Notizbuch: „Stehaufmännchen“ Berlin

16 08 2018

Donnerstag, 16. August 2018

Berlin ist ein „Stehaufmännchen“. Das findet Burkhard Kieker, vom Erfolg verfolgter Geschäftsführer von visitBerlin.  Auf der Bilanz-Pressekonferenz zum 1. Halbjahr 2018 konnte er von einem „gesunden Wachstum“ berichten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Berlin-Besucher um 4,4 Prozent auf 6,4 Millionen, die der Übernachtungen um 4,2 Prozent auf satte 15,3 Millionen.

Der Zusammenbruch von Air Berlin vor einem Jahr [Kieker: „das war der GAU“] und der damit verbundene Wegfall von zigtausend Flugplätzen hatte im vorletzten Halbjahr zu einer kleinen Wachstumsdelle geführt. Zahlreiche Pressekollegen und –kolleginnen hatten m vorauseilenden Pessimismus schon das Ende der Erfolgsstory Berlin gepredigt. Das war ein gefundenes Fressen nicht nur für die Boulevardpresse. Aber ätschebätsche: zu früh gejammert!

Die Bleibezeit der Berlin-Besucher ist ein klein wenig kürzer geworden. Dazu hat aber durchaus auch der gewachsene Businessverkehr beigetragen; Businessleute bleiben immer kürzer als Ferienreisende. Die Hälfte der Besucher der Hauptstadt stammt aus Deutschland, dem stärksten Quellmarkt für visitBerlin. In New York stammen übrigens 80 Prozent der Besucher aus dem Inland. Der Gegenpol ist Rom: Dort stammen sieben von zehn Gästen aus dem Ausland.

Noch ein paar Details zu Bilanz: Wichtigstes Herkunftsgebiet der deutschen Gäste ist Nordrhein-Westfalen mit 27 Prozent. Wie der Qualitätsmonitor Deutschland-Tourismus ermittelt hat, ist das Image von Berlin als ewig junges Partyziel falsch: Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei 40,4 Jahren. Das sieht Kieker durchaus mit gemischten Gefühlen: „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.“ Party als Reisegrund spielt nur für 20 Prozent der Besucher die Rolle Nummer eins. Da sind schon eher die 2500 bis 3000 Events am Tag ein Reisegrund.

visitBerlin-Chef Burkhard Kieker, rechts Pressesprecher Christian Tänzler

2,5 Millionen Auslandsgäste besuchten Berlin. Erster Platz nahmen die Briten ein, den zweiten die US-Amerikaner. Kieker freut sich auch über Rang drei und vier, Italien und Spanien: „Die waren lange Sorgenkinder.“  Keineswegs ein Sorgenkind war und ist das Kongressgeschäft. Iris Lanz, Director Conventions bei visitBerlin [Foto] nannte eindrucksvolle Zahlen. 5,08 Millionen Teilnehmer besuchten in den ersten sechs Monaten 65.790 Veranstaltungen. Zum ersten male reisten über eine Million internationale Gäste zu Tagungen und Kongressen in die deutsche Hauptstadt, das ist ein Anstieg von zehn Prozent. Die wichtigste Branche im Berliner Kongressmarkt ist der Bereich Medizin, Pharma und Gesundheitswirtschaft mit einem Anteil von 20 Prozent. Platz zwei belegen Kongresse der Politik und öffentlichen Institutionen mit 14 Prozent, gefolgt von der IT und Digitalwirtschaft (13 Prozent).

 

 

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Notizbuch: Kurreisen nicht sexy

9 08 2018

Donnerstag, 9. August 2018

„Kurreisen sind nicht sexy“, sagt Rainer Löwenberg, Geschäftsführer des Kurreisen-Spezialisten MediKur, „aber sie machen Spaß, wenn man sie verkaufen kann.“ Und das macht er, seit  jetzt genau 20 Jahren.

Löwenberg begann 1992 in der Touristik bei einem Seniorenveranstalter. Mittlerweile besitzt die Firma zwei Reisebüros in Berlin (Löwenberg: “Das ist der Ursprung“)  und seit 2010 das Hauptgebäude im grünen Berlin-Kaulsburg. Dort ist auch eine Wellnessoase mit einer Salzlounge untergebracht, damit die Kunden gleich am eigenen Leib erfahren können, wie wohl es tut, den eigenen Körper zu verwöhnen. Der MediKur-Katalog enthält nicht nur klassische Kurdestinationen wie Polen und Tschechien, Deutschland oder Ungarn, sondern auch Ziele wie Israel und Jordanien, Spanien und Andorra. Fluss- und Familienreisen „runden marginal das Angebot ab“.

Und da gibt es noch das Tochterunternehmen Touristik und Kontakt, das Special Interest-Reisen für Vereine und Gruppen aufbereitet. „Das Thema ist dabei egal“, sagt Löwenberg, der insgesamt 33 Mitarbeiter hat.

Deutschland, klagt der Geschäftsführer, sei für Kuranbieter ein schwieriges Feld: „Viele Häuser sind nicht auf Selbstzahler eingestellt und bevorzugen Autofahrer ohne Kur.“ Er werde „immer schwieriger, da vernünftige Verträge zu bekommen.“ Aber „irgendwann gibt es ein Überangebot.“ Die zweite Hypothek, mit der sich Kuranbieter herumschlagen müssen, sei der Fremdvertrieb: „eine Crux“.  Löwenberg: „Wir haben alle das Problem, am Beratungsbedürfnis der Kunden zu scheitern.“ Deshalb müsse der Katalog ständig verbessert und intensiv auf hervorragende telefonische Beratung – auch der Reisebüros – gesetzt werden.

Interessant ist, dass die Kundschaft mit der Zeit jünger wird. „Bei den Älteren sind natürlich die alte Probleme geblieben“, erläutert der MediKur-Manager, „aber bei den jüngeren treten ganz andere Krankheiten auf“ – Hautkrankheiten beispielsweise, Fettleibigkeit und „unglaublich viele Allergien“.

Trotz aller Skepsis ist MediKur mit den Reisebüros aus der ganzen Republik gut im Geschäft: Sechs von zehn verkauften Arrangements gehen über den Counter. Die Provisionshürden sind niedrig angesetzt. Ab 5.000 Euro Jahresumsatz gibt es zehn Prozent, die höchste Provisionsstufe beträgt zwölf Prozent. Neben den üblichen Aktionen für Reisebüropartner wie Buchungswettbewerbe organisiert der Veranstalter Saisoneröffnungs- und Abschlussfahrten zu Kundendestinationen z.B. in Polen und Tschechien, die dann von den Reisebüropartnern begleitet werden. Natürlich gibt es auch Informationsfahrten für Reisebüros zu bekannten und neuen Reisezielen. Noch mehr: „Zu bestimmten Messen stellen wir unseren Ausstellungsstand und die Mietfläche kostenlos den Reisebüros vor Ort zur Verfügung, sie repräsentieren damit MediKur Reisen und sich selbst als kompetenten Partner für Kurreisen.“

Schon bald wird MediKur ein neues Geschäftsfeld eröffnen, das wenig mit Kur, aber viel mit Betreuung, Beratung, und Therapie zu tun hat: Trauerbewältigung. „Das werden nur kleine Gruppen von fünf oder sechs Leuten sein“, versichert Rainer Löwenberg, dem bewusst ist, dass bei der TUI Trauerreisen schon mal gefloppt sind.

Mein Bericht ist – in leicht gekürzter Fassung – am Montag dieser Woche in touristik aktuell erschienen.





Notizbuch: Kräuter – Fröbel – Wandern

4 08 2018

Samstag, 4. August 2018

„Kräuterfrauen, Buckelapotheker und pfiffige Marketingleute“ – da hat Reiseredakteurin Heidi Diehl vom Neuen Deutschland [die ich gerne meine Lieblingskollegin nenne] einen perfekt passenden Titel für meine Reisegeschichte aus dem Schwarzatal in Thüringen gefunden. Der Bericht ist heute in der Wochenendausgabe der [übrigens bundesweit herausgegebenen] Tageszeitung erschienen.

Jana Kriebel ist Kräuterfrau. Eine von vielen, denn dieser    Beruf – oder besser: diese Tätigkeit – erlebt gerade eine Renaissance. „Ich bin durch ein krankes Kind auf Kräuter gekommen“, sagt sie. In mehreren Lehrgängen hat sie gelernt, Kräuter nach ihrer heilsamen Wirkung zu unterscheiden und gezielt einzusetzen, Bibernell (unter anderem gegen Husten), Quendel (Gelenkschmerzen), Augentrost (gegen Entzündungen der Augenbindehaut), Hirteltäschel (Regelblutungen), Johanniskraut (Depressionen) oder Arnika (entzündungshemmend) und viele Kräuter mehr. Ihre Erfahrung: „Pflanzen sind die sanftere Medizin, sie haben ein breites Wirkungsspektrum und weniger Nebenwirkungen.“

Drei Jahrhunderte lang war das Schwarzatal die Heimat der Kräuterfrauen. Es erstreckt sich im Süden Thüringens von der Quelle der Schwarza unmittelbar am Rennsteig bis zur Mündung in die Saale bei Rudolphstadt und zählt zu den kräuterreichsten Regionen Mitteleuropas. So entstand die Tradition, aus wildwachsenden Heilkräutern Naturheilmittel herzustellen. Hier mag Besuchern zum ersten Male der – lange vergessene und wieder zu neuem Leben erweckte – Begriff der Olitäten unterkommen, Destillate aus Pflanzenölen, wohlriechende Essenzen, Salben, Pillen.

Foto: Fröbelstadt marketing GmbH,  © Dörthe Hagenguth

Für die in langen Winternächten produzierten Olitäten, die in ganz Europa begehrt waren, existierte ein ausgeklügeltes Vertriebsnetz: sogenannte Buckelapotheker transportierten die in Krügen, Flaschen und Schachteln verpackte Ware auf großen Holzgestellen sogar bis Italien und Spanien. Jede Händlerfamilie hatte ihr genau festgelegtes Absatzgebiet, und damit sie nicht als vogelfrei galten, führten die Buckelapotheker fürstliche Schutzbriefe mit sich.

An diesen Berufsstand erinnert der zehn Kilometer lange Wanderweg „Auf den Spuren der Buckelapotheker“ rund um Oberweißbach. Ein vier Kilometer langes Teilstück wurde zu einem originellen Kräuterlehrpfad umfunktioniert, über den Jana Kriebel und andere nebenberufliche Kräuterfrauen auf Wunsch Gäste führen. Über 90 Heilpflanzen wachsen am Weg. Jede ist durch eine mit einem QR-Code versehene kleine Tafel markiert; wird der Code gescannt, werden die Pflanzen noch einmal in Wort und Bild erläutert.

Der Kräuterlehrpfad endet in Oberweißbach. Dort erfüllt das Fröbelhaus viele Funktionen. Jana Kriebel und andere Kräuterfrauen führen hier Kräuterseminare durch. Das Haus ist Touristinformation und Kräuterlädchen. Eine ständige Ausstellung informiert über den historischen Olitätenhandel. Und der 400 Jahre alte Fachwerkbau ist das Geburtshaus von Friedrich Fröbel. Dem weltweit geachteten Vorschulpädagogen und Erfinder des Kindergartens wurde hier ein Memorialmuseum eingerichtet. Gerd Eberhardt [Foto], der längst pensionierte Leiter des Fröbelhauses, ist mit dem Leben des Reformpädagogen vertraut wie kaum ein anderer. Wer das Glück hat, ihn bei einem seiner leidenschaftlichen Vorträge über Fröbels Leben und Werk zu erleben, bekommt Fröbel nicht mehr aus dem Kopf.

Kräuter und Fröbel sind zwei der Säulen des Tourismus, auf die sich der vor vier Jahren gegründete Tourismusverein Schwarzatal mit seinen über 20 Gemeinden stützt. Die dritte ist Aktivurlaub. Und das bedeutet in erster Linie: Wandern. Durch die wildromantische Landschaft, dieses Prädikat verdient das Schwarzatal in der Tat, führt über 126 Kilometer der zertifizierte, in acht Etappen zu bewältigende Panoramaweg Schwarzatal. Dazu wurde ein dichtes Netz kurzer Rundwanderwege geschaffen. Bei den Wanderstarts aller Rundwanderwege kommt wieder Fröbel ins Spiel, auf den die Region so stolz ist:  Dort ist jeweils das Fröbelsche Markenzeichen aufgestellt,  Kugel, Walze, Würfel. Diese Wanderstarts, das ist klug durchdacht, müssen drei Bedingungen erfüllen: Sie müssen Anschlüsse an den öffentlichen Nahverkehr bieten, Parkmöglichkeiten aufweisen und in der Nähe eine Möglichkeit einzukehren. Vom Frühjahr bis zum Herbst bringt der Wanderbus Schwarzatal donnerstags bis sonntags Wanderer an ihren Startpunkt.

Einer der Wanderstarts liegt in Meuselbach-Schwarzmühle, die Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeit ist das Flair Hotel Waldfrieden. Wie es sich für ein Hotel in Thüringen gehört, ist Küchenchef Stephan Jüttner [großes Foto oben] ein Meister im Herstellen Thüringer Klöße. Sascha Schwarze [Foto links], Leiter des  anheimelnd-altmodisch wirkenden Hauses der Kategorie 3 Sterne plus, engagiert sich sehr für den Tourismus im Schwarzatal. Warum sind die vielen Flyer und Prospekte mit dem Claim „TourismusRegion Rennsteig-Schwarzatal“ versehen? Ist das nicht ein wenig Etikettenschwindel? Ja, räumt er ein, „aber die Bezeichnung ‚Thüringer Schiefergebirge‘ zieht nicht.“ Aber sie wäre korrekt, denn sie bezeichnet die Bergrücken, die zu beiden Seiten der Schwarza in deren Mittellauf ansteigen.

Astrid Apel ist auch eine Mitstreiterin, um den Tourismus im Schwarzatal voranzubringen. Die quirlige junge Dame ist Marketing- und Kommunikationschefin der Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn. Die Bahn mit diesem Namensungetüm besteht aus drei Stecken, die aus dem touristischen Angebot der Region nicht wegzudenken sind. Da ist zuerst einmal die 25 Kilometer lange, 1900 gebaute Strecke der Schwarzatalbahn von Rottenbach bis Katzhütte. Ein Waggon ist seit Mai zur „Fürstenkutsche zur Bergbahn“ ausgestaltet worden. Optisch äußerst gefällig nehmen Prinzessin Henriette und Prinz Ludwig Friedrich II. aus der Fürstenfamilie von Schwarzburg-Rudolstadt die Passagiere mit auf eine Zeitreise 300 Jahre zurück. So bringt die Bahn geschickt eine der größten Attraktionen der Region ins Gespräch, die Schwarzburg. Der letzte Fürst, Günther Victor von Schwarzburg Rudolstadt und Schwarzburg-Sonderhausen, hat bei der Streckenführung mitgearbeitet und ein Sechstel der Kosten von drei Millionen Reichsmark beigesteuert.

Nachdem die Nationalsozialisten  Schloss Schwarzburg, Sommerresidenz und Jagdsitz der Fürsten, zum „Reichsgästeheim“ umfunktionieren wollte und deshalb massiv in die Bausubstanz eingriffen, ist das Schloss Ruine. Aber das Zeughaus ist in jahrelanger Arbeit restauriert und diesen Mai erst wieder mit seinem in 500 Jahren gewachsenem Originalbestand wiedereröffnet worden. Die Waffensammlung ist mit 4000 Objekten die älteste und einzig noch erhaltene fürstliche  Zeughaussammlung im deutschen Sprachraum.

In der Mitte der Schwarzatalbahn-Strecke liegt Oberfelder- schmiede, Talstation der Oberweißbacher Bergbahn. Die denkmalgeschützte, 1,4 Kilometer lange Standseilbahn ist zwischen 1919 und 1923 errichtet worden, um die azuf dem Berg angesiedelte pharmazeutische Industrie zu unterstützen. Bis dahin hatte die Ware mühselig auf dem Rücken der Mitarbeiter ins Tal gebracht werden müssen. Für Eisenbahnfans ist die Seilbahn, die eine Steigung von 25 Prozent bewältigen muss, eine Delikatesse. Eingesetzt werden im Halbstundentakt ein schräggestellter Personenwagen, der aussieht wie eine rollende Treppe, und – im Sommer – eine schräge Güterbühne mit einem aufgesetzten Cabriowagen.

Damit nicht genug: Von der Bergstation Lichtenhain führt eine zweieinhalb Kilometer lange elektrifizierte Flachstrecke über Oberweißbach, der Fröbelstadt, nach Cursdorf. Dabein werden zwei historische Triebwagen aus den 1960-er Jahren eingesetzt. „Die sehen sie nur bei uns“, freut sich Astrid Apel, „sie sind echte Unikate, die speziell für die Oberweißbacher Bergbahn gebaut wurden.“ Einer der beiden Triebwagen wurde zum Olitätenwagen umgebaut, mit Glasdach und glasfreien Fenstern sowie interaktiven Elementen, um Heilkräuter beispielsweise zu schnuppern. Und um die herrliche Umgebungslandschaft zu erkunden, hängen Ferngläser bereit.

Um Interesse an den drei Bahnen zu wecken, lässt sich die Astrid Apel immer wieder neues einfallen – Kombiticket, Flyer, Events und vieles mehr. Der Arbeitgeber lässt der einfallsreichen Marketingfrau offensichtlich ziemlich freie Hand. Der Arbeitgeber ist – die Deutsche Bahn. Die Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn ist eine Tochter der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH. Was die Bahn landauf und landab durch Verspätungen und Unregelmäßigkeiten an Sympathien einbüßt, macht sie hier mehr als wett.

 





Notizbuch: Farborgie

2 08 2018

Mittwoch, 2. August 2018

Lisa Marei Schmidt bekommt dem Brücke Museum gut. Die noch recht neue Chefin hat eine sensationelle Ausstellung auf die Beine gestellt: Sie hat die Eröffnungsausstellung des Dahlemer Museums zum 50. Jahrestag auf der Basis von Zeitzeugen-Aussagen, Zeitungsberichten und historischen Fotografien rekonstruiert. Leider ist die Ausstellung nur noch bis Sonntag, 12. August, zu sehen. Hingehen und staunen!

Der Titel der Ausstellung ist sperrig: „Ein Künstlermuseum für Berlin: Karl Schmidt-Rottluff, Leopold Reidemeister und Werner Düttmann“. Karl Schmidt-Rottluff hat die Gründung des Museums im Grunewald angeregt und mit großzügiger Schenkung aus seinen Werken bedacht.

Leopold Reidemeister war der Gründungsdirektor, Werner Düttmann der Architekt. Man habe „die gesamte Installation, Ausstellungshängung und die von Düttmann entworfene Inneneinrichtung wie Sitzmöbel oder Vitrinen historisch genau nachempfunden“, schreibt Lisa Marei Schmidt im – ausgezeichnet gemachten – Begleitheft zur Ausstellung. 39 Gemälde sind ausgestellt, 72 Grafiken und Originalzeichnungen, 7 Skzlpturen sowie 18 Postkarten und Jahresmappen.

Max Pechstein: „Leid“

Karl Schmidt-Rottluff: „Bauernhaus“

Erich Heckel: „Bildnis Otto Mueller“

Werke von Schmitt-Rottluff, Max Pechstein, Erich Heckel, Otto Mueller, Max Kaus, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Herbig, Anton Kerschbaumer… Ein Farbtraum.

 





Notizbuch: Platz & Licht

26 07 2018

Donnerstag, 26. Juli 2018

Für mich ist das Kunsthaus Dahlem ein Glücksfall. Es bietet Platz. Wo sonst können plastische Figuren so großzügig aufgestellt werden, dass man sie umrunden und von allen Seiten betrachten kann – frei im Raum stehend, so weit von jeder Wand entfernt, dass man diese gar nicht mehr wahrnimmt. Und dann das Licht, das den Figuren eine ganz besondere Plastizität verleiht! Es scheint von zwei Seiten herein, und es flutet regelrecht die Ausstellungshalle, wenn draußen die Sonne scheint.

Die Künstler, die in der aktuellen Ausstellung »Was war Europa?« vertreten sind, hätten ihre Beteilung an dieser Schau sicherlich als eine Herausforderung betrachtet. Aber ihre hier versammelten Werke wurden schon einmal in einer Schau gezeigt, die 68 Jahre zurückliegt. Mit dem Titel »Werke Europäischer Plastik« fand diese als erste Nachkriegsausstellung ihrer Art unter vergleichbaren räumlichen Ausstellungsbedingungen im Münchner Haus der Kunst statt.

Damals wurden 70 Werke europäischer Bildhauer präsentiert, darunter Skulpturen von Aristide Maillol und Henry Moore. Die heutige Schau fokussiert Werke von Künstlern der jungen Bundesrepublik. 1950 wurde nicht darüber gesprochen, ob der eine oder andere Künstler ein Rädchen oder gar Rad im NS-Kunstbetrieb war; heute ist diese Frage angesichts der Geschichte des Kunsthauses Dahlem geradezu unumgänglich.

Unabhängig von den Ergebnissen dieser Diskussionen steht ein gewaltiges plastisches Œuvre zur Besichtigung. Ich musste mich regelrecht zwingen, die wohlproportionierten Kunstwerke nicht zu berühren, Mann mit Pferdbeispielsweise von Hans Mettel, Hagener Torso von Wilhelm Lehmbruck [rechts], Alexanders Fischers Reiterbild, Gerhard Marcks‘ Mädchen mit Apfel oder – fast unwiderstehlich – Ewald Matarés Eingekauertes Rind II. [links]  Auffallend ist, dass es sich allesamt um Kunstwerke in süddeutscher figürlicher Bildhauer-Tradition handelt. Der Begleittext zur Ausstellung weist darauf hin, dass zur selben Zeit »in Berlin eine abstrahierende beziehungsweise abstrakte Moderne Anerkennung fand«. Beispiele hierfür liefern die wundervollen Werke des Berliner Bildhauers Bernhard Heiliger, die im Nachbarraum zu sehen sind.

Was für einen Gegensatz zur Ausstellung im Hauptraum bietet die Galerieausstellung mit Skulpturen und Gouachen des polnischen Bildhauers Karol Broniatowski! Der Titel »Im Moment« könnte nicht besser gewählt sein.

Gezeigt werden Werke, die ihren Entstehungsprozess sichtbar machen. Dem Künstler gleichsam über die Schulter zu sehen, wie er seine plastischen Werke schafft und immer wieder verändert, hat für den Betrachter etwas Beglückendes.





Notizbuch: Palaverland

11 07 2018

Mittwoch, 11. Juli 2018

Es ist gute Sitte des Deutschen Reiseverbandes, ein paar Monate vor der jeweiligen Jahrestagung eine Schar Journalisten in die jeweilige Destination einzuladen. So sollen sie Land und Leute kennenlernen und den Tagungsteilnehmern vorab erzählen, was sie erwartet. Diesmal war es Kalabrien. Ich war wieder – wie schon in mehreren Jahren – dabei. Mein Urteil: herrliche Landschaften, anheimelnde Städtchen, gastfreundliche Menschen. Nur eine Schwäche haben – zumindest – die Funktionäre. Es wird zu viel geredet. Oder sagen wir es salopp: palavert.

Blick in den Duden: palavern – sich lange in wortreichem, meist überflüssigem Gerede ergehen. Ein Beispiel: Da sollen wir um 9 Uhr am Bus sein. Alle sind da. Aber der Bus fährt nicht. Es wird geredet und geredet. Deutsche DRV-Funktionäre und italienische Gastgeber. Italiener unter sich. Noch einmal andere Italiener und die von vorhin. Wer kein Italienisch kann, wird nie erfahren, warum so lange palavert wird. Und wer des Italienischen mächtig ist, verrät es nicht. Wenn wir Glück haben, führt der Bus um 9:30 Uhr. Und so kam es, dass wir am ersten Abend erst gegen ein Uhr nachts, am zweiten Tag um 1:30 Uhr nachts im Hotel ankamen. Das Palavern hat die Tagesordnung wie ein Dominospiel stürzen lassen.

Hier das Ergebnis der Reise, wie es in meinem Bericht am Montag dieser Woche – allerdings mit nur einem Bild – in touristik aktuell erschienen ist:

Kalabrien ist im Aufbruch. In Tropea beispielsweise, wo der Wandel im Tourismus am deutlichsten spürbar ist, sind in den letzten beiden Jahren 100  B&B-Quartiere entstanden. Da trifft es sich gut, dass die süditalienische Region jetzt Austragungsort der diesjährigen Auslandstagung des Deutschen Reiseverbandes (DRV) ist. Kalabrien, viele Jahre von der großen Politik vernachlässigt, braucht dringend mehr Touristen, um den Anschluss an den viel bekannteren Norden des Landes nicht zu verlieren. Neben der Landwirtschaft ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle, Industrie gibt es kaum. Letztes Jahr reisten 63.000 deutsche Touristen nach Kalabrien – zu wenig, aber immerhin fast 30 Prozent mehr als 2016. „Der deutsche Markt ist für uns der wichtigste,“ betont Gerardo Mario Oliverio, Präsident der Region Kalabrien.

Malerische Orte – hier das Städtchen Scilla – säumen die Küste Kalabriens. Unten: Tropea

Die Tagungsteilnehmer werden schnell den Zwiespalt entdecken, in dem sich die Tourismusregion Kalabrien befindet. Da es nie Massentourismus gegeben hat, ist das Land noch unverdorben. Die Gastfreundschaft ist überwältigend. Andererseits hapert es oft an der Infrastruktur, viele Straßen sind marode, es fehlt an Radwegen und vor allem am Küstenschutz.  Hier wird nachgebessert: 100 Millionen Euro sollen in die touristische Erschließung kleinerer Dörfer fließen, und  150 Millionen Euro wird der Ausbau des kalabrischen Abschnitts des Magna Grecia-Radweges kosten; Magna Grecia nannten die Römer den südlichen Teil Italiens mit bedeutenden griechischen Ansiedlungen. Von diesen zeugen auch viele Funde im Archäologischen Museum von Reggio Calabria, dem Austragungsort der DRV-Tagung. Stars sind die beiden  nach ihrem Fundort benannten, überlebensgroßen Bronzestatuen von Riace aus klassisch-griechischer Zeit.

Bild oben links: Gerardo Mario Oliverio, Präsident der Region Kalabrien [links], setzt auf den deutschen Markt. Rechts im Bild: DRV-Präsident Norbert Fiebig. Im Hintergrund eine der beiden Bronzestatuen von Riace.

Ob der DRV sich auf eine perfekte, reibungslose Organisation der Tagung verlassen kann, wird erst die Praxis zeigen – zum Beispiel bei den vielen Transfers. Da die Hotellerie in Kalabrien ziemlich kleinteilig ist, werden die Teilnehmer in mindestens 14 verschiedenen Hotels untergebracht. Wie der DRV mitteilt, läuft es mit den Anmeldungen so gut, dass sogar noch weitere Hotels unter Vertrag genommen werden.

Kalabrien-Urlauber sollten mobil sein, denn die Region hat mehr zu bieten als Sonne und Strand. 700 Kilometer Küste stehen zur Verfügung und alle nur denkbaren Wassersportmöglichkeiten. Mit drei Nationalparks, einem Regionalpark, verschiedenen Reservaten und einem Meeresschutzgebiet ist Kalabrien die Region Italiens mit dem größten Anteil an geschützten Gebieten. Wandern, Trecking, Mountainbiking, Canyoning und Rafting, das Aktivitätsangebot lässt kaum einen Wunsch offen.

Zum Dreiklang, der Kalabrien zu einer Destination für Wohlfühltourismus macht, zählen neben Natur und sportlichen Aktivitäten das gute Essen. Es muss ja nicht gleich die Villa Rossi in Santa Cristina d’Aspromonte sein, in der Gourmetkoch Nino Rossi [kleines Foto]Traummenüs kredenzt. In fast jedem Ort machen ausgezeichnete Restaurants dem für dieses Jahr ausgerufenen „Jahr des italienischen Essens“ alle Ehre.

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Wer sich auf kulinarische Entdeckungsreise begibt, findet Spezialitäten, die es nur in Kalabrien gibt: die roten Zwiebel, die auch zu süßer Marmelade und mildem Schnaps verarbeitet werden, die Zitrusfrucht Bergamotte, aus der nicht nur Parfümöle gewonnen werden, sondern deren gesundheitsförderndes Fleisch in Form von Saft angeboten wird. Das pittoreske Fischerdorf Pizzo ist berühmt, weil dort das kalorienmächtige Tartufo-Eis serviert wird. Dem ist sogar ein eigener Zielgebietsworkshop gewidmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Notizbuch: Waffensammlung

7 07 2018

Samstag, 7. Juli 2018

Mit gemischten Gefühlen habe ich das Fürstliche Zeughaus Schwarzburg besucht, ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Pressereise durch das Schwarzatal in Thüringen. Es ist erst im Mai dieses Jahres [wieder-]eröffnet worden. Beeindruckend sind sie, die ausgestellten 4.000 Waffen und Ausrüstungsgegenstände – Schwerter und Helme, Pistolen, Büchsen und vieles mehr. Bei aller beeindruckender Pracht sollten Besucher nicht vergessen, dass es sich bei den Waffen um – Tötungsgeräte handelt, mahnt der Museumsdirektor.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gab es eine Rüstkammer auf der Schwarzburg. Das heutige Zeughaus ist hundert Jahre jünger. Als die militärische Nutzung der Waffen im 18. Jahrhundert nicht mehr gegeben war, wurde daraus eine fürstliche Schausammlung. Voller Stolz präsentierte das Fürstenhaus diee Sammlung, die rasch eine Touristenattraktion wurde. Das blieb sie auch, nachdem Günther Victor von Schwarzburg-Rudolfstadt und Schwarzburg-Sonderhausen 1918 als letzter deutscher Fürst abgedankt hatte.

Fürstin Anna erhielt lebenslanges Bleiberecht – bis die Nazis sie 1940 gegen eine finanzielle Entschädigung zum raschen Ausdruck zwangen. Sie wollten aus der Schwarzburg ein Reichsgästeheim machen. Die Abriss- und Umbau- und Ausbau-Arbeiten wurden 1942 eingestellt, weil sie zu teuer wurden. Da war das Zeughaus schon geschlossen und die Waffensammlung im Keller der Heidecksburg in Rudolfstadt eingelagert.

Wie die Sammlung vor den Russen gerettet wurde, ist eine eigene, [zu] lange Geschichte. Ein Teil der Sammlung wurde auf der Heidecksburg ab 1962 gezeigt. Heute ist das Zeughaus eine Außenstelle des Thüringer Landesmuseums Heidecksburg.

„Das ist das originale Gebäude und die originale Sammlung“, erklärt Dr. Lutz Unbehaun, Direktor des Thüringer Landesmuseums Heidecksburg bei seiner Führung nicht ohne Stolz, „das ist einzigartig im deutschsprachigen Raum“.

Was haben die Menschen nicht alles an Waffen erfunden, um sich gegenseitig vom Diesseits ins Jenseits zu bringen. Die rasante Entwicklung der Waffentechnik lässt sich im Zeughaus gut verfolgen. Nicht wenige der Waffen sind reich verziert und kostbar ausgestattet. Die Prunkrüstungen der Fürsten gleißen im Sonnenlicht. [Rekonstruierte] Fahnen verleihen der Zeughaus-Halle eine fast heitere Atmosphäre.

„Uns muss bewusst sein, dass das alles Gegenstände zum Töten sind“, sagt der Museumsdirektor. Damit – bei aller Pracht der Sammlung, bei aller Kostbarkeit – dies ins Bewusstsein der Besucher dringt, wurde zur Mahnung in der museumsdidaktisch hervorragenden Ausstellung ein eigener Raum eingerichtet. Eine Schauwand zeigt einen Jungen, ein Kind, mit Uniform, Pickelhaube unbd Gewehr – harmlos im Vergleich zu den Filmen, die auf mehreren Videowänden laufen. Sie zeigen kleine und kleinste US-Amerikaner beim Schießen mit echten Waffen, angefeuert und von ihrem Eltern bei Treffern gelobt. Was für eine Welt!