Tagebuch: Bilder auf dem Klo

18 08 2014

Montag, 18. August 2014

Als der britische Maler Stephan McKenna kein Geld mehr hatte, um Kost und Logis im „Künstlerbahnhof“ Rolandseck zu bezahlen, griff er zum Pinsel. Und er bemalte die Damen- und Herrentoilette des Bahnhof in anheimelndem Rot und mit bunten, köstlichen Bildern, die allesamt ein wenig naiv wirken. Ein paar frivole Motive sind auch dabei, z.B. eine nackte Liegende direkt neben dem Pissoir. So besitzt der Bahnhof Rolandseck, an dem immer noch Züge halten, seit 1972 die schönsten, zumindest die originellsten Bahnhofstoiletten der Welt.

5 Bahnhof Rolandseck - Blick in die Herrentoilette

4 Bahnhof Rolandseck - Blick in die Damentoilette

Der Bahnhof in Remagen am Rhein selbst ist ein Prunkstück klassizistischer Bahnhofsarchitektur und wurde 1855 für die Bonn-Cölner Eisenbahn-Gesellschaft eröffnet. Das zweistöckige, über dem Rhein liegende Gebäude passt sich der mit Villen bestückten Rheinlandschaft an. 3 Bahnhof Rolandseck - historischer Lüster im BallsaalFür einen Zweckbau war der Bahnhof auffallend elegant, mit prächtigen Stuckdecken, Lüstern und reich verzierten gusseisernen Säulen. In Rolandseck stiegen die aus Köln ange-reisten hochgestellten Herrschaften auf Rheindampfer um – und feierten im Festsaal des Bahnhofs rauschende Feste. Illustre Namen standen auf der Gästeliste, Otto von Bismarck beispielsweise, die Gebrüder Grimm, Friedrich Nietzsche, Johannes Brahms, Clara Schumann und Bernhard Shaw.

Es gab für die Reisenden immerhin vier Klassen und vier unterschiedlich großzügig ausgestattete Wartebereiche. Die eleganteren für die erste und zweite Klasse lagen im ersten Geschoss. Hier warteten schon Königin Victoria von England und Kaiser Wilhelm II. auf den Zug. Der kam damals wahrscheinlich pünktlicher als heute.

2 Bahnhof Rolandseck - eine bewegte Geschichte hat der Bahnhof Rolandseck

6 Bahnhof Rolandseck - Einen schneeweißen Museumsneubau setzte Richard Meyer in die Rheinlandschaft

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Bundesbahn das heruntergekommene Gebäude ab-reißen und durch einen kleineren Bahnhof ersetzen. Das rief 1964 kurz vor dem Abrisstermin den Kunstsammler und Galeristen Johannes Wasmuth auf den Plan, der mit dem Klaviervirtuosen Stefan Askenase und Yaltah Menuhin, Pianistin und Schwester des berühmten Geigers Yehudi Menuhin, die Gesellschaft arts and music gründete. Der Name war Programm: Der Bahnhof wurde zum Künstlerbahnhof, in dem Künstler aller nur denkbaren Sparten lebten und arbeiteten: Maler – unter anderem unser Toilettenmaler – und Bildhauer, Komponisten und Musiker, Dichter, Denker und Filmemacher. Unter anderem gehörten Oskar Kokoschka, Günther Uecker, Martin Walser, Gerhard Zwerenz und Marcel Marceau zu den Künst-lern, die hier ein- und ausgingen. Marcel Marceau schrieb 1969 das Manifest von Rolandseck, in dem er die Kunstwelt um Unterstützung bat: „Wir bitten Euch um Eure Hilfe, damit Rolandseck bestehen bleibt und uns alle aufnehmen kann.“ Und: „Der Bahnhof Rolandseck wird das Theater sein, in dem sich alle Künste vereinen, um das Wunderbare zu schaffen.“

7 Bahnhof Rolandseck - Hans (Jean) Arps Plastiken dominieren den Museumsbahnhof Rolandseck

Nach dem Tod des Spiritus Rector Johannes Wasmuth 1997 ruhte der Kunstbetrieb, aber nicht lange. Schon seit 2000 ist der Bahnhof das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Zur ständigen Ausstellung gehören die glatten, kantenlosen, abstrakten Plastiken des deutsch-französischen Bildhauers Hans (Jean) Arp (1886-1966). Eine kleinere Fläche ist Werken seiner Frau Sophie Taeubner-Arp gewidmet, Zeichnungen, Gouachen, Bilder und Holz-Reliefs. Die Schweizer Künstlerin (1889-1943) war ein Multitalent, Malerin, Bildhauerin, Textilkünstlerin und Ausdruckstänzerin.

2007 wurde ein schneeweißer Erweiterungsbau höher am Berg und jenseits der Bahngleise eröffnet. Architekt ist der US-Amerikaner Richard Meier, dessen weiße Gebilde u.a. in Frank-furt [Museum für angewandte Kunst] stehen, in Barcelona [Museum für zeitgenössische Kunst] und Ulm [Stadthaus]. „Schönheit gebaut aus Licht“ beschreibt der Hauskatalog das Gebäude. Die Ausstellungshallen sind groß, das lichte Treppenhaus ist Teil des Gesamt-kunstwerks, die Balkone auch. Immer wieder öffnen sich herrliche Ausblicke – auf den Nachbarsaal, auf die grüne Umwelt, auf das unten liegende Bahnhofsgebäude, auf den Rhein und auf das Siebengebirge.

1 Bahnhof Rolandseck -Blick vom Museumsneubau auf Bahnhof, Rhein und Siebengebirge

Nachtrag: In leicht geänderter Fassung ist dieser Bericht letzten Mittwoch – zufällig an meinem Geburtstag – in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ erschienen.

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