Notizbuch: Blackout Cities

6 06 2018

Mittwoch, 6. Juni 2018

Was Blackout Cities macht, ist leicht erklärt. Aber nur schwer zu verstehen. Den wahren Wert dieser Kunstwerke erkennt ohnehin nur, wer sie im Original gesehen hat. Zum Beispiel in der Ausstellung „Disturbance“ in der whitegrid gallery in der Kreuzberger Graefestraße. But hurry up, sie ist nur noch bis zum 16. Juni zu sehen.

Hinter Blackout Cities steht die junge Künstlerin Marie M. Benaboud. Marie hat ihre Wurzeln in Marokko, Belgien und der Schweiz.  Sie lebt und arbeitet als Architektin in Berlin. Bei ihren Arbeiten kombiniert sie Architektur, eigene Fotografien und von ihrer Hand ausgeführte Illustrationen.

„Die prägende Verwendung von Schwarz, die strenge Komposition und die Abwesenheit von menschlicher Präsenz erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die Maries Arbeit charakterisiert“, heißt es dazu auf den Internetseiten der Gallery. Die Vielschichtigkeit der Siebdrucke – im wahrsten Sinne des Wortes – erkennt nur, wer sie im Original sieht, dicht an sie herantritt und dann Schicht für Schicht sieht. Nicht weniger vielschichtig ist der Titel der kleinen Ausstellung: In Disturbande – Störung, vielleicht auch Belästigung, auf jeden Fall: Unruhe verursachen – steckt das Wort  urban.

Marie druckt ihre Kunstwerke im Siebdruck übrigens im STATTLAB, Siebdruckwerkstatt und Schwarzweiß-Fotolabor im Wedding. „Wir sind ein offenes Gemeinschaftsatelier und geben regelmäßig workshops“, heißt es auf deren Website [www.stattlab.net/]. Last but not least: Wer es nicht in die Ausstellung in die Galerie in die Graefestraße schafft: Blackout Cities hat einen hochspannenden Internet-Auftritt mit Online-shop: http://www.blackoutcities.com/ . Dort habe ich noch so viele weitere hochspannende Kunstwerke von Marie entdeckt, dass ich ihr – und mir! – noch so manche Ausstellung in Berliner Galerien wünsche.

Noch ein Wort zur whitegrid gallery: Sie ist eine neue Galerie in Berlin für Drucke in limitierter Auflage. „Unser Portfolio umfasst Artworks aus den Bereichen Illustration, Grafik und Typografie, die mit Hilfe von Techniken wie Siebdruck, Risografie und Linoldruck umgesetzt werden“, sagt Doris Reißermayer, mit Thomas Reisinger Gesellschafter[in] der Galerie. Die Preise sind so, dass sich jeder eins der ausgestellten Kunstwerke leisten kann. Ein Zitat aus der Website [https://whitegrid.gallery/ ] der Galerie: „Alle Drucke unserer Kollektion sind von Hand gefertigte und im Rahmen einer Edition produzierte Originale. Jedes einzelne Blatt wird separat bedruckt und vom Künstler individuell signiert. Durch diesen Prozess entstehen Kunstwerke, die den Charme von in Serie gefertigten Originaldrucken besitzen. Jeder Druck ist ein Unikat und existiert so nur ein einziges Mal.“

whitegrid gallery, Graefestraße 78

Bislang hat die vor einem Jahr gegründete Galerie, die zur größeren Wertschätzung von Drucken jedweder Technik beitragen will, 26 Künstler unter Vertrag. Ziel sind 40 Künstler. Doris Reißermayer: „Mindestens ein Bild eines jeden Künstlers soll hier hängen.“ Und: „Wir wollen unsere Begeisterung und Leidenschaft für ausdrucksstarke und originelle Drucke nutzen und hochwertige handgefertigte Editionen ausstellen, die zeigen, wie aktuell klassische Drucktechniken auch heute noch sind.“

 

 

 

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Notizbuch: Paros again

28 05 2018

54 Jahre ist es her, dass ich zum ersten mal in Griechenland war. Und durch Zufall auf die Kykladeninsel Paros geriet. Voriges Jahre habe ich diese Reise eins zu eins wiederholt. Hier der Bericht über die Rückkehr, der letzten Samstag/Sonntag im Reiseteil der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen ist:

Rumpelnd schiebt sich die Fähre Ekatherini in den engen Hafen von Paros. Markerschütternd schrammt Metall an Beton entlang. Im Hafen stehen alte, schwarz gekleidete Frauen und flüstern „Rooms, rooms“. Im so ergatterten Zimmer gibt es nur stundenweise Strom und zwei Stunden am Tag Wasser. Wenn wir diese verpassen, müssen wir uns mit Wasser aus riesigen Amphoren übergießen. Das Frühstück im Kafenion am Hafen der Inselhauptstadt ist karg, wie damals in ganz Griechenland üblich: Nescafé, Toast und ein Klecks Marmelade.

Parikia einst und heute. Das untere Foto hat meine Kollegin Maria Menzel gemacht, die mich auf der Reise nach Paros begleitet hat.

Paros im Jahr 1964. Ich studierte in diesen Jahren Archäologie – und war noch nie in Griechenland. Also reiste ich mit einer Kommilitonin im Hellas-Express nach Athen. Aber da der damalige König Konstantin II. gerade seine dänische Prinzessin geheiratet hatte, feierten die Athener bei Tag und bei Nacht. Der Lärm war so stark, dass wir uns nach ein paar Tagen entschlossen, auf „irgendeine Insel“ zu fahren, obwohl wir uns in der griechischen Inselwelt nicht auskannten. Die Wahl fiel auf Paros.

Paros habe ich seitdem nie mehr besucht. In Erinnerung geblieben ist eine schneeweiße Kykladeninsel mit freundlichen Bewohnern, herrlichen Stränden und vielen Sehenswür-digkeiten. Ein touristisches Paradies also… Das wollte ich wiedersehen und machte mich im Vorjahr auf die Reise. Die Fähre von Piräus nach Paros war modern und komfortabel, nicht so ein – gefühlt – schwimmender Schrotthaufen wie vor 54 Jahren. Im Hafen der Inselhauptstadt Parikia können jetzt drei oder vier Fähren gleichzeitig anlegen. Gab es damals auf der ganzen Insel nur vier Hotels, sind es heute 138. „Bis 1980 war Naussa ein kleines, traditionelles Fischerdorf,“ erinnert sich Giannis Vasikopoulos [kleines Foto], der mit 73 Jahren ehrenamtlich das Heimatmuseum in Naussa betreut. Nicht nur im heutigen Touristen-Hotspot der Insel lebten die meisten Familien wie Giannis‘ vom Fischfang und von der Seefahrt. Das Heimatmuseum ist klein und besteht praktisch nur aus einem Raum. Giannis nimmt Besucher mit auf eine Zeitreise, zeigt historische Bücher, alte Fotos und Postkarten aus vergangenen Zeiten.

Und dann kam, was Giannis „ein Bumm“ nennt: Der Tourismus überrollte die Kykladeninsel. Traf früher zweimal pro Woche eine Fähre ein, sind es heute in der Hochsaison bis zu 20 am Tag. In der höchsten Hochsaison kann es eng werden in Parikia oder Naoussa, wo sich ein Restaurant ans andere reiht, Bars miteinander konkurrieren und vor allem „Rooms to let“ und „Studios“. Dann müssen Gäste aufpassen, nicht unter die Räder eines der vielen Quads zu geraten. Betrunkene Jugendliche sind dann keine Seltenheit. „Im Juli und August geht es in Naoussa zu wie auf dem Oktoberfest“, klagt ein deutscher Reiseveranstalter. Die Insel hat 15.000 Bewohner, im Sommer explodiert die Zahl aufs Zehnfache.

Aber Paros hat so viele Strände, dass jeder sein Plätzchen findet. Die Strände – meist Sand-, seltener Kiesstrände – umziehen die ganze Insel. Windige sind darunter und windgeschützte, kleine Buchten und weite Flächen. Nacktbaden wird fast überall geduldet; dass sich ortsnahe Strände nicht für dieses Badevergnügen eignen, versteht sich von selbst. Mit Monastiri Beach im Norden der Insel existiert sogar ein offiziell ausgewieser FKK-Badestrand.

Auch gibt es Orte wie Prodromos, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die hier lebenden 300 Bewohner werden weder von Autos noch von Mopeds gestört: Motorfahrzuge sind hier verboten. Ohne Abgase gedeiht die Blumenpracht, für die Prodomos berühmt ist, besonders prächtig. Aber selbst in Orten, in denen der Tourismus sechs Monate pro Jahr den Ton angibt, fällt auf, dass nirgends Bausünden zu finden sind – mit Ausnahme der unvollendeten Bauten, aus deren fertigen Stockwerken die Armierung für das nächste Stockwerk ragt, in Griechenland Hoffnungseisen genannt. „Auf den Kykladen darf nur zweistöckig gebaut werden“, betont Jiorgos Bafitis [kleines Foto links], Präsident der Hotelvereinigung von Paros. Hotels dürfen maximal 50 Zimmer haben, sein – anheimelndes – Hotel Kalypso in Naoussa hat nur 40. Vorschrieben sind auch die traditionelle weiße Farbe der Häuser sowie Holzfensterrahmen und –türen, diese in Blau oder Grün.  Das hat sich seit meiner Reise vor über 50 Jahren nicht verändert. Die Inselbewohner streichen jetzt auch die weißen Fugen in den Gassen der Inselorte mehrmals im Jahr nach, die Tradition verlangt das eigentlich nur zu Ostern.

80 Prozent der Familien leben vom Tourismus, viele der Helfer kommen aus Albanien. Auffallend ist die Freundlichkeit und Offenheit der Inselbewohner. „Das kommt davon, dass wir so lange zur See gefahren und den Umgang mit Fremden gewohnt sind“, sagt Giannis Vasikopoulos. Selbst im Straßenverkehr geht es für griechische Verhälnisse gesittet zu, gehupt wird fast nie.

Panagia Ekatontapyliani

Paros wirbt damit, „für alle“ Urlauber da zu sein. Auch wem es widerstrebt, zwei Wochen nur Sand und Sonne zu genießen, ist hier gut aufgehoben. Die Insel hat so viele Sehenswürdigkeiten, dass Urlauber mühelos eine Woche mit Sightseeing verbringen können. Allen Zielen voran die Panagia Ekatontapyliani, [„die mit den 100 Fenstern und Türen“] in der Inselhauptstadt, eine der prächtigsten byzantinischen Kirchen ganz Griechenlands – und nur eine von 450 Kirchen, Kapellen und Klöstern auf Paros. So freizügig sich die Insel an den Stränden geriert, so streng sind die Kleidervorschriften in orthodoxen Kirchen. Wer zu offenherzig gekleidet ist, muss sich am Eingang der Kathedrale züchtige Kleidung ausleihen. Keinesfalls versäumen sollten Besucher den Abstecher in die Taufkapelle: Fast die gesamte Fläche nimmt ein kreuzförmiges Becken aus dem früchristlichen 4. Jahrhundert ein, in dem die zu Taufenden ganz untertauchten.

Ein detailgetreuer Nachbau der Kathedrale ist Star im sehenswerten Freilicht-Miniaturmu-seum in Aliki, an dessen Modellen Benetos Skaras 40 Jahre lang gewerkelt hat und das bei meinem ersten Besuch auf Paros noch nicht existierte. Leuchttürme und Kirchen hat er detailgetreu nachgebaut, Windmühlen, antike Theater und vor allem: Schiffe, Schiffe und nochmal Schiffe. „Mein Vater hat den absoluten Maßstab im Kopf“, sagt seine Tochter Katerina. So habe sich ihr Vater ein paar Tage die Panagia Ekatontapyliani angesehen, sich auf Zettel ein paar Notizen gemacht und dann die Kirche nachgebaut – eine Meisterleistung.

Eine solche ist im Museum des Bildhauers Nikos Perantinos im Örtchen Marpissa nicht leicht zu finden. In einem früheren Schulgebäude sind 200 Skulpturen des über die Landesgrenzen hinaus kaum bekannten Bildhauers aufgestellt, der 1991 mit 81 Jahren auf Paros gestorben ist. Als er 80 Jahre wurde, hat er seine Werke Marpissa, dem Geburtsort seines Vaters, geschenkt. Fast alle Bronze- und Marmorstatuen wirken allzu glatt und unbeseelt. Einzig eine Büste des Malers El Greco lohnt den Besuch. Aber große Verdienste hat sich Perantinos in den 1940-er Jahren mit der Restaurierung der hellenistischen Figur Jockey aus Artemision im archäologischen Nationalmuseum in Athen erworben.

Auch die berühmte Venus von Milo im Louvre stammt aus hellenistischer Zeit, dem 2. Jahrhundert v.Chr. – und der feine, lichtdurchlässige Marmor, aus dem sie geschaffen ist, von der Insel Paros.

Die unterirdische Stollen, in denen der Marmor bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gewonnen wurde und vor allem in der Antike zu ungezählten Kunstwerken verarbeitet wurde, existieren noch. Sie können besichtigt werden. Die drei Stollen sind zwar gesperrt – aber wen stört so etwas schon in Griechenland.





Notizbuch: viel laut – viel schön

20 05 2018

Sonntag, 20. Mai 2018

„Viel laut!“ sagte die Dame, die mir in der U-Bahn gegenübersaß. In jedem U-Bahnhof stiegen noch mehr Leute ein, und es wurde lauter und lauter. Sie alle hatten ein Ziel: die Bahnstation Gneisenaustraße, um den Umzug zum Karneval der Kulturen zu sehen. Das traumhaft schöne Wetter trug dazu bei, dass der Umzug wieder zum gigantischen Volksfest geriet. Berlin von seiner schönsten Seite.

Zur Stimmung trugen auch die vielen Frankfurter-Fans bei, die Berlin noch nicht verlassen hatten  – übernächtigt, mit gehörig Restalkohol im Blut und siegestrunken. Der diesjährige Karneval war der 23. In ununterbrochener Folge. 4000 Mitwirkende zogen in 68 Gruppen, darunter 13 neuen, durch Kreuzberg – Sänger und Tänzer, Musiker und Mitläufer, dies alles in weiblicher und männlicher Form.

Beeindruckend waren die Kostüme, ansteckend die gute Laune. „Der Karneval der Kulturen ist ein freudvolles Statement für eine offene und interkulturelle Gesellschaft“, heißt es auf der website des Karnevals der Kulturen, „er spiegelt seit mehr als 20 Jahren wie kaum eine andere Veranstaltung die Vielfalt Berlins wider.“ Denn „hier kommen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und kultureller Bezüge zusammen, um Ihre Leidenschaften, Ideen und Wünsche kreativ auf die Straße zu bringen und mit einem aufgeschlossenen Publikum zu teilen.“

bDer Sicherheitsaufwand war groß, aber blieb vom Publikum unbemerkt. Gewiss gingen die Veranstalter ein großes Risiko mit dem Umzug ein. Andererseits legte Berlin mit der Genehmigung und finanzieller Unterstützung des Sicherheitskonzepts ein klares Bekenntnis dazu ab, sich vom Terror nicht beeindrucken zu lassen.

Der Umzug war nicht nur Musik und Tanz und Kostüme und Friedefreudeeierkuchen. Einige Gruppen, nein: viele Gruppen hatten und haben eine politische Botschaft. Sie widmen sich Frauenrechten, dem Schutz der Meere, dem friedlichen Zusammenleben. Die Welt könnte so schön sein…





Notizbuch: B&B

19 05 2018

Samstag, 19. Mai 2018

Was für ein Sprung: vom wirklich luxuriösen Ikos Resort auf Korfu [5 Sterne] ins gerade eröffnete Budget-Haus B&B Hotel Hamburg-Wandsbek [2 ½ Sterne]. Das Zimmer ist so groß wie im Ikos mein Badezimmer. Aber es ist alles da: ein gutes Bett, Haken, Ablageflächen, Fernseher, Klimaanlage [!], freies W-Lan. Halt, etwas fehlt: der Föhn. Also am nächsten Morgen nicht die Haare gewaschen, nicht geföhnt und keinen Wachs reingeschmiert. Wie Struwwelpeter erscheine ich zum Gespräch mit dem Hoteldirektor.

„Die Föne werden gerade angebracht“, lacht der, „deshalb haben wir den Hinweis an der Rezeption entfernt, dass man sich einen Föhn ausleihen kann.“ Wir sitzen im überraschend großen, sehr farbigen und durchaus gemütlichen Frühstücksraum. Das Frühstück war in Ordnung und seinen Preis, 8,50 Euro, wert. Der Kaffee aus dem Automaten genügte sogar meinen Ansprüchen; wer mich näher kennt, weiß, was das bedeutet.

farbig & gemütlich: der Frühstücksraum

Wolfgang Sparenberg heißt der Hoteldirektor, ein freundlicher, offener Mensch. Mit seiner Frau Bianca betreibe er auch noch das B&B-Hotel Hamburg-Mitte, erzählt er. Betreiben? Ist er nicht Angestellter der Hotelgruppe? Nein, er habe mit seiner Frau eine GmbH gegründet. Über die manage er die beiden Hotels. Das ist also so etwas Ähnliches wie ein Franchise-System. Die Hotel-Gesellschaft  B&B Hotels gibt das Konzept bis ins kleinste Detail vor, die Franchise-Nehmer sorgen dafür, dass der Laden läuft.

Die Rezeption des erst vor knapp zwei Wochen eröffneten B&B Hotel Hamburg-Wandsbek ist rund um die Uhr, also 24 Stunden, besetzt. „Das keine Vorgabe“, sagt Wolfgang Sparenberg, der schon seit über 20 Jahren im Hotelgewerbe tätig ist. Andere B&B-Häuser haben einen Nachtschalter. Über hundert dieser Budget-Hotels gibt es in Deutschland – von A wie Aachen bis W wie Würzburg. Bis 2020 soll die Zahl auf 150 steigen. „Der Markt gibt das noch her“, sagt Wolfgang Sparenberg. Und dann stellt er eine Frage, die er selbst beantwortet. Die Frage: „Wissen Sie, warum es so gut ist, für B&B Hotels zu arbeiten?“ Die Antwort: „Weil es hier nur ein Produkt gibt.“ Eine Anspielung auf die Accor-Gruppe, die vom Budget-Haus bis zum Luxushotel viele Produkte anbietet und wo „mitunter das eine Produkt das andere subventionieren muss“ (Sparenberg).

Jeder Quadratzentimeter ist genutzt

Im Hamburger Haus in der City – und Sparenberg erwartet das auch für sein Wandsbeker Haus – quartieren sich wochentags viele Businessleute ein, am Wochenende mehr Hamburg-Besucher auf Sightseeing-Tour – auch Familien. Die Häuser haben nicht nur Einzel- und Doppelzimmer, sondern auch Dreibett- und Familienzimmer mit Doppelstock-Betten. Sparenberg: „Eine ganze Familie für 90 Euro die Nacht…“ Dass das B&B Hotel Hamburg-Wandsbek 250 Betten besitzt, erfahren übrigens potenzielle Gäste nicht aus dem 150-seitigen gedruckten Hotelverzeichnis. Auch nichts über all den Komfort, den die Häuser bieten. Eigentlich merkwürdig.

 

I





Notizbuch: Villa Winternitz

11 05 2018

Mit gemischten Gefühlen habe ich in Prag die Villa Winternitz verlassen, für mich der unbestrittene Höhepunkt der Pressereise durch Tschechien. Sie hatte den Titel: „Funktionalismus: Auf den Spuren der modernen Architektur in böhmischen Städten“. Auf der einen Seite stimmte der von Lhota und Loos konzipierte Bau heiter wie selten etwas, was man auf Pressereisen zu sehen bekommt. Auf der anderen Seite erschütterte das schreckliche Schicksal des Hausherrn, Dr. Josef Winternitz, und seiner Familie.

Ohne Schmuck – und doch hinreißend schön

1931 erhielten die Architekten Karel Lhota und Adolf Loos, die schon oft zusammen gearbeitet hatten, vom Rechtsanwalt Dr. Josef Winternitz den Auftrag, ein Haus für die Familie zu bauen. Dazu gehörten seine Frau Jenny und die Kinder Suzana und Peter. Kurz zuvor hatte Loos in Prag die damals schon gerühmte und heute berühmte Villa Müller errichtet. Das Heim für die Familie Winternitz war sein letztes Werk und wurde erst nach seinem Tod vollendet.

Loos war damals ein weltberühmter Architekt und scharf und pointiert formulierender Architekturkritiker [„Fassadenschmuck ist ein Verbrechen“]. Seinen Ruf als Wegbereiter moderner Architektur begründet das sogenannte Looshaus am Michaelerplatz in Wien. Das 1910 gebaute Wohn- und Geschäftshaus wurde von Volk und Kaiser als „Haus ohne Augenbrauen“ geschmäht, weil der glatten Fassade die damals üblichen Fensterüberdachungen fehlten. Kaiser Franz Joseph I., dessen Zimmer in der Hofburg dem Looshaus gegenüberlag, soll sich den Rest seines Lebens geweigert haben, aus den Fenstern dieses Zimmers zu schauen.

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Zu Loos‘ „Raumplan“ gehören Räume auf verschiedenen Ebenen. Die Sitzecke [unten] liegt höher als das daneben liegende Wohnzimmer [oben].

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Licht als Gestaltungsmittel – Blick vom Wohnzimmer auf eine der beiden Terrassen

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Die Familie lebte von 1932 bis 1941 in der Villa, dann schlugen die Nazis zu. Winternitz wurde gezwungen, seine Villa zu verkaufen, und zwar an den sogenannten Auswanderungsfond für Böhmen und Mähren, eine SS-Dienststelle. Die Stadt Prag kaufte vom Auswanderungsfond das Haus, um darin einen Kindergarten zu errichten. Als dieser 1997 die Villa verließ, blieb diese im desolaten Zustand und mit vielen baulichen Veränderungen zurück. Eine Ausstellungswand in der Villa dokumentiert heute diese Schäden.

W8Die Familie Winternitz wurde 1943 erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Dort ermordeten die Nazis Josef und Peter unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer. Jenny und Suzanna mussten in einer Fabrik für Getriebe arbeiten, wo sie Dank der dort herrschenden hohen Temperaturen überlebten. Nach Kriegsende nach Prag zurückgekehrt, wurde Jennys Anspruch auf die Villa anerkannt, aber die Rückgabe war mit hohen Erbschaftssteuern und einer Millionärssteuer verbunden. Ohne Vermögen und Einkommen konnte Jenny nicht zahlen und bot dem Staat die Villa als Spende an. Als Gegenleistung wurden eine Zwangsvollstreckung und andere Forderungen annulliert, die mit dem Kampf um die Restitution der Villa entstanden waren. Jenny soll nie wieder im Familienkreis von der Villa gesprochen haben. Suzanna heiratete, brachte vier Kinder zur Welt und wurde wieder geschieden.

W4Erst 1991 erfuhren die Nachkommen von der Villa, die Ende der 1990-er Jahre zurückgegeben wurde. In unsagbarer, jahrelanger Kleinarbeit und mit hohem finanziellen Aufwand rekonstruierte der Ingenieur Stanislav Cysař, Enkel von Josef Winterwitz, die Villa mitsamt der Inneneinrichtung. Stanislav Cysař starb 2016, sein Sohn David hat in der rekonstruierten Villa ein kleines Büro. Wir haben ihn auf unserer Pressereise kennengelernt.

Seit einem Jahr steht die Villa Winternitz für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie kann zu bestimmten Zeiten besichtigt oder zu Events genutzt werden. Auch wenn einige Ausstellungsstücke nicht original sondern dem damaligen Zeitgeist entsprechend nachgekauft worden sind, ist der Eindruck überwältigend. Sofort verstehen Besucher, was unter dem Begriff „Raumplan“ – den Loos übrigens selbst nie gebrauchte – zusammengefasst ist: Verzicht auf jegliche Ornamentik. Die Funktion des Raums W6bestimmt Zuschnitt und Ausstattung. Dreidimensionale Raumplanung schafft Räume auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher – wieder von der Funktion bestimmter – Raumhöhe. Und teure, edle und perfekt verarbeitete Materialien lassen die Räume gemütlich und sehr elegant erscheinen.

Heiter gestimmt versammeln wir uns nach dem ausgezeichnet geführten Rundgang auf der Dachterrasse. Urplötzlich, mitten im Gespräch und Gelächter, greift der Gedanke an das Schicksal der ersten Hausbewohner ans Herz.

 





Notizbuch: die stille Stadt

7 05 2018

Montag, 7. Mai 2018

Mdina auf Malta hat alles, was Besucher von einer historischen Stadt erwarten: eine Kathedrale, Museen, prächtige Häuser, ein Hotel, Restaurants und Cafés zur Erholung nach dem Stadtbummel. Nur eines besitzt sie nicht, oder nur kaum: Bewohner.  Lediglich gut 200 Malteser wohnen in der einstigen Hauptstadt. Eines der prächtigen Barockhäuser beherbergt nur den Besitzer. Dennoch hat die „Stadt hinter Mauern“, das bedeutet der Name Mdina, einen eigenen Bürgermeister.

KTag für Tag strömen Heerscharen von Touristen in die Stadt, aber der Andrang der Tagesausflügler verläuft sich. Dennoch ist es fast unmöglich, das barocke Stadttor ohne fremde Menschen zu fotografieren. Es ist ein begehrtes Fotomotiv, seit es in der ersten Staffel von Game of Thrones als Stadttor von King’s Landing diente. Größtes Bauwerk der Stadt ist die Erzbischofkirche von Malta, die Kathedrale von Mdina. Sie ist dem Hl. Paulus gewidmet, der 60 n.Chr. auf seiner Reise nach Rom an Maltas Ufern Schiffbruch erlitten haben soll – was heute wissenschaftlich sehr umstritten ist. Der Vorgängerbau, eine athedrale im Normannischen Stil, wurde 1693 wie der größte Teil der Stadt durch ein Erdbeben zerstört und barock bis 1703 wieder aufgebaut. So kommt es, dass die engen, mittelalterlichen Gassen der Stadt von großen Barockbauten gesäumt werden. Aus dem Rahmen fällt der Palazzo Falson mit seiner normannischen Fassade, das besterhaltene Haus der Stadt. Bis 1962 war es Wohnsitz des Künstlers und Sammlers Captain Gollcher, der eine große Sammlung von Gemälden, Möbeln und Rüstungen zusammentrug, heute Bestand des hier untergebrachten Historic House Museum.

Prächtige Barockbauten – hier das Kathedralmuseum – zieren Mdina

Übrigens hat Erzbischof Michaeli Gonzi einst den maltesischen Ministerpräsidenten Dom Mintoff exkommuniziert und auch jeden, der dessen Partei MLP wählte. Sehenswert ist das große Kathedralmuseum, das eine bedeutende Sammlung von Kupferstichen und Holzschnitten Dürers besitzt. Eine Art kulturelles Zentrum ist der Palazzo De Piro, Café, Restaurant und Museum des Handwerkzeugs in einem. Die Aussicht von der Terrasse auf das Umland ist überwältigend. Das gilt auch für die Terrasse und Aussichtsplattform des Fontanella Tea Garden. Vor dem Besuch wird gewarnt: Dort werden 26 verschiedene Kuchensorten angeboten – eine unwiderstehlicher als die andere.

Die wenigen Bewohner von Mdina sind ganz auf die Tagesausflügler eingestellt

Wenn es Abend wird, sind die vielen Ausflügler verschwunden. Dann verdient Mdina ihren Beinahmen wieder: die stille Stadt.

Mein Bericht über Mdina auf Malta ist am 9. April im Malta-Special in der Ausgabe 13/2018 von touristik aktuell erschienen

 





Notizbuch: Cruise Talk

1 05 2018

Dienstag, 1. Mai 2018

„Haben Sie eine Minute Zeit?“ fragte mich eine junge Stimme am Telefon. „Wenn es sein muss“, antwortete ich knurrig. Das schreckte die junge Dame nicht ab. Munter erählte sie mir von ihrer Hochschule und dass die Studierenden einen Cruise Talk durchführten, dies schon zum siebten Mal. Dazu sei ich herzlich eingeladen. Die Studentin namens Kerstin Thom wickelte mich regelrecht um den Finger. Und da ich neugierig war zu erfahren, wie andere – nicht „meine“ – Studierende ein solches Projekt angehen, sagte ich am nächsten Tag zu. Und reiste nach Hamburg zum Cruise Talk der EBC Hochschule.

Die EBC Hochschule ist eine der vielen privaten, staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland. Wer dort studiert, muss eine Menge Geld hinblättern – über den Daumen gepeilt etwa 750 Euro im Monat. Es kann, wenn’s passt, BAföG beantragt werden. Etwa sechs Prozent der Studierenden in Deutschland sind an einer der privaten Hochschulen eingeschrieben, insgesamt 158 000. Die EBC Hochschule hat nicht nur in Hamburg einen Standort, sondern auch in Berlin und Düsseldorf. Einer der an der EBC Hochschule angebotenen Bachelor-Studiengänge ist an der Fakultät Business & Management der Studiengang Tourism & Event Management – sechs Semester, davon ein Auslandssemester, ein Pflichtpraktikum.

Die Podiums-Diskussionen zu den Themen „Schiffe von morgen – was können wir erwarten?“ und „Passagiere von morgen – wie erreichen wir sie?“ war schon die siebte Cruise Talk-Veranstaltung. Die gesamte Organisation und Durchführung lag in der Verantwortung des vierten Semesters des Studiengangs Tourism & Event Management unter der Leitung der Eventmanagement–Dozentin Ulrike Jackson [kleines Foto]. Eine putzmuntere Mannschaft war da am Werk. Äh – Frauschaft. Denn zu 15 jungen Damen kommen nur zwei junge Männer. Die habe ich aber nur auf einem Foto gesehen. „Die mussten die schweren Sachen tragen und waren nicht zu sehen!“ war der Kommentar einer Studentin.

Der Moderator, Oliver Schmidt [kleines Foto] Chefredakteur des Koehlers Guide Kreuzfahrt und ich, wir kennen uns schon lange. Gefühlt seit Jahrzehnten. Durch seine Branchenkontakte und die der anderen Dozenten kam eine bemerkenswerte Riege von Diskussionsteilnehmern zustande, darunter Peymann Abadi, Geschäftsführer der Startwind GmbH [der lange bei TUI Cruises gearbeitet hat], Nadine Maraschi aus dem Communication Team von Aida Cruises, Jochen Zerrahn, Berater der Meyer Werft, Frank Fietz, Geschäftsführer des eigenen Polar-Kreuzfahrten und –Erlebnisreisen-Unternehmens,  Michael Zengerle, Geschäftsführer bei MSC-Kreuzfahrten, und Stan Schneider, lange Zeit Journalist und seit 2006 mittelständischer Reiseunternehmer mit fünf Reisebüros.

Fast zu jeder Aussage gab es eine Gegenaussage. Das machte die Diskussion äußerst spannend. Ich mache es mir einfach und zitiere aus der Pressemeldung von Kerstin Thom, die beim Cruise Talk-Projekt für die Presse verantwortlich war: Es herrschte Uneinigkeit darüber, ob die zukünftigen Kreuzfahrtschiffe größer oder kleiner  werden. Andreas Ott  gab  für  den  Bau  neuer  Schiffe  zu  bedenken,  dass  die Anzahl der Menschen an Bord in einer Gefahrensituation von enormer Wichtigkeit sei: Je  mehr  Menschen  auf  dem  Schiff  sind,  desto  größer  sei  der  potenzielle Schaden in einer Notlage. Das  Thema  Umweltbewusstsein  wurde  ebenfalls  kontrovers  diskutiert,  die  Talk-Gäste waren sich allerdings einig, dass der Antrieb der Zukunft nicht Schweröl sein werde. Sowohl Jochen Zerrahn als auch Nadine Maraschi  erwähnten  gemeinsame Forschungen zwecks emissionsarmer Treibstoffe.

Zengerle [rechts] und Schneider

Und zur zweiten Talkrunde: Michael Zengerle betonte wie zuvor Nadine Maraschi: „Bei der Kreuzfahrt geht es um Vielfalt.“ Die Größe des Schiffes sei für die Buchung einer Kreuzfahrt sehr bedeutend unterstrich Corlijn Schönknecht. „Ich selbst bevorzuge kleinere Schiffe, da sie mehr Wert auf die Persönlichkeit und Individualität des einzelnen Gastes legen.“ Einen Ausblick auf die langfristige Kundengewinnung gab Lars Clasen. Er gehe davon aus, dass die Zukunft im internationalen Markt, insbesondere im asiatischen Raum, liege.

Fazit: Mir hat der Tag großen Spaß gemacht. Und Kerstin Thom und ihren Mitstudierenden ein großes Kompliment: Chapeau!