Notizbuch: Bei den Wikingern in Birka

20 07 2019

200 Jahre wichtigster Handelsplatz in Nordeuropa

Samstag, 20. Juli 2019

Als die „Juno“ auf ihrer Fahrt auf dem Götakanal quer durch Schweden an der Insel Björkö anlegt, erwartet uns eine Überraschung: Wikinger. Stilecht verkleidete Amateur-Fremdenführer, die uns die Wikingersiedlung Birka erklären. Das gelingt ihnen so gut, dass Birka mitsamt der Bewohner in unserer Fantasie wieder lebendig wird.

Die Insel Björko liegt im Mälaren, dem drittgrößten See Schwedens. Auf der viertägigen Fahrt von Göteborg nach Stockholm führt die Route nicht nur durch den Götakanal – der so eng ist, dass oft der Eindruck entsteht, das Schiff spaziere über die Wiese -, sondern durch zahlreiche Seen. Da ist der Vänern, der größte See des Landes und drittgrößter Europas. Mit einer Länge von 135 Kilometern und einer Breite von 31 Kilometern ist der Vättern der zweitgrößte See Schwedens. Einmal fährt das Schiff auch über ein Stück offene Ostsee. Die Abwechslung zwischen dem engen Kanal mit seinen vielen Schleusen und den Seen mit zum Teil „unendlichem“ Horizont macht einen wesentlich Reiz der Reise aus.

Zur Wikingerzeit war der Mälarsee kein See, sondern Teil der Ostsee. In dieser Bucht entstand im 8. Jahrhundert das, was oft „die erste Stadt Schwedens“ genannt wird – ein doppelter Unsinn: Städte, die diesen Namen verdienten, gab es damals nicht, und es existierte auch kein Staat Schweden. Birka, günstig am Wasser gelegen, war 200 Jahre, bis zum 10. Jahrhundert, der wichtigste Handelsplatz für ganz Nordeuropa. Aber da wurde nicht verkauft und gekauft, sondern getauscht – Bernstein, Bronzewaren und Gegenstände aus geschnitztem Horn, Webwaren, Pelze und Eisenwaren gegen Perlen und Tuch, Silberschmuck, Seide [aus China!] und vieles mehr. Vom blühenden, „weltweiten“ Handel zeugen Münzen aus Arabien. 700 bis 1000 Bewohner hatte der Handelsplatz.

Ihn und die dort wohnenden und vorbeireisenden Händler schützte der König, dessen Sitz Hovgården    auf der gegenüberliegenden Insel Adelsön lag. Mit kostbaren Gegenständen aus Birka beschenkte er seine Vasallen, die ihn wiederum stützen und seine Macht stärkten. Warum die Bewohner Birkas Ende des 10. Jahrhunderts ihren Handelsplatz verließen, ist nicht bekannt. Seit 1993 stehen Birka und Hovgården auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.

Auch wenn keine konkreten Zeugnisse aus Wikingerzeiten zu sehen und zu fassen sind, lohnt sich der Besuch in Birka. Unsere Wikinger weisen uns auf ein weites grünes Feld hin, in dem sich lauter Hügel erheben – 2.300 Gräber wurden hier gefunden. Viele der Toten wurden verbrannt, andere mit kostbaren Grabbeigaben bestattet.

Wo früher die Wikingerburg lag, auf dem höchsten Platz der Insel, steht ein mächtiges Steinkreuz. Es wurde 1834 in Erinnerung an den Mönch Ansgar errichtet, der 830 zum Missionieren nach Birka kam und eineinhalb Jahre blieb. Er war wohl nicht sehr erfolgreich, auch nicht bei seiner zweiten Missionsreise 852.

Ein Museum auf Björkö erklärt didaktisch sehr geschickt das [Alltags-]Leben der Bewohner von Birka. Und ganz in der Nähe sind Hütten nachgebaut, wie sie die Händler und ihre Familien benutzten.

Auch Nachbauten von Boten gehören zu den interessanten Zeugnissen aus der Wikingerzeit, die wir bei diesem Schiffsausflug genossen haben. Als unsere Wikinger uns zur „Juno“ bringen und diese wieder Richtung Stockholm mit uns an Bord ablegt, komme ich mir vor wie ein Wikinger – nicht wie ein kriegerischer Wikinger, sondern wie einer auf großer Tauschfahrt.

https://s3.amazonaws.com/extseahes/2.js

Werbeanzeigen




Notizbuch: blabla…

14 07 2019

Wie Flixbus Konkurrenz bekommt

Sonntag, 14. Juli 2019

Der Startschuss fiel am Montag, 24. Juni: Punkt 7 Uhr setzte sich ein orange lackierter Bus des neuen Fernreisebus-Unternehmens BlaBlaBus in Düsseldorf Richtung Berlin in Bewegung.

Die Firma, die angetreten ist, der Konkurrenz Flixbus das Fürchten zu lehren, will rasant expandieren: „Wir starten mit 19 Städten und Flughäfen“, sagt der General Manager für Deutschland, Christian Rahn. Schon im Juli sollen auf dem deutschen Markt zehn weitere Destinationen hinzukommen, darunter Amsterdam. Noch dieses Jahr sind europaweit 70 BlaBlaBus-Linien geplant. Bis Jahresende, so sehen es die Pläne vor, addieren sich die Ziele auf 400.

Die Fernbuslinien sind für Rahn eine logische Erweiterung des Angebots, das die Mitfahrzentrale BlaBlaCar bietet. Mit 75 Millionen Mitgliedern in 22 Ländern ist die Plattform die größte Mitfahrzentrale der Welt. In Deutschland wird die App von 6,5 Mitgliedern genutzt. Der Name stammt übrigens von einem besonderen Service: Mitfahrer können vor dem Trip angeben, ob sie bei der Fahrt eher schweigsam sind [„bla“], im mittleren Maß Bereitschaft zur Unterhaltung zeigen [„blabla“] oder sehr gerne reden [„blablabla“].

„Wir wollen mit BlaBlaCar und BlaBlaBus Marktplatz Nummer 1 werden für gemeinsames Reisen auf der Straße“, betont Christian Rahn [Bild links], der in Deutschland beide Angebotsschienen managet. Er ist ein erfahrerener Touristriker und war unter anderem Managing Director der Online-Plattform lastminute.de und Leiter der Marketing-Abteilung von STA Travel.

Wie die Flixbus-Konkurrenz besitzt BlaBlaBus keine eigenen Busse, sondern verpflichtet „nach gründlicher Qualitäts- und Sicherheitsprüfung“ (Rahn) ausgewählte Partner. Rahn: „Diese müssen mindestens zehn Busse und lange Erfahrung besitzen.“ Die Busflotte insgesamt ist maximal drei Jahre alt, die meisten Busse der Vertragsunternehmen sind brandneu.  XL-Sitze, W-Lan, Steckdosen, Klimaanlage und Drei-Punkt-Sicherheitsgurte gehören zur Standard-Ausstattung.

Unüberbietbar preisintensiv startet BlaBlaBus auf dem Deutschland-Markt: Bis September sind viele Fahrten für 99 Cent buchbar. Das soll die Auslastung drastisch erhöhen. „Diese spielt eine große Rolle“, doziert der General Manager, „ab 60 Prozent Auslastung ist der Bus die umweltfreundlichste Alternative.“ Tickets können über App oder web gebucht werden und werden auch an größeren Busstationen verkauft. Weitere Vertriebsmöglichkeiten, zum Beispiel über Reisebüros, will das Unternehmen prüfen, wenn die Phase der Markteinführung abgeschlossen ist.

Zwei Probleme der Konkurrenz kennt Rahn angeblich nicht: überall wo gewünscht Haltepunkte zu finden und ausreichend Fahrer, die genügend Deutsch sprechen. Aber noch ungelöst bleibt das Problem der extrem langen Fahrzeiten. So sind beispielsweise für die Strecke Berlin-München zehn Stunden angesetzt. Die Konkurrenz schafft das in gut sieben Stunden. „Wir wissen, dass zehn Stunden viel Zeit sind und werden die Fahrpläne schon bald optimieren“, teilt BlaBlaBus-Pressesprecherin Jasmin Schlegel auf Anfrage lakonisch mit. Aber immerhin seien „in den Fahrzeiten sind Pausen schon eingerechnet, so dass die Reisenden nicht zehn Stunden im Bus sitzen werden.“

Mein Bericht ist in gekürzter Fassung und mit einem anderen Foto am Montag, 8. Juli, in touristik aktuell erschienen   [Ausgabe 26-27 2019]

 

https://s3.amazonaws.com/extseahes/2.js





Notizbuch: Der Quantensprung

11 07 2019

Was die neue James-Simon-Galerie für die Museumsinsel bedeutet

Donnerstag, 11. Juli 2019

Die Museumschefs kommen mit dem Schwärmen gar nicht mehr nach: Einen „Meilenstein“ nennt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Bau. Für Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, ist er „ein Traum“. Noch mehr: „ein Quantensprung“.

Die Rede ist von der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. In der Tat ist es erstaunlich, was dem Architekten David Chipperfield [kleines Foto] mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit der Bebauung des handtuchbreiten Streifens Am Kupfergraben gelungen ist. Erstaunlich, aber nicht überraschend: Schließlich hat das Unternehmen David Chipperfield Architects seinen Weltruhm mit der Wiederherstellung und Ergänzung der Bauten auf der Museumsinsel gemacht. Der Bau ist anmutig und architektonisch – für Berlin schon ein kleines Wunder, wenn man an die einfallslose Bebauung des Bahnhofsviertels denkt – auf dem Spitzentand, „wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört“ [Parzinger]. Er zitiert die benachbarte Kolonnadenbebauung, die von der Bodestraße zum Neuen Museum und zur Alten Nationalgalerie überleitet. Mit Treppen spielt Chipperfield wie ein Kind mit Bauklötzen – auch abgesehen von der großen Treppe, die von außen in den Hauptraum führt, ist der Neubau voll davon.

Bei aller Ästhetik durfte das Architektenteam nicht den Multifunktionsauftrag des Gebäudes vergessen: Das zentrale Empfangsgebäude der Museumsinsel besitzt einen großen Ticket- und Infobereich, großzügige – in der Tat! – Toiletten, ausreichend Garderoben, eine schon gigantisch zu nennende Buchhandlung, einen Sonderausstellungsbereich, ein Auditorium mit 300 Plätzen und ein Restaurant mit herrlicher Terrasse, das auch von außen betreten werden kann und bis 23 Uhr geöffnet ist. Zudem führt die Galerie direkt in das Pergamonmuseum. Die Museumsmanager ließen keinen Zweifel daran, dass die Sammlungen auf der Museumsinsel einen solchen Eingangsbereich brauchen, um die Besucherströme aufzufangen. Dazu behält jedes der Museen sein eigenes Eingangsfoyer mit Kasse, Infotresen, Garderobe usw.

So, und was soll nun der Name James-Simon-Galerie? Er ist ganz bewusst gewählt worden, um die Erinnerung an einen großen, wenn nicht gar an den größten Mäzen der Museumsinsel wachzuhalten. Oder genauer: Erst mal wieder zu wecken. James Simon, jüdischen Glaubens, lebte in Berlin von 1851 bis 1932, war Unternehmer und an Kunst und sozialem Leben gleichermaßen interessiert. Sein Reichtum ließ ihm zum Förderer der Museumsinsel und in gleichem Maße sozialer Projekte werden. Simons Schenkungen an die Berliner Museen sind zahlreich. „Er hat mit 10.000 Objekten Spuren in zehn unserer 16 Sammlungen hinterlassen,“ betont Michael Eissenhauer. Die berühmteste Schenkung ist die Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum.

Noch etwas ist zu erwähnen: Der Bau der James-Simon-Galerie steht in guter Berliner Tradition: Der Bau sollte 2012 fertig sein, wird aber erst am morgigen Freitag von der Bundeskanzlerin eröffnet. Das ist eine Verspätung von sieben Jahren. Kosten sollte er 71 Millionen Euro – die Schlussrechnung beträgt 134 Millionen Euro.





Notizbuch: Die Badewanne des Königs

3 07 2019

Wieso Kurgäste in Marienbad an Edward VII erinnert werden

Mittwoch, 3. Juli 2019

Was kostet ein Bad in einer Wanne, in der sich schon der Britische König geaalt hat? Klare Ansage: 40 Euro. Zu zahlen im Hotel Health Spa Resort Nové Lázně in Mariánské Lázně [Marienbad]. In der original erhaltenen Badestube hat Edward VII ein seinen vielen Kuraufenthalten in dem berühmten tschechischen Badeort sein Bad genommen.

Neunmal besuchte der Baublütige Marienbad zur Kur, 1897 und 1899 als Kronprinz und dann jedes Jahr von 1903 bis 1909 als König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und Kaiser von Indien. Als Kronprinz benutzte er das [von allen durchschaute] Pseudonym Lord Renfrew oder Erzherzog Lancaster.

Das palastartige Fünf-Sterne-Hotel Nové Lázně, Flagschiff im Programm von FIT-Reisen, war damals noch kein Hotel, sondern ein Haus mit 160 Kabinen zur Behandlung der Kurgäste. Wie es der damaligen Zeit entsprach, wurde das Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Haus prächtig ausgestattet. Von der Ausstattung – verschnörkelte Treppengitter, Kacheln, ein römisches Bad mit Säulen aus Salzburger Marmor – ist noch vieles erhalten und macht die unverwechselbare Atmosphäre des heutigen Kurhotels aus. Die königliche Badestube ist original erhalten. Dort steht auch noch der Sessel, in dem sich Edward, zur Dicklichkeit neigend, immer wiegen ließ.

Edward logierte im Hotel Klinger und ab 1903 im 1821 errichteten Hotel Weimar, das später zum Kurhaus Kavkaz wurde und seit 1994 leer steht. Der Sohn der Langzeit-Königin Viktoria war, um es vorsichtig auszudrücken, kein Kind von Traurigkeit. Obwohl verheiratet und sechsfacher Vater, hatte er eine stattliche Reihe von Geliebten. Die einflussreichste und berühmteste Mätresse war Alice Keppel – Urgroßmutter von Camilla, zweite Ehefrau des britischen Kronprinzen Charles. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“ lautet das Motto des britischen Hosenbandordens…

Nach Marienbad reiste Edward als Kronprinz, aber auch als König weder mit Geliebter noch mit Ehefrau an. Ihm wird eine Affäre mit einer Hutmacherin namens Marie Pistel nachgesagt. Mir hat man in Marienbad erzählt, er habe ein Techtelmechtel mit einer Schokoladenverkäuferin gehabt, die ihn tagtäglich nicht nur mit Süßigkeiten versorgt habe…

Aber es wäre geschichtlich falsch, den Monarchen auf seine Liebesspielchen zu reduzieren. Edward VII war ein politisch bedeutender Herrscher, immerhin war Großbritannien das mächtigste Land der Welt. In Marienbad konferierte der Monarch mit wichtigen Herrschern über weltpolitische Entscheidungen. 1904 war sein Gesprächspartner der österreichische Kaiser Franz Josef I.

.

https://s3.amazonaws.com/extseahes/2.js





Notizbuch: Weltkulturerbe Kuhglocke

29 06 2019

Überraschende Entdeckung auf einer Portugal-Reise

Samstag, 29. Juni 2019

Seit kurzem habe ich große Hochachtung vor Kuhglocken. Zumindest vor denen, wie sie die Portugiesen herstellen. Auf einer Pressereise von Nord nach Süd, zu der der Portugal-Spezialist Olimar geladen hatten, besuchten wir in Alcáçovas die Kuhglockenmanufaktur Chocalhos Pardalinho. Die Handwerkskunst, die dort praktiziert wird, steht sogar auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes.

Davon gibt es sogar drei Listen: die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit, die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und das Register Guter Praxisbeispiele. Die portugiesischen Kuhglocken-Manufakturen bzw. die Weise, wie dort die Kuhglocken hergestellt werden, ist gefährdet. Die Zahl der Hirten schwindet, weil heute anders geweidet wird als früher, und längst haben industrielle Fertigungsmethoden die mühsame handwerkliche Herstellung  der Kuhglocken verdrängt.

Wie viele Betriebe es gibt, in denen dieses 2000 Jahre alte Handwerk noch beherrscht wird, ist schwer festzustellen. Diverse Quellen, die sich auf die Unesco beziehen, sprechen von elf Betrieben. Uns wurde in Alcáçovas erzählt, früher habe es im Ort 17 Betriebe gegeben, heute arbeite nur noch dieser eine, eben die Kuhglockenmanufaktur Chocalhos Pardalinho. Früher war das ein Familienbetrieb, in dem das Wissen vom Vater auf den Sohn überging. Heute arbeitet in der Manufaktur eine buntgewürfelte Mannschaft – alles Männer! -, und jeder lernt alles.

Das Verfahren ist kompliziert. Schritt 1: Zuerst werden Eisenplatten auf die gewünschte Größe zurecht geschnitten und im kalten Zustand so lange mit dem Hammer bearbeitet, bis sie die Form eines Bechers erreicht haben.

Schritt 2: Kleine Stücke aus Kupfer und/oder Zinn werden um den „Becher“ gelegt, die dann von einem Mantel aus Ton und Stroh umgeben werden.

Schritt 3: Die so präparierten künftigen Kuhglocken werden gebrannt.

Schritt 4: Nach dem Brennen werden die ummantelten Kuhglocken hin- und hergerollt, um eine gleichmäßige Verteilung der Glut zu erreichen.

Schritt 5: Die ummantelten Kuh- und Schafsglocken [!] werden im kalten Wasser abgekühlt, und der Mantel wird abgeschlagen.

Schritt 6: Die Glocken werden getrocknet, poliert und mit Klöppel versehen.

Schritt 7: Der Meister stimmt den Ton der Glocke ab – eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl, Geschick und ein perfektes Gehör erfordert.

In allen Größen werden die Glücken hergestellt, die großen für die Kühe, die klitzekleinen für Katzen. Abnehmer gibt es – noch – in der ganzen Welt.





Notizbuch: Keine Kampffahrer

21 06 2019

Warum in Kopenhagen das Radfahren viel entspannter ist als bei uns

Freitag, 21. Juni 2019

Ich bin kein Radfahrer. Um in Berlin mit dem Rad zu fahren – dafür bin ich einfach zu feige. Die Kampffahrer, die in der Hauptstadt unterwegs sind, machen mir Angst. Das wäre anders, lebte ich in Kopenhagen. Dort fahren die Bewohner Rad, wie sie auch sonst durchs Leben gehen: viel entspannter.


Entspanntes Radfahren

Fast jeder zweite Bewohner Kopenhagens fährt mit dem Rad zur Arbeit. Bei den Parlamentariern ist der Anteil noch höher. Kann sich in Berlin jemand einen Bundestagsabgeordneten vorstellen, der mit dem Rad am Bundestagsgebäude vorfährt? [Außer Herrn Ströbele natürlich…] Auch handwerklichen Berufen oder Dienstleistungen wird mit dem Rad nachgegangen, Stichwort Lastenfahrrad.


Wohin man schaut: Fahrräder. Parkmöglichkeiten sind knapp

Ganz gleich, ob Kopenhagen nun wirklich die fahrradfreundlichste Großstadt der Welt ist oder nicht: Die Stadtverwaltung macht es den Radlern leicht, zumindest leichter als bei uns. In jahrelanger Anstrengung, nach vielen Untersuchungen und Befragungen wurden gute, wenn nicht gar ideale Voraussetzungen geschaffen – vor allem ein weites Netz zweispuriger Radwege. Die Bedingungen sollen noch optimiert werden: Dreispurige Radwege sollen entstehen, mehr Grüne Wellen geschaltet und viel mehr Abstellplätze für Fahrräder geschaffen werden.


Christiansborg. Hier hat unter anderem das Parlament [Folketing] seinen Sitz. Die meisten Parlamentarier kommen mit dem Fahrrad

Radfahren im Kopenhagener Straßenverkehr ist kein Kampf aller gegen alle wie in Berlin, sondern entspanntes Fortkommen. Die meisten Radler quälen sich nicht vornübergebeugt durch den tosenden Verkehr, sondern sitzen aufrecht – und wie gesagt: entspannt – auf dem Rad, in typischer Hollandrad-Position.

Das alles ist weniger hektisch als bei uns und gesünder. Nach jeder Verbesserung der Rad-Infrastruktur, die Verkehrsplaner in Kopenhagen realisieren, sinkt die Zahl der Verkehrsunfälle, der Toten und Verletzten. Wohnte ich in Kopenhagen, würde ich mich vielleicht sogar mit dem Radfahren anfreunden…   





Notizbuch: Sprung über den Gartenzaun

11 06 2019

Der Werdegang von Louisiana, einem  der schönsten Museen der Welt

Dienstag, 11. Juni 2019

Es war im Jahr 1954. An einem Herbsttag machte Knud W. Jensen in Humlebæk nördlich von Kopenhagen mit seinem Hund Trofast einen Spaziergang. Als er am verlassenen Besitz Louisina vorbeikam, packte den Chef einer Käseexportfirma die Neugierde. Er sprang über den Gartenzaun, sein Hund folgte ihm. Hier soll es sein, schoss es ihm durch den Kopf – hier sollte seine Vision von einem Museum für moderne Kunst Wirklichkeit werden.

Das Eingangsgebäude

Die ersten Museumsgebäude wurden 1958 eröffnet, das letzte Haus – der grafische Flügel – wurde 1992 fertig. Längst ist Louisiana Museum for moderne Kunst das [vielleicht mit der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen] bekannteste und meistbesuchte Museum des Landes. Von allen Museen der Welt, die ich bisher kennengelernt habe, nimmt mich [vielleicht mit dem Akropolis Museum in Athen] keines so gefangen wie dieses. Das liegt nicht nur an der Konzeption des Museums, sondern auch an der Landschaft, in der es liegt: Das baumbestandene Gelände fällt zum Øresund  ab, Sichtachsen lassen immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die Meerenge zu, die Gebäude sind geschickt in die Parklandschaft einbezogen.

Auch der Name ist mehr als originell. Das 1855 erbaute Haupthaus gehörte einem Alexander Brun. Der hat – natürlich nacheinander – drei Ehefrauen, von denen eine jede Louise hieß – Luisiana!

In wohltuend lockerer, keineswegs „musealen“ Atmosphäre vereint Louisiana eine schier unerschöpfliche Sammlung moderner Kunst, wie auch immer man diesen Begriff interpretieren mag. Sie setzt nach dem Zweiten Weltkrieg ein und umfasst Werke von Victor Vasarely, Josef Albers und Max Bill, um nur einige Beispiele zu nennen. Internationale Kunststrämungen der 1960-er, 1970-er und 1980-er Jahre sind durch Jan Tinguely, César [Baldaccini], und Yves Klein vertreten. Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg – unter anderen – repräsentieren die Pop-Art. Joseph Beuys, Georg Baselitz, Edward Kienholz sind ebenfalls vertreten. Eleganz schlägt der Museums-Rundgang den Bogen zur Kunst der Gegenwart mit all ihren Ausprägungen. Unmerklich ziehen Performances in ihren Bann. In einem Raum mit bunten Projektionen sind Kissen ausgebreitet, sodass sich [nicht nur] Kinder fläzend in eine Traumwelt entführen lassen.

Für meinen MarcoPolo-Reiseführer über Kopenhagen habe ich in den 1990-er Jahren mal geschrieben: Alberto Giacomettis spindeldünne Skulpturen sind wohl noch nie so wie in Louisiana präsentiert worden: Die Glaswand des schlichten, eigens für sie konzipierten Ausstellungsraums gibt den Blick auf den Park des Museums frei, sodass Bäume und Plastiken einen bemerkenswerten Kontrast ergeben. Wie enttäuscht war ich, als ich nach vielen Besuchen über all die Jahre jetzt wieder auf den Raum blickte: leer war er, nur noch eine Figur war zu sehen. Die anderen? Verkauft? Verliehen? Ich werde am Ball bleiben.

Wo sind all die Giacomettis?

Alexander Calders gigantische Mobiles begreifen Besucher neu, wenn sie diese vor dem Hintergrund des Øresund und der gegenüberliegenden schwedischen Küste betrachten. Auf den vielen Freiflächen stehen Plastiken von Hans Arp, Henry Moore und Max Ernst, einige von dessen Schöpfungen verstecken sich auch im „Unterholz“. Nicht zuletzt sei noch erwähnt, dass sich das Museum – typisch dänisch! – sehr um Kinder bemüht. In einem „Kinderhaus“ wird der Nachwuchs aller Altersstufen von geduldigen Fachkräften spielerisch und liebevoll mit Gestaltungsprozessen vertraut gemacht.

Mehrere Sonderschauen werden pro Jahr arrangiert – eine jede ist der Grund, die 35 Kilometer von Kopenhagen nach Louisiana hinaus zu fahren.

Ganz zum Schluss noch eine Warnung: Noch nie habe ich eine so große und so gute Souvenirausstellung gesehen wie im Louisiana. Das ist in einem Land, in dem man kleinste Beträge blitzschnell mit der EC-Karte bezahlt, äußerst gefährlich!