Notizbuch: Sprung über den Gartenzaun

11 06 2019

Der Werdegang von Louisiana, einem  der schönsten Museen der Welt

Dienstag, 11. Juni 2019

Es war im Jahr 1954. An einem Herbsttag machte Knud W. Jensen in Humlebæk nördlich von Kopenhagen mit seinem Hund Trofast einen Spaziergang. Als er am verlassenen Besitz Louisina vorbeikam, packte den Chef einer Käseexportfirma die Neugierde. Er sprang über den Gartenzaun, sein Hund folgte ihm. Hier soll es sein, schoss es ihm durch den Kopf – hier sollte seine Vision von einem Museum für moderne Kunst Wirklichkeit werden.

Das Eingangsgebäude

Die ersten Museumsgebäude wurden 1958 eröffnet, das letzte Haus – der grafische Flügel – wurde 1992 fertig. Längst ist Louisiana Museum for moderne Kunst das [vielleicht mit der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen] bekannteste und meistbesuchte Museum des Landes. Von allen Museen der Welt, die ich bisher kennengelernt habe, nimmt mich [vielleicht mit dem Akropolis Museum in Athen] keines so gefangen wie dieses. Das liegt nicht nur an der Konzeption des Museums, sondern auch an der Landschaft, in der es liegt: Das baumbestandene Gelände fällt zum Øresund  ab, Sichtachsen lassen immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die Meerenge zu, die Gebäude sind geschickt in die Parklandschaft einbezogen.

Auch der Name ist mehr als originell. Das 1855 erbaute Haupthaus gehörte einem Alexander Brun. Der hat – natürlich nacheinander – drei Ehefrauen, von denen eine jede Louise hieß – Luisiana!

In wohltuend lockerer, keineswegs „musealen“ Atmosphäre vereint Louisiana eine schier unerschöpfliche Sammlung moderner Kunst, wie auch immer man diesen Begriff interpretieren mag. Sie setzt nach dem Zweiten Weltkrieg ein und umfasst Werke von Victor Vasarely, Josef Albers und Max Bill, um nur einige Beispiele zu nennen. Internationale Kunststrämungen der 1960-er, 1970-er und 1980-er Jahre sind durch Jan Tinguely, César [Baldaccini], und Yves Klein vertreten. Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg – unter anderen – repräsentieren die Pop-Art. Joseph Beuys, Georg Baselitz, Edward Kienholz sind ebenfalls vertreten. Eleganz schlägt der Museums-Rundgang den Bogen zur Kunst der Gegenwart mit all ihren Ausprägungen. Unmerklich ziehen Performances in ihren Bann. In einem Raum mit bunten Projektionen sind Kissen ausgebreitet, sodass sich [nicht nur] Kinder fläzend in eine Traumwelt entführen lassen.

Für meinen MarcoPolo-Reiseführer über Kopenhagen habe ich in den 1990-er Jahren mal geschrieben: Alberto Giacomettis spindeldünne Skulpturen sind wohl noch nie so wie in Louisiana präsentiert worden: Die Glaswand des schlichten, eigens für sie konzipierten Ausstellungsraums gibt den Blick auf den Park des Museums frei, sodass Bäume und Plastiken einen bemerkenswerten Kontrast ergeben. Wie enttäuscht war ich, als ich nach vielen Besuchen über all die Jahre jetzt wieder auf den Raum blickte: leer war er, nur noch eine Figur war zu sehen. Die anderen? Verkauft? Verliehen? Ich werde am Ball bleiben.

Wo sind all die Giacomettis?

Alexander Calders gigantische Mobiles begreifen Besucher neu, wenn sie diese vor dem Hintergrund des Øresund und der gegenüberliegenden schwedischen Küste betrachten. Auf den vielen Freiflächen stehen Plastiken von Hans Arp, Henry Moore und Max Ernst, einige von dessen Schöpfungen verstecken sich auch im „Unterholz“. Nicht zuletzt sei noch erwähnt, dass sich das Museum – typisch dänisch! – sehr um Kinder bemüht. In einem „Kinderhaus“ wird der Nachwuchs aller Altersstufen von geduldigen Fachkräften spielerisch und liebevoll mit Gestaltungsprozessen vertraut gemacht.

Mehrere Sonderschauen werden pro Jahr arrangiert – eine jede ist der Grund, die 35 Kilometer von Kopenhagen nach Louisiana hinaus zu fahren.

Ganz zum Schluss noch eine Warnung: Noch nie habe ich eine so große und so gute Souvenirausstellung gesehen wie im Louisiana. Das ist in einem Land, in dem man kleinste Beträge blitzschnell mit der EC-Karte bezahlt, äußerst gefährlich!

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Notizbuch: das wichtige Fragezeichen

31 05 2019

Ausstellung „Flucht in die Bilder?“ im Brücke-Museum

Freitag, 31. Mai 2019

Sie waren, wie es so schön heißt, „Wegbereiter“ der klassischen Moderne: die Expressionisten der Künstlergruppe „Brücke“. Diese wurde 1905 in Dresden gegründet und 1913 in Berlin schon wieder aufgelöst. Aber ihr Arbeiten, das unser Sehen so sehr verändert hat, ging natürlich weiter. Auch im Nationalsozialismus, im Krieg und in der Nachkriegszeit.

Zum ersten Mal befasst sich jetzt eine Ausstellung kritisch mit der künstlerischen Praxis, den Handlungsspielräumen und dem Alltag der ehemaligen Brücke-Künstler im Nationalsozialismus. Sie heißt „Flucht in die Bilder?“ – mit wichtigem Fragezeichen – und ist noch bis zum 11. August im Brücke-Museum zu sehen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Arbeiten von Schmidt-Rottluff, Heckel, Pechstein und Kirchner, allesamt aus dem Bestand des Brücke-Museums. Die Präsentation setzt auf einen vielschichtigen Blick und nähert sich der Komplexität des Themas – die Brücke zwischen Anerkennung und ‚Verfemung‘ – anhand von künstlerischen Werken und umfangreichem Dokumentationsmaterial, heißt es dazu im Pressetext zur Ausstellung. Das Dokumentationsmaterial ist hervorragend aufgearbeitet. Besucher müssen viel lesen, können aber so die Situation der Künstler in der NS-Zeit gut nachempfinden.

Karl Schmidt-Rottluff, „Brücke mit Eisbrecher“, 1934

Die Situation von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner in den Jahren von 1933 bis 1945 sei bislang zumeist auf die ‚Verfemung‘ ihrer Kunst im Nationalsozialismus reduziert worden, erklärt der Pressetext zur Ausstellung. Dieser eindimensionale Blick wird weder der vielschichtigen Situation der Künstler noch den Widersprüchen innerhalb der nationalsozialistischen Kulturpolitik gerecht. Die meisten der ehemaligen Brücke-Künstler hatten zu Beginn die Hoffnung gehegt, mit ihrer Kunst Anerkennung unter den Nationalsozialisten zu finden – eine Hoffnung, die von letzteren teilweise genährt wurde.

Ernst Ludwig Kirchner „Artistin“, 1910

Trotz der Zäsuren durch die NS-Kunstpolitik, waren die ehemaligen Brücke-Künstler bis in die letzten Kriegsjahre künstlerisch tätig. Das gilt nicht für Kirchner, der sich 1938 das Leben nahm.

Um Brüche und Kontinuitäten im Werk der ehemaligen Brücke-Künstler deutlich zu machen, endet die Aufarbeitung nicht im Mai 1945, sondern hat sich im letzten Teil der Schau im benachbarten Kunsthaus Dahlem fortgesetzt. Sie beantwortete die Fragen: Wie wurde ab dem Sommer 1945 auf Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zurückgeblickt? Welche Funktion hatten die ehemaligen Brücke-Künstler beim Wiederaufbau des geteilten Deutschlands? Aber dieser Teil der Ausstellung „Flucht in die Bilder?“ ist ab dem 3. Juni nicht mehr zu sehen: Das Kunsthaus Dahlem baut in diesem Zeitraum die neue Ausstellung „Inspiration Afrika. Ein Kontinent im Blick der deutschen Bildhauerei im 20. Jahrhundert“ auf, die am 14. Juni eröffnet wird. Aber das neue Café im Kunsthaus ist trotz des Ausstellungsumbaus geöffnet.

Das neu eröffnete Café im Kunsthaus Dahlem; bei gutem Wetter können Besucher auch draußen sitzen. Unten: Zwischen Brücke-Museum und Kunsthaus Dahlem steht im Garten die Casa Isodora, ein begehbares Kunstwerk von Sol Calero

Die Rolle des Brücke-Mitglieds Nolde im Nationalsozialismus wird zur Zeit in einer weiteren Ausstellung behandelt, die im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Ihr Titel: Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus





31 05 2019





Notizbuch: Der Erfinder von Jaremy O’Hara

28 05 2019

Wie Michael Schweizer † Geburtshelfer meines Redaktionsbüros wurde

Dienstag, 28. Mai 2019

Michael, jetzt auch Du. Als ich gestern – spätabends von einer Reise zurückgekehrt – „mal schnell“ meine mails checken wollte, traf mich die Nachricht von Deinem Tod wie ein Pferdetritt. Michael Schweizer tot?  Das kann nicht sein. Aber es ist so. Dass Du nicht mehr da bist, trifft mich mit voller Wucht, und das gleich mehrfach.

Wenn jemand wie ich ein bestimmtes Alter erreicht hat, kommt automatisch die Frage: Und Du? Wann bist Du an der Reihe? Das geschieht ganz selbstverständlich. Und das hat nichts mit Egoismus zu tun. Da der Schmerz über den Verlust stärker ist als solche Überlegungen, bin ich schnell zur Tagesordnung übergegangen: Michael Schweizer ist tot.

So etwas nennt man wohl Weggefährte. Jahrzehntelang gehörte Michael zur Szene der Reisejournalisten wie Sand zum Meer. Da mochten die Veranstalter noch so oft ihre Chefs austauschen und noch so viele Hasenwinkel bei der Erklärung ihrer Marketingaktivitäten schlagen – Du warst immer da. Und Du stelltest fast immer die erste Frage. Du wolltest Zahlen erfahren, wohl wissend, dass diese bei bestimmten Organisationsformen der Veranstalter zum Zeitpunkt ihrer Pressekonferenz gar nicht rausgerückt werden dürfen. Ich gebe zu: Auch mir bist Du mit Deiner Fragemethode oft auf den Keks gegangen. Andererseits verschafftest Du – mir und den anderen – die Gewißheit: Der gute Michael ist da. Der kriegt schon raus, wenn etwas faul ist… Während wir, durchaus feige und bequem, uns zurücklehnten, bliebst Du hartnäckig.

Dicke Freunde waren wir nie. Aber Gespräche mit Dir habe ich immer genossen. Deinen Humor, Dein Lachen. Und Dich und mich hat eine uralte Geschichte verbunden, über die wir oft gelacht haben. Denn  Du warst sozusagen der Geburtshelfer meines Redaktionsbüros. Das kam so:

Vor fast vier Jahrzehnten erzählte ich Dir am Rand einer Pressekonferenz, dass ich gerade in Thailand eine heiße Geschichte erfahren hatte. Touristen wurden auf dem Weg zum Flughafen von Banden überfallen und ausgeraubt, immer wieder. „Horschtel“, sagtest Du, „darüber schreibst Du mir eine Geschichte.“ Du warst Chefredakteur einer Fachzeitschrift, auf deren Name ich gerade nicht komme.

Horschtel, darüber schreibst Du mir eine Geschichte!

„Michael“, wandte ich ein, „das darf ich nicht, dafür bekomme ich niemals eine Genehmigung.“ Das brachte Dich zum Lachen: „Wer spricht denn von Genehmigung?! Das schreibst Du anonym.“ Und so machte sich der Leiter der Reiseredaktion von „test“ daran, die Geschichte zu schreiben. Buchstäblich runterzuschreiben, schnell und pointiert und auch ein wenig frech. Das war wie Befreiung von den – notwendigen – Zwängen, die einem, Mitarbeiter der Stiftung Warentest auferlegt waren.

Als ich das Heft mit meinem Thailand-Bericht in der Hand hielt, fiel ich fast vom Schreibtisch-Stuhl: „Von unserem Ostasien-Korrespondenten Jaremy O’Hara“ hattest Du als Autorenzeile geschrieben. Noch letztes Jahr hast Du mir erzählt, dass sich eine auf Jaremy O’Hara ausgestellte Karteikarte immer noch in Deinem Besitz befand.

Zweiter Streich: Portugal

Jaremy hatte Blut geleckt. Ich schrieb für Dein Blatt – noch immer komme ich nicht auf den Namen – eine Geschichte, die ich in Portugal erfahren hatte: Als ich mit einem Planungs- und Aufsichtsbeamten an der Algarve über eine scheußliche, den Charme der Region zerstörende Urlauberanlage sprechen wollte, erzählte der mir freudestrahlend, er habe Aktien dieser Anlage – statt Aufsicht dicker Verdienst. In “test“ konnte ich darauf hinweisen. dass schon „die renommierte Fachzeitschrift xyz“ auf diesen Missstand aufmerksam gemacht hatte.

Von da gab es für mich kein Halten mehr. Ich quittierte – völlig freiwillig! – den Dienst bei „test“ und gründete mein Redaktionsbüro. Das ist jetzt genau 38 Jahre her. Danke Michael!





Notizbuch: von Meerschweinchen, roten Blumen und vom Briefeschreiben

23 05 2019

Der spannende Lesergeschichten-Wettbewerb der Tageszeitung Neues Deutschland

Freitag, 24. Mai 2019

Ich wüsste nicht, welcher Leserin oder welchem Leser der Tageszeitung Neues Deutschland (nd) ich meine Stimme gegeben hätte. 93 haben beim 17. Lesergeschichten-Wettbewerb eine Geschichte zum Thema „Wanderungen durch die Zeit“ eingereicht – traurige Geschichten und lustige, wehmütige und lebensbejahende. Zehn wurden von einer Jury für die Endentscheidung ausgewählt.

1111111111Der Saal im nd war voll, als das Finale begann. Das bestand darin, das die Schauspielerin Ester Esche und ich abwechselnd eine der Geschichten vorlasen. Und dann fällten die Anwesenden ihr Urteil.

Den dritten Platz ergatterte sich Andrea Martin aus Sohland/Spree [kleines Foto] mit ihrer Geschichte

Meerschweinchen in Leningrad

1979 arbeiteten Leningrader und Dresdner Schriftsteller an einer gemeinsamen Anthologie. Jemand sollte mit den Druckfahnen von Dresden nach Leningrad fliegen. Die Wahl fiel auf mich, eine junge, unerfahrene Praktikantin. Schlimmer war: Ich sah auch so aus. Noch mit achtzehn nahm ich den Ausweis mit, wenn ich im Kino einen Film P14 sehen wollte. Nun im Flugzeug die gleiche Geschichte. Neben mir saß ein älterer Herr. „Sitzt du gut?“, fragte er besorgt. Und: „Hast du dich auch richtig festgeschnallt?“ Als er sich erkundigte: „Wo sitzt denn deine Mutti?“, teilte ich ihm mit, dass ich fast vierundzwanzig, Mutter eines zweijährigen Kindes und Absolventin der Kulturwissenschaften sei und zeigte ihm ein Foto meiner Tochter. Irritiert entschuldigte er sich und ging zum Sie über.

Es wunderte mich nicht, dass sich am Leningrader Flughafen keiner für mich interessierte. Hinter einer breiten Glastür sah ich zwei korpulente Damen und einen Herrn gestikulierend herumlaufen. Als außer mir niemand mehr im Transitraum war, steuerte eine der Damen auf mich zu. „Kommen Sie aus Dresden?“, fragte sie in der hohen, typisch russischen Sprachmelodie. „Wir erwarten eine Delegation vom Verband der Schriftsteller.“ Uns beiden wurde klar, dass ich die Delegation war. Die drei schauten mich und sich ratlos an. Wen hatten die Dresdner da in die Partnerstadt entsandt? Keine Schriftsteller, nicht mal Funktionäre, nur eine einzelne magere FDJlerin!

Ein Wolga wurde mit den beiden Damen und mir gefüllt. Während der Fahrtin die Innenstadt fanden meine Begleiterinnen zu höflich-freundlicher Fassung. Sie fragten mich nach diesem und jenem Dresdner Schriftsteller, und ich bemühte mich, irgendwas Sinnvolles zu sagen. Unser Wolga hielt vor einem ehrwürdigen Gebäude. Ich wurde in einen großen Saal geleitet und auf dem Weg dahin immerzu irgendjemandem vorgestellt. Auf der Bühne waren ein Rednerpult und ein Präsidium aufgebaut, in dessen Mitte ich platziert  wurde. Im Saal saßen an langen weiß gedeckten Tischreihen sehr viele Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters und nur wenige Frauen. Sie erschienen mir freudig und erwartungsfroh gestimmt. Wie die Dame rechts von mir im Präsidium, die mir stolz die Namen einiger Anwesender nannte. Von einigen hatte ich im Seminar Sowjetische Gegenwartsliteratur gehört. Tendrjakow zum Beispiel. Eine Erzählung von ihm hatte mich sehr berührt. Aus meinen Erinnerungen holte mich ein freundlicher, seriöser Herr, der links von mir Platz nahm. Ich verstand ihn nicht. Hatten viele Jahre Russischunterricht so wenig gefruchtet, oder wehrte sich mein Gehirn gegen das Unmögliche? Die Dolmetscherin, sorgte für Klarheit: Man bat mich um mein Einverständnis, dass vor meiner Rede noch zwei kurze Ansprachen gehalten würden.

Mein Herz klopfte bis ins Gehirn. Darin überschlugen sich die Gedanken: Hier liegt ein Irrtum vor. Ich halte keine Rede. Ich bin keine Schriftstellerin. Ich bin eine Praktikantin, die Druckfahnen transportiert! Was für unnütze Sätze. Hier findet ein Festakt statt mit lauter wichtigen und berühmten Leuten. Hier musst du auf ein Wunder hoffen oder dir was einfallen lassen. Dafür hast du zwei Ansprachen lang Zeit.

Begrüßungen und Ansprachen wurden für mich übersetzt. Das verschaffte mir Denkzeit. Dann wurden die Gläser gefüllt. Randvoll. Alle erhoben sich. Mir wurde auch eins in die Hand gedrückt: „Trinken Sie mit uns auf die Freundschaft!“. Bei unseren Studentenfeten hatte ich Wermut getrunken oder Rosentaler Kadarka. Wodka nie. Ich lehnte dankend ab. „Das können Sie nicht machen!“ Der Ton war bestimmt. Also trank ich tapfer. Beim nächsten

Na starowje versuchte ich mich gar nicht erst zu verweigern.

Krampfhaft versuchte ich, mich an das Seminar zur DDR-Literatur zu erinnern. Mir fiel immer nur die letzte Belegarbeit ein. Analyse und Interpretation – ich hatte ein Kinderbuch ausgewählt.

Die Wirkung des Wodkas überstieg die des mir bekannten Gotanos merklich. Ich begann die Sache lockerer zu sehen. Kinderbücher sind auch Literatur. Und wenn du in der Prüfung zum Elefanten befragt wirst und nur was von der Maus weißt, dann fängst du eben mit dem größten Säugetier an und kommst dann zum kleinsten oder umgekehrt.

Dann war ich dran. Nach den brüderlichen Grüßen der Dresdner Schriftsteller sprach ich vom DDR-Schriftstellerverband, der 1949 gegründet worden war und dessen erste und langjährige Vorsitzende Anna Seghers war. Die Dolmetscherin übersetzte. Es folgte die Aufzählung ihrer Werke. Zustimmendes Nicken und Murmeln im Saal, besonders beim „Siebten Kreuz“. Nach ihrem Tode wurde Hermann Kant ihr Nachfolger. Nicken im Saal. Auch zu seinen Werken, besonders zur „Aula“, wenn auch nicht flächendeckend. Hermann Kant hat einen Bruder, setzte ich mutig fort, der heißt Uwe Kant. Er schreibt vor allem Kinderbücher. Besonders berühmt ist „Der kleine Zauberer und die große Fünf“. Leichtes Raunen im Saal. Darin versucht der Zaubererschüler Oliver Schneidewind, die rote Fünf von seiner Mathearbeit wegzuzaubern und verwandelt sie aus Versehen in fünf rot-blau karierte Meerschweinchen. Putzige Tiere mit eigenwilligem Dialekt. Raunen im Saal. Aber die Mutter wird neben dem Hund Arko und der Katze Lisbeth keine weiteren Tiere dulden. Also stopft Oliver die fünf Neuen eilig in einen Schuhkarton. Worauf der Wortführer in Meerschweinsprache, die nur einen Vokal kennt, schimpft: „Tipisch! Tipisch! lrst Mirschwinschin winschin ind dinn kini instindigi Wihning inbitin!“

An dieser Stelle geriet die Dolmetscherin ins Stocken. Was machte sie . sprachlos? Das so schonungslos angesprochene Wohnungsproblem? Oder war die Meerschweinsprache so schwer ins Russische zu übersetzen?

Da erhob sich mein Nachbar, ergriff sein Glas und forderte alle Anwesenden auf, erneut auf die Freundschaft zu trinken. Ich konnte gerade noch ein herzliches „Do Strasdwujet!“ auf die Literatur und die Schriftsteller ausbringen, ehe ich herzlich umarmt wurde.

Die Anthologie erschien. Literatur hat eben eine starke verbindende Kraft.

Zuhörerinnen bei der Bewertung

Der zweite Preis ging an Javad Talebi aus Potsdam und wurde von ihm und Heike Liebau aus dem Farsi, der persischen Sprache übersetzt. Ihr Titel:

Eine Blume im Schnee

Merkwürdig ist das Wetter in Deutschland. Selbst an den freundlichsten Tagen kann es erbarmungslos kalt werden, sobald die Sonne sich hinter einer Wolke verbirgt. Jetzt lag Schnee. Es war kalt. „Wäre ich doch besser zu Hause geblieben“, dachte er. Wahrscheinlich wäre er ja auch geblieben, wenn seine Tochter nicht darauf bestanden hätte, dass er an dieser Wanderung teilnimmt. Nachdem er die Tabletten genommen hatte, hatte sie ihn tagelang nicht aus den Augen gelassen und ihn schließlich für eine Bergwanderung angemeldet.

Eigentlich musste sich die Tochter keine Sorgen machen. An jenem Tag wollte er sich nicht umbringen, sondern sich nur für eine Weile von all den Gedanken befreien, die seinen Kopf zu sprengen drohten. Er nahm Tabletten. Sieben oder acht. Aber sie waren schnell da. Mit einem Schlauch reinigten sie seinen Magen. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie auch seinen Kopf gereinigt hätten! Einmal hatte er auf einer Brücke gestanden und den Autoverkehr unter seinen Füßen beobachtet. Er fürchtete sich. Ihm war schwindelig. Wie oft hatte er selbst im Auto gesessen, war schnell gefahren und hatte nichts verstanden. „Wenn du in einem Auto sitzt, und so wie all die anderen fährst, spürst du die Geschwindigkeit nicht. Erst wenn du draußen stehst, begreifst du, wohin und wie schnell du dich bewegst.“ Auch an jenem Tag hatte er sich nicht umbringen wollen, nur ausruhen, sein Leben eine Weile anhalten, das wollte er. Vielleicht würde er dann verstehen, wo er war und wohin seine Reise ging. Aber auch diesmal waren sie schnell da.

Jetzt aber wollte er endlich innehalten. Das Voranschreiten beunruhigte ihn. Seit Beginn dieser Wanderung, als er das Baby mit der roten Plastikblume in der Hand in den Armen der Mutter gesehen hatte, rasten die Gedanken in seinem Kopf. Wie ein wildes, nicht zu zügelndes Pferd sprangen sie hin und her. „Was für ein Leben! Leiden von Anfang bis Ende. Wie kann das Leben schön sein, wenn es mit Weinen beginnt. Du musst weinen, damit man begreift, dass du lebst. Und wenn man am Ende des Lebens nicht um dich weint, dann warst du kein guter Mensch.“

Er setzte sich auf einen Stein, um einen Augenblick ganz für sich allein zu sein. Ihm war kalt. Er zog seinen Schal, den ihm eine freundliche deutsche Frau in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in diesem Land geschenkt hatte, über Mund und Nase. „Diese Deutschen“, dachte er, „sind entweder null oder hundert.“ Er lächelte. Ihm gefiel dieses Bild. „Entweder sie sind warmherzig und freundlich oder sie sind kalt und herzlos.“ Dazwischen gab es nichts.

Die Wärme seines Körpers hatte den Stein noch nicht erwärmt, als Lukas, der Bergführer, auf ihn zukam. „ Was für ein langweiliger Job“, dachte er, „jeden Tag den Berg hinaufgehen, umkehren und wieder hinuntergehen, und jeden Tag die gleiche Geschichte erzählen.“ „Man sagt, auf diesem Berg wächst eine Blume im Schnee, und wer diese Blume findet, findet das Glück,“ hatte Lukas zu Beginn der Wanderung erklärt und gelacht. „Gebt euch keine Mühe. Wenn es diese Blume wirklich gäbe, hätte ich sie schon längst gefunden, und ihr hättet heute einen anderen Reiseführer.“

„Sind sie müde?“ fragte er. „Nein, ich möchte nur einen Moment sitzen.“ „In zehn Minuten sind wir an der Berghütte.“ „Lauft schon voran. Ich komme nach.“

Lukas erklärte den Weg: „200 Meter hinter dem Hügel ist eine Weggabelung. Dort müssen Sie nach rechts abbiegen, ca. 300 Meter weiter auf der linken Seite ist dann die Hütte.“

„Gut, mein Sohn.“

Seine Tochter hatte ihm gesagt, dass man hier nicht einfach einen jungen Mann mit „mein Sohn“ ansprach. Aber er versteht das nicht. Er versteht auch nicht, warum die Deutschen erst den Einer nennen und dann den Zehner. Und er versteht nicht, warum „der Rock“ männlich ist und „die Hose“ weiblich. Er seufzte. Hier versteht man ihn nicht. Auch in seiner Heimat hatte man ihn nicht verstanden. Wenn man ihn verstanden hätte, wäre er jetzt nicht hier.

Ihm wurde kalt. Er sollte weitergehen. Im Leben kann man nicht innehalten und einfach so Pause machen. Wie oft hatte er das sich und anderen gesagt. Er hatte sich über Leute geärgert, die sich für nichts interessierten und langsam zu sterben begannen, wie Pablo Neruda es beschrieb. Jetzt begann er selbst langsam zu sterben. Damals war er voller Hoffnung. Jetzt war er ohne Hoffnung. Seit seiner Ankunft in Deutschland fühlte er sich wie auf einer Wippe, mal war er oben, mal unten. Bestimmt lag das auch am Wetter. Wenn man die Deutschen fragt, wie es ihnen geht, reden sie über das Wetter. Er erinnerte sich: Es war ein grauer und kalter Tag, als der Sicherheitsbeamte in ihrer ersten Unterkunft den jungen Mann so grob zurechtgewiesen hatte. Und es war sonnig, als diese nette Frau ihren Schal um seinen Hals gelegt hatte.

Er schreckte aus seinen Gedanken auf, schaute auf die Uhr. Mehr als eine halbe Stunde war er gelaufen. Wo war die Hütte?

Er begriff, dass er wieder einmal links und rechts verwechselt haben musste und kehrte um. In dem Moment sah er einen kleinen roten Punkt im Schnee. Eine Blume. Die Glücksblume … Er rieb sich die Augen. Die Blume war da, sie wuchs am Abhang. „Das Zeichen, auf das ich gewartet habe.“ Er ging hin, beugte sich hinunter, nahm die Blume und erhob sich. In diesem Moment rutschte er den Abhang hinunter.

***

Wieder war seine Tochter sehr besorgt. Der Arzt meinte, es sei alles in Ordnung und der Vater hätte, medizinisch gesehen, keine Schäden davongetragen. Aber warum wachte er dann nicht auf? Der Doktor hatte erklärt, dass sein Gehirn unentwegt arbeite, „mehr als meines und Ihres, wenn wir wach sind“, hatte er gesagt. Wissenschaftlich betrachtet, müsse er wieder wach werden, vielleicht noch heute, vielleicht erst morgen. Die Tochter küsste ihren Vater auf die Stirn. Er lächelte, als sie ihm zuflüsterte: „Gönne Deinen Gedanken ruhig ein paar Tage Urlaub.“ In seiner Hand hielt der Vater eine rote Plastikblume. Er hielt sie ganz fest.

Zu dieser an-rührenden Geschichte schrieb der Autor an meine Kollegin, die nd-Redakteurin Heidi Diehl [kleines Foto], die den Wettbewerb mit Inbrunst betreut: Als mich eine gute Freundin auf den Geschichtenwettbewerb im nd zum Thema  „Wanderungen durch die Zeit “ aufmerksam machte, hat er mich sehr begeistert und ich habe beschlossen, eine Geschichte für diesen Wettbewerb zu schreiben. Ich heiße Javad Talebi und ich komme aus dem Iran. Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Frau nach Deutschland gekommen. Wir sind  beide Puppenspieler und bereiten zur Zeit ein Puppenspiel auf Deutsch vor. Im Iran habe ich neben Puppenspielen auch TV Geschichten und Drehbücher geschrieben.  Die gute Freundin ist Heike Liebau, meine Deutschlehrerin in der Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf 2017. Inzwischen sind wir ein Tandem. Sie lernt Persisch, ich Deutsch. „Eine Blume im Schnee“ ist meine erste Geschichte in deutscher Sprache. Ich hoffe sehr, dass Sie Ihnen gefällt.

The winner is…

… Heidi Huß aus Chemnitz mit

Eine durchaus hilfreiche Betrachtung

Scheinbar bin ich ein Auslaufmodell. Ich schreibe noch Briefe. Sogar mit der Hand. Fast hätte ich mir zum internationalen Tag der Handschrift am 23. Januar selbst einen Glückwunsch geschickt. Ich bin sicher in der kleinen Postfiliale in meinem Wohngebiet die beste Kundin.

Vor mehr als 40 Jahren – kurz vor seinem Tod – übergab mir mein Vater eine Mappe mit Zeichnungen aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Und die Briefe eines Jahres, von mir geschrieben während des Zusatzstudiums in Berlin, in dem Jahr, in dem die Mauer wuchs. Hätten Mutter und Vater ein Telefon gehabt, ich hielt jetzt nichts mehr in den Händen. So durfte ich mir ins Gesicht schauen. Mit Neugier lese ich die Zeilen heute, bin sogar aufgeregt. Die Achtzigjährige trifft eine Junge von 22 Jahren.

Was für Theaterabende! Ernst Busch als Galilei, die Weigel als Pelageja Wlassowa. Der Pergamonaltar – unser Schreiten auf den breiten Stufen. Bummeln am Alex und Baden im Müggelsee; meine Studentenbude mit der alten Glodde; Klausuren, Klausuren! Lenins Empiriokritizismus – nie begriffen, Angst vor der Prüfungslektion, meine Schwächen in Gehörbildung. Und die große Liebe! Den Eltern gestanden mit klopfendem Herzen auf geduldigem Briefpapier.

Eine ferne Zeit und doch meine Zeit, die ich gelebt mit allen Konsequenzen. Und Dank auch, dass ihr die Briefe aufbewahrtet.

Auch ich bewahrte Briefe auf. Von der Freundin, die auf der anderen Seite des Vorhangs lebte: in Marburg, Düsseldorf, Saarbrücken. Im Staat Missouri in den USA. Sechzig Briefe, geschrieben zwischen 1950 und 1970. Mit einer wunderschönen klaren Schrift. Ob sie noch weiß, welches Thema sie für den Abituraufsatz gewählt hatte? Oder wie ihre erste Wohnung eingerichtet war? Wohl kaum. Ich konnte es nachlesen. Im Jahr 2008 schenkte ich ihr die Briefe. Da wurde die Freundin siebzig Jahre alt.

Eine fleißige Briefeschreiberin war meine Tochter. Die knallig gelben Seiten mit den bunten Blumenkanten interessieren heute auch die Enkelkinder. „Mutti hat ja kaum Fehler gemacht!“, staunen sie. Und wie aufregend es in einem Ferienlager war!

Jahre später lebt und studiert die Tochter in Moskau. 1985 bis 1990 – die Zeit von Perestroika und Glasnost. Ich erlebte sie mit. Aller paar Tage ein Brief, engzeilig die Seiten, die Schrift oft krakelig. Geschrieben im Bett, dem einzigen warmen Ort im eisigen Internat. Und ich litt mit unter Kakerlaken und fehlendem Klopapier und teilte in Gedanken die Kälte, den Hunger, aber auch den Spaß und die Herzlichkeit junger Menschen aus vielen Ländern der Erde in dieser aufregenden Stadt. Hunderte Briefe! Ich habe sie alle abgetippt und zu Kapiteln gefasst. Dann überreicht zum 35.Geburtstag. Gut, dass du noch kein Handy hattest. Ein Knopfdruck nur – vorbei, verweht, nicht wiederholbar. Nicht nachlesbar.

Und die Briefe vom Freund, der Jugendliebe. Anfang der 60er Jahre. Alltag und große Politik. Auch Himmel und Hölle. Jubel und Verzweiflung. Freude über eine schwarze Kulimine. Und welche Schlagersänger wir mochten! Peter Kraus! German Titow flog ins All, und Christa Wolf ließ uns in den „Geteilten Himmel“ blicken. Ach, ich habe sogar gestrickt. Männerpullover. Mit dicken Nadeln und dicker Wolle. Heute weiß ich, auch Handys hätten die Liebe nicht retten können. Aber die Briefe sind mir geblieben. Welch ein Schatz!

Was wäre mit den Großen dieser Welt, den Prominenten: Schiller, Heine, Mozart, Schumann … Auch Agricola. Nichts, gar nichts oder nur wenig wüssten wir vom Leben vor uns. Geschichte ohne Geschichten, ohne Gesichter. Wären da nicht die Briefe. Zu Tausenden. Nein, unzählbar! Geschrieben im flackernden Kerzenschein, mit Federkiel oder Bleistiftstummel. Wichtiges und Profanes, festgehalten auf Pergament, ausgerissenen Heftseiten oder Packpapier. Und aufbewahrt!

Briefe als Brücken über Entfernungen hinweg. Über Zeiten auch. Quellen, die für uns Nachgeborene üppig sprudeln, wenn wir sie zu nutzen wissen. Briefe faszinieren mich. Von Jahr zu Jahr mehr.

Auf meinem Schreibtisch steht ein Körbchen mit über fünfzig Briefen und Karten. Glückwünsche zum Achtzigsten. Ich kann mich täglich daran erfreuen.





Notizbuch: Die Vertreibung der Griechen

20 05 2019

Mirko Heinemanns hinreißende Spurensuche am Schwarzen Meer

Nicht nur beeindruckt bin ich von diesem Buch, sondern geradezu überwältigt. Ich habe es auf meiner letzten Reise im Zug zur Hälfte gelesen – und mit Erstaunen bemerkt, dass ich ja gar keinen Kriminalroman in der Hand hatte. Im Ernst: so spannend, so gut recherchiert und so gut erzählt. Der Titel: „Die letzten Byzantiner“. Der Untertitel: „Die Vertreibung der Griechen vom Schwarzen Meer. Eine Spurensuche.“ Der Verlag: Ch. Links Verlag. Der Autor: Mirko Heinemann.

Wer Sabine Neumann und mich vom Redaktionsbüro Schwartz besser kennt, kennt wahrscheinlich auch Mirko Heinemann. Seit vielen Jahren haben wir zur größten Tourismusmesse der Welt, der ITB Berlin, in der Pressehalle ein Redaktionsbüro.  Und seit mehreren Jahren arbeitet dort auch Mirko, genießt sozusagen Gastrecht und erfreut uns durch seine Anwesenheit. Der Arbeitsdruck lässt wenig Zeit für Unterhaltungen. Und so sagen wir uns jedes Jahr: Wir müssten uns mal zwischen den ITBs treffen, um uns gründlich auszuquatschen. Und dann ist schon wieder die nächste ITB da.

Dieses Jahr erzählte Mirko – eher beiläufig – von einem Buch, das er geschrieben habe. Griechenland, Türkei, Großmutter, Spurensuche – sehr viel Konkretes ist mir nicht Erinnerung geblieben.  Als er jetzt zur Buchpremiere [Foto unten] einlud, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Was für ein Thema! Was für ein Buch. Es hat, so heißt es im Verlagstext auf dem Schutzumschlag,  eine hierzulande fast vergessene Geschichte zum Inhalt.

Es ist ein Abend im ersten Weltkrieg, der 9. August 1917. Ordu, eine Kleinstadt an der Schwarzmeerküste, die zum Osmanischen Reich gehört, wird von Kriegsschiffen des verfeindeten Russlands in Brand geschossen. Verlagstext:

Da die christlichen Minderheiten des Reichs verdächtigt werden, den Kriegsgegner insgeheim zu unterstützen, fürchten die ortsansässigen Griechen die Rache ihrer türkischen Nachbarn, Panisch versuchen sie, an Bord der Schiffe zu gelangen. Eine, die es schafft, ist die 15-jährige Alexandra.

Alexandra ist Mirkos Großmutter. 100 Jahre später geht der Enkel auf Spurensuche durch den Norden der Türkei – auf die Suche nach seiner Großmutter, seiner Familie und der sogenannten Pontos-Griechen. Der Plan, in die Türkei zu fahren, sei über mehrere Jahre gereift, sagt er. Er sei „ursprünglich aus der reinen Motivation heraus entstanden, das Land und die Heimatstadt meiner Großmutter mit eigenen Augen zu sehen.“ Aber mit zunehmendem Wissen über den Hintergrund, über die Vertreibungen, die Massaker, hat Mirko   „auch die Geschichte dahinter gesehen und die Chance, dass sich eine größere Öffentlichkeit dafür interessieren könnte.“

Mirko Heinemann vor der Brücke in Ordu, Alexandras Heimatstadt

Als Mirko im Sommer 2016 die zehntägige Reise entlang der Schwarzmeerküste unternahm, hatte er eine Zusage von Deutschlandfunk Kultur über ein Radiofeature, das 2017 gesendet wurde. „Dass daraus ein Buch werden würde, war mir damals noch nicht klar,“ sagte er. Aber kurz nach seiner Reise in die Türkei traf er zufällig den Verleger Christoph Links bei einem Grillabend und erzählte ihm von seiner Reise. Und der sah das Potenzial: „Hast du schon mal überlegt, ein Buch daraus zu machen?“ Bei der Realisierung dieses Plans „hat geholfen, dass die FAZ im Sommer 2017 einen großen Artikel von mir über das Thema abgedruckt hat – es interessierte also offenbar mehr Menschen als nur eine kleine Minderheit.“ Heute kommt ihm die zufällige Verkettung vieler Ereignisse schicksalhaft vor, „als sei es die Geschichte selbst gewesen, die aufgeschrieben und veröffentlicht werden wollte“.

Die Türkeireise ans Schwarze Meer bildet im Buch den eigentlichen Rahmen. Aber natürlich schimmern durch die Erzählung immer wieder Erlebnisse und Erfahrungen zahlreicher Reisen nach Griechenland und in Türkei durch, die Mirko im Lauf seines Lebens unternommen hat: „Seit meiner Kindheit fuhren wir beinahe jeden Sommer in den Schulferien nach Kavala in Nordgriechenland, ich kenne Makedonien, Thessaloniki und viele griechischen Inseln sehr gut.“ Auch war er mehrere Male in Istanbul und im Süden der Türkei.

Ehemalige griechische Kirche in Ordu

Bei der Lektüre des Buches habe ich immer wieder gestaunt, wie viele glückliche Zufälle Mirko Heinemann bei seinen Recherchen geholfen haben. Hartnäckig und zielstrebig hat der Journalist auch am PC und in Bibliotheken recherchiert: „Ich habe bereits vor der Reise viel über das Thema gelesen. Knapp 40 für die Recherche relevante Bücher besitze ich selbst, viele davon habe ich gebraucht gekauft. Als es in die heiße Phase ging, war ich in Bibliotheken, habe aber auch viel im Internet recherchiert, Zeitzeugenportale und Dokumentationen durchforstet. Ich habe Interviews geführt, persönlich, telefonisch und per Mail.“

Das Schreiben, jeweils an zwei Tagen der Woche, hat ein Jahr gedauert. Dann kam das Lektorat. Mirko Heinemann:  „Das hat mich noch einmal zwei Monate harter Arbeit mit vielen Abendschichten gekostet, darunter war noch viel historische Recherche.“ Der Lektor Christof Blome hat „das Buch mit dem Blick eines Historikers gelesen, viele Passagen hinterfragt und mich zur differenzierten Betrachtung angeleitet“, berichtet der Autor, „dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Der Kern der Erzählung ist hart und grausam. Der Autor, so heißt es im Text der Schutzhülle, erzählt, wie Griechen seit der Antike an den kleinasiatischen Küsten lebten, mit Byzanz das Erbe Roma antraten, bis sie in den letzten Jahren des Osmanischen Reichs erst dem aufgeschaukelten Nationalismus und schließlich den Interessen der Großmächte zum Opfer fielen.

Auf die Frage, ob er jetzt noch in die Türkei fahren würde, hat Mirko eine klare Antwort:  „Ja, das würde ich, ich habe Freunde in der Türkei und glaube fest daran, dass sich die offene Gesellschaft in diesem Land durchsetzen wird.“ Die Pressefreiheit in der Türkei sei derzeit massiv eingeschränkt, politische Journalisten seien andauernd in Gefahr. Umso wichtiger sei es für Ausländer, Präsenz zu zeigen – „nicht nur als Touristen am Strand, sondern mitten in der Gesellschaft.“ Freunde solle man nicht alleine lassen. Mirko Heinemann: „Es werden bessere Zeiten kommen.“





Notizbuch: Platzhirsch Aegean

15 05 2019

Der unaufhaltsame Aufstieg des Dimitris Gerogiannis

Mittwoch, 15. Mai 2019

Wenn Dimitris Gerogiannis durch das Panoramafenster links vor seinem Schreibtisch blickt, schaut er auf die Startbahn des Eleftherios-Venizelos-Flughafens Athen. Steht er auf und schaut durch das zweite Panoramafenster in seinem Büro, blickt er auf die Halle, in der die Flugzeuge seiner Firma gewartet werden. Dimitris Gerogiannis ist CEO der Fluggesellschaft Aegean.

Diese ist gemeinsam mit der Tochterfirma Olympic Airways Platzhirsch auf dem Flughafen, der nach einen berühmten Politiker und mehrfachem Premierminister benannt ist. Aegean hat dort viel Konkurrenz: 70 Fluggesellschaften operieren aus Athen heraus.

Aegean Airlines genießt in der Fachwelt und bei den Fluggästen einen ausgezeichneten Ruf. Die Flugkunden freuen sich über die Verpflegung, die ihnen von Billigcarriern versagt wird. Zudem wird das Flugpersonal wegen der typisch griechischen Herzlichkeit gelobt – nur das mit dem Englisch, das sollten viele von ihnen noch einmal üben. Die typischen Durchsagen der Cockpit-Crew sind oft kaum verständlich.

Das widerpricht eigentlich dem Glaubensbekenntnis des obersten Chefs: Dimitris Gerogiannis ist geradezu besessen von seinem Qualitätsanspruch. Sein Vorbild ist Theodoros Vassilakis, der vor einem Jahr gestorbene Gründer der Aegean. Der Selfmademan hatte seine Karriere auf Kreta mit einer Autovermietung und sechs Käfern begonnen. „Er hat alles gemacht“, bewundert ihn der Aegean-CEO, „er hat Werbung gemacht und geputzt.“ Vom Herz-Chef auf Kreta stieg er 1974 zum Boss der Autovermietung für ganz Griechenland auf; zu der Zeit war er während der Zypernkrise als Soldat eingezogen. Die Familie Vassilakis ist eine der fünf Familien, denen heute noch 67 Prozent der Fluggesellschaft gehören. In den ersten Jahren haben die Eigner viel Geld verloren. Ab 2003 kamen dann profitable Jahre – mit Ausnahme der Kriesenjahre von 2010 bis 2012.

Dimitris Gerogiannis kam im September 1999 zur Fluggesellschaft, „als das dritte Flugzeug gekauft wurde“. Heute sind es 61. Von Hause aus ist er Ingenieur, hat acht Jahre bei Daimler gearbeitet. Und spricht ausgezeichnet Deutsch. Er selbst sagt, es sei „Zufall“ gewesen, dass er zurück nach Griechenland gegangen sei. Es war der Liebe wegen. Am Anfang war Gerogiannis zuständig für Backoffice, IT, Finanzen, Human Resources. 2001 stieg er zum General Manager auf und war von 2012 bis 2018 zusätzlich „Accountable Manager“, also verantwortlicher Betriebsleiter, wie ihn das Gesetz für eine Airline vorschreibt. Seit 2007 ist er CEO der Fluggesellschaft.

Nach jahrelangem Streit mit der EU konnte Aegean die mächtig geschrumpfte Olympic Airways erwerben. Die hatte Onassis gegründet und groß gemacht. Als sie 1975 staatlich wurde, begann der Sinkflug. „Zu der Zeit war die Olympic eine Katastrophe“, sagt der CEO. Heute bedient sie das Inland, „dadurch haben wir guten Zugriff auf fast alle griechische Inseln“ (Gerogiannis). Der Chef und seine Mitstreiter – zur Zeit 2.800, im Sommer steigt die Zahl auf 3.200 – haben etwas geschafft, was viele alte Griechenland-Urlauber nicht zu hoffen gewagt hätten: Es klappt reibungslos mit dem Umsteigen von Aegean-Maschinen aus Europa, wie Griechen die westeuropäischen Länder nennen, auf Olympic-Maschinen. Aegean und Aegean-Tochter bedienen täglich 151 Flughäfen, davon 31 griechische. In diesem Jahr bietet der Carrier 17,7 Millionen Sitzplätze an. „Arbeit ist immer da“, sagt Dimitris Gerogiannis, „Feierabend gibt es nicht.“

Ein zehnseitiges Griechenland-Special ist am Montag dieser Woche, 13. Mai, in touristik aktuell erschienen. Einer der Aufmacher war dieser – mein – Bericht über Aegean Airlines, in leicht veränderter Form und mit anderen Fotos