Notizbuch: kein Stillstand bei Universal

17 06 2018

Sonntag, 17. Juni 2018

Harry Potters Welten, atemberaubende Achterbahnen, viele Menschen mit Übergewicht, SpongeBob und Genossen, Parade am Nachmittag – als ich vor eineinhalb Jahren die beiden nebeneinander liegenden Universal Vergnügungsparks in Orlando besuchte, kam ich aus dem Staunen kaum heraus. Da dabei das Kind im Manne geweckt wurde, dachte ich noch oft an die Park-Attraktionen. Gerne würde ich noch einmal hinfahren und sehen, was sich inzwischen getan hat. Das ist für 18 Monate unglaublich viel.

Stillstand ist Rückschritt. Nach diesem Motto werden die Universal Parks & Resorts in Orlando zügig ausgebaut. So werden im Vergnügungs-park Universal Studios Florida zwei neue sogenannte Rides angeboten: rasante, mitunter buchstäblich atemberaubende Fahrten durch eine Themenwelt, unterfüttert durch raffinierte Video- und Geräuscheffekte: „Fast and Furious Supercharged“ und „Race Through New York mit Jimmy Fallon“.

Dabei existiert in dem Park wie im unmittelbar benachbarten Universal’s Islands of Adventure schon ein Überangebot an Attraktionen von Achterbahnen bis zum SpongeBob-Land, das man in jeweils einem Besuchstag gar nicht mehr alles genießen kann. Schon die Harry Potter Welten in beiden Parks, die detailgetreu den Buch- und Filmvorlagen nachgebaut sind, verlangen stundenlange Aufmerksamkeit – das Schlagestehen vor dem Butterbier-Stand im Dorf Hogs-meade noch gar nicht mit gerechnet.

Und da gibt es auch noch den Citywalk, eine den Parks gegenüberliegende Promenade mit Geschäften und abwechslungsreicher Gastronomie. Dort sind gerade zwei Attraktionen mit klingenden Namen eröffnet worden: „Toothsome Chocolate Emporium“ und „Savory Feast Kitchen“. Doch damit nicht genug: die Universal Parks & Resorts haben in diesen Tagen in der Nähe der beiden bewährten Themenparks noch einen dritten eröffnet: Volcano Bay ist ein Wasserpark mit Rutschen, Pool, Ruhezonen und Regenwald. Der Park rühmt sich, anders und besser zu sein als jeder andere Wasserpark in der Welt. Originell ist ein Armband, mit dem man sich virtuell in die Warteschlange vor einer Attraktion einreihen und die Wartezeit mit anderen Attraktionen und Aktivitäten überbrücken kann.

Nur schwer zu überblicken ist das Angebot an Parktickets für Einzelreisende, Paare und vor allem Familien, wobei der Eintrittspreis pro Park  sinkt, je mehr Parkbesuche ein Kombiticket umfasst. Auch von deutschen Reiseveranstaltern angebotene Hotels locken wiederum mit Sonderkonditionen, zum Beispiel Einlass vor der normalen Öffnungszeit oder Schnellzugang zu Attraktionen vorbei an den Warteschlangen. Das Hotelkonzept, mit dem Loews Hotels und das Universal Orlando Resort kooperieren, ist überzeugend. Fünf völlig unterschiedliche Hotels mit insgesamt 5.200 Zimmern gruppieren sich um die drei Vergnügungsparks: Sapphire Falls Resort mit einem Hauch von Karibik, das nur dreieinhaöb Sterne besitzt, aber erstaunlich komfortabel ist,  das ebenfalls eher im niedrigeren Preissegment operierende Cabana Bay Beach Resort, und drei ausgesprochene Luxushäuser – das Hard Rock Hotel, Loews Royal Pacific Resort und Loews Portofino Bay Hotel.

Sapphire Falls Resort

Noch im Sommer soll ein weiteres Hotel hinzukommen: Universal’s Aventura Hotel mit 600 Zimmern. Zwei weitere Häuser im Budget-Bereich sind als „Universal’s Endless Summer Resort“ in der Planung: Surfside Inn and Suites mit 750 Zimmern (geplante Eröffnung: Sommer 2019) und Dockside Inn and Suites mit 2.050 Zimmern (Eröffnung 2020).

 

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Kurznotiz: Wasser predigen…

16 06 2018

Samstag, 16. Juni 2018

…und Wein trinken! Wie verlogen ist das denn? Als ich heute in der Mai-Ausgabe des „journalist“ blätterte, der Verbands-Zeitschrift des Deutschen Journalisten-Verbands, entdeckte ich dieses „Advertorial“. Der Hinweis ist keine zwei Milliometer groß, kaum zu lesen und geschickt platziert. Man mag solche Advertorials anrüchig finden, aber mancher Verlag kommt ohne diese Art sublimer Lesertäuschung nicht über die Runden. Aber hier ist eine Grenze überschritten – und das in der Zeitschrift der Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten. Schämenm Sie sich, Kollege Daniel [Chefredakteur des „Journalist“].





Notizbuch: Lebensträume

13 06 2018

Dienstag, 13. Juni 2018

„Lebe Deinen Traum“ – was für ein schönes Motto für einen Lesergeschichten-Wettbewerb. Den hatte sich die Tageszeitung Neues Deutschland [nd] einfallen lassen. Zum 16. Mal rief sie zu diesem Wettbewerb auf. Über 100 Leserinnen und Leser reichten ihre Geschichten ein,  zehn kamen in die Endauswahl, wurden dem Publikum vorgelesen und von diesem bewertet – ein bemerkenswertes Beispiel für gelungene Leser-Blatt-Bindung.

Ich war bei der Vorleseaktion dabei – und baff über das hohe Niveau der zehn Beiträge. Sie wurden abwechselnd vom nd-Verlagsleiter Olaf Koppe und von Heidi Diehl [Foto unten] vorgelesen, der Reiseredakteurin und Betreuerin der Leserbriefe. Nur einen Beitrag las die Autorin selbst vor, dies außer Konkurrenz – den er hieß „Drömerei“ und war auf Platt geschrieben. Die Autorin der Geschichte heißt Linda Schöttle – und ist 14 Jahre alt.

Den dritten Preis des Wettbewerbs gewann eine 13-jährige, Lisa Dokutschajew; sie schrieb die köstliche Geschichte über die Sehnsucht nach einem Haustier „Mein neuer Freund mit Fell“.

Linda Schöttle [oben] und Lisa Dokutschajew

Den zweiten Preis ergatterte Werner Laube mit der Geschichte eines Lebenstraums: „Mein Traum von Spitzbergen“. Gewonnen hat den spannen Wettbewerb gewann ein 80-jähriger, der jung gebliebene Ludwig Stern aus Potsdam.

Werner Laube [oben] und Ludwig Stern, der Sieger [unten]

Hier seine Geschichte mit dem Titel „Wer zum Wandern geboren, taugt nicht zum Gärtnern“:

Nachdem ich einige Jahre in Gemeinschaftsunterkünften und Studentenheimen verbracht hatte, kam ich bei einer Wanderung mit meiner Kinderwandergruppe um den Lankower See an einem herrlichen Garten vorbei. Noch nach 50 Jahren sehe ich das Bild deutlich vor mir, als wäre es gestern gewesen: Auf einem Hügel stand, mit Blick auf den See, ein schlossähnliches Haus mit Säulen am Eingang im Schatten einer riesigen Eiche. Vom rosenumrankten Gartentor führte ein Weg durch Blumen der verschiedensten Farben zum Haus empor. Im Wasserbecken planschten Kinder, eine Frau saß in ihrer Nähe, und ein Mann schaukelte inmitten von Kirschbäumen in einer Hängematte. Aus der Entfernung sah es so aus, als bräuchte er nur den Mund zu öffnen, um sich an den Kirschen zu laben. Und über allem wölbte sich ein strahlender blauer, wolkenloser Himmel.

 

Vielleicht hatten mich kurz vorher meine Schützlinge mit den Fragen: „Wie weit ist es noch?“, „Wie lange dauert es noch?“, „Wann machen wir eine Pause? geärgert, denn plötzlich dachte ich daran, wie schön es wäre, dort oben in der Hängematte zu liegen oder Kirschen zu pflücken, statt, um die Worte meiner Frau zu verwenden, „mit fremden Kindern sinnlos durch die Gegend zu laufen.“

 Kurz darauf musste mein damaliger Chef seinen Wohnort wechseln und bot mir für 3000 Mark ein Zweifamilienhaus und für 1000 Mark tausend Quadratmeter Land zum Kauf an. Als ich meiner Frau davon erzählte und sie fragte, ob wir zugreifen sollten, antwortete sie: „Mit jedem anderen, aber nicht mit dir!“ Denn sie kannte mich zu diesem Zeitpunkt schon genügend lange. Es blieb beim Traum.

 

Als Jahrzehnte später ein neuer Chef sehr kurzfristig seinen Wohnort verlassen musste und Probleme hatte, seinen Garten loszuwerden, brauchte ich keine Frau mehr zu fragen und übernahm fürn Appel und n Ei einen sehr gepflegten Garten mit einem stabilen Gartenhäuschen. Weniger für mich, mehr für meine Enkel.

Das Gartenhaus lag weder auf einem Hügel, noch hatte es einen Blick auf einen See, aber auch neben ihm stand eine Eiche und zwischen den Kirschenbäumen konnte man mit Leichtigkeit eine Hängematte anbringen.

Weder mein Sohn, noch ich hatten Erfahrungen im Umgang mit einem Garten. Aber seine Frau war auf dem Lande groß geworden, und solange sie der Meinung war, dass Gartenarbeit schlank macht, gab es keine größeren Probleme. Da sie nicht schlank wurde, blieb, nachdem sich mein Sohn eine Zecke eingefangen hatte und sich deswegen nicht mehr in den Garten traute, schließlich alle Arbeit an mir hängen. Es ist erstaunlich, was alles getan werden muss, bevor man sich mit reinem Gewissen zwischen zwei Kirschbäumen  in eine Hängematte legen kann, welche Gefahren einem Laubendach unter einer großen Eiche bei Sturm drohen und wie empfindlich die Pflanzen sogar auf kleine Verfehlungen reagieren. 

Da ich gegen den Gebrauch von Giften bin, fressen alles, was unter der Erde wächst, die Wühlmäuse, alles darüber die Nacktschnecken und die Kartoffelkäfer. Die Vögel verhindern, dass einem die Kirschen in den Mund wachsen. Nicht einmal von Raubvogelattrappen lassen sie sich beeindrucken. Die frechsten Spatzen ruhen sich sogar auf diesen Attrappen aus.

Und der Eichenbaum, der mich seinerzeit so nachhaltig beeindruckt hatte, bereitet mir die meisten Sorgen. Ständig fallen Äste auf das Dach, und ständig müssen die Eicheln aufgesammelt werden, damit der Rasen sich nicht in einen dichten Wald verwandelt. Und wenn sich dann wochenlang strahlend blauer, wolkenloser Himmel über dem Garten ausbreitet, kann man nicht zum See oder ans Meer fahren, weil die Blumen es übelnehmen würden. Deswegen habe ich seit zehn Jahren ausgeträumt. Wer zum Wandern geboren, taugt nicht zum Gärtnern.

 

 

 

 

 

 





Notizbuch: Blackout Cities

6 06 2018

Mittwoch, 6. Juni 2018

Was Blackout Cities macht, ist leicht erklärt. Aber nur schwer zu verstehen. Den wahren Wert dieser Kunstwerke erkennt ohnehin nur, wer sie im Original gesehen hat. Zum Beispiel in der Ausstellung „Disturbance“ in der whitegrid gallery in der Kreuzberger Graefestraße. But hurry up, sie ist nur noch bis zum 16. Juni zu sehen.

Hinter Blackout Cities steht die junge Künstlerin Marie M. Benaboud. Marie hat ihre Wurzeln in Marokko, Belgien und der Schweiz.  Sie lebt und arbeitet als Architektin in Berlin. Bei ihren Arbeiten kombiniert sie Architektur, eigene Fotografien und von ihrer Hand ausgeführte Illustrationen.

„Die prägende Verwendung von Schwarz, die strenge Komposition und die Abwesenheit von menschlicher Präsenz erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die Maries Arbeit charakterisiert“, heißt es dazu auf den Internetseiten der Gallery. Die Vielschichtigkeit der Siebdrucke – im wahrsten Sinne des Wortes – erkennt nur, wer sie im Original sieht, dicht an sie herantritt und dann Schicht für Schicht sieht. Nicht weniger vielschichtig ist der Titel der kleinen Ausstellung: In Disturbande – Störung, vielleicht auch Belästigung, auf jeden Fall: Unruhe verursachen – steckt das Wort  urban.

Marie druckt ihre Kunstwerke im Siebdruck übrigens im STATTLAB, Siebdruckwerkstatt und Schwarzweiß-Fotolabor im Wedding. „Wir sind ein offenes Gemeinschaftsatelier und geben regelmäßig workshops“, heißt es auf deren Website [www.stattlab.net/]. Last but not least: Wer es nicht in die Ausstellung in die Galerie in die Graefestraße schafft: Blackout Cities hat einen hochspannenden Internet-Auftritt mit Online-shop: http://www.blackoutcities.com/ . Dort habe ich noch so viele weitere hochspannende Kunstwerke von Marie entdeckt, dass ich ihr – und mir! – noch so manche Ausstellung in Berliner Galerien wünsche.

Noch ein Wort zur whitegrid gallery: Sie ist eine neue Galerie in Berlin für Drucke in limitierter Auflage. „Unser Portfolio umfasst Artworks aus den Bereichen Illustration, Grafik und Typografie, die mit Hilfe von Techniken wie Siebdruck, Risografie und Linoldruck umgesetzt werden“, sagt Doris Reißermayer, mit Thomas Reisinger Gesellschafter[in] der Galerie. Die Preise sind so, dass sich jeder eins der ausgestellten Kunstwerke leisten kann. Ein Zitat aus der Website [https://whitegrid.gallery/ ] der Galerie: „Alle Drucke unserer Kollektion sind von Hand gefertigte und im Rahmen einer Edition produzierte Originale. Jedes einzelne Blatt wird separat bedruckt und vom Künstler individuell signiert. Durch diesen Prozess entstehen Kunstwerke, die den Charme von in Serie gefertigten Originaldrucken besitzen. Jeder Druck ist ein Unikat und existiert so nur ein einziges Mal.“

whitegrid gallery, Graefestraße 78

Bislang hat die vor einem Jahr gegründete Galerie, die zur größeren Wertschätzung von Drucken jedweder Technik beitragen will, 26 Künstler unter Vertrag. Ziel sind 40 Künstler. Doris Reißermayer: „Mindestens ein Bild eines jeden Künstlers soll hier hängen.“ Und: „Wir wollen unsere Begeisterung und Leidenschaft für ausdrucksstarke und originelle Drucke nutzen und hochwertige handgefertigte Editionen ausstellen, die zeigen, wie aktuell klassische Drucktechniken auch heute noch sind.“

 

 

 





Notizbuch: Paros again

28 05 2018

54 Jahre ist es her, dass ich zum ersten mal in Griechenland war. Und durch Zufall auf die Kykladeninsel Paros geriet. Voriges Jahre habe ich diese Reise eins zu eins wiederholt. Hier der Bericht über die Rückkehr, der letzten Samstag/Sonntag im Reiseteil der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen ist:

Rumpelnd schiebt sich die Fähre Ekatherini in den engen Hafen von Paros. Markerschütternd schrammt Metall an Beton entlang. Im Hafen stehen alte, schwarz gekleidete Frauen und flüstern „Rooms, rooms“. Im so ergatterten Zimmer gibt es nur stundenweise Strom und zwei Stunden am Tag Wasser. Wenn wir diese verpassen, müssen wir uns mit Wasser aus riesigen Amphoren übergießen. Das Frühstück im Kafenion am Hafen der Inselhauptstadt ist karg, wie damals in ganz Griechenland üblich: Nescafé, Toast und ein Klecks Marmelade.

Parikia einst und heute. Das untere Foto hat meine Kollegin Maria Menzel gemacht, die mich auf der Reise nach Paros begleitet hat.

Paros im Jahr 1964. Ich studierte in diesen Jahren Archäologie – und war noch nie in Griechenland. Also reiste ich mit einer Kommilitonin im Hellas-Express nach Athen. Aber da der damalige König Konstantin II. gerade seine dänische Prinzessin geheiratet hatte, feierten die Athener bei Tag und bei Nacht. Der Lärm war so stark, dass wir uns nach ein paar Tagen entschlossen, auf „irgendeine Insel“ zu fahren, obwohl wir uns in der griechischen Inselwelt nicht auskannten. Die Wahl fiel auf Paros.

Paros habe ich seitdem nie mehr besucht. In Erinnerung geblieben ist eine schneeweiße Kykladeninsel mit freundlichen Bewohnern, herrlichen Stränden und vielen Sehenswür-digkeiten. Ein touristisches Paradies also… Das wollte ich wiedersehen und machte mich im Vorjahr auf die Reise. Die Fähre von Piräus nach Paros war modern und komfortabel, nicht so ein – gefühlt – schwimmender Schrotthaufen wie vor 54 Jahren. Im Hafen der Inselhauptstadt Parikia können jetzt drei oder vier Fähren gleichzeitig anlegen. Gab es damals auf der ganzen Insel nur vier Hotels, sind es heute 138. „Bis 1980 war Naussa ein kleines, traditionelles Fischerdorf,“ erinnert sich Giannis Vasikopoulos [kleines Foto], der mit 73 Jahren ehrenamtlich das Heimatmuseum in Naussa betreut. Nicht nur im heutigen Touristen-Hotspot der Insel lebten die meisten Familien wie Giannis‘ vom Fischfang und von der Seefahrt. Das Heimatmuseum ist klein und besteht praktisch nur aus einem Raum. Giannis nimmt Besucher mit auf eine Zeitreise, zeigt historische Bücher, alte Fotos und Postkarten aus vergangenen Zeiten.

Und dann kam, was Giannis „ein Bumm“ nennt: Der Tourismus überrollte die Kykladeninsel. Traf früher zweimal pro Woche eine Fähre ein, sind es heute in der Hochsaison bis zu 20 am Tag. In der höchsten Hochsaison kann es eng werden in Parikia oder Naoussa, wo sich ein Restaurant ans andere reiht, Bars miteinander konkurrieren und vor allem „Rooms to let“ und „Studios“. Dann müssen Gäste aufpassen, nicht unter die Räder eines der vielen Quads zu geraten. Betrunkene Jugendliche sind dann keine Seltenheit. „Im Juli und August geht es in Naoussa zu wie auf dem Oktoberfest“, klagt ein deutscher Reiseveranstalter. Die Insel hat 15.000 Bewohner, im Sommer explodiert die Zahl aufs Zehnfache.

Aber Paros hat so viele Strände, dass jeder sein Plätzchen findet. Die Strände – meist Sand-, seltener Kiesstrände – umziehen die ganze Insel. Windige sind darunter und windgeschützte, kleine Buchten und weite Flächen. Nacktbaden wird fast überall geduldet; dass sich ortsnahe Strände nicht für dieses Badevergnügen eignen, versteht sich von selbst. Mit Monastiri Beach im Norden der Insel existiert sogar ein offiziell ausgewieser FKK-Badestrand.

Auch gibt es Orte wie Prodromos, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die hier lebenden 300 Bewohner werden weder von Autos noch von Mopeds gestört: Motorfahrzuge sind hier verboten. Ohne Abgase gedeiht die Blumenpracht, für die Prodomos berühmt ist, besonders prächtig. Aber selbst in Orten, in denen der Tourismus sechs Monate pro Jahr den Ton angibt, fällt auf, dass nirgends Bausünden zu finden sind – mit Ausnahme der unvollendeten Bauten, aus deren fertigen Stockwerken die Armierung für das nächste Stockwerk ragt, in Griechenland Hoffnungseisen genannt. „Auf den Kykladen darf nur zweistöckig gebaut werden“, betont Jiorgos Bafitis [kleines Foto links], Präsident der Hotelvereinigung von Paros. Hotels dürfen maximal 50 Zimmer haben, sein – anheimelndes – Hotel Kalypso in Naoussa hat nur 40. Vorschrieben sind auch die traditionelle weiße Farbe der Häuser sowie Holzfensterrahmen und –türen, diese in Blau oder Grün.  Das hat sich seit meiner Reise vor über 50 Jahren nicht verändert. Die Inselbewohner streichen jetzt auch die weißen Fugen in den Gassen der Inselorte mehrmals im Jahr nach, die Tradition verlangt das eigentlich nur zu Ostern.

80 Prozent der Familien leben vom Tourismus, viele der Helfer kommen aus Albanien. Auffallend ist die Freundlichkeit und Offenheit der Inselbewohner. „Das kommt davon, dass wir so lange zur See gefahren und den Umgang mit Fremden gewohnt sind“, sagt Giannis Vasikopoulos. Selbst im Straßenverkehr geht es für griechische Verhälnisse gesittet zu, gehupt wird fast nie.

Panagia Ekatontapyliani

Paros wirbt damit, „für alle“ Urlauber da zu sein. Auch wem es widerstrebt, zwei Wochen nur Sand und Sonne zu genießen, ist hier gut aufgehoben. Die Insel hat so viele Sehenswürdigkeiten, dass Urlauber mühelos eine Woche mit Sightseeing verbringen können. Allen Zielen voran die Panagia Ekatontapyliani, [„die mit den 100 Fenstern und Türen“] in der Inselhauptstadt, eine der prächtigsten byzantinischen Kirchen ganz Griechenlands – und nur eine von 450 Kirchen, Kapellen und Klöstern auf Paros. So freizügig sich die Insel an den Stränden geriert, so streng sind die Kleidervorschriften in orthodoxen Kirchen. Wer zu offenherzig gekleidet ist, muss sich am Eingang der Kathedrale züchtige Kleidung ausleihen. Keinesfalls versäumen sollten Besucher den Abstecher in die Taufkapelle: Fast die gesamte Fläche nimmt ein kreuzförmiges Becken aus dem früchristlichen 4. Jahrhundert ein, in dem die zu Taufenden ganz untertauchten.

Ein detailgetreuer Nachbau der Kathedrale ist Star im sehenswerten Freilicht-Miniaturmu-seum in Aliki, an dessen Modellen Benetos Skaras 40 Jahre lang gewerkelt hat und das bei meinem ersten Besuch auf Paros noch nicht existierte. Leuchttürme und Kirchen hat er detailgetreu nachgebaut, Windmühlen, antike Theater und vor allem: Schiffe, Schiffe und nochmal Schiffe. „Mein Vater hat den absoluten Maßstab im Kopf“, sagt seine Tochter Katerina. So habe sich ihr Vater ein paar Tage die Panagia Ekatontapyliani angesehen, sich auf Zettel ein paar Notizen gemacht und dann die Kirche nachgebaut – eine Meisterleistung.

Eine solche ist im Museum des Bildhauers Nikos Perantinos im Örtchen Marpissa nicht leicht zu finden. In einem früheren Schulgebäude sind 200 Skulpturen des über die Landesgrenzen hinaus kaum bekannten Bildhauers aufgestellt, der 1991 mit 81 Jahren auf Paros gestorben ist. Als er 80 Jahre wurde, hat er seine Werke Marpissa, dem Geburtsort seines Vaters, geschenkt. Fast alle Bronze- und Marmorstatuen wirken allzu glatt und unbeseelt. Einzig eine Büste des Malers El Greco lohnt den Besuch. Aber große Verdienste hat sich Perantinos in den 1940-er Jahren mit der Restaurierung der hellenistischen Figur Jockey aus Artemision im archäologischen Nationalmuseum in Athen erworben.

Auch die berühmte Venus von Milo im Louvre stammt aus hellenistischer Zeit, dem 2. Jahrhundert v.Chr. – und der feine, lichtdurchlässige Marmor, aus dem sie geschaffen ist, von der Insel Paros.

Die unterirdische Stollen, in denen der Marmor bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gewonnen wurde und vor allem in der Antike zu ungezählten Kunstwerken verarbeitet wurde, existieren noch. Sie können besichtigt werden. Die drei Stollen sind zwar gesperrt – aber wen stört so etwas schon in Griechenland.





Notizbuch: viel laut – viel schön

20 05 2018

Sonntag, 20. Mai 2018

„Viel laut!“ sagte die Dame, die mir in der U-Bahn gegenübersaß. In jedem U-Bahnhof stiegen noch mehr Leute ein, und es wurde lauter und lauter. Sie alle hatten ein Ziel: die Bahnstation Gneisenaustraße, um den Umzug zum Karneval der Kulturen zu sehen. Das traumhaft schöne Wetter trug dazu bei, dass der Umzug wieder zum gigantischen Volksfest geriet. Berlin von seiner schönsten Seite.

Zur Stimmung trugen auch die vielen Frankfurter-Fans bei, die Berlin noch nicht verlassen hatten  – übernächtigt, mit gehörig Restalkohol im Blut und siegestrunken. Der diesjährige Karneval war der 23. In ununterbrochener Folge. 4000 Mitwirkende zogen in 68 Gruppen, darunter 13 neuen, durch Kreuzberg – Sänger und Tänzer, Musiker und Mitläufer, dies alles in weiblicher und männlicher Form.

Beeindruckend waren die Kostüme, ansteckend die gute Laune. „Der Karneval der Kulturen ist ein freudvolles Statement für eine offene und interkulturelle Gesellschaft“, heißt es auf der website des Karnevals der Kulturen, „er spiegelt seit mehr als 20 Jahren wie kaum eine andere Veranstaltung die Vielfalt Berlins wider.“ Denn „hier kommen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und kultureller Bezüge zusammen, um Ihre Leidenschaften, Ideen und Wünsche kreativ auf die Straße zu bringen und mit einem aufgeschlossenen Publikum zu teilen.“

bDer Sicherheitsaufwand war groß, aber blieb vom Publikum unbemerkt. Gewiss gingen die Veranstalter ein großes Risiko mit dem Umzug ein. Andererseits legte Berlin mit der Genehmigung und finanzieller Unterstützung des Sicherheitskonzepts ein klares Bekenntnis dazu ab, sich vom Terror nicht beeindrucken zu lassen.

Der Umzug war nicht nur Musik und Tanz und Kostüme und Friedefreudeeierkuchen. Einige Gruppen, nein: viele Gruppen hatten und haben eine politische Botschaft. Sie widmen sich Frauenrechten, dem Schutz der Meere, dem friedlichen Zusammenleben. Die Welt könnte so schön sein…





Notizbuch: B&B

19 05 2018

Samstag, 19. Mai 2018

Was für ein Sprung: vom wirklich luxuriösen Ikos Resort auf Korfu [5 Sterne] ins gerade eröffnete Budget-Haus B&B Hotel Hamburg-Wandsbek [2 ½ Sterne]. Das Zimmer ist so groß wie im Ikos mein Badezimmer. Aber es ist alles da: ein gutes Bett, Haken, Ablageflächen, Fernseher, Klimaanlage [!], freies W-Lan. Halt, etwas fehlt: der Föhn. Also am nächsten Morgen nicht die Haare gewaschen, nicht geföhnt und keinen Wachs reingeschmiert. Wie Struwwelpeter erscheine ich zum Gespräch mit dem Hoteldirektor.

„Die Föne werden gerade angebracht“, lacht der, „deshalb haben wir den Hinweis an der Rezeption entfernt, dass man sich einen Föhn ausleihen kann.“ Wir sitzen im überraschend großen, sehr farbigen und durchaus gemütlichen Frühstücksraum. Das Frühstück war in Ordnung und seinen Preis, 8,50 Euro, wert. Der Kaffee aus dem Automaten genügte sogar meinen Ansprüchen; wer mich näher kennt, weiß, was das bedeutet.

farbig & gemütlich: der Frühstücksraum

Wolfgang Sparenberg heißt der Hoteldirektor, ein freundlicher, offener Mensch. Mit seiner Frau Bianca betreibe er auch noch das B&B-Hotel Hamburg-Mitte, erzählt er. Betreiben? Ist er nicht Angestellter der Hotelgruppe? Nein, er habe mit seiner Frau eine GmbH gegründet. Über die manage er die beiden Hotels. Das ist also so etwas Ähnliches wie ein Franchise-System. Die Hotel-Gesellschaft  B&B Hotels gibt das Konzept bis ins kleinste Detail vor, die Franchise-Nehmer sorgen dafür, dass der Laden läuft.

Die Rezeption des erst vor knapp zwei Wochen eröffneten B&B Hotel Hamburg-Wandsbek ist rund um die Uhr, also 24 Stunden, besetzt. „Das keine Vorgabe“, sagt Wolfgang Sparenberg, der schon seit über 20 Jahren im Hotelgewerbe tätig ist. Andere B&B-Häuser haben einen Nachtschalter. Über hundert dieser Budget-Hotels gibt es in Deutschland – von A wie Aachen bis W wie Würzburg. Bis 2020 soll die Zahl auf 150 steigen. „Der Markt gibt das noch her“, sagt Wolfgang Sparenberg. Und dann stellt er eine Frage, die er selbst beantwortet. Die Frage: „Wissen Sie, warum es so gut ist, für B&B Hotels zu arbeiten?“ Die Antwort: „Weil es hier nur ein Produkt gibt.“ Eine Anspielung auf die Accor-Gruppe, die vom Budget-Haus bis zum Luxushotel viele Produkte anbietet und wo „mitunter das eine Produkt das andere subventionieren muss“ (Sparenberg).

Jeder Quadratzentimeter ist genutzt

Im Hamburger Haus in der City – und Sparenberg erwartet das auch für sein Wandsbeker Haus – quartieren sich wochentags viele Businessleute ein, am Wochenende mehr Hamburg-Besucher auf Sightseeing-Tour – auch Familien. Die Häuser haben nicht nur Einzel- und Doppelzimmer, sondern auch Dreibett- und Familienzimmer mit Doppelstock-Betten. Sparenberg: „Eine ganze Familie für 90 Euro die Nacht…“ Dass das B&B Hotel Hamburg-Wandsbek 250 Betten besitzt, erfahren übrigens potenzielle Gäste nicht aus dem 150-seitigen gedruckten Hotelverzeichnis. Auch nichts über all den Komfort, den die Häuser bieten. Eigentlich merkwürdig.

 

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