Notizbuch: Pflichtbesuch für Neonazis – Schindlers Fabrik

8 01 2019

Dienstag, 8. Januar 2019

Wer kennt ihn nicht, Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Oskar Schindlers Fabrik, die im Mittelpunkt der wahren Filmerzählung stand, gab es wirklich und gibt es heute noch. In ihr ist auch streckenweise Spielbergs Film gedreht wurden. Sie steht in Krakau in der Ulica Lipowa – in der Lindenstraße. In dem schneeweißen, restaurierten, zweistöckigen Gebäude ist heute das staatliche Museum Fabryka Emalia Oskara Schindlera untergebracht, Teil des Historischen Museum der Stadt. Sie ist ein Muss für jeden Krakau-Besucher.

Für 3,7 Millionen Euro ist die interaktive Multimedia-Ausstellung über die Besetzung Krakaus durch die Deutschen von 1939 bis 1945 eingerichtet und 2010 eröffnet worden. Es ist keine leichte Kost. Leider sind die Beschriftungen nur in Polnisch und Englisch, nicht in Deutsch. Die vielen Fotos und Filme aus dieser Zeit, die Bilder der Geknechteten und Gequälten und der Erhängten, sind erschütternd. Irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem jeder Besucher sagt: Ich kann nicht mehr, ich will nichts mehr sehen – und doch weitergeht.



Die Überlebenden, deren gefilmte Interviews gezeigt werden, singen ein Hohelied auf Oskar Schindler, diesen durchaus mehrschichtigen, gespaltenen Mann. Er war Parteigänger der Nazis, Mitarbeiter des Amtes Canaris, Opportunist – und konnte das Leid der Juden nicht mitansehen. Was für eine Leistung: Obwohl mehrfach zum Verhör bestellt und der Judenfreundlichkeit  verdächtigt, ließ der Unternehmer in seiner Emaillewarenfabrik nicht davon ab, „seine“ Juden zu schützen. Keiner von ihnen wurde im Unterlager des Konzentrationslagers Plaszów, das er auf dem Werksgelände einrichten durfte, gequält oder umgebracht.

Viele Besucher, das erzählen deren Einträge in den Sozialen Medien, sind enttäuscht vom Museum. Sie haben einen viel tieferen Einblick in die Bedingungen erwartet, unter denen die Juden schuften mussten – im Extremfall vielleicht sogar ein KZ im Mickymaus-Stil. In der Schindler-Fabrik war aber nicht das Lager, sondern die Fabrikverwaltung untergebracht.

Auf dem Schwarzmarkt kaufte Schindler Lebensmittel und andere Waren, um das Los der Juden zu verbessern. Geschickt ließ er die Fabrik als kriegswichtige Produktionsstätte einstufen, die SS-Wachleute des Lagers durften die Fabrik nicht betreten. Schindler besaß noch eine Fabrik, und zwar eine Textilfabrik in Brünnlitz/Brněnec. Als die Russen immer näher kamen, wurden das KZ Plaszów und die Unterlager geräumt. Das bedeutete für viele der sichere Tod.  Wieder gelang Schindler etwas Unvorstellbares: Er erlangte die Erlaubnis, seine Fabrik mit der kriegswichtigen Produktion nach Brünnlitz zu verlegen – und seine Arbeiter mitzunehmen. Wer mitreisen durfte  und somit gerettet wurde, stand auf Schindlers Liste.

Hauch von Ahnung, wie Schindler die Bürokratie der Nazis nutze, um Menschenleben zu retten und welche gefährliche Wanderung auf dem Grad Leben-Tod er dabei machte,  bekommen Besucher des Museums, wenn sie vor Schindlers Schreibtisch stehen. Auch die Schreibmaschine, auf der Schindlers Sekretärin die Liste tippte, ist ausgestellt.

Der Besuch in Schindlers Fabrik ist ein Muss für jeden, der sich mit unserer Geschichte auseinandersetzt. Ich habe mehrere Schulklassen gesehen, die ernst und konzentriert versuchten, das Unfassbare zu begreifen – wobei manche Kinder und Heranwachsende, die  wie ich Tränen in den Augen hatten.  Jeder mit dem Gesetzt in Konflikt gekommene Neonazi – nein: JEDER Neonazi müsste zum Besuch verpflichtet werden. Auch dieses Museums gehört zur Städtereise nach Krakau. Viele Rundreise-Gruppen, vor allem Schulklassen, machen von Krakau noch den relativ kurzen Abstecher nach Auschwitz. Der Genuss dieser zauberhaften, lebendigen, so südländisch wirkenden und heiteren Stadt ist dadurch allerdings stark gestört. Und das ist gut so.

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Notizbuch: Fotoverbot

3 01 2019

Donnerstag, 3. Januar 2018

Hugh, der Bundesgerichtshof hat gesprochen. Das Fotografierverbot in Museen ist rechtens. Benutzerordnung und entsprechende Hinweise und Piktogramme seien Teile des privatrechtlichen Besichtigungsvertrages. Sie stellen laut BGH „keine unangemessene Benachteiligung der Museumsbesucher“ dar. Ich bin da, zumindest in gewissen Fällen, ganz anderer Ansicht. Ein Fallbeispiel:

Jahrzehntelang sahen Staatsgäste, die vom jeweiligen Bundespräsidenten empfangen wurden, Deutschland von einer der schönsten Seiten: Schloss Augustusburg in Brühl, unweit von Bonn. Das gemeinhin „Schloss Brühl“ genannte Baujuwel, das zum Unesco Weltkulturerbe gehört, konnten Queen Elisabeth II., Michail Gorbatschow, Nelson Mandela, Papst Johannes Paul II. bewundern, um nur einige wenige der Staatsgäste zu nennen. Barock- und Rokoko-Architektur, Plastik und Malerei der Innenausstattung und Gartenkunst – das alles bildet ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk.

Fünf Minuten [Kunst-]Geschichte. Schloss Brühl war die Lieblingsresidenz des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs Clemens August aus dem Hause Wittelsbach [1700 bis 1761]. 1725 gab er den Auftrag, auf den Ruinen einer mittelalterlichen Wasserburg eine Sommerresidenz zu errichten. Sommerresidenz! Auch wenn Augustusburg so gigantisch geriet – es war „nur“ eine Sommerresidenz, die der Kurfürst nur für kurze Zeit im Jahr bewohnte.

Ab 1728 machte sich der kurbayerischen Hofbaumeister François de Cuvilliés an die  Ausgestaltung des Schlosses, die insgesamt 40 [in Worten: vierzig!] Jahre dauerte. Geniale Künstler kamen zum Einsatz, darunter Balthasar Neumann mit seinem atemberaubenden Entwurf des Prunktreppenhauses. Die barocke Gartenanlage legte Dominique Girard nach französischem Vorbild an, sie gilt heute als eine der authentischsten Gartenanlagen des 18. Jahrhunderts in Europa.

Rolf & Eva, sie wohnen „im Schatten“ des Schlosses

Später, ab 1840, legte Peter Joseph Lenné – wer denn sonst?! – die Waldbereiche abseits des Barockgartens nach dem Muster englischer Landschaftsgärten an. Ich kann mir kaum schönere Spaziergänge denken als die, die ich hier mit meiner Schwägerin Eva und meinem Bruder Rolf unternommen haben.

Zurück zum Schloss [das nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann]. Als der Kurfürst starb, war er stark verschuldet. Alles Mobiliar wurde in seiner Nachfolge versilbert, nur ein Stück aus seinem  Besitz blieb zurück. Warum habe ich keine Fotos von der Innenausstattung gemacht? Weil das Fotografieren verboten ist. Das hat mich sehr geärgert, BGH hin, BGH her. Es ist schon ein Unterschied, ob eine Ausstellung mit Leihgaben verschiedener Besitzer das Fotografieren untersagt oder eine mit Steuermillionen gepäppelte Schlossanlage.

Also schrieb ich an die Deutsche Unesco-Kommission: Ich würde gerne Gründe für das Fotografierverbot wissen. Fotografieren bremst Verkauf von Postkarten und Büchern? Wohl kein Besucher hätte etwas gegen eine Fotografier-Gebühr. Schutz vor Fotoblitzen? Selbst in den Museen der Berliner Museumsinsel mit ihren viel wertvolleren, weil empfindlicheren Objekten, darf fotografiert werden, natürlich ohne Blitz. Und: Muss nicht alles dafür getan werden, dass der Weltkulturerbe-Gedanke in die Welt hinaus getragen wird? Dem widerspricht das Fotografier-Verbot, wie es in Schloss Augustusburg herrscht…. Konkrete Frage an Sie: Ist es nicht auch eine Aufgabe der Deutschen Unesco-Kommission, auf die Weltkulturerbe-Stätten Deutschlands einzuwirken, Fotografierverbote abzuschaffen?

Indirekt gab mir Pressesprecherin Katja Römer in ihrer Antwort Recht: Wir stehen immer wieder in Kontakt mit Welterbestätten, um eine weitest mögliche Fotografie der Orte zu ermöglichen. Nicht zuletzt haben wir gemeinsam mit Wikimedia den Fotowettbewerb „Wiki loves Monuments“ durchgeführt und in dem Rahmen Welterbestätten in Deutschland gebeten, den vielen professionellen und Hobbyfotografen ihre Türen zu öffnen.

Und dann das Versprechen: Ich leite Ihre Informationen zu den Schwierigkeiten mit dem Schloss Augustusburg an die Fachkollegen zur Kenntnis weiter. Auch in Zukunft werden wir uns für die Zugänglichkeit der Welterbestätten einsetzen.

Und Christiane Winkler vom Stab des Schlosses Augustusborg schreibt mir: Das Fotografieren war in der Vergangenheit eine Zeitlang gestattet. Dabei hatte sich aber herausgestellt, dass zurückbleibende fotografierende Gäste, die z.T. für eine gute Aufnahme über Absperrungen geklettert sind oder sich auf den  historischen Sitzmöbeln platziert hatten, ein Sicherheitsrisiko darstellten, das die Gästeführer/innen – nicht zuletzt aufgrund des erfreulich hohen Besucheraufkommens in den Schlossführungen  – nur unzureichend im Blick behalten konnten. Daher hatte man sich von Seiten der Schlösserverwaltung dazu entschlossen, das Fotografieren generell nicht mehr zu gestatten. Basta!

Ich bekam dann noch ein Trostpflaster: Für eine touristische Berichterstattung über die Schlösser räumen wir selbstverständlich die Möglichkeit ein, nach vorheriger Voranmeldung im Rahmen eines gesonderten Termins und in Begleitung durch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter der Schlösser (in der Regel an besucherfreien Montagen) Fotografien anzufertigen. Da bin ich aber glücklich.





Notizbuch: Ganz Korfu all inclusive?

25 11 2018

Sonntag, 25. November 2018

Als vor Jahrzehnten die All Inclusive-Angebote aufkamen, waren sich Reiseveranstalter und Gastgeber in Hellas schnell einig: Diese Variante der Pauschalreisen wird in Griechenland kaum Erfolg haben. Viel zu kleinteilig sei das Angebot, viel zu viele Tavernen hätten sich rings um die Hotels angesiedelt und lockten die Urlauber aus den Resorts. Beide Seiten haben sich geirrt. Schon längst tragen viele Hellas-Angebote den All Inclusive-Stempel.

Dabei treiben es die luxuriösen Ikos Resorts auf die Spitze. In den zwei Anlagen auf der Halbinsel Chalkidike und dem im Mai dieses Jahres eröffneten Resort Ikos Dassia auf Korfu – ein viertes Resort wird im kommenden Jahr auf Kos aufgemacht – lässt das „Infinite Lifestyle“-Konzept kaum einen Wunsch offen: Mit Spitzengastronomie, Rundum-Service, vielen Aktivitäten und Wellness-Arrangements werden die Resorts dem Begriff all inclusive völlig gerecht. „Wir erhalten Buchungen von Gästen, die sonst nur die Karibik buchen“, freut sich denn auch Andreas Andreadis, Chef der Ikos-Gruppe.

Mit all inclusive treiben es die Ikos Resorts – hier  das neueste Resort, Ikos Dassia auf Korfu – auf die Spitze

Andreadis [kleines Foto unten] ist sich der Gefahr eines perfekten All Inclusive-Angebots bewusst: Dass die Gäste das Resort kaum verlassen. Um das zuzulassen, ist er viel zu sehr Grieche, der sein Land – und vor allem die griechischen Inseln – liebt. So hat er mit seinem Team das „Lokal Discovery“-Konzept entwickelt. Es soll „die Gäste ermutigen, Korfu und seine Kultur auf eigene Faust zu entdecken“ (Andreadis). Es wurden 30 Kleinwagen der Marke Mini Cooper angeschafft, die jeweils einmal pro Aufenthalt den Gästen kostenlos für einen Tagesausflug zur Verfügung stehen. Damit sie auch die schönsten Punkte der Insel finden, werden die Urlauber von einer Ikos-App geführt.

Auch ein Museumspass wird den Gästen angeboten, dies ebenfalls kostenlos. Er erschließt das Museum Kapodistrias, das Landhaus des ersten Präsidenten Griechenlands, das Museum Casa Parlante, ein Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, und das Antivouniotissa Museum, ein byzantinisches Museum in einem Kirchengebäude aus dem 15. Jahrhundert. Es fehlt das meistbesuchte Museum der Insel, das Achilleion, jener Palast, den die Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“) erbauen ließ. „Wir weiten unser ‚Lokal Discovery‘-Programm immer mehr aus“, versichert Andreas Andreadis.

Korfu-Stadt: Hier soll es noch viel mehr All inclusive-Angebote geben

Wer das vorher anmeldet kann als Ikos-Gast auch in einem lokalen griechischen Restaurant ohne Zuzahlung tafeln. Das ist beispielsweise in der Edel-Taverne „Rex“ in Korfu-Stadt möglich, in der Taverne „Karyda“ in Dassia und im „Vido Island“-Restaurant auf der gleichnamigen Privatinsel, die in 15-minütiger Speedboot-Fahrt von Dassia aus zu erreichen ist. Die lokalen Partner des Resorts Ikos Dassia unterliegen einer strengen Qualitätskontrolle des Resorts. Deshalb ist es nicht einfach, das Dine-out-Angebot ohne weiteres auszuweiten. Dennoch hat Andreas Andreadis große Pläne: „Ich will die ganze Insel Korfu all inclusive machen.“

Mein Bericht über Korfu und die Ikos-Pläne ist in touristik aktuell, Ausgabe 43/2018 vom 5. November 2018 erschienen.

 

 





Notizbuch: die Möwe Hitchcock

15 11 2018

Donnerstag, 15. November 2018

Broken wings – das ist wohl das Schlimmste, was einer Möwe passieren kann. Das dachte auch die Künstlerin Adriana Meunié, als sie am Strand von Mallorca eine Möwe mit gebrochenem Flügel fand. Seitdem ist diese ihr Hausgenosse. Ihr Freund hält das für keine gute Idee.

Adriana Meunié, 33 Jahre jung, stammt aus Barcelona und hat Textil-Design studiert. Sie ist dem Material regelrecht verfallen und schafft [Kunst-]Werke, die allesamt etwas mit textilen Stoffen zu tun haben – aparte Gemälde, Wandbehänge, Gebilde, die man kaum beschreiben kann, sondern gesehen haben muss.

Das ist schon eine Überraschung, wenn man Adrianas winziges Atelier – gefühlte 15 Quadratmeter klein – in Palmas Altstadt betritt. Linker Hand steht neben der Tür eine große Plastikkiste. Und darin hockt die Möwe, fast so groß wie ein Terrier. Adriana hat sie Hitchcock getauft. Hitchcock wird von Adriana mit Hingabe gepflegt. „Ich muss immer ihren Schnabel öffnen und sie füttern“, erzählt sie. Und was frisst man so als Möwe in der Rekonvaleszenz? „Carpaccio!“ erwidert die Tierpflegerin. Na prima, einmal möcht‘ ich Möwe sein.

Hitchcock hat Adriana ihre Möwe getauft. Hitchcock ist für die gute Pflege nicht immer dankbar, sondern hackt ab und zu mit seinem riesigen Schnabel in Adrianas Hände. Aber die Pflege bekommt ihm gut, es geht ihm Tag für Tag besser. Aber was heißt schon: Es geht ihm besser?! Einer der beiden Flügel ist und bleibt zerbrochen, zerstört. Die Möwe namens Hitchcock wird nie mehr fliegen können. Ohne menschliche Hilfe ist der Vogel nicht mehr lebensfähig. Wie denkt sich Adriana das? Sie zuckt nur mit Achsen, lächelt ein wenig verlegen. Diese Frage hat sie offensichtlich schon oft gehört und kennt keine Antwort darauf.

Warum hat sie den Vogel nicht zum Tierarzt gebracht? „Kein Tierarzt in Spanien würde sich um eine Möwe kümmern“, sagt Adriana, „Möwen sind wie Ratten“. Das bestätigt auch ihr Freund Jaume Roig. Der ist Keramikkünstler und hat sein Atelier ein paar Straßen weiter. Über die aktuelle Tierliebe seiner Freundin schüttelt er den Kopf. „Einmal ging es der Möwe ganz schlecht, und ich dachte, das würde das Problem lösen“, sagt er. Dass Adriana sich noch jahrelang um die Möwe kümmert, die auf ihre Hilfe angewiesen ist, hält er für nicht praktizierbar. Aber Jaume weiß auch, wie traurig Adriana sein wird, wenn sie selbst – oder wer auch immer dabei hilft – das Kapitel Hitchcock beenden muss.

Broken wings…





Notizbuch: Tasten=Sehen

12 11 2018

Montag, 12. November 2018

Wer je das Kunsthaus Dahlem besucht hat, das in erster Linie ein Skulpturenmuseum ist, wird diesen Drang gespürt haben: die Skulpturen zu berühren, an ihnen entlang zu streichen, um noch mehr, um noch anderes über sie zu erfahren. Doch das Berühren von Kunstwerken im Museum ist normalerweise nicht gestattet, aus nachvollziehbaren Gründen.

Eine Ausnahme macht das Kunsthaus Dahlem am Sonntag, 25. November: Dann lädt es zum ersten Mal zu einer Tastführung für blinde und sehbehinderte Menschen ein. »Es ist der Vorzug eines Skulpturenmuseums, solche eine intensive Erfahrung mit Skulpturen machen zu können«, sagt dazu Dorothea Schöne [kleines Foto], Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin des Museums. »Jedes Material fühlt sich ja ganz anders an, hat eine ganz andere Temperatur«, weiß sie aus Erfahrung, denn sie hat selbst »einmal eine Führung mit verbundenen Augen gemacht und war fasziniert, wie sich die Wahrnehmung von Plastik verändert.«

Dimitrios Pandermalis und eine der Karyatiden im Athener Aktropolis-Museum

Eine ähnliche Erfahrung werde ich nie vergessen. Ich habe einmal das beeindruckende Akropolis-Museum in Athen besucht, als dort gerade die Karyatiden mit Laserstrahlen gereinigt wurden, jene Frauenfiguren, die das Dach der Korenhalle des Erechtheion-Tempels auf der Akropolis tragen. Der Museumschef, Dimitrios Pandermalis, ließ mich in das Zelt, das die Restauratoren aufgestellt hatten, schlüpfen und ermunterte mich, mit geschlossenen Augen eine der Marmorfiguren anzufassen, ihre Oberfläche mit den Händen zu erkunden. Ein ganz neuer Zugang zur antiken Skulpturenwelt erschloss sich mir.

Ausstellung »Was war Europa« im Kunsthaus Dahlem

Dass am 25. November nun blinde und sehbehinderte Menschen in den Genuss einer Tastführung kommen, ist der Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin gegr. 1874 e.V. zu verdanken. Durch die Ausstellung führt Anja Winter von tastkunst, die – selbst stark sehbehindert – große Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Sie wird einige ausgewählte Werke der aktuellen Ausstellung »Was war Europa« von den Teilnehmer der Führung ertasten lassen.

Bernhard Heiliger, Seraph, Zement

Pionier unter den Berliner Museen mit Angeboten für blinde und sehbehinderte Besucher ist die Berlinische Galerie, die solche Führungen regelmäßig im Programm hat. Auch im Kunsthaus Dahlem wird die Führung am 25. November keine Ausnahme bleiben: Weitere Tastführungen sind für das nächste Jahr geplant.





Notizbuch: Gunther Träger ist tot

23 10 2018

Montag, 23. Oktober 2018

Als ich die Nachricht las, kamen mir die Tränen. Gunther Träger, touristisches Urgestein, ist tot. Wir waren keine engen Freunde, aber wir mochten uns sehr. Seit vier Jahrzehnten kannten wir uns. Da kommt es schon mal vor, dass man den anderen für unsterblich hält.

In den letzten Jahren tauchten auf Facebook immer wieder Fotos auf, die Gunther aus großer Höhe geschossen hatte – aus seinem Flugzeug. Er war ein passionierter Flieger, und wie zu hören ist, auch ein exzellenter Fluglehrer. Aber die meisten kannten ihn als Mann, der in jedem seiner zehn Finger mehr Gefühl für PR hatte als die meisten seiner Mitbewerber. Als ich ihn kennenlernte – ich war da noch Reiseredakteur bei „test“ – war er PR-Mann und Pressesprecher für einen Reiseveranstalter mit jungem Image, ich komme nicht auf den Namen. Als wir uns zum ersten Male beruflich trafen, musste er mir erst mal erklären, was die Aufgabe einer firmeninternen PR-Stelle ist.

Was hat Gunther Träger nicht alles beruflich gemacht. Er hat beim ZDF gearbeitet, war PR-Berater des rheinisch-westfälischen Ministerpräsidenten namens Helmut Kohl. 1984 gründete er seiner touristische PR-Firma C&C Contact & Creation, die Jahrzehnte zu den größten und besten PR-Agenturen der Branche zählte und zahlreiche Awards einheimste. Viele Jahre waren er und der Reiseveranstalter Neckermann eins, C&C leistete hervorragende PR.- und Pressearbeit für das Unternehmen. Für die DZT hat C&C gearbeitet, für Aldiana, die Dominikanische Republik. Tüchtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte die Agentur, irgendwann spaltete sich eine neue, erfolgreiche PR-Agentur ab. Da kam Gunther Träger eine Zeitlang ins Gerede, ebenso wie durch seine Mitgliedschaft bei den Scientologen. Von diesen sagte er sich öffentlichkeitswirksam ab und hat darüber sogar ein Enthüllungsbuch geschrieben.

Seine besondere Zuneigung galt der Insel Zypern, für die er als Honorarkonsul wirkte. Seine Frau Marianne Salentin-Träger, wie ihr Mann Geschäftsführerin der Agentur, hat das zauberhafteste Kochbuch herausgebracht, das ich je gesehen habe. Es ist, natürlich, Zypern gewidmet.

Eine Anekdote will ich erzählen. Es war ein paar Jahre nach der Wende, als Gunther Träger Ost- und Westjournalisten zu einer gemeinsamen Pressekonferenz lud. Meine Frau Sabine Neumann war damals schwanger mit unserem Sohn Bent. Sie äußerte Bedenken, wie es nach der Geburt mit ihrer Arbeit im Redaktionsbüro weitergehen könne. Da könne er sie beruhigen, sagte der Charmeur im Brustton der Überzeugung: „So ein Baby schläft in den ersten Jahren den ganzen Tag und stört nicht…“

Was konnte Gunther den Leuten, denen er begegnete, für ein Lächeln schenken! Es war nicht aufgesetzt, sondern echt und voller Lebensfreude. Er ist mir immer, auch im höheren Alter, wie ein großer Junge vorgekommen. Ich mag gar nicht glauben, dass dieser große Junge mit 68 Jahren seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat.

 

 





Notizbuch: Muellers Mädchen

20 10 2018

Samstag, 20. Oktober 2018

Ein deutsch-polnisches Forschungsprojekt liegt der Ausstellung zugrunde, die bis zum 3. März kommenden Jahres im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist. Das Museum für Gegenwart widmet sie dem Expressionisten Otto Mueller und nähert sich ihm dabei in dreifacher Weise – Otto Mueller als Maler, als Mentor und als Magier.

100 Exponate aus deutschen und polnischen Museen sowie aus Privatbesitz sind in der interessanten Ausstellung zu sehen, Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und Schriftstücke. Kunstinteressierten ist Otto Mueller [geboren 1874, gestorben 1930] ein Begriff als einer der bedeutendsten deutschen expressionistischen Maler. Was den meisten zu diesem Namen einfällt: Er war von 1910 bis zu ihrer Auflösung 1913 Mitglied der Künstlergemeinschaft Brücke. Seine Berliner Verbindung ist präsenter als die zehn Jahre, in denen Otto Mueller ab 1919 an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau gearbeitet hat. Sie war weltoffen und liberal und zählte zu den fortschrittlichsten Kunstschulen in ganz Europa.

An der Breslauer Akademie – das Folgende habe ich aus den Presseunterlagen – standen gleichberechtigt die vielfältigen Strömungen der modernen Malerei nebeneinander: die französische Peinture der Académie Matisse mit Oskar Moll, der Expressionismus mit Otto Mueller, die Neue Sachlichkeit mit Alexander Kanoldt und Carlo Mense sowie das Bauhaus und dessen Umfeld mit Oskar Schlemmer, Georg Muche und Johannes Molzahn.

 

oben: Johannes Molzahn: „Porträt meiner Frau“, 1930  

unten rechts: Otto Schlemmer, „Bauhaustreppe“, 1932        

Um die Akademie herum bildete sich ein Netzwerk, in dem Otto Mueller der wohl bunteste Vogel war. Er hatte großen Einfluss, weshalb die Ausstellung im Hamburger Bahnhof seinem Netzwerk nachspürt. Otto Mueller war bei seinen Schülern und Schülerinnen [!] wegen seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden beliebt. Sein Humor wurde allenthalben geschätzt, und Otto Mueller war mehr als stadtbekannt wegen seines absolut unbürgerlichen Lebens.

Eng war zu dieser Zeit die künstlerische Verbindung zwischen Breslau und Berlin. In die deutsche Hauptstadt wechselten einige seiner Schüler und machten hier künstlerische Karriere, zum Beispiel Alexander Camaro [1901 bis 1992]. Der war als künstlerisches Multitalent genial: Zirkusartist, Tänzer, Pantomime, Maler und ab 1952 Professor für Malerei an der Berliner Hochschule für Bildende Künste. 2009 gründete seine Frau Renata, ebenfalls Malerin, die Alexander und Renata Camaro Stiftung. Diese war an die Staatlichen Museen zu Berlin mit der Idee zum Forschungsprojekt und zur Otto Mueller-Ausstellung herangetreten.

Mensch und Natur, der Mensch in der Natur, das war das Thema, das sich durch Otto Muellers Lebenswerk zog. Bekannt sind seine Aktdarstellungen in Landschaft – zum Beispiel „Sommertag“ und die berühmten „Zwei Mädchen“. Bekannt sind vor allem seine Szenen aus dem Zigeunerleben [im kunsthistorischen Zusammenhang sei diese Fremdbezeichnung für Sinti und Roma gestattet]. Otto Mueller hat eine Zeitlang unter ihnen gelebt.

Kurz nach dem Tod des Expressionisten, schon 1931, fand eine Otto Mueller-Gedächtnisausstellung in Breslau statt, die im gleichen Jahr von der Nationalgalerie übernommen wurde.  Die „Moderne Abteilung der Berliner Nationalgalerie“ war damals im Kronprinzenpalais am Boulevard Unter den Linden untergebracht. Otto Mueller war wie so viele andere Künstler seiner Zeit den Nazis ein Dorn im Auge, sie beschlagnahmten 1937 über 350 seiner Werke aus deutschen Museen.

Die Otto Mueller-Gedächtnisausstellung im Berliner Kronprinzenpalais, 1931

Von Otto Mueller hörte ich zum ersten Male an meinem Gymnasium in meiner Heimatstadt Aachen, dem Couvengymasium  – benannt nach Johann Joseph Couven und seinem Sohn Jakob Couven, zwei bedeutenden Barockbaumeistern. An diesem Gymnasium hatte ich einen Zeichenlehrer, der bei Otto Mueller studiert hatte. Wegen seines aparten Haarschnitts wurde er „Mecki“ genannt. Er war – vielleicht – ein guter Künstler, aber ein miserabler Pädagoge. Wenn es ihm zu laut im Zeichensaal wurde – und es wurde immer zu laut, weil ihm niemand zuhörte -, klopfte er energisch mit seinem Schlüsselbund gegen die Heizung. Die Klopfgeräusche übertrugen sich in zahlreiche andere Klassenräume. Ich höre sie heute noch, wenn der Name Otto Mueller fällt.

Fünf – das Foto zeigt nur vier – wichtige Leute machten Journalisten langatmig mit der Ausstellung vertraut

Noch ein Wort zur Präsentation des Ausstellungsprojekts. Das war ganz großer Bahnhof mit fünf natürlich ganz wichtigen Personen, die die Journalisten informierten. Nur – erster Minuspunkt – hielten sie sich nicht an die alte Pressekonferenz-Regel: Man kann über alles reden, nur nicht über fünf Minuten. Es gab offensichtlich keine Abstimmung und deshalb Dopplungen – zweiter Minuspunkt. Dritter Minuspunkt: Die Presskonferenz fand nicht in den Ausstellungsräumen statt, sondern in einem weit entfernten Funktionsraum ohne Atmosphäre; wenn wenigstens einige der erwähnten Bilder an die Wand projiziert worden wären. Noch ein Minuspunkt: das Name Dropping. Ich behaupte, mich in der europäischen Kunstgeschichte, zumal in der modernen, ganz gut auszukennen. Aber es fielen in der Pressekonferenz so viele Namen polnischer Künstler, die ich noch nie gehört hatte. Eine Pressekonferenz ist kein Kunstgeschichts-Seminar. Fazit: setzen, sechs! Nun, nicht sechs, aber vier minus. Zu schwach für solch ein Ausstellungsprojekt.