Notizbuch: so viel Mies wie möglich

29 09 2018

Samstag, 29. September 2018

Was ich denn mit dem Rest des Tages noch anfangen wolle, wurde ich gefragt. Das war 1972. Ich hatte mich in der Redaktion der Zeitschrift „test“ der Stiftung Warentest als neuer Reiseredakteur beworben, und der Flug von Köln/Bonn nach Berlin zum Vorstellungsgespräch war der erste Flug meines Lebens… „Ich will mir unbedingt die Neue Nationalgalerie ansehen!“ war meine Antwort. Den versammelten Herren sah ich an, dass sie das damals schon weltberühmte Ausstellungshaus noch nie von innen gesehen hatten.

Ich bekam die Stelle. Und von meinem ersten Berlin-Tag machte ich den Bau von Mies van der Rohe zu einer Art Rückzugsort bei jeder Art seelischer Blähung. Das hat immer funktioniert, egal welche Ausstellung dort zu sehen war. Was habe ich da in 45 Jahren für Ausstellungen gesehen. Wer jetzt um den Bauzaun herumgeht, der die Neue Nationalgalerie während der Sanierung umgibt, sieht von jeder dieser Ausstellungen das Originalplakat – eine gute Idee.

Ich bin in die Jahre gekommen. Mies van der Rohes Bau auch. Der wird nun generalsaniert, bei Gebäuden geht das ja. 50 Jahre haben dem Beton zu schaffen gemacht, und nicht nur dem. Zudem ist es kein  Geheimnis, das der Bau aus Glas und Stahl mit seinem „schwebenden“ Dach zwar ein architektonischer Geniestreich ist, aber in seiner Funktion als Museum so seine Macken hatte.

Mies van der Rohe – der aus meiner Heimatstadt Aachen stammte – erhielt den Auftrag zum Bau eines Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts 1962. Als das Dach eingeschwebt wurde, kam er eigens aus den USA herbeigeflogen. Zur Einweihung 1968 war er dazu körperlich nicht mehr in der Lage. Mies van der Rohe, geboren 1886, starb 1969.

Den Wettbewerb zur mittlerweile 110 Millionen Euro teuren Generalsanierung gewann das Architekturbüro von David Chipperfield, sozusagen ein Spezialist für Berliner Museen. Er schuf den Neu- und Wiederaufbau des vor zehn Jahren [wieder-]eröffneten Neuen Museums auf der Museumsinsel und ist der Schöpfer des neuen – durchaus umstrittenen – Eingangsgebäudes James-Simon-Galerie. James Simon war zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein großer Mäzen der Berliner Museen.

Als Berater steht im Mies van der Rohes Enkel Dirk Lohan zur Verfügung. Der war Bauleiter vor 50 Jahren und hat dann das Architekturbüro seines Großvaters übernommen. Schon fünf Museen hat er entworfen. Die Aufgabe in Berlin ist gigantisch. Der Museumsbau wurde in 35.000 Einzelteile zerlegt, die in Lagerstätten rund um Berlin verteilt sind. Die 3,40 mal 5,60 großen Glasscheiben, die auch erneuert werden müssen, kommen aus China. Dort steht das einige Werk der Welt, das so etwas kann. Den Sanierungsarbeiten hat Chipperfield auch ein Motto verpasst: „so viel Mies wie möglich“.

 

 

 

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Notizbuch: Aida nach Qatar

23 09 2018

Es war nur ein Memorandum of Understanding , das jetzt in Berlin die Chefs von Costa Kreuzfahrten, Aida Cruises und Qatar Tourism Authority (QTA) unterzeichneten. Doch die Pläne dahinter sind schon sehr konkret. Mit einem einmaligen Anlauf der Costa  Mediterranea in Doha, der Hauptstadt von Qatar, wird Costa Kreuzfahrten am 6. März kommenden Jahres die Kooperation feierlich eröffnen.

Das  Flaggschiff der Reederei, die Costa Diadema , wird dann in der Saison 2019/2020 16 Mal in Doha anlegen. „Qatar hat  großes  Potenzial für die Kreuzfahrtindustrie,“ betonte Neil Palomba, Präsident von Costa Kreuzfahrten [links], nach der Unterzeichnung des Memorandums. AIDAprima legt in der laufenden Saison 2018/19 achtmal in Doha an; Aida Cruises wird auch in der kommenden Saison Qatar in sein Programm einbeziehen. „Wir müssen viele Destinationen anbieten,“ begründet Felix Eichhorn, Chef von AIDA Cruises, das neue Engagement seiner Gesellschaft, „Aida kann nur mit neuen Zielen wachsen.“ Zusammen wollen beide Kreuzfahrtgesellschaften in der kommenden Saison 45.000 Passagiere nach Doha bringen. Beide waren auch die ersten Reedereien der Welt, die ab 2006 regelmäßige Kreuzfahrten im Arabischen Golf unternahmen. Während der Wintersaison bieten beide Reedereien einwöchige „fly&cruise“-Reisen in die Region an. Eichhorn [rechts]: „Die neue Reiseroute für die AIDAprima ist eine perfekte Ergänzung zu unserem erfolgreichen Programm im Arabischen Golf.“ Fast alle Kreuzfahrt-Teilnehmer der beiden Reedereien kommen aus Europa – die meisten Passagiere der Aida sind Deutsche, Costa-Schiffe werden gerne von Österreichern, Schweizern, Spaniern, Franzosen und natürlich Italienern gebucht. Sie alle erwartet, darin ist sich Neil Palomba sicher, „eine überwältigende Gastfreundschaft“ in Qatar.

Absichtserklärung: vordere Reihe, links: Hassan Al Ibrahim, amtierender Vorsitzender der Qatar Tourism Authority, rechts: Felix Eichhorn, Chef von AIDA Cruises

Die Unterzeichnung des Memoranums fand in betont herzlicher Atmosphäre am Rande des auch von der Kanzlerin besuchten Qatar-Germany Business & Investment Forum statt. Das hatte die Stärkung der Beziehungen zwischen der Qatar Tourism Authority und Branchenpartnern zum Ziel. Für Hassan Al Ibrahim, den amtierenden Vorsitzenden der QTA, ist die Kooperation mit den beiden Reedereien „ein weiterer Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel von 200.000 Kreuzfahrtbesuchern bis 2020“. Quatar konnte in der vergangenen Saison gegenüber der Saison 2016/17 die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere um 39 Prozent auf 65.000 steigern.

Wie die QTA versichert, arbeitet sie mit Hochdruck an der Verbesserung der Infrastruktur. Derzeit kann nur ein Megaliner den Hafen von Dohar anlaufen. 2020 sollen in einem neuen Terminal zwei Schiffe pro Tag abgefertigt werden können. 2021, noch vor der Fußball-WM 2022, wird der Hafen sogar vier Megaschiffe aufnehmen können.

Mein Bericht über die Unterzeichnung der Absichtserklärung ist – ohne diese Fotos – in der Ausgabe 36 vom 17. September 2018 erschienen

 

 

 





Notizbuch: Mario geht

17 09 2018

Montag, 17. September 2018

Das ist kein Nachruf. Natürlich nicht. Aber ein paar Worte zum Abschied. Nach 19 Jahren verlässt Mario Köpers, Leiter der Unternehmenskommunikation der TUI Deutschland, seinen Schreibtisch. Diese Nachricht hat mich heute geschockt. Fachlich und menschlich spielt Mario in der obersten Liga. Für mich war er von Anfang an der beste Pressesprecher im deutschen Tourismus, Männer wie Frauen berücksichtigt.

Es ist knapp 20 Jahre her, dass ich bei einer Alltours-Programmvorstellung war und begeistert zurückkam. Meiner damaligen Frau Sabine Neumann erzählte ich vom Pressesprecher, den ich dort kennen gelernt hatte: „Sabine, so muss ein Pressesprecher sein. Eloquent und sachkundig, charmant und humorvoll.“ Der, für den ich da schwärmte, war Mario Köpers. Ein paar Wochen später war er Pressesprecher der TUI Deutschland.

In der offiziellen Pressemeldung zu seinem Abschied heißt es: Mario Köpers kam 1999 von Alltours zum Marktführer TUI Deutschland, wo er die Leitung des Pressebereiches übernahm. Vier Jahre später wurde er Pressechef der TUI AG. 2006 verließ der studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftler für knapp zwei Jahre den Konzern, um bei der Thomas Cook AG die Gesamtverantwortung für die Konzernkommunikation zu übernehmen. Nach Gründung der TUI Travel PLC kehrte der erfahrene Kommunikationsprofi nach Hannover zurück und wurde bei der deutschen Tochter der TUI Travel Kommunikationsdirektor für Europa Mitte. Nach der Übernahme der TUI Travel durch die TUI AG im Jahr 2014 leitete er die Unternehmenskommunikation der TUI Reiseveranstalter in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Er habe sich vor allem als Krisenprofi einen Namen gemacht, heißt es von der TUI. Zweimal war er Dozent in von mir beim Deutschen Seminar für Tourismus [DSFT] durchgeführten Krisen-Seminaren – fantastisch. O-Ton Pressemeldung: Souverän und professionell steuerte er

die TUI kommunikativ immer wieder durch schwieriges Fahrwasser, etwa bei Streiks, Terroranschlägen und Naturkatastrophen. Für seine Kommunikation während der Aschewolke-Krise, die ganz Europa mehrere Tage in Atem hielt und das Geschäft der TUI vorübergehend zum Erliegen brachte, wurde Köpers 2011 mit dem „Internationalen Deutschen PR-Preis“ ausgezeichnet. Und als noch die „richtigen“ Reisejournalisten über Blogger die Nase rümpften oder zumindest bei deren Erscheinen die Augen verdrehten, hatte Mario Köper deren Wert für die Produkt- und Marken-PR der TUI längst erkannt.

Und dann die menschliche Seite. Immer für ein Gespräch gut, fürs Fachsimpeln, für einen Scherz, eine flüchtige Umarmung. Das wird sich nicht ändern. Mario Köpers wird nach einer Auszeit als PR-Profi selbständig machen.

Warum geht er überhaupt? Klar, dass es offiziell heißt, das geschehe „im besten gegenseitigen Einvernehmen“. Davon glaube ich kein Wort. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, Mario Köpers hatte einfach – pardon! – die Schnauze voll. Wer mitbekommen hat, wie schnöde kürzlich aus heiterem Himmel Programmvorstellung und New York-Pressereise abgesagt wurden, weiß, wovon ich rede.

 

 

 

 





Notizbuch: Mantegna & Bellini

14 09 2018

Sie zählen zu den bedeutendsten Malern der Renaissance. Sie lebten zur selben Zeit. Der eine kopierte fleißig die Werke des anderen. Sie waren sogar verschwägert. Aber noch nie wurden Mantegna und Bellini zusammen ausgestellt. Das wird jetzt in London nachgeholt – und in Berlin.

Ich habe selten eine Pressekonferenz erlebt, bei der die Akteure so stolz auf ihre Arbeit waren, so gelöst und glücklich. Bevor die Berliner Werke, frisch restauriert und sorgfältig verpackt, nach London gehen – die Reise beginnt am 1. Oktober -, stellten sich die Mitarbeiter der Staatlichen Museen zu Berlin der Presse: Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen und gleichzeitig Direktor der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung [unten Bildmitte], Neville Rowley, Kurator der Berliner Ausstellung/Gemäldegalerie und Dagmar Korbacher, Kuratorin der Ausstellung/Kupferstichkabinett. Es wurde eine heitere Pressekonferenz.

„Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ heißt die große Ausstellung, die vom 1. März bis 30. Juni kommenden Jahres Berlin beglückt. Vorher geht sie nach London. Denn die Renaissance-Show ist eine Zusammenarbeit der Berliner Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts mit der National Gallery und dem British Museum in London. „Durch diese Zusammenarbeit haben wir weitere wertvolle Leihgaben gewinnen können“, freut sich Eissenhauer. Neville Rowley: „Nirgendwo außer in Venedig ist italienische Kunst besser vertreten als in London und Berlin.“

Rechts: Bellinis „Bildnis des Dogen Leonardo Loredan“ [The National Gallery, London], eines der faszinierendsten Renaissance-Gemälde, die ich kenne! 100 Werke beider Künstler werden in London ausgestellt – darunter auch viele Zeichnungen. „Diese werden auf Augenhöhe gezeigt“, sagt der Generaldirektor, „nicht irgendwo unter ferner liefen in einem Kabinett als Anhang der Ausstellung.“ Dafür gibt es einen guten Grund: „Nirgends ist man dem Künstler so nahe wie in den Zeichnungen“, schwärmt Dagmar Korbacher. Manche der Zeichnungen sind sich verblüffend ähnlich, so wurden Werke auch schon mal abwechselnd Mantegna und Bellini zugeschrieben. Bellini hat einen etwas flüssigeren Stil.

 

 

 

 

 

 

 

„Darbietung Christi im Tempel“ von Mantegna [oben, Foto Christoph Schmidt] und Bellini [Foto cameraphoto arte snc]01_Bellini_Darbringung_Christi_im_Tempel

Mantegna und Bellini lebten zur gleichen Zeit – 1431 bis1506 und 1435 bis1516. Es ist interessant zu sehen, wie Bellini Werke seines Schwagers Mantegna kopierte. Ein verblüffendes gutes Beispiel ist Mantegnas „Darbietung Christi im Tempel“ von 1453, im Besitz der  Staatlichen Museen Berlin. Es zeigt wohl links seine Frau, rechts ihn selbst. 20 Jahre später hat Bellini ein ähnliches Motiv gemalt; das Bild mit dem gleichen Titel befindet sich in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig und wird in der Ausstellung gezeigt. „Er hat dazu die Figuren Mantegnas abgepaust“, sagt Rowley.

Zweieinhalb Jahre hat das Berliner Team schon an der Ausstellung gearbeitet. Aspekte der damit verbundenen Forschung und Restaurierung zeigt eine Berliner Vorabausstellung, die am dem 14. Oktober gezeigt wird. Ihr Titel: Bellini plus.





Notizbuch: Ole Bull

2 09 2018

Sonntag, 2. September 2018

„Heute lernen Sie Ole Bull kennen“, strahlt mich die norwegische Reiseleiterin in Bergen an. Ole wer? „Ole Bull, unseren Nationalhelden“, sagt sie, spricht das aber aus wie „Uhle Büll“ – Norwegisch halt. Auf dem Weg zum Bus schnell gegoogelt. Also: Der Mann war Violinspieler und Komponist und lebte von 1810 bis 1880. Im Wiener Bezirk Favoriten ist sogar eine Gasse nach ihm benannt.

Die Fahrt von Bergen, Norwegens zweitgrößter Stadt, bis in den Lysøenfjord ist nur kurz. Der Bus hält an einer Anlegestelle, von wo uns das kleine Personenschiff „Ole Bull“ in wenigen Minuten zur Insel Lysøen bringt. Und dann kommt sie schon bald in Sicht, die Märchenvilla aus grau gestrichener Kiefer, die sich der damals schon weltberühmte Musiker 1873 errichten ließ. Der Stilmix ist abenteuerlich, aber nicht ohne Geschmack. Neben einem russischen Zwiebelturm führt eine Treppe auf einen Balkonvorbau, in dem sich venezianische und indische Stilanklänge mischen. Ole Bull selbst sprach angesichts der vielen maurischen Stilzitate von „meiner kleinen Alhambra“.

Im Innern des Hauses, das von einem Konzertsaal dominiert wird, beruhigt sich das Stilgemisch keineswegs. Glasmalereien aus Deutschland, Kamine im italienischen Stil, norwegische Holzschnitzereien, ein Ohrensessel, Lüster, viele Kerzenständer  – das alles vermischt sich zu einem  durchaus anheimelnden Gesamtbild. Die Sommerwohnung des Komponisten erscheint Besuchern sofort vertraut. Und sie haben den Eindruck, Ole Bull habe sie gerade erst und nur für kurze Zeit verlassen.

Die Märchenvilla kann bis in den Herbst hinein im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Die Führungen sind von erstaunlich hohem Niveau. Eine junge Norwegerin berichtet in einem fast poetisch anmutenden Englisch von Ole Bulls wildem, ja wüstem Leben, das am 5. Februar 1810 in Bergen begann. Die musikalische Begabung wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon mit neun Jahren trat der kleine Ole als Violinsolist in der Bergener Orchester-Vereinigung Harmonien auf. Seine Eltern wollten, dass er Theologe wurde, aber er bestand die Aufnahmeprüfung zum Studium nicht. Flugs gründete Ole ein Theaterorchester, und dann ging’s mit seiner Karriere bergauf. 1831 hörte er in Paris Niccolò Paganini – und imitierte seinen Stil. Auch er wurde zum „Teufelsgeiger“.  Robert Schumann, den er in Leipzig besucht hatte, hielt ihn denn auch für den „größten Geiger nach Paganini“. Mit 25 begeisterte er seine Zuhörer bei einem Solokonzert mit dem großen Orchester der Pariser Oper. 1836 und 37 gab Ole Bull fast 300 Konzerte in Irland und England. 1840 spielte er gemeinsam mit Franz Liszt in London Beethovens Kreuzersonate. Nach dem Konzert war Liszt der Überzeugung, einen solchen Geiger gebe es „kein zweites Mal in Europa“.  Der große norwegische Komponist Edvard Grieg, dessen Heim Troldhaugen in Bergen zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Norwegen gehört, ging in seiner Verehrung für seinen Förderer Ole Bull noch weiter: „Wenn seine rechte Hand meine berührte, war das wie ein elektrischer Schock.“

Ole Bull war wohl auch ein Genie in der eigenen Vermarktung. Es ist überliefert, dass er Konzertbesucherinnen dafür bezahlte, bei seinen Auftritten in Ohnmacht zu fallen, damit er sie  – kurze Konzertunterbrechung! – höchstpersönlich mit seinem Riechfläschchen wieder zurück ins Bewusstsein holen konnte. Schon früh ließ er eine Biografie verfassen und  zu Werbezwecken verteilen. Und im Amerika-Gepäck hatte er angeblich Seifenstücke mit einem Autogramm.

Ole Bull reiste unglaublich viel. Es waren insgesamt fünf Tourneen, die ihn quer durch die USA führten. Er spielt auch eigene Kompositionen. Ole Bull soll mehr als 70 Werke komponiert haben, nur zehn davon sind heute bekannt. Zwei seiner Konzerte  für Violine und Orchester wurden erst im letzten Jahrzehnt wiederentdeckt und  erst vor zehn Jahren zum ersten Mal auf Tonträger eingespielt.

Aus Amerika brachte Ole Bull seine zweite, sehr junge Frau namens Sara Thorp mit auf seine kleine Insel. Sie war es auch, die auf dem Harmonium Mozarts Requiem spielte, als Ole Bull in seinem Haus auf Lysøen 1870 einem Krebsleiden erlag. Das Harmonium steht heute noch dort. Denn seine Witwe Sara, die mit der gemeinsamen Tochter Olea noch viele Sommer auf der Insel verbrachte, ließ das Inventar unangetastet. Auch die nur 0,7 Quadratkilometer große Insel, auf der Bull Spazierwege von insgesamt 13 Kilometer Länge anlegen ließ, blieb unverändert. Bulls Nachfahren ließen lediglich einen 76 Meter hohen Aussichtsturm errichten. 1973 machte Ole Bulls Enkelin Sylvea Bull Curtis Insel und Haus der „Vereinigung zur Bewahrung norwegischer Kulturschätze“ zur Schenkung. Heute ist die Villa ein gesetzlich geschütztes nationales Kulturdenkmal.

Zwei Gründe, die nichts mit der Musik zu tun haben, tragen ebenfalls zu Ole Bulls Status als Nationalheld bei. Er setzte sich Zeit seines Lebens für eine eigenständige norwegische Kultur ein. 1814 war die Union mit Dänemark aufgelöst worden, in der Norwegen jahrhundertelang von Dänemark dominiert worden war. Ole Bull gründete beispielsweise in Bergen das Norske Theater, an dem Theaterstücke in Norwegisch aufgeführt wurden. Den jungen Dramatiker Henrik Ibsen heuerte er als Stückeschreiber und Regisseur an.

Und da ist auch sein soziales Engagement. Ein Beispiel: In Pennsylvania kaufte Bull 1852 ein 49.000 Hektar – 490 Quadratkilometer – großes Grundstück, auf dem er eine Kolonie gründete, um armen Bauern aus Norwegen eine neue Existenz zu bieten. Er etablierte vier Gemeinden mit den Namen “New Bergen“, „Oleana“, „New Norway“ und „Valhalla“ und begann, so etwas wie eine hölzerne Burg zu bauen, die er „Nordjenskald” nannte, aber nie vollendete. Das Projekt scheiterte, weil die Siedler Probleme mit der Rodung der waldreichen Grundstücke hatten und auch der Boden nicht fruchtbar genug war. Die Norweger zogen weiter Richtung Westen.

All diese wundersamen Geschichten erzählt die junge Norwegerin in Ole Bulls Haus. Kaum ist die Erzählung zuende, erklingt hinter uns Engelsmusik. Ein großer, schwarzgekleideter Geiger kommt langsamen Schrittes in die Halle und spielt auf Bulls alter, kostbarer Guarneri ein Werk von Ole Bull. Ich weiß nicht welches, aber die Auswahl ist ja nicht groß.

Mein Bericht über Ole Bull ist – in leicht veränderter Fassung und nur mit dem Foto der „kleinen Alhambra“ – in der Wochenend-Ausgabe 1./2. September 2018 der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen.

 

 

 

 

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Notizbuch: Stadtschloss-Enttäuschung

26 08 2018

Sonntag, 26. August 2018

Meine Vorbehalte gegen das Stadtschloss – die wollte ich heute loswerden. Deshalb reihte  ich mich ein in die Warteschlange. Die Stimmung war gut, das Sprachengewirr babylonisch, die Organisation perfekt. Und als ich dann schließlich im Schlüterhof des Schlosses stand – war ich tief enttäuscht. Nichts passt hier wirklich zusammen.

Das sehen nicht alle Besucher so. Ich glaube sogar, die allerwenigsten. Denn geradezu heiter genossen die Besucherscharen das Unterhaltungsprogramm des Tages der offenen Tür. Kauften Souvenirs [links], um die Vollendung des Baus zu unterstützen. Viele genossen das Angebot der Kaffee- und Kuchen-Stationen. Die beiden „Tage der offenen Baustelle“ waren die letzte Möglichkeit, das Schloss- und Humboldt-Forum-Projekt vor der Eröffnung im kommenden Jahr zu besichtigen.

Besser hätte der Förderverein Berliner Schloss e.V. die beiden Tage nicht organisieren können. Schon in der Warteschlange, die mitunter vom Schloss bis zum Alexanderplatz reichte, wurde [hervorragendes] Informationsmaterial verteilt. Freundliches Personal stand überall für Informationen bereit. Und die Security-Leute überstanden gelassen und höflich den Massenansturm.

Alt und neu, so finde ich, passen nicht zusammen

Der Schlüterhof

Warum war ich gegen den „Wiederaufbau“ des Stadtschlosses? Erstens bin ich prinzipiell gegen den Wiederaufbau [nicht gegen die Sanierung] zerstörter historischer Bauten. Eine Ausnahme lasse ich bei der Marienkirche zu, weil der Wiederaufbau identitätsstiftend für die Bewohner der Stadt war. Zweitens frage ich mich seit Jahren, warum Berlin einen solchen Klotz überhaupt braucht.

Und dann stehe ich auf einer Baustelle, die mich eher erschreckt als ergötzt. Die nachgebildeten Barockelemente erscheinen mir seelenlos, uninspiriert. Der Schlüterhof, benannt nach dem berühmten Baumeister Andreas Schlüter, hat einen Touch von Hollywood. Die Neubautrakte finde ich architektonisch einfallslos, und sie passen nicht zum Pseudo-Barock.

Eine Menge Material muss noch verbaut werden

Negativ-Stimmen von Schloss-Besuchern

Kurze Schlossgeschichte: 1442 im Auftrag der Markgrafen und Jurfürsten von Brandenburg erbaut. Bis 1702 barock erweitert, gilt es als Hauptwerk von Andreas Schlüter. Das war allerdings ein Barockbau nordischen Stils, relativ kühl, nicht von der überbordenden Pracht südlichen Barocks. 1702 war der Bau königliche, ab 1871 kaiserliche Residenz. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Berliner Schloss beschädigt, doch der von der SED beschlossene Abriss wäre nicht erforderlich gewesen. Teile des Schlossportals wurden 1963 in das nebenan liegende Staatsratsgebäude der DR eingebaut. 1973 wurde auf dem Schlossgelände derPalast der Republik errichtet, nach der Wende geschlossen und ab 2006 abgerissen. Da bestand schon längst der größenwahn- sinnige Plan für den Schlossneubau.

Wenn dieser Bau wenigstens ein großer architektonischer Wurf geworden wäre…

 





Notizbuch: Kurreisen nicht sexy

9 08 2018

Donnerstag, 9. August 2018

„Kurreisen sind nicht sexy“, sagt Rainer Löwenberg, Geschäftsführer des Kurreisen-Spezialisten MediKur, „aber sie machen Spaß, wenn man sie verkaufen kann.“ Und das macht er, seit  jetzt genau 20 Jahren.

Löwenberg begann 1992 in der Touristik bei einem Seniorenveranstalter. Mittlerweile besitzt die Firma zwei Reisebüros in Berlin (Löwenberg: “Das ist der Ursprung“)  und seit 2010 das Hauptgebäude im grünen Berlin-Kaulsburg. Dort ist auch eine Wellnessoase mit einer Salzlounge untergebracht, damit die Kunden gleich am eigenen Leib erfahren können, wie wohl es tut, den eigenen Körper zu verwöhnen. Der MediKur-Katalog enthält nicht nur klassische Kurdestinationen wie Polen und Tschechien, Deutschland oder Ungarn, sondern auch Ziele wie Israel und Jordanien, Spanien und Andorra. Fluss- und Familienreisen „runden marginal das Angebot ab“.

Und da gibt es noch das Tochterunternehmen Touristik und Kontakt, das Special Interest-Reisen für Vereine und Gruppen aufbereitet. „Das Thema ist dabei egal“, sagt Löwenberg, der insgesamt 33 Mitarbeiter hat.

Deutschland, klagt der Geschäftsführer, sei für Kuranbieter ein schwieriges Feld: „Viele Häuser sind nicht auf Selbstzahler eingestellt und bevorzugen Autofahrer ohne Kur.“ Er werde „immer schwieriger, da vernünftige Verträge zu bekommen.“ Aber „irgendwann gibt es ein Überangebot.“ Die zweite Hypothek, mit der sich Kuranbieter herumschlagen müssen, sei der Fremdvertrieb: „eine Crux“.  Löwenberg: „Wir haben alle das Problem, am Beratungsbedürfnis der Kunden zu scheitern.“ Deshalb müsse der Katalog ständig verbessert und intensiv auf hervorragende telefonische Beratung – auch der Reisebüros – gesetzt werden.

Interessant ist, dass die Kundschaft mit der Zeit jünger wird. „Bei den Älteren sind natürlich die alte Probleme geblieben“, erläutert der MediKur-Manager, „aber bei den jüngeren treten ganz andere Krankheiten auf“ – Hautkrankheiten beispielsweise, Fettleibigkeit und „unglaublich viele Allergien“.

Trotz aller Skepsis ist MediKur mit den Reisebüros aus der ganzen Republik gut im Geschäft: Sechs von zehn verkauften Arrangements gehen über den Counter. Die Provisionshürden sind niedrig angesetzt. Ab 5.000 Euro Jahresumsatz gibt es zehn Prozent, die höchste Provisionsstufe beträgt zwölf Prozent. Neben den üblichen Aktionen für Reisebüropartner wie Buchungswettbewerbe organisiert der Veranstalter Saisoneröffnungs- und Abschlussfahrten zu Kundendestinationen z.B. in Polen und Tschechien, die dann von den Reisebüropartnern begleitet werden. Natürlich gibt es auch Informationsfahrten für Reisebüros zu bekannten und neuen Reisezielen. Noch mehr: „Zu bestimmten Messen stellen wir unseren Ausstellungsstand und die Mietfläche kostenlos den Reisebüros vor Ort zur Verfügung, sie repräsentieren damit MediKur Reisen und sich selbst als kompetenten Partner für Kurreisen.“

Schon bald wird MediKur ein neues Geschäftsfeld eröffnen, das wenig mit Kur, aber viel mit Betreuung, Beratung, und Therapie zu tun hat: Trauerbewältigung. „Das werden nur kleine Gruppen von fünf oder sechs Leuten sein“, versichert Rainer Löwenberg, dem bewusst ist, dass bei der TUI Trauerreisen schon mal gefloppt sind.

Mein Bericht ist – in leicht gekürzter Fassung – am Montag dieser Woche in touristik aktuell erschienen.