Quickie: kein Grund zur Häme

5 10 2017

Wie viele hämische Bemerkungen habe ich in den letzten Tagen zur Insolvenz des Veranstalters JT Touristik gehört. Tenor: Das hat sie nun davon. Sie: Das ist Jasmine Taylor, die Gründerin und Chefin des X-Veranstalters in Pink. Damals aus der Not geboren, hat sie diese Farbe zum Markenzeichen erhoben. Gewiss, Jasmin – die ich menschlich sehr schätze – hat sich eifrig selbst inszeniert. Das war und ist ihr Recht, auch wenn das vielen nicht gepasst hat. Aber so etwas ist doch kein Grund zur Insolvenz. Ich bin tief traurig, dass das so gekommen ist. Auch wenn alles gut gehen sollte, ist der Ruf ruiniert. Mir gehen die vielen Mitarbeiter – die meisten jung und kreativ – nicht aus dem Kopf, deren Arbeitsplatz gefährdet ist, Ihr Traum von einem Arbeitgeber und einem Produkt, mit dem sie sich total idenbtifizieren können, droht zu zerplatzen. Das ist kein Grund zur Häme.

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Notizbuch: Luxus geht anders

1 10 2017

Sonntag, 1. Oktober 2017

Die Hardware ist zwar Geschmacksache [für den einen nichts als Pritz-Protz, für den anderen ein Traumhotel], aber sie stimmt. Nur an der Software sollte man – sagen wir es freundlich: – ein paar Optimierungen vornehmen. Die Rede ist vom Waldorf Astoria in Ras Al Khaimah, einem der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Die Servicefehler, die sich dort bei meinem Besuch aneinanderreihten, waren – jeder für sich betrachtet – nicht wirklich schlimm. Aber Luxus, Luxus geht wirklich anders.

Die diesjährige Jahrestagung des Deutschen ReiseVerbandes [DRV] findet im VAE-Emirat Ras Al Khaima statt. Grund für das Emirat und den DRV, ein knappes Dutzend Journalisten zu einer Vorreise einzuladen. Wir flogen von Frankfurt nach Dubai. Der Transfer von Dubai nach Ras Al Kheimah dauerte länger als geplant, weil der Fahrer wegen einer dichten Nebelsuppe das Thema rapide drosseln musste. So kamen wir erst um zwei Uhr nachts [oder war’s halb drei?] im Waldorf Astoria an. Nächtliche Ankünfte sind in dem Hotel wegen der Flugzeiten und des Transfers aber nichts Außergewöhnliches. Das Haus schien indes unvorbereitet.

Niemand half beim Gepäck [5 Sterne!], niemand wies den Weg. Das Team an der Rezeption ließ einen Teil der Journalisten einfach in die falsche Richtung und zum falschen Aufzug laufen. Und das Hotel ist groß und zum Verlaufen wie geschaffen. Müde und hunrig musste ich lange nach meinem Zimmer suchen. In der  [wirklich großzügigen] Suite: kein Begrüßungsschreiben, kein Blümchen, kein Obst, keine Kanapees, wie wir sie zu so später Stunde gewiss vertragen hätten.

Das Frühstück [bis auf den Blümchenkaffee…] war fantastisch. Wer danach aber noch einmal aufs Zimmer huschen wollte, wurde ausgebremst: Die Schlüsselkarte funktionierte nicht mehr. An einem anderen Tag musste ich sie dreimal erneuern lassen.

Gut, das alles ist Jammern auf hohem Niveau. Aber wenn ein Haus wie das Waldorf Astoria vom Luxusimage lebt, sollte auch entsprechender Service geboten werden. Eine Kollegin klagte über ein ungemachtes Zimmer, eine andere über nicht funktionierendes Licht. Ich dagegen wurde verwöhnt: An einem Abend fand ich auf dem Bett ein aus Handtüchern geformtes Herz und einen Schwall von Rosenblättern vor, an nächsten zwei sich küssende Schwäne. Das – übrigens sehr freundliche – Housekeeping-Personal war wohl falsch informiert und vermutete in der Suite ein Honeymoon-Pärchen.

Beim Auschecken sollte ich für Speed-Internet zahlen und für Getränke aus der Minibar. Ich hatte weder das eine noch das andere benutzt. Nach meiner Weigerung zu zahlen verschwand die Rezeptionistin und kehrte mit der Botschaft zurück, die Kosten würden erlassen. Ich sei ja schließlich ein VIP-Gast. Ich hätte es schöner gefunden, sie hätte den Irrtum eingeräumt. Fazit: Luxus geht anders.

Nachtrag: Per email bedankt sich das Waldorf Astoria bei mir, dass ich dort übernachtet habe. Wie nett. Nur: Die email kommt gesondert für jede Nacht, die ich in dem Hotel verbracht habe…

 





Kurznotiz: die Erinnerung

25 09 2017
Montag, 25. September 2017
Was machen die denn da? Das sind Tourismus-Studierende der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin [HWR], und zwar vom ITB-Vorbereitungsteam ist das die Pressegruppe. Und? Pennen die? Und langweilen sich?
Die Geschichte hinter diesem Spaßfoto: Einmalig ist, dass diese jungen Leute schon seit Jahren ihren ITB-Auftritt – sozusagen als Unterrichtsstoff – selbst vorbereiten. Sie entwerfen und organisieren den Stand, eine Marketinggruppe sorgt für dessen „Markteinführung“, eine Pressegruppe sucht den Kontakt mit Journalisten, ein „Finanzchef“ kümmert sich ums Geld, eine Social Media-Gruppe bedient alle möglichen Medien mit aktuellen Informationen. Und dann gibt es noch zwei Projektleiter zur Koordination der Arbeiten.
Und eine seit Jahren eingefrührte Marke gibt es auch: Studierte Weltenbummler.
Stolz wie sie auf diese Arbeit sind, die volles Engagement und viel Kreativität erfordert, haben die Studies die Berliner Presse zu einem Gespräch geladen. Der Termin: 4. Oktober, 11 Uhr. Um keine langweiligen Einladungen zu verschicken, haben sie eigens ein kleines Video gedreht.
30 Einladungen hatten sie verschickt, bis heute mittag haben nur drei der Eingeladenen reagiert. Gewiss nicht die feine englische Art. Aber anstatt sauer zu sein, haben die Studenten dieses Spaßfoto geschossen – und mit einem Erinnerungstext an die saumseligen Kolleginnen und Kollegen verschickt. Tenor: Wir warten auf Ihre Rückmeldung.
Seitdem hagelt es Absagen. Schade!




Notizbuch: Paros und der Wein

23 09 2017

Samstag, 23. September 2017

Vier Weinproduzenten arbeiten auf der kleinen Kykladeninsel Paros. Weinproduzent, das klingt bombastisch. Aber es sind kleine Betriebe wie der 1910 gegründete Familienbetrieb,  den Savas Moraitis schon in der vierten Generation leitet.

Familienbetrieb in vierter Generation: Moraitis Winery

Für Urlauber lohnt sich ein Besuch im Betrieb der Familie Moraitis in Naoussa:  Da die alten Geräte zur Weinproduktion erhalten sind, ist Moraitis Winery so etwas wie ein Weinmuseum.  Größte Attraktion sind mehrere kleine, mit Porzellan ausgekleidete Kammern, in denen der Wein früher fermentiert wurde.  Nach vorne waren die Kammern geschlossen, es gab nur je eine Öffnung oben und unten. Diese Methode wurde bis in die frühen 70-er Jahre angewandt. Die Porzellanwände zeigen noch Spuren des Rotweins.

Wie ein Weinmuseum wirkt der Betrieb, weil alte Geräte zwar ausrangiert, aber nicht weggeworfen wurden

Paros hat  eine lange Weingeschichte, sie geht zurück auf die erste Zivilisation der Kykladen um 3.200 v. Chr. – „ohne Unterbrechung“, wie Savas betont. So etwas wie Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er darauf hinweist, dass es die Reblaus-Infektion, die in fast allen Weinanbaugebieten Europas verheerende Schäden angerichtet hat, auf Paros nie gegeben hat. Der Weinanbau auf der Insel ist aber nicht unproblematisch: Die Grundstücke zum Weinanbau sind alle klein, weil das Land sehr teuer ist.

150.000 Flaschen Wein werden pro Jahr produziert, ein Drittel davon für den Export

150.000 Flaschen Wein produziert Moraitis Winery im Jahr – Weißwein, Rotwein [der in Griechenland immer von weißen und roten Trauben hergestellt wird] und süßen Malvasia. Ein Drittel wird exportiert, in die USA, nach Kanada und in diverse europäische Länder, auch nach Deutschland. Da die Weinkellerei auch Weinproben anbietet, können sich Besucher direkt vor Ort von der Qualität der Moraitis-Weine überzeugen. In den Restaurants und Tavernen auf Paros finden sie dann ihren Lieblingswein wieder.

Savas Moraitis [Foto: Maria Menzel, auf dem kleinen Foto oben zu sehen]





Quickie: bewusste Wortwahl

20 09 2017

Mittwoch, 20. September 2017

Ja ist er denn von allen guten Geistern verlasssen? Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Springer-Vorstandschef, wettert gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Da spricht er von „Staatsrundfunk“ und „Staatspresse“. Wörtlich: „Wir erleben im Netz nach wie vor eine mit öffentlich-rechtlichen Geldern finanzierte Flut textbasierter Gratisangebote, nichts anderes als eine gebührenfinanzierte digitale Staatspresse“. Und dann die Bemerkung: „…das wäre eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea“.

Diese Wahl der Polterworte war kein Ausrutscher. Sie war bewusst. Und das ist unverzeihlich für einen Mann, der sein Geld mit dem Wort verdient. Ich schäme mich fremd für diesen Pressemann.

 





Notizbuch: Rentiere in Hessen

15 09 2017

Freitag, 15. September 2017

Das Lapplandlager heißt „Björkträsk“. Es liegt im nordhessischen Tierpark Sababurg, der an sich als zweitältester Tierpark Europa schon einen Besuch wert ist. „Der Birkenwald hier, der auch in Lappland das Landschaftsbild prägt, ermöglicht es uns, Rentiere in bestmöglicher Annäherung an den natürlichen Lebensraum zu halten“, sagt Uwe Kunze. Er ist sozusagen der Cheflappe.

Im Rentierwald im Tierpark Sababurges liegt das authentische Lapplandlager mit Nomadenzelten, Lagergestellen, Vorratshütten und Feuerstellen. „Da unsere Familie ihre Wurzeln sowohl in Deutschland, als auch im samischen Rentierzuchtgebiet Nordschwedens hat, dort lebt und eigene Rentiere hält, informieren wir aus erster Hand über die einmalige  samischen Rentierkultur“, sagt Uwe Kunze, der mit seiner Frau Brigitte die Firma Renrajd Vualka unterhält. Renrajd nennt man den Zug der Rentierschlitten-Gespanne und der Trag-Rentiere. Vualka ist der südsamische Begriff für “sich auf den Weg machen“. Brigitte stammt aus der Schweiz, dieser Akzent ist nicht überhören. Beide sind seit 40 Jahren verheiratet und haben mehrere Kinder. Da die Familie auch im samischen Rentierzuchtgebiet Nordschwedens lebt und dort eigene Tundra-Rentiere hält, hat sie von dort ihre Kenntnis im Umgang mit dieser nordischen Hirschart nach Nordhessen mitgebracht.

Die Rentiere im Tierpark Sababurg, durchaus mächtige Exemplare, sinbd sanft, sie stoßen nicht mit ihren mächjtigen Geweihen, sie beißen nicht und spucken nicht oder was Besucher sons noch befürchten könnten. „Wir wollen einen Einblick in die Einmaligkeit der samischen Rentierkultur gewähren und somit sensibel und wissend machen, damit das letzte europäische Ursprungsvolk am Nordrand unseres Kontinents überleben kann,“ sagt Uwe.


Auf der Internetseite seines Unternehmens [www.renrajd.com] schreibt er: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, unsere Gäste für das Leben mit der Natur und dem dazugehörenden Kontakt zu Tieren zu begeistern. Das Erfahren von Zusammenhängen des natürlichen Miteinanders, sowohl der Tier und Pflanzenwelt, als auch unserer menschlichen Existenz, ist Voraussetzung für einen behutsamen Umgang mit unserem Lebensraum. Dazu gehört auch die Offenheit gegenüber anderen Kulturen.“

Die Sami, so habe ich ebenfalls der Website von Renrajd Vualka entnommen, sind das letzte Ursprungsvolk Europas. Ihre genaue Herkunft ist umstritten, man vermutet ihren Ursprung jedoch in den Weiten Nordasiens. Früher als Jäger lebend, folgten sie später den Rentierherden nomadisierend und errichteten nachweislich bereits vor 9 800 Jahren (z.B. im schwedischen Arjeplog) feste Wohnplätze (siehe auch Felszeichnungen bei Alta in Nordnorwegen und bei Messlingen /Ruändan im schwedischen Härjedalen). Nach der Halbdomestizierung des Rentieres folgte man den Tieren auf den alten Herdenwegen, jährlich wiederkehrend, von den Sommerweiden auf dem Kahlfjäll (Tundra) zu den Winterweiden in die geschützteren Wälder (Taiga). Die Zurückdrängung der Sami und deren Kultur, früher durch die Staatenbildung der jeweiligen Länder und die sich nach Norden ausdehnende Neubevölkerung und Neusiedler, erreichte ihren Höhepunkt im dem Verbot der samischen Religionausübung und des Ursprungsgesanges Joik (höre Musik: Joik von Jon-Henrik Fjällgren) durch christliche Missionare. Es folgten bis zum heutigen Tag schikanöse Besteuerungen (teilweise für einen Familienverbund in drei Staaten), Entfremdung der eigenen Kultur, indem man Samikinder in speziellen Schulinternaten von den Familien trennte, Diskriminierung und Entrechtung.

Von den heute 70 000 Sami gibt es 40 000 in Norwegen, 20 000 in Schweden, 6 000 in Finnland und 2 000 in Russland. Ungefähr 10 000 der Sami leben heute von der Rentierzucht. In Schweden verdienen z.B. gegenwärtig ca. 2 500 Familienbetriebe ihren Lebensunterhalt ausschließlich damit. Diese sind wiederum in 51 sogenannten Samebyar (Rentierzuchtgemeinden) aufgeteilt. http://www.renrajd.com:  Entsprechend der Siedlungsgebiete der Sami unterscheidet man zwischen den Gruppen der Bergsami (Rentierzucht), der Waldsami (Rentierzucht) und der an der nordnorwegischen Küste lebenden Seesami (Fischfang). Allen Gruppen dient außerdem die Jagd, das Kunsthandwerk (sameslöjd) und zunehmend auch der Tourismus als Erwerbsmöglichkeit.

Wunderschönes Kunsthandwerk bieten Brigitte und Uwe Kunze auch in Björkträsk an. Ich bedaure, dass ich nichts gekauft habe – als Souvenir einer hochspannenden Pressereise durch Nordhessen.

 

 





Kurznotiz: Klischees

12 09 2017

Dienstag, 12. September 2017

Das mit der „Russischen Seele“ sei doch auch nur ein Klischee, schrieb mir kürzlich eine Freundin. Ich hatte in einem Bericht über meinen doofen Sturz in Russland geschrieben, ich hätte sie auf diese Weise entdeckt – die russische Seele.

Nur ein Klischee? Ja und nein. Natürlich gibt es nicht  d i e  russische Seele. Wenn ein Journalist, der nicht erst seit gestern schreibt, diesen Begriff gebraucht, weiß er, wie angreifbar er ist – und wie zutreffend. Gemeint ist die Seite an „den Russen“, die sich den Mitmenschen zuwendet. Die Herzlichkeit. Die Bereitschaft zu helfen. Und die Bereitschaft zur Kommunikation, so sehr sie ab und zu auch vom Alkohol beflügelt werden mag.

Mein Vater, der bis 1949 in russischer Kriegsgefangenschaft war, hat mir erzählt, dass Russen – so grausam und so tapfer sie auch kämpften – durchaus in Tränen ausbrechen konnten, wenn sie ein Baby weinen hörten [ohne eingreifen und helfen zu können].

Das habe ich gemeint.

Wir in Berlin haben auch so ein Klischee: Schnauze mit Herz. Der Begriff ist stimmig und abgenutzt zugleich. Aber jedermann und jedefrau versteht, was gemeint ist: Dass sich viele Berliner trotz der üblichen Ruppigkeit ein großes Herz bewahrt haben.