Notizbuch: Corona-Splitter

26 05 2020

Meine Erlebnisse nach zwei Monaten Corona-Pandemie

Dienstag, 26. Mai 2020

„Splitter“ nannten wir früher bei der Tageszeitung, bei der ich gelernt habe, journalistisches Resteessen. Alles, was noch zu einem Ereignis gehörte, aber nicht zu einem eigenen Artikel reichte, wurde in solche Berichte hineingepackt. Da gab es Bundesliga-Splitter, Karlspreis-Splitter, Reitturnier-Splitter… Jetzt also: Corona-Splitter.

 „Vor dem Neustart“ hätte ich diesen Blog-Beitrag gerne genannt oder zumindest: „Halbzeitbilanz“. Aber wer weiß, wie lange das noch weitergeht mit den Einschränkungen und vielen neuen Erfahrungen. Oder ob und wann die zweite Welle kommt, die uns wieder in Ketten zwingt.

Splitter. Zwölf Tage hat der kleine Rosenstrauß gehalten, den mein Sohn Bent mir vor zwei Wochen mitgebracht hat. Wo gibt es so etwas heute noch. Mein Blumenladen gleich um die Ecke hat auch wieder geöffnet, nun kann ich mir wieder meine wöchentliche Rose kaufen. Mit Abstand und Mundschutz natürlich.

Jetzt wachse ich wirklich langsam zu. Kein Witz: Die Gesichtserkennung meines Handys funktioniert nicht mehr. Meinen Friseurtermin habe ich erst Anfang Juni. Mittlerweile sehe ich ein wenig aus wie Trump, oder mehr wie Johnson. Nur mit dem blöden Gequatsche klappt es noch nicht soganz… Alle Versuche, den Urwald auf dem Kopf wenigstens etwas zu bändigen, scheitern: Haarspray – stinkt mit zu sehr, Gel – verursacht Zöpfchenbildung. Aber das ist Jammern auf höchstem Niveau: In meinem Alter noch so viel Haare auf dem Kopf zu haben, ist ja auch ganz schön.

Ich glaube, dass die Mitarbeiterinnen [die Mehrzahl] und Mitarbeiter [nur einige wenige] in den PR-Agenturen jetzt aufatmen. Kein Kunde wird mehr die Agenturen zu unsinnigen PR-Meldungen drängen, wenn es mit dem Reisen langsam wieder losgeht. Was mir ein wenig auf den Geist geht: Ein Hotel nach dem anderen meldet, dass es ein Hygienekonzept ausgearbeitet hat. Das an sich ist keine Nachricht, sondern die Mindestanforderung für einen Hotelbetrieb in diesen Zeiten. Und jeden Tag trudelt ein Dutzend Meldungen ein, das Hotel X werde jetzt wieder öffnen, das Y oder gar das Z. Wo ist da die Nachricht? Die „Aufhänger“ scheinen in Corona-Zeiten verloren gegangen zu sein.

Wie einfallslos sich Hotels, Veranstalter, Carrier in der Krise verhalten haben, hat jetzt mein Kollege Jürgen Drensek eindrucksvoll dokumentiert. Am 23. Mai kündigte er in Facebook an:

Baby is born… 🙂 Seit heute gibt es also den TOURISTIK TALK bei WAS MIT REISEN TV… Die erste professionelle Gesprächssendung mit Bild und Ton für all die Menschen, für die Urlaub mehr bedeutet, als Ferien zu machen. Bin sehr gespannt, ob Euch das Format gefällt und ich deshalb in Zukunft dauernd mein Wohnzimmer etwas umdekorieren muss… 🙂 Reisejournalismus als One Man Show – next level…

In seinem ersten Talk-Beitrag spricht er mit einem deutschen PR-Profi, der in den USA lebt, mit Marc Fest. Und der geht mit den Versäumnissen und dem professionellen Gejammer der deutschen Reisebranche hart ins Gericht: https://wasmitreisen.com/corona-pr-schock-fuer-reise/?fbclid=IwAR1X5ZQyp6zylf4B0JTVRxIDg9P7wMgA_PyGXgKO_4bMph75HjvUrlMLmFo

Was war das für eine Freude: touristik aktuell ist vergangenen Montag nach längerer Zeit wieder erschienen, diesmal als E-Paper. Das wird jetzt alle zwei Wochen der Fall sein. Ich komme mir vor wie ein [Renn-]Pferd, das mit den Hufen scharrt. Für touristik zur aktuell zu arbeiten gehört seit vielen Jahren zu meinem Berufsleben. Es ist, wenn ich richtig rechne, 37 Jahre her, dass ich von Werner Claasen, dem damaligen Chefredakteur, als freier Mitarbeiter und Berliner Korrespondent angeheuert wurde.

Ein Kamel macht dieser Tage in den Social Media eine fröhliche Runde. Ich habe es vor ein paar Jahren in Marokko fotografiert, es trug einen eine Art Maulkorb, also einen Beißschutz, der aussieht wie eine in der Corona-Krise liebevoll gehäkelte Maske. Damals habe ich mir natürlich bei dem Foto nichts gedacht.

An dieser Blütenpracht erfreue ich mich jeden Tag. In „meinem“ Park. Mit Anstand und Abstand bin ich dieser Tage mit einer Freundin dort spazieren gegangen. Wir haben langsam die Runde gedreht, die ich normalerweise stramm absolviere.

Auf halben Weg haben wir im Garten der berühmten „Eierschale“ Station gemacht und etwas zu trinken bestellt. Die Kellner waren sichtlich erfreut, ein wenig zu tun zu haben. Der Service lief betont herzlich ab.

Auch der Flughafen Tegel [beide Fotos: FBB] ist ja irgendwie ein Opfer der Pandemie. Ich weiß, dass ich mir jetzt unter meinen Lesern keine Freunde mache: Ich war noch nie ein begeisterter Anhänger dieses äußerst provinziellen Flughafens. Gewiss, er ist niedlich und gemütlich gewesen [in seinen Anfangsjahren], aber wenn ich verreise, suche ich nicht in erster Linie Gemütlichkeit. Das gilt vor allem für Geschäftsreisende, für Profis. Gut, wer einmal im Jahr von Tegel aus in den Urlaub startet, mag da ja alles schnuckelig finden…

Sicher, man hatte keine langen Wege. Aber der Flughafen war für die moderne Zeit einfach nicht gebaut. So stand schon bei der Eröffnung fest, dass größere Flugzeuge – die damals aufkamen –  an den Flugsteigen nicht anlegen konnten. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die sich schnell einbürgerten, hat man auch nicht vorausgesehen.

Die Architekten haben etwas Schönes geschaffen, aber das war nicht so furchtbar praktisch. Erweiterung um Erweiterung, Anbau um Anbau, Provisorium, das rasch zum rasch – typisch Berlin – zum Dauerzustand wurde, das sieht nicht nach zukunftsweisender Konzeption aus.

Noch nicht einmal so Details wie Toiletten waren durchdacht. Zu wenige gab es und gibt es, und sie sind einfach zu klein. Wohin mit dem Gepäck beim dringenden Geschäft?

Und dann noch die unsägliche Verkehrsanbindung! Kein U-Bahn-Anschluss, Überfüllte Busse ohne richtige Abstellmöglichkeiten fürs Gepäck. Und es hat Jahre, nein Jahrzehnte gedauert, bis eine Lösung fürs Taxiproblem gefunden wurde.

Dies ist kein Plädoyer für den nie fertig werdenden Großflughafen. Aber das Gejammer um Tegel sollte nicht übertrieben werden. Was für ein Theater hat es bei der Schließung von Tempelhof gegeben, wie ist der damalige Regierende beschimpft worden. Und? Das juckt heute keinen mehr. Im Gegenteil: Niemand käme heute auf die Idee, einen Flughafen mitten in einer Millionenstadt zu bauen oder in Betrieb zu halten. Beschimpfungen wegen dieser Zeilen nehme ich dankend entgegen.





Notizbuch: Feuerabend

20 05 2020

Erinnerung an das gerade verkaufte Glasstudio Baltic Sea Glass auf Bornholm

Mittwoch, 20. Mai 2020

Was haben Margarethe II., Königin von Dänemark, und ich gemeinsam? Wir sind Fans der Bornholmer Glasbläserei Baltic Sea Glass und haben diese besucht. Die Königin nur einmal, ich gefühlt dreißigmal. Baltic Sea Glass spielt in meinem Leben eine große Rolle. Jetzt ist die Glasbläserei verkauft worden. Für mich war das ein Schock.

Michael Brandt und Jan Engelbrecht sind die beiden Glasbläser, die die die Leitung des Studios übernommen haben. Ich habe Pete Hunner und später auch seine Frau und Partnerin im Beruf, Maibritt Friis Jönsson, in den 1980-er Jahren kennengelernt. Damals war ich sehr oft auf Bornholm, um Material für meinen Reiseführer „Bornholm“ in der DuMont-Reihe „Richtig Reisen“ zu sammeln, der 1988 herauskam und den ich meiner Tochter Kirstin gewidmet hatte. Dem Thema Glasbläser ist darin ein großes Kapitel gewidmet. Aus der journalistischen Neugierde wuchs zwischen Pete und Maibritt und mir eine lange Freundschaft.

Maibtritt ist Dänin, Pete kommt aus den USA. Dort aber, so erzählt er, habe er wegen der Tätigkeit seines Vaters bei der US-Airforce, die mit häufigen Ortswechseln verbunden war, kein Heimatgefühl entwickeln können. Erst später in Dänemark habe er begonnen, Wurzeln zu schlagen. 1976 besuchte er die Fachschule für Angewandte Kunst in Kopenhagen, auf der er auch Maibritt kennenlernte. Die Snogebæk Glashytte war Petes erste Station, als das Paar 1979 nach Bornholm kam. Hier arbeitete Pete gemeinsam mit einem amerikanischen Freund für den damaligen Besitzer des Studios. “Im Winter mieteten wir dann die Werkstatt, um unsere eigenen Ideen zu verwirklichen und für Ausstellungen zu produzieren,“ erinnert sich Pete an diese Zeit, „da wir ohne wirtschaftliche Sorgen waren, erlebten Fantasie und Kreativität einen ungeahnten Aufschwung.“

 

 

Nach einem Intermezzo als Lehrer für Glaskunst an der Kunsthandwerksschule in Kolding kehrte Pete mit Maibritt zurück nach Bornholm, und das Paar zog in ein neu erworbenes Haus außerhalb von ein. Der Dorfschmied setzte ihnen eine Windrose aufs Dach, die einen Glasbläser zeigte – „niemand sollte daran zweifeln was in diesem Haus geschah“, sagt Pete. Während das Haus den Namen Østersøhytten trug, wurde der Schmelzofen unter seinem Dach Autumna getauft, das ist in der germanischen Mythologie die Mutter des Götterkönigs Odin, die aus Erde und Feuer geschaffen ist. Mit ihrer Hilfe haben Pete und Maibritt eine Produktion aufgebaut, die ausgesprochen exportorientiert war. Mittlerweile haben sie an ungezählten Ausstellungen in Japan und England, Deutschland, Schottland Schweden und der USA teilgenommen. Auch in Museen ist ihre Glaskunst zu finden, zum Beispiel im Berliner Kunstgewerbemuseum.

Ich weiß nicht mehr wann es war, als Pete mir mitteilte, sie seien umgezogen: In einer ehemaligen Hühnerfarm bei Melsted hatten sie ihr Glasstudio „Baltic Sea Glass“ etabliert. Im umgestalteten, lichtdurchfluteten Gebäude konnten Besucher die farb- und formschönen Gebrauchs- und Kunstglaswerke in einer großen Verkaufsausstellung bewundern und natürlich auch den Glasbläsern beim „Pusten“ sehen. Es war für Urlauber immer faszinierend, das Herstellen von Gläserserien zu verfolgen, und vor allem die Unikaabende zu besuchen, an denen Pete und Malbritt bei Sonnenuntergang zu Sphärenmusik vom Band oder unterstützt von populären Musikern große Unikate herstellten. Das waren regelrechte Happenings, die Hunderte von Besuchern anlocken. Wenn eine Glasblas-Session vorbei war, stellte Pete ein Schild auf, auf dem zu lesen war: „Feuerabend“.

Zu Baltic Sea Glass habe ich noch eine ganz besondere Beziehung: 1993 haben Sabine Neumann und ich in der Glashütte geheiratet. Die eigentliche Zeremonie fand in einem Boot auf dem Gelände von Baltic Sea Glass statt, dem „Boot des Lebens“, wie es der Bürgermeister von Bornholm, der uns traute, formulierte.

Zur Feier reisten Freunde und Verwandte von überall her an. Als wir in der Glashütte feierten, waren elf Kleinkinder dabei – darunter unser Sohn Bent, der drei Tage vorher in der Nykirke getauft worden war. Nichts ging zu Bruch. Das hatte Pete schon vorausgesagt: „Wenn Ihr nicht ständig Eure Kinder ermahnt, nichts zu zerbrechen, wird auch nichts passieren..“ Das ist die herrlich pragmatische Seite an Pete. Als ich bei ihm einmal klagte, ich sei beruflich überbelastet und dazu kämen noch die [damals kleinen] Kinder, sagte er schlicht: „Hat Dir irgend jemand erzählt, dass es einfach ist?“

Pete mit meinen Söhnen Bent [links] und Jesper.

 





Notizbuch: Ein Meer von Monets

18 05 2020

Warum es sich lohnt, die Ausstellung des Impressionisten im Potsdamer Museum Barberini zu besuchen

Montag, 18. Ma i 2020

So viel Monet war noch nie. Oder zumindest: selten. Nun ist sie wieder zu sehen, die große Monet-Schau im Museum Barberini in Potsdam. Dies natürlich mit den üblichen Corona-bedingten Auflagen wie Kartenvorbestellung mit Zeitfenster, Abstand halten, Maskenpflicht. Aber immerhin – es geht wieder.

110 Bilder des französischen Impressionisten sind auf drei Stockwerken ausgehangen, davon stammen 34 aus der Sammlung Plattner. Plattner ist Gründer und größter Mäzen des Museums Barberini. Die Ausstellung, zu der 80 Sammlungen – davon die Hälfte aus den USA – beigetragen haben, war zuerst im Denver Art Museum zu sehen, bevor sie nach Potsdam kam.

Dem Maler Monet, der von 1840 bis 1926 lebte, waren die Orte, in denen seine Gemälde entstanden, von großer Bedeutung. So trägt die Schau in Potsdam auch den Untertitel „Orte“. Sie umfasst sein gesamtes Schaffen, vom ersten dokumentierten Gemälde bis zu den späten Seerosen-Serienbildern aus seinem Garten in Giverny, die allein einen ganzen Saal füllen und zum Inbegriff impressionistischer Malerei wurden. Schon früh in seinem Schaffen wandte sich Monet der Freilichtmalerei zu, aber anders als seine Zeitgenossen: Er malte nicht nur die üblichen Ölskizzen vor Ort, um im Atelier das Gemälde auszuarbeiten, sondern schuf unter freiem Himmel fertige Gemälde.

Dabei ging Monet weitaus weniger spontan vor, als der Begriff Impressionismus vermuten lässt. Sein Ringen um eine authentische Wiedergabe der Landschaft war zielgerichtet. Das beschrieb er in einem Brief von 1912: „Ich weiß nur, dass ich im Hinblick auf die Natur alles tue, was in meiner Macht steht, um wiederzugeben, was ich empfinde, und dass sich meistens, wenn ich versuche, das wiederzugeben, was ich fühle, die grundlegenden Regeln der Malerei, sollten sie überhaupt existieren, vollkommen vergesse.“

Bei seinen Freilichtgemälden suchte Monet die Herausforderung – er malte Bilder mit dem gleichen gleißenden Licht der Riviera bis zur windgepeitscht Atlantikküste in Norden Frankreichs. Um seine Orte zu finden, der zum Teil immer wieder unter anderem Licht und anderen Stimmumgen besuchte, bedient sich Monet des neuen, modernen Fortbewegungsmittel der Eisenbahn. Zwölf Räume der Ausstellung zeigen Bilder aus der Normandie und dem Wald von Fontainebleau, von Paris und dem Vorort Argenteuil, Seinelandschaften, ländliche Idyllen aus dem Seine-Dorf Vétheuil, von der Atlantikküste, der Riviera, Venedig, von Paris, London und Zaandam, einem Städtchen in der Nähe von Amsterdam.

Im Lauf der Jahrzehnte werden Monets Bilder immer abstrakter. In der Ausstellung begreifen Besucher, warum immer gesagt wird, Monet sei Wegbereiter für die abstrakte Kunst eines Pollok und anderer abstrakter Maler. Ich würde über mich nicht sagen, ich sei ein Kunstbanause. Aber irgendwann wurde mir das beim Besuch der Ausstellung – noch vor der Corona-Krise – zuviel an Monet, zuviel unruhiger Pinselstrich. Dagegen hilft ein einfaches, probates Mittel: Ich habe den Saal, in dem ich mich gerade befand, verlassen und bin in einen anderen Saal gegangen, es war der mit den Bildern aus Zaandam. Dort fand ich meine Ruhe wieder – und stürzte mich erneut in das Meer von Monets.

 





Notizbuch: Bomben auf Bornholm

8 05 2020

Warum die Insel erst nach dem Krieg in den Krieg geriet

Freitag, 8. Mai 2020

Auf Bornholm, der kleinen dänischen Insel vor der Küste Schwedens, fing der Krieg erst nach dem Frieden an: Erst nach der Kapitulation, die den Zweiten Weltkrieg beendete, bombardierten sowjetische Flugzeuge die von den Deutschen besetzte Insel. Das Wie und Warum habe ich recherchiert.

Während des Zweiten Weltkrieges war die Insel unbefestigtes Etappengebiet der Deutschen. Das änderte sich rapide im Frühjahr des letzten Kriegsjahres, weil der Seeweg über Bornholm die letzte Verbindung zwischen den im Osten abgeschnittenen deutschen Truppen und dem Westen war. Außerdem flohen in den letzten Kriegsmonaten über zwei Millionen Deutsche über Bornholm aus dem Osten in den Westen. In den letzten Kriegstagen war die Insel übervoll: Die regulären deutschen Besatzungstruppen waren auf 2000 Mann verstärkt worden, und weitere 20.000 deutsche Soldaten, die sich auf dem Rückzug befanden, machten auf Bornholm Station. Dazu kamen mehrere Tausend zivile Flüchtlinge.

Am 6. Mai 1945 erreichten den deutschen Inselkommandanten Kapitän zur See Gert von Kamptz der Funkspruch mit der Nachricht der Teilkapitulation der deutschen Streitkräfte in den Niederlanden, Nordwestdeutschland und Dänemark. Da die Urkunde zur Teilkapitulation vom britischen Feldmarschall Montgomery unterzeichnet worden war, lag es für den Inselkommandanten nahe, die Insel an die Briten zu übergeben. Doch die blieben fern, stattdessen erschienen am 7. Mai um 10 Uhr sowjetische Aufklärungsflugzeuge. Auf diese ließ der Inselkommandant schießen, worauf die Antwort nicht lange ausblieb: Stunden später kehrten die Flugzeuge mit 20 Bombern im Schlepptau zurück, die schwere Zerstörungen in der Inselhauptstadt Rønne und Nexø anrichteten. Die Bewohner der Städte waren gerade dabei, die Kapitulation zu feiern und keineswegs vorgewarnt. So erscheint es heute wie ein Wunder, dass nur zehn Tote zu beklagen waren.

Rønne und Nexø versanken in Schutt und Asche

Ein zweiter Angriff der sowjetischen Flugzeuge an diesem Tag traf einen Konvoi deutscher Schiffe beim Verlassen des Hafens von Rønne. Die Sowjets warfen Flugblätter ab, auf denen die deutsche Besatzung zur Kapitulation bis 10 Uhr des nächsten Tages aufgefordert wurde. Von Kamps ließ das Ultimatum unbeantwortet, aber vorsichtshalber wurden die Bewohner von Rønne und Nexø evakuiert. Das zweite Bombardement am 8. Mai um 9:45 Uhr ließ beide Städte in Schutt und Asche versinken. Zu diesem Zeitpunkt wusste der Inselkommandant noch nichts von der bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai, das erfuhr er erst durch einen Funkspruch nach dem russischen Angriff.

Inselkommandant Kapitän zur See Gert von Kamptz 

Erst während seiner neunjährigen Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion erfuhr von Kamptz die Motive der Sowjets: „Erstaunlicherweise entnahm ich aus vielen Vernehmungen, dass die sowjetische Führung angenommen hatte, die Engländer hätten am 5. Mai Bornholm schon besetzt, um die Insel zusammen mit den Deutschen gegen sowjetische Angriffe zu verteidigen. Danach hätten sich die russischen Luftangriffe nicht nur gegen die deutsche Inselbesatzung gerichtet.“ Es war der 9. Mai, 15:30 Uhr, als die Russen mit fünf Schnellbooten und 150 Mann auf der Insel landeten. Die sehr starke Bornholmer Widerstandsbewegung hatte inzwischen Order aus Kopenhagen erhalten, mit den Russen zusammen zu arbeiten und die deutschen Truppen möglichst schnell außer Landes zu bringen.“Mit allem, was über Wasser fahren konnte,“ so erzählte mir ein Zeitzeuge vor 30 Jahren, evakuierte man vom 11. bis zum 25. Mai etwa 20.000 Soldaten und Flüchtlinge nach Kolberg. Die Bornholmer staunten nicht schlecht, als die ersten Schiffe zurückkamen, denn sie hatten sowjetische Truppen an Bord. Schließlich waren knapp 8000 sowjetische Soldaten auf Bornholm stationiert.

Ein Kriegsverbrechen

Ebenfalls am 9. Mai geschah in Höhe der Schäreninsel Christiansø etwas, was man nur als Kriegsverbrechen bewerten kann. Der Insel Bornholm näherte sich ein Konvoi deutscher Schiffe, und der Augenzeuge wiederum erzählte mir: „Wir wussten, dass auf diesen Schiffen Alte, Kranke und Verwundete waren. Wir sahen plötzlich 19 russische Flugzeuge. Sie griffen die Schiffe an, man hörte Bomben und Maschinengewehre. Wir sahen, dass viele Schiffe versenkt wurden.“ Das Massaker forderte 30.000 Menschenleben.

Überraschenderweise blieb die Besatzung nur bis zum März 1946 auf der Insel, die die Sowjetunion aber noch lange, sehr lange argwöhnisch im Auge behielt. So war beispielsweise unerwünscht, dass NATO-Einheiten an Übungen auf Bornholm teilnahmen. Und selbst ein Auftritt einer amerikanischen Musikkapelle auf der Tierschau in Almindingen führte zu einem diplomatischen Konflikt.

 

 





Notizbuch: auf der Suche nach guten Nachrichten

6 04 2020

Was mir zur Corona-Krise so alles ein- und auffällt [8]

Montag, 6. April 2020

Heute wird der Zauberer und Entertainer Martin Sierp 50 Jahre alt. Ein großes Fest mit Freunden und Familie und Berufskollegen [gibt es eigentlich auch Zauberinnen?] wird es dank der Pandemie nicht geben.

Ich kenne Martin seit seinen Kindertagen, mein ältester Sohn ist mit ihm in dieselbe Grundschulklasse gegangen. Der, Alex, wird Ostermontag 50. Keine Überraschung, kein Fest – wie schade. Ich glaube, ich habe ihm noch nie oder zumindest viel zu selten gesagt, was das für mich ein Glück war und ist, dass es ihn auf dieser Welt gibt. Den Augenblick seiner Geburt werde ich nie vergessen. Denn ich war dabei.

Das war vor 50 Jahren eine Ungeheuerlichkeit. Ich war geduldet, und das ließ man mich spüren. Zum Eckenstehen war ich verdammt, fast ein Störenfried, der zuguckte und mitlitt. Über die Geburt habe ich damals in den „Aachener Nachrichten“, bei der ich Redakteur war, eine ganzseitige Reportage geschrieben: „So wurde ich Vater – ein Mann erlebt die Geburt seines Sohnes“. Obwohl ich damals noch recht jung im Metier des Zeitungsmachens war, geriet sie mir zu einer der besten Stories, die ich je geschrieben habe. Den gedruckten Zeitungsbericht habe ich noch, leicht vergilbt, aber immerhin. Mir kommen sofort die Tränen, wenn ich ihn lese…

Also kein Fest zum runden Geburtstag. Das tut weh. Solche Feiern gab es früher jeden Tag in der berühmten „Eierschale“. Heute ist das Restaurant, an dem ich bei meinen tägllichen Spaziergängen vorbeikomme, verwaist. Nur ein Schild weist darauf hin, das man Essen ordern kann… Dass es dieses Jahr kein Osterfest gibt, ist mir egal. Ostern interessiert mich nicht, seitdem ich nicht mehr mit den Kindern zusammenlebe. Das „Fest“ verläuft ohnehin in diesem Jahr wie jeder anderer Tag, seitdem ich mich in freiwillige Isolation begeben habe. Ein wenig Hausarbeit, emails checken und beantworten, Ordnung in Steuerunterlagen bringen und Meldungen lesen.

Liebe PR-Damen und –Herren, seht mir nach, was ich jetzt sage: Selten flimmerte soviel Schwachsinn über meinen Bildschirm – Meldungen, die krampfhaft einen Bezug zur Pandemie herstellen, Meldungen, die so tun, als stünde die ferne Zeit der Normalisierung kurz bevor und Meldungen, die inhaltlos geschrieben werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Zwei Meldungen fielen mir heute besonders auf: eine von Marketing Greece mit einem seitenlangen Begleitschreiben [was mag sich die kluge Geschäftsführerin Ioanna Dretta dabei gedacht haben?] und eine vom Hotel Adlon, die ans Herz geht: Das Berliner Luxushotel stellt Krankenhaus-Mitarbeitern, den Helden der Stunde, nach der Krise kostenlos Übernachtungen zur Verfügung.

Ein paar schöne Meldungen – das wäre gut für die Seele. Solche Meldungen hat die vierjährige Anna, süßes Töchterchen von Katharina und Julian Damitz, gestern erzählt: dass beispielsweise viele Hundebabys geboren wurden, dass schönes Wetter ist, dass viele Menschen wieder gesund sind und, Sensation!, dass es viel Klopapier gibt. Annas Meldungen liefen gestern sogar in der RBB-Abendschau.

Da das herrliche Wetter anhält, werde ich wohl jeden Tag meinen strammen Marsch durch den Park absolvieren. Denn es fällt mir keine Ausrede mehr ein. Die Menschen, denen ich begegne, sind freundlich und friedlich. Bis auf zahlreiche Jogger, die offensichtlich schlecht schätzen können, wieviel 150 Zentimeter sind. Und bis auf einen Bauarbeiter, der mitten auf dem durch die Bauabsperrung verengten Bürgersteig stand und sich partout weigerte, den 50-Zentimeter-Abstand auf die geforderten 150 Zentimeter zu erweitern. Und im Spielplatz vor meinem Wohnzimmer, der eigentlich mit rotweißem Band abgesperrt war, tollen jetzt jeden Nachmittag zwei Mädchen herum. Sie sind so lustig und haben so viel Spaß, sich bewegen zu können, dass niemand ihnen böse sein kann…

 





Notizbuch: …nicht altersmilde

2 04 2020

Wie die Corona-Krise auch die Arbeit des ITB-Teams der HWR verändert hat [7]

Donnerstag, 2. April 2020

Hätte, hätte, Fahrradkette. Hätte mir das Corona-Virus nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht, wäre ich am Montag mit vier langstieligen Rosen zum Campus Lichtenberg der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin [HWR] gefahren. Die Blumen hätte ich den vier Damen „meines“ ITB-Presseteams überreicht. Was ich den drei Herren des Teams mitgebracht hätte? Das verrate ich nicht.

Eines widerfährt mir nicht: Dass ich altersmilde werde. Deshalb liegt nicht eine Spur von Milde oder Nachsicht in diesem Satz: In all den Jahren, in denen ich als Dozent am ITB-Projekt der HWR mitgearbeitet habe, gab es kein so gutes Presseteam wie das im 5. Und 6. Semester. Weder der Teamleiter noch ich mussten um Mitarbeit betteln. Aufgaben waren in der Stunde verteilt, in der sie – vom Team oder von mir – gestellt wurden. Die Kommunikation in dem kleinen Team war hervorragend, die Stimmung meist auch. Und kreativ war die Mann- und Frauschaft wie bislang keine andere.

Fast das gesamte Presseteam in der ersten Reihe [von links:] Maike, Lisa, Alexander, Justus, Sarah und Jeffrey, der Teamleiter. Nur eine der fleißigen Damen fehlt auf dem Bild: Sophie

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Auch die anderen Teams – Marketing, Standgestaltung, Social Media und Projekteitung – haben gut gearbeitet, um das ITB-Projekt zu realisieren: mit einem interessanten Stand auf der größten Tourismusmesse der Welt für ihre staatliche Hochschule, für das duale Studium BWL/Tourismus und für Praxispartner zu werben.

Und dann kam die ITB-Absage. Ein großes, schwarzes Loch tat sich auf. Ersatz-Lehrveranstaltungen mussten sozusagen aus dem Boden gestampft werden. Alle Teams haben sich mit Begeisterung den Zusatzaufgaben gestellt. Und als wegen des Kontaktverbots das Projekt digital zuende geführt werden musste, wurde auch das gewuppt. Die – benotete – Abschlusspräsentation fand ebenfalls am Bildschirm statt. Und so gab es keine Gelegenheit zum Danke sagen. Ich hätte…

 

 





Notizbuch: Darauf kann ich verzichten!

29 03 2020

Was mich bei der Corona-Krise nervt [6]

Sonntag, 29. März 2020

Ich warte und warte. In kleinen Schritten klettere ich auf der IBB-Warteliste weiter. Ich befinde mich in der freiwilligen Selbstisolation. In dieser Situation könnte ich auf die Warteschlange der IBB verzichten.

Ich kann in meiner Selbstisolation auch gerne verzichten auf

  • …Serdar Somuncu, wenn er in seiner – für mich ohnehin kaum erträglichen – „Blauen Stunde“ in Radioeins aus Goethes „Faust“ liest,
  • …Schreiben des Finanzamts mit einer dreistelligen Forderung,
  • …Stellungnahmen eines demokratiefeindlichen AfD-Abgeordneten, der unsere Kanzlerin hinter Gitter wünscht,
  • …auf einen Gesundheitsminister [rechts], der die Überzeugung vertritt, am leichtesten sei noch auf Kulturereignisse zu verzichten,
  • …Böse Gedanken, die ich habe, was ich den AfD-Abgeordneten an den Hals wünsche,
  • …Ideen des Ärztekammer-Präsidenten Klaus Reinhardt, der vorgeschlagen hat, die Senioren aus Sicherheitsgründen in Heime zu sperren,
  • …auf das Gejammer über die Umstellung von Winter- auf Sommerszeit, die ja sooo gesundheitsschädlich sei,
  • …auf das neueste Lied der „Ärzte“ zur aktuellen Situation – mit zusammengeschustertem Text und grauenhafter Musik,
  • …auf die „Lebenshilfen“, die sich in WhatsApp breitmachen – wie Gedichte, „lustige“ Bilder, Meinung von Hausärzten, Ausarbeitungen von Verschwörungstheoretikern und Fakes der Corona-Leugner,
  • …auf die stündlich per Facebook eintreffenden Aufforderungen, etwas zu posten – Fotos vom Meer, Kinderbilder undsoweiter…

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