Notizbuch: die Schöne und das Haus

12 01 2018

Freitag, 12. Januar 2018

Ich trage auch im Winter keinen Hut. Sonst würde ich ihn vor einer Frau ziehen, die ich bewundere: Dorothea Schöne, unendlich fleißige Chefin eines der unbekanntesten Berliner Museen, des Kunsthauses Dahlem. Das liegt am Rand des Grunewalds am Käuzchensteig, noch nicht einen Steinwurf vom berühmten Brücke-Museum entfernt.

Dr. Dorothea Schöne besitzt einen bunten Lebenslauf. Sie hat Kunstgeschichte und Politikwissenschaft und was weiß ich noch alles studiert und mehrere Jahre in den USA verbracht, wo sie am Los Angeles County Museum of Art [LACMA] gearbeitet hat. Ihr Thema – das sich wie ein Roter Faden durch ihre Biografie zieht – war auch dort die Nachkriegsmoderne. Als Dorothea Schöne nach Berlin zurückkehrte, wo ihre Eltern leben, arbeitete sie als freie Kuratorin, Kunstgeschichtlerin und Programm-Direktorin des auf Kunst spezialisierten Sparten-Fernsehkanals ikonoTV. Und dann kam vor ein paar Jahren eine Aufgabe auf sie zu, wie ich sie mir interessanter und passender nicht vorstellen könnte: Chefin des Kunsthauses Dahlem, untergebracht im früheren Atelierhaus des Bildhauers Arno Breker, in dem auch die Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Sitz hat.

Arno Breker, Bernhard Heiliger, Bernhard-Heiliger-Stiftung, Kunsthaus Dahlem – das hängt alles zusammen. Arno Breker [1900 bis 1991] war ein hochbegabter Bildhauer, der als einer von Hitlers Lieblingskünstlern unter den Nationalsozialisten zum Vizepräsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste aufstieg. Sein Gönner und Förderer war Albert Speer, der ihm zahlreiche Aufträge für Monumentalfiguren erteilte. Speer ließ von 1938 bis 1942 am Rand des Grunewald das Staatsatelier für Arno Breker bauen, jenes große Gebäude, das heute das Kunsthaus Dahlem beherbergt.  Wegen der zunehmenden Bombardierungen hat Breker das Atelier nur selten benutzt.

Nicht nur in der großen Halle [oben] des Kunsthauses Dahlem, sondern auch auf der Galerie [unten] finden Ausstellungen statt.

Nach dem Krieg dient das Haus als internationales Künstlerhaus. Einer der Künstler, der hier einzieht und arbeitet, war der Bildhauer Bernhard Heiliger [1915 bis 1995]. Heiliger, der bei Breker studiert und auch in dessen Bildhauerwerkstätten arbeitete, war kein Nazi-Günstling. Er war Aussteller der documenta I und II und der Biennale in Venedig und Mitglied der  Akademie der Künstler und empfing viele Auszeichnungen.

Eine von über 20 Plastiken Bernhard Heiligers im Garten des Kunsthauses

1996, im Jahr nach seinem Tod, wurde die Bernhard-Heiliger-Stiftung gegründet, die ihren Sitz in Heiligers Wohnatelier im Kunsthaus Dahlem hat. Ihr Zweck ist es, wie es in einem, Flyer der Stiftung heißt, „das Wirken Bernhard Heiligers kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten, Dokumente zu seinem künstlerischen Schaffen zu sammeln und zu bewahren sowie seinen umfangreichen Nachlass, bestehend aus Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen und Assemblagen, konservatorisch und restauratorisch zu betreuen.“

Vor ein paar Jahren, als ich aus dem benachbarten Brücke-Museum kam, noch ganz beseelt und berauscht von der Farben-Symphonie, in die ich dort eingetaucht war, warf ich zufällig einen Blick auf den Garten des Atelierhauses, das damals noch nicht als Kunsthaus Dahlem eröffnet war. Über 20 Großplastiken Heiligers waren locker über den Garten verstreut. Von da an war ich fasziniert von dem Ensemble Haus, Garten, Skulpturen. Umso glücklicher war ich, als ich 2014 erfuhr, dass in dem Atelierhaus das Kunsthaus Dahlem eröffnet worden war. Ich gehörte bestimmt zu den ersten Besuchern.

Vernarrt bin ich in das Museum, schon allein wegen seines  Gegenstands, über den man vergleichsweise selten etwas erfährt: Es widmet sich der Kunst der Nachkriegsmoderne in Ost- und Westdeutschland,  vor allem der Jahre von 1945 bis 1961. Die Nachkriegsmoderne und ihre Rezeption ist der Schwerpunkt der Forschungsarbeit der Museumschefin, der ihrer Veröffentlichungen und auch das Thema ihrer Doktorarbeit.

Dr. Dorothea Schöne, Chefin des Kunsthauses Dahlem

Träger ist die 2013 gegründete Atelierhaus Dahlem gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung. Das Museum genießt eine institutionelle Förderung des Berliner Senats. Das Haus ist eine landeseigene Liegenschaft. „Und eine Herausforderung aus konservatorischer Sicht“, fügt Dr. Dorothea Schöne hinzu. Es hat zwar ein stabiles Raumklima, aber keine Klimaanlage, Auch das Licht ist ein Problem, „es hat viel zu viel Licht“ [Schöne], folglich ist das Museum „mehr ein Haus für Plastiken, nicht für Grafiken“. Was das Museum an Licht zu viel hat, hat  es an Geld zu wenig. „Wir sind ein Eineinhalb-Frauen-Betrieb“, sagt die Museumschefin, die kein Budget für Öffentlichkeitsarbeit und kein sattes Budget für den Ausstellungsbetrieb hat. So bleiben die großen Ausstellungen ein Jahr lang, die Ausstellungen auf der Galerie des Museums wechseln alle drei bis vier Monate. Dorothea Schöne: „Mein größter Traum ist, ein Ausstellungsbudget für zwei bis drei Ausstellungen im Jahr zu haben.“

Ohne Honorar, sozusagen ehrenamtlich, schreibe ich jetzt für das Kunsthaus Dahlem Blog-Texte. Hier ist der erste: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de

 

 

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Notizbuch: Begegnungen

31 12 2017

Sonntag,  31. Januar 2017

Oft sind sie nur die Flüchtigkeit weniger Minuten. Mitunter aber sind sie der Beginn – oder das immerwährende Ritual – einer langjährigen Freundschaft: Begegnungen. Sie machen den Beruf eines Reisejournalisten besonders spannend. An ihnen war das abgelaufene Jahr sehr reich. Eine Auswahl…

Januar: In der Markthalle von Madeiras Hauptstadt Funchal bin ich diesem Kind begegnet. Schau her, was für eine große Puppe ich habe, sagte es, ohne Worte zu gebrauchen. Wir sind uns mehrfach zwischen den Marktständen über den Weg gelaufen. Und immer hielt das Mädchen die Puppe hoch: schau!

Diese drei lebhaften Ladies saßen mir im Februar während einer Reise nach Agadir gegenüber. Ihrem – Pardon! – gutgelaunten Geschnatter zuzuhören, war ein Vergnügen. Habe die Ehre, von links nach rechts: die Reisejournalistinnen Antonia Kasparek, Katharina Eppert, Marita Trinius. Die Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen sind noch der erfreulichste Bestandteil einer jeden Pressereise.

Auf der ITB Berlin im März: Noch einmal drei Ladies – Claudia Stöhr, Areti Prinou und Maria Zarnakoupi [von links] von der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr. Areti habe ich auf einer Athen-Reise im Oktober 2016 kennengelernt und auf der ITB wiedergesehen.  Inzwischen ist sie stellv. Leiterin der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in Frankfurt und zählt längst für mich in meinem Beruf zu den wichtigsten  Menschen – und auch über den Beruf hinaus.

Zur Documenta war ich im April in Athen. Dort traf ich im kleinen, aber feinen Herakleidon Museum, das sich den Themen Wissenschaft, Kunst und Mathematik widmet, Eleni Nomikou, die Chefin [rechts], und Elpida Mezilli, ihre Assistentin. Beide brennen für ihre Aufgabe.

Peter Becker, ein Uralt-Freund. Nicht uralt an Lebensjahren, sondern unsere Freundschaft reicht weiter zurück, als wir uns an deren Beginn erinnern können. Im Mai trafen wir uns wieder, um Pläne zu schmieden. Dass sie sich nicht realisieren ließen, lag nicht an uns.

Nach 53 Jahren besuchte ich im Juni mal wieder Paros, die wunderweiße Kykladeninsel. Mit mir reiste Maria Menzel, eine Kollegin. Es waren spannende Tage eines gemeinsamen Projekts. Für solche Begegnungen lohnen sich alle Mühen des Selbständigseins.

Eine meiner interessantesten, ertragreichsten Dienstreisen in 45 Jahren führte mich im Juli in die Grimme-Heimat nach Nordhessen. Im Tierpark Sababurg traf sich auf Uwe Kunze – so brav-bürgerlich heißt dieser späte Hippie. Mit einem Bein steht er in Deutschland, mit dem anderen in Schweden. Uwe unterhält im Tierpark ein waschechtes Lappen-Lager mit zahlreichen Rentieren. Er ist Chef der Firma Renrajd Vualka.

August: Nächtliche U-Bahn-Heimfahrt nach einem Spargelessen bei Kristiane Klemm, früher Institut für Tourismus der FU Berlin: Prof. Dr. Horst Kleinert, der frühere Studienleiter, umrahmt von zwei Ex-Studentinnen. Rechts Margherita Bozzano, links Gabi Hartmann. Vor vielen Jahren hat Gabi, eine liebe Freundin, halbtags in meinem Redaktionsbüro mit  gearbeitet und danach viele Jahre beim Deutschen Seminar für Tourismus auch meine Presseseminare betreut.

Der Deutsche Reiseverband [DRV] lud im September eine Schar Journalisten – darunter auch mich – nach Ras Al Khaimah ein, dem diesjährigen Austragungsort der DRV-Jahrestagung. Solche Journalisten-Vorreisen haben Tradition. Mit von der Partie: Heidi Diehl, meine Lieblingskollegin. Das schreibe ich NICHT, weil ich den einen oder anderen Beitrag für ihre Reiseseiten in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ schreiben darf.

65 wurde er im Oktober, aber er sieht aus wie Anfang 50: Prof. Dr. Jörg Soller, Fachleiter des Dualen Studienganges BWL/Tourismus an  der Hochschule für Wirtschaft und Recht [HWR] Berlin. Hier bespricht er gerade mit Studierenden eine Hotel-Machbarkeitsstudie. Wegen meiner Lehraufträge begegne ich ihm nicht nur einmal im Jahr, sondern häufig – ich wage zu sagen: zur gegenseitigen Freude.

Aus Anlass seiner Programmvorstellung war ich im November mit dem Reiseveranstalter Öger Tours in Ägypten. Dort hat dieser Berber-Junge, 10 Jahre und stolz, großen Eindruck auf mich gemacht.

Zwei, die dafür sorgen, dass die Reisebranche das Thema Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verliert: Lucienne Dam [von links, stellv. Vorsitzende der Nachhaltigkeits-Initiative Futouris e.V., Umweltmanagerin von TUI Cruises und diesjährige EcoTrophea-Preisträgerin] und  Anja Renner, Senior Manager Projekte & Kommunikation bei Futouris. Ein Schnappschuss auf dem Abschiedsabend zur DRV-Tagung in Ras  Khaimah am 9. Dezember.





Notizbuch: der Rutschentester

27 12 2017

Da bekommt der Spruch vom „Guten Rutsch ins Neue Jahr“ eine ganz andere Bedeutung: Kurz vor dem Jahreswechsel ist vder Öger-Aqua-Katalog erschienen, auch Rutschenkatalog genannt. Damit jeder den Aqua-Katalog von Öger Tours mit seinen 50 Hotels und Wasserrutschen versteht, gibt es darin ein Wasserrutschenlexikon.

So ist da zu lesen, dass Freefall-Rutschen und Kamikaze- Rutschen „zu den Speed-Rutschen gehören“ und „gerade, offene Körperrutschen“ sind. Und: „ Sie sind extrem steil und man rutscht mit hoher Geschwindigkeit, teilweise fast wie im freien Fall.“

Die Bewertung der Rutschen für Kinder nimmt ein Schnalbeltier als Maskottchen vor. Dabei spielen auch Priratenschiffe eine große Rolle, die zur Ausstattung vieler Aqua-Hotels gehören. „Für die Erwachsenen-Rutschen ist eine Bewertung schwierig,“ sagt Volker Bromund, „Da gibt es viele Faktoren, und es zählt nicht nur die Anzahl.“ Höhe und Länge der Rutsche sagt auch nicht viel über den Spaßfaktor. Das alles fließt in die Bewertung ein: Höhe der Rutschen, Länge der Rutschen, Neigungswinkel, Anzahl der Kurven, Special Effekte und Fun-Faktor. Bromund: „Je höher, steiler und oder/kurviger die Rutsche, desto größer der Nervenkitzel und der Spaß – und damit der Adrenalinfaktor.“ Rutschen mit hohem Adrenalinfaktor (schwarz) sind für Könner und Mutige, mit niedrigem Adrenalinfaktor für Rutschen-Anfänger (blau). Die Rutschen dazwischen sind rot=mittel.

Hoher Adrenalinfaktor=schwartz

60 bis 70 Prozent der Rutschen, die Öger n der Türkei, in Ägypten, Tunesien und Bulgarien anbietet, hat Volker Bromund selbst abgerutscht. Das scheint jung zu halten, denn der Touristikfachmann mit seinem jungenhaften Charme sieht jünger aus als die 54 Jahre, die er nun mal ist. Der Rutschenjob ist natürlich nicht seine Hauptaufgabe im Öger-Team, zu dem er seit 2001 gehört: Früher war er Produktmanager für die Fernstrecke, seitdem Öger zu Thomas Cook gehört, leitet er die kleine Abteilung Publishing & Content. Das umfasst „alles, was zu beschreiben ist: Katalogaufbau und –Inhalt, nicht die Hotelauswahl, aber die Hotelbeschreibung, und Onlinetexte werden immer wichtiger“ (Bromund). Da hinein gehört auch das Aquaprodukt.

 





Notizbuch: die Trophäe

21 12 2017

Donnerstag, 21. Dezember 2017

The Winner is – TUI Cruises. Und so nahm eine strahlende Lucienne Damm, Umweltbeauftragte der Firma, die begehrte und durchaus heiß umkämpfte EcoTrophea des Deutschen Reiseverbandes [DRV], von Prof. Dr. Harald Zeiss entgegen. Der in der Branche sehr beliebte Professor der Hochschule Harz ist Vorsitzender des DRV-Ausschuss Nachhaltigkeit. Mit einem sympathischen Versprecher rief er die Preisträgerin auf: „Ich möchte Lucienne Damm auf die Bühne drücken…“ Das Drücken blieb er dann auch nicht schuldig.

                         DRV Jahrestagung 2017 Copyright DRV

Die Preisverleihung war vorletzter Programmpunkt der diesjährigen Tagung des DRV im Emirat Ras Al Khaimah. Dazu schreibt der Verband in einer Pressemeldung: Das Kreuzfahrtunternehmen hat die sechsköpfige Jury mit seiner Initiative zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen auf Kreuzfahrtschiffen überzeugt und sich damit im Wettbewerb von insgesamt 21 Umweltprojekten durchgesetzt. Der renommierte Preis wurde schon zum 31. Mal verliehen. Ziel des Preises ist, „damit auf Initiativen und Projekte in der Reisebranche aufmerksam zu machen, die einen wirkungsvollen Beitrag zu Umwelt- und Naturschutz leisten und sich für soziale Belange vor Ort einsetzen“ [DRV].

Und: Die Jury merkte besonders positiv an, dass die Gäste und Mitarbeiter direkt einbezogen und für die Thematik sensibilisiert werden und so der bewusste Umgang mit vorhandenen Ressourcen verbessert wird. Gerade auf Kreuzfahrtschiffen, wo die Gäste rund um die Uhr aus einem besonders großen kulinarischen Angebot wählen können, ist die Zubereitung von Lebensmitteln eine große Herausforderung. Aufgrund höchster Hygieneanforderungen an Bord eines Kreuzfahrtschiffes können nicht immer alle Lebensmittel wiederverwertet werden. Lebensmittelreste sind somit unvermeidbar. Doch mit ersten Maßnahmen konnte beispielsweise in einem Buffetrestaurant auf einem der Flottenschiffe innerhalb der vergangenen Monate die Abfallmenge bereits um rund 20 Prozent reduziert werden.

Wie wird dies erreicht? Zuerst werden die Lebensmittelabfälle im Lager, in der Produktion, am Buffet sowie die Tellerreste gesammelt, gewogen, gemessen und exakt dokumentiert. Danach mit einem Abfall-Analyse-Tool ausgewertet und die Potentiale zur Vermeidung identifiziert. Diese Resultate werden in einem Maßnahmenkatalog zusammengefasst. So werden die Mengen an Speisen etwa nur nach Bedarf und Verbrauch und nicht auf Verdacht produziert.

Die Ergebnisse der Initiative kommen der gesamten Kreuzfahrtbranche zugute. Foto: TUI Cruises

Die Reduzierung von Lebensmittelabfällen auf Kreuzfahrtschiffen und die Sensibilisierung von Gästen und Crew stehen im Mittelpunkt des im Herbst 2016 gestarteten Projekts. TUI Cruises ist hier gemeinsam mit der Nachhaltigkeitsinitiative Futouris e.V. sowie der Unterstützung von United Against Waste e.V., einer Initiative gegen Lebensmittelverschwendung, aktiv. „Die Ergebnisse der Initiative werden der gesamten Kreuzfahrtbranche zur Verfügung gestellt, so dass TUI Cruises auch einen Impuls für andere Unternehmen setzt“, betont Prof. Dr. Harald Zeiss. Weitere Informationen gibt es hier: www.tuicruises.com





Notizbuch: Die Schulz-Story

16 12 2017

Es gibt Interviews, die ich im Nachhinein als Sternstunde bezeichne. Das kommt nur selten vor. Und es soll ja eigentlich gar nicht vorkommen. Denn Journalisten sollten neutral recherchieren, Sympathie oder Antipathie dürfen keine Rolle spielen. Das ist Theorie – und eine Illusion. Das letzte Mal, dass ich also gegen die Regeln verstieß, war mein Interview mit Nizar Rockbani, einem der drei Gründer der Meininger Hostals. Jetzt plant das Trio eine neue Hotelgruppe. Der Name: Schulz.

Stinknormal und typisch deutsch: der Familienname Schulz. Eignet der sich für eine Hotelmarke? „Aber klar“, sagt Nizar Rokbani, einer der drei in der Branche schon legendären Gründer der europaweit erfolgreichen Meininger-Häuser, einem Hybridprodukt zwischen Hostel und Hotel. Diese Hotels wurden 1999 „mit viel Herzblut und wenig Budget“, wie Rokbani sagt, gegründet und konnten sich schnell zu einer europäischen Kette mit 18 Hotels in fünf Ländern entwickeln. Das Hybridprodukt hat „das Budget Nischensegment maßgeblich entwickelt und bestimmt“ [Rokbani]. Zum Zeitpunkt des Unternehmensverkaufs hatten die Gruppe einen Jahresumsatz von 50 Millionen  Euro mit insgesamt 8.500 Betten. Derzeit entwickelt sich  Meininger global mit dem Ziel, in den kommenden Jahren 50 Hotels zu eröffnen.

Nach dem Verkauf der Gruppe 2011/2012 durfte das Trio zwei Jahre lang kein Konkurrenzhotel eröffnen. „Aber es war uns schnell klar, dass wir wieder ins Hotelgeschäft gehen“, berichtet Rokbani, „wir sind gerne Gastgeber, aber wir wollen nichts Elitäres.“ So erfanden Rokbani, zuständig für das operative Geschäft, und seine Mitstreiter Sascha Gechter (Expansion und Finanzen) und Oskar Kann (Neuentwicklung, Bau und Instandsetzung), das Schulz Konzept. Das ist eine Tribid-Mischung aus den drei wachstumsstärksten Gastgeber-Bereichen Hostel, Boutique-Hotel und Ferien-Apartments. Rokbani: „Wir wollten ein deutsches Hotel, verbunden mit deutschen Werten, wie das Land sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft gezeigt hat“: gastfreundlich, verbindlich, zuverlässig.

Das erste Schulz-Hotel entsteht zur Zeit an der East-Site-Gallery – „wo denn auch sonst“, sagt der Mitgründer, „das ist neue deutsche Geschichte“. Das Haus mit markanter 100-Meter Front soll Ende kommenden Jahres eröffnet werden. Die 345 Gästezimmer sind in vier Typen unterteilt, die meisten davon sind Vier-Bett-Zimmer. Das hängt mit dem vom Gastgeber-Trio erwarteten Gästemix zusammen:  je fünf Prozent Familien und Business-Gäste, zehn Prozent Backpacker, 30 Prozent Aktiv-Touristen und 50 Prozent Gruppen – „zum Beispiel Bildung, Studenten, Chöre…“ Charakter und Werte, so heißt es in einer Präsentation des Konzepts, „verbinden die Gäste von Schulz, nicht Budget, Herkunft, sozialer Hintergrund oder Reisemotiv“.

Es wird im ersten Schulz-Haus eine Bibliothek in Zusammenarbeit mit einer Buchhandlung geben, einen Aufenthaltsraum mit dem Namen „Regenwald“, einen Waschsalon und eine große Gemeinschaftsküche „wie früher bei Partys, wo sich alles in der Küche abspielte“, wie es sich der Hotelgründer vorstellt. Das Frühstück wird multiethnisch angerichtet, das Hochleistungs-Wi-Fi kostenlos angeboten.

Fünf Prozent des Gewinns werden in ein soziales Projekt fließen, in eine vom dreifachen Familienvater Rokbani mitgegründeten Freie Schule mit – das ist dem Hotelchef wichtig – gesellschaftlicher Durchmischung. Zudem darf jeder Mitarbeiter fünf Prozent seiner Arbeitszeit in soziale Dienste investieren. „Natürlich wollen wir Geld verdienen“, sagt Nizar Rokbani, „aber das ist zum sozialen Engagement kein Widerspruch.“ Und ebenso natürlich will die Gruppe expandieren, aber nicht so massiv wie einst die Meiniger-Gruppe. Derzeit sucht das Trio auf dem Hamburger Markt.

In einer kürzeren Fassung ist mein Bericht am 11. Dezember im Hotel-Special von touristik aktuell erschienen.





Notizbuch: Lady in Pink

12 12 2017

Montag, 11. Dezember 2017

Für die einen war sie eine Augenweide, für die andere ein Dorn im Auge. Ihr Fingerspitzengefühl für PR-Aktionen fanden die einen amüsant, die anderen nervend. Und was ihre Markenfarbe Pink betraf, trugen die einen sie zum Beispiel bei Sommerfesten herzlich gerne – Schal in Pink, Kostümjacke in Pink, oder auch nur ein Kuli in Pink-, die anderen lehnten solche Be- oder Verkleidung ab, weil sie sich in eine gigantische Markenstrategie eingespannt fühlten. Nein, Jasmin Taylor konnte es nicht allen recht machen.

Fest steht: In der Reisebranche gibt’s jetzt einen Farbtupfer weniger. Jasmin Taylor und ihr Reiseveranstalter JT Touristik hatten etwas Glamour in die sonst so bemerkenswert glanzlose Reisebranche gemacht. Was gab es früher für rauschende Feste zu ITB-Tagen, Abendereignisse, die man besuchen „musste“. Die Lady in Pink hat versucht, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Auch wenn es vielleicht viele nervte, dass das Fest erst richtig anfing, wenn die B- und C-Prominenz abfotografiert war. Und ihre Sommerfeste,  ja selbst nur die Informationsabende für Reisebüros – mit denen sie es übrigens überdurchschnittlich gut konnte -, waren durchgestylt. Wasserbälle im Pool, Servietten, ja selbst die Kleiderbügel der Gästegarderobe trugen die Farbe Pink.

Jasmin Taylor; die Berliner Villa dient ihr als Wohnhaus und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Arbeitsplatz. Was wird daraus – aus dem Haus und aus den Arbeitsplätzen?

Was wird aus dem allen jetzt? Aus der Villa, in der Jasmin Taylor wohnt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten? Die Gründerin der Firma wird das Unternehmen jetzt verlassen. Wenn man dem Insolvenzverwalter glauben darf – ich habe da meine prinzipiellen Bedenken –, bleibt die Firma erhalten, wie sie ist. Und die Mitarbeiter behalten angeblich ihren Arbeitsplatz. Wenn man mich fragte, ob ich das glauben könne, würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Glaubst Du an den Weihnachtsmann?

Nicht nur mir wird Jasmin Taylor als strahlender Mittelpunkt der [nicht nur] Berliner Reiseszene fehlen. Ich weiß nicht, ob ihre Legende – soweit ich sie kenne – stimmt: mit 17 aus dem Iran nach Deutschland geflohen, Abitur in Bonn und danach mehrere Jahre in den USA, Heirat mit einem Mister Taylor, Studium: Bachelor in Psychologie und Management sowie Master in Human Relations. 2002 Gründung eines Online-Reisebüros und 2009 Gründung des Reiseveranstalters JT Touristik. Der der 135 Ziele Schwerpunkt lag und liegt auf den Vereinigten Arabischen Emiraten.

In Dubai wurde Jasmin Taylor in einem Hotel mit diesem Kuchen, der ihr Konterfei trug, überrascht

Dort, in Dubai, war ich zweimal oder dreimal mit Jasmin Taylor. Es waren wundervolle Gespräche an den Abenden oder beim Tagesausflug in eines der Nachbar-Emirate. Ich habe eine warmherzige und kluge Frau kennengelernt, die einen köstlichen Humor besitzt. Wir sind nicht eng, aber immerhin so etwas wie befreundet.

Ich weiß, dass sie viel Gutes tut, ohne das daraus PR entsteht. Laut Wikipedia ist sie Initiatorin der Organisation SIS – Strong Independent Sisters. Das Projekt unterstützt geflüchtete Frauen aus Ländern wie Eritrea und Syrien u. a. durch kostenlose Sprachkurse und Coachings dabei, sich in Deutschland ein selbstständiges Leben aufzubauen.

Mensch, Jasmin, mach’s jut! Und: Hoffentlich bis bald…





Notizbuch: Eröffnung im Freien

8 12 2017

Freitag, 8. Dezember 2017

Sicherheit, Digitalisierung, Nachhaltigkeit – da sind einige der Themen auf der diesjährigen Jahrestagung des Deutschen Reiseverbandes [DRV] im Emirat Ras Al Khaimah. Es ist die 67. Zum Auftakt zog DRV-Präsident Norbert Fiebig eine positive Bilanz. Die Überraschung bei der Flugpauschalreise laut Fiebig: „Griechenland verzeichnet im Reisejahr 2016/2017, das gerade zuende gegangen ist, nochmal ein Plus von 30 Prozent.“ Damit ist Hellas die zweitstärkste Reisedestination auf dem deutschen Quellmarkt.

Ägypten, so freute sich der DRV-Präsident, „ist auf dem Weg zur alten Stärke“. Das Land verzeichnete – freilich auf geringerem Niveau – im gerade abgelaufenen Reisejahr ein Plus von 55 Prozent. Fiebig: „Das sehen wir sehr gerne!“ Die USA dagegen musste ein Minus von 17 Prozent hinnehmen. Die Türkei war zweistellig rückläufig. „Sie hat in den letzten zwei Jahren 50 Prozent verloren“, klagte der DRV-Präsident im Pressegespräch zum Auftakt der Jahrestagung. Aber der deutsche Markt brauche die Türkei nach wie vor: Trotz aller Verluste liegt die Türkei auf Platz drei der Hitliste der deutschen Pauschalurlauber – nach Spanien und eben Griechenland.
Ein kurzer Blick auf den Trend des bevorstehenden Winters: Die Kanaren legen weiter zu, und die Ägypten-Anbieter freuen sich auch im Winter über einen zweistelligen Zuwachs.

Die Pressekonferenz fand im Anschluss an die Eröffnung der Tagung statt, die – ein Novum – im Freien vollzogen wurde, dies buchstäblich im Schatten der Wohntürme des Waldorf Astoria.

Ruhe vor dem [An-]Sturm: DRV-Hauptgeschäftsführer Dirk Inger, DRV-Präsident Norbert Fiebig und Haitham Mattar, CEO der Ras Al Khaimah Development Authority [von links]

Prophezeite dem Emirat Ras Al Khaimah auf der Eröffnungsveranstaltung der DRV-Jahrestagung eine große touristische Zukunft: Stefanie Berk von Thomas Cook. Das freute natürlich Haitham Mattar.