte Fachwerkbau ist das Geburtshaus von Friedrich Fröbel. Dem weltweit geachteten Vorschulpädagogen und Erfinder des Kindergartens wurde hier ein Memorialmuseum eingerichtet. Gerd Eberhardt [Foto], der längst pensionierte Leiter des Fröbelhauses, ist mit dem Leben des Reformpädagogen vertraut wie kaum ein anderer. Wer das Glück hat, ihn bei einem seiner leidenschaftlichen Vorträge über Fröbels Leben und Werk zu erleben, bekommt Fröbel nicht mehr aus dem Kopf.

Kräuter und Fröbel sind zwei der Säulen des Tourismus, auf die sich der vor vier Jahren gegründete Tourismusverein Schwarzatal mit seinen über 20 Gemeinden stützt. Die dritte ist Aktivurlaub. Und das bedeutet in erster Linie: Wandern. Durch die wildromantische Landschaft, dieses Prädikat verdient das Schwarzatal in der Tat, führt über 126 Kilometer der zertifizierte, in acht Etappen zu bewältigende Panoramaweg Schwarzatal. Dazu wurde ein dichtes Netz kurzer Rundwanderwege geschaffen. Bei den Wanderstarts aller Rundwanderwege kommt wieder Fröbel ins Spiel, auf den die Region so stolz ist:  Dort ist jeweils das Fröbelsche Markenzeichen aufgestellt,  Kugel, Walze, Würfel. Diese Wanderstarts, das ist klug durchdacht, müssen drei Bedingungen erfüllen: Sie müssen Anschlüsse an den öffentlichen Nahverkehr bieten, Parkmöglichkeiten aufweisen und in der Nähe eine Möglichkeit einzukehren. Vom Frühjahr bis zum Herbst bringt der Wanderbus Schwarzatal donnerstags bis sonntags Wanderer an ihren Startpunkt.

Einer der Wanderstarts liegt in Meuselbach-Schwarzmühle, die Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeit ist das Flair Hotel Waldfrieden. Wie es sich für ein Hotel in Thüringen gehört, ist Küchenchef Stephan Jüttner [großes Foto oben] ein Meister im Herstellen Thüringer Klöße. Sascha Schwarze [Foto links], Leiter des  anheimelnd-altmodisch wirkenden Hauses der Kategorie 3 Sterne plus, engagiert sich sehr für den Tourismus im Schwarzatal. Warum sind die vielen Flyer und Prospekte mit dem Claim „TourismusRegion Rennsteig-Schwarzatal“ versehen? Ist das nicht ein wenig Etikettenschwindel? Ja, räumt er ein, „aber die Bezeichnung ‚Thüringer Schiefergebirge‘ zieht nicht.“ Aber sie wäre korrekt, denn sie bezeichnet die Bergrücken, die zu beiden Seiten der Schwarza in deren Mittellauf ansteigen.

Astrid Apel ist auch eine Mitstreiterin, um den Tourismus im Schwarzatal voranzubringen. Die quirlige junge Dame ist Marketing- und Kommunikationschefin der Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn. Die Bahn mit diesem Namensungetüm besteht aus drei Stecken, die aus dem touristischen Angebot der Region nicht wegzudenken sind. Da ist zuerst einmal die 25 Kilometer lange, 1900 gebaute Strecke der Schwarzatalbahn von Rottenbach bis Katzhütte. Ein Waggon ist seit Mai zur „Fürstenkutsche zur Bergbahn“ ausgestaltet worden. Optisch äußerst gefällig nehmen Prinzessin Henriette und Prinz Ludwig Friedrich II. aus der Fürstenfamilie von Schwarzburg-Rudolstadt die Passagiere mit auf eine Zeitreise 300 Jahre zurück. So bringt die Bahn geschickt eine der größten Attraktionen der Region ins Gespräch, die Schwarzburg. Der letzte Fürst, Günther Victor von Schwarzburg Rudolstadt und Schwarzburg-Sonderhausen, hat bei der Streckenführung mitgearbeitet und ein Sechstel der Kosten von drei Millionen Reichsmark beigesteuert.

Nachdem die Nationalsozialisten  Schloss Schwarzburg, Sommerresidenz und Jagdsitz der Fürsten, zum „Reichsgästeheim“ umfunktionieren wollte und deshalb massiv in die Bausubstanz eingriffen, ist das Schloss Ruine. Aber das Zeughaus ist in jahrelanger Arbeit restauriert und diesen Mai erst wieder mit seinem in 500 Jahren gewachsenem Originalbestand wiedereröffnet worden. Die Waffensammlung ist mit 4000 Objekten die älteste und einzig noch erhaltene fürstliche  Zeughaussammlung im deutschen Sprachraum.

In der Mitte der Schwarzatalbahn-Strecke liegt Oberfelder- schmiede, Talstation der Oberweißbacher Bergbahn. Die denkmalgeschützte, 1,4 Kilometer lange Standseilbahn ist zwischen 1919 und 1923 errichtet worden, um die azuf dem Berg angesiedelte pharmazeutische Industrie zu unterstützen. Bis dahin hatte die Ware mühselig auf dem Rücken der Mitarbeiter ins Tal gebracht werden müssen. Für Eisenbahnfans ist die Seilbahn, die eine Steigung von 25 Prozent bewältigen muss, eine Delikatesse. Eingesetzt werden im Halbstundentakt ein schräggestellter Personenwagen, der aussieht wie eine rollende Treppe, und – im Sommer – eine schräge Güterbühne mit einem aufgesetzten Cabriowagen.

Damit nicht genug: Von der Bergstation Lichtenhain führt eine zweieinhalb Kilometer lange elektrifizierte Flachstrecke über Oberweißbach, der Fröbelstadt, nach Cursdorf. Dabein werden zwei historische Triebwagen aus den 1960-er Jahren eingesetzt. „Die sehen sie nur bei uns“, freut sich Astrid Apel, „sie sind echte Unikate, die speziell für die Oberweißbacher Bergbahn gebaut wurden.“ Einer der beiden Triebwagen wurde zum Olitätenwagen umgebaut, mit Glasdach und glasfreien Fenstern sowie interaktiven Elementen, um Heilkräuter beispielsweise zu schnuppern. Und um die herrliche Umgebungslandschaft zu erkunden, hängen Ferngläser bereit.

Um Interesse an den drei Bahnen zu wecken, lässt sich die Astrid Apel immer wieder neues einfallen – Kombiticket, Flyer, Events und vieles mehr. Der Arbeitgeber lässt der einfallsreichen Marketingfrau offensichtlich ziemlich freie Hand. Der Arbeitgeber ist – die Deutsche Bahn. Die Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn ist eine Tochter der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH. Was die Bahn landauf und landab durch Verspätungen und Unregelmäßigkeiten an Sympathien einbüßt, macht sie hier mehr als wett.

 

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