Notizbuch: Muellers Mädchen

20 10 2018

Samstag, 20. Oktober 2018

Ein deutsch-polnisches Forschungsprojekt liegt der Ausstellung zugrunde, die bis zum 3. März kommenden Jahres im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist. Das Museum für Gegenwart widmet sie dem Expressionisten Otto Mueller und nähert sich ihm dabei in dreifacher Weise – Otto Mueller als Maler, als Mentor und als Magier.

100 Exponate aus deutschen und polnischen Museen sowie aus Privatbesitz sind in der interessanten Ausstellung zu sehen, Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und Schriftstücke. Kunstinteressierten ist Otto Mueller [geboren 1874, gestorben 1930] ein Begriff als einer der bedeutendsten deutschen expressionistischen Maler. Was den meisten zu diesem Namen einfällt: Er war von 1910 bis zu ihrer Auflösung 1913 Mitglied der Künstlergemeinschaft Brücke. Seine Berliner Verbindung ist präsenter als die zehn Jahre, in denen Otto Mueller ab 1919 an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau gearbeitet hat. Sie war weltoffen und liberal und zählte zu den fortschrittlichsten Kunstschulen in ganz Europa.

An der Breslauer Akademie – das Folgende habe ich aus den Presseunterlagen – standen gleichberechtigt die vielfältigen Strömungen der modernen Malerei nebeneinander: die französische Peinture der Académie Matisse mit Oskar Moll, der Expressionismus mit Otto Mueller, die Neue Sachlichkeit mit Alexander Kanoldt und Carlo Mense sowie das Bauhaus und dessen Umfeld mit Oskar Schlemmer, Georg Muche und Johannes Molzahn.

 

oben: Johannes Molzahn: „Porträt meiner Frau“, 1930  

unten rechts: Otto Schlemmer, „Bauhaustreppe“, 1932        

Um die Akademie herum bildete sich ein Netzwerk, in dem Otto Mueller der wohl bunteste Vogel war. Er hatte großen Einfluss, weshalb die Ausstellung im Hamburger Bahnhof seinem Netzwerk nachspürt. Otto Mueller war bei seinen Schülern und Schülerinnen [!] wegen seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden beliebt. Sein Humor wurde allenthalben geschätzt, und Otto Mueller war mehr als stadtbekannt wegen seines absolut unbürgerlichen Lebens.

Eng war zu dieser Zeit die künstlerische Verbindung zwischen Breslau und Berlin. In die deutsche Hauptstadt wechselten einige seiner Schüler und machten hier künstlerische Karriere, zum Beispiel Alexander Camaro [1901 bis 1992]. Der war als künstlerisches Multitalent genial: Zirkusartist, Tänzer, Pantomime, Maler und ab 1952 Professor für Malerei an der Berliner Hochschule für Bildende Künste. 2009 gründete seine Frau Renata, ebenfalls Malerin, die Alexander und Renata Camaro Stiftung. Diese war an die Staatlichen Museen zu Berlin mit der Idee zum Forschungsprojekt und zur Otto Mueller-Ausstellung herangetreten.

Mensch und Natur, der Mensch in der Natur, das war das Thema, das sich durch Otto Muellers Lebenswerk zog. Bekannt sind seine Aktdarstellungen in Landschaft – zum Beispiel „Sommertag“ und die berühmten „Zwei Mädchen“. Bekannt sind vor allem seine Szenen aus dem Zigeunerleben [im kunsthistorischen Zusammenhang sei diese Fremdbezeichnung für Sinti und Roma gestattet]. Otto Mueller hat eine Zeitlang unter ihnen gelebt.

Kurz nach dem Tod des Expressionisten, schon 1931, fand eine Otto Mueller-Gedächtnisausstellung in Breslau statt, die im gleichen Jahr von der Nationalgalerie übernommen wurde.  Die „Moderne Abteilung der Berliner Nationalgalerie“ war damals im Kronprinzenpalais am Boulevard Unter den Linden untergebracht. Otto Mueller war wie so viele andere Künstler seiner Zeit den Nazis ein Dorn im Auge, sie beschlagnahmten 1937 über 350 seiner Werke aus deutschen Museen.

Die Otto Mueller-Gedächtnisausstellung im Berliner Kronprinzenpalais, 1931

Von Otto Mueller hörte ich zum ersten Male an meinem Gymnasium in meiner Heimatstadt Aachen, dem Couvengymasium  – benannt nach Johann Joseph Couven und seinem Sohn Jakob Couven, zwei bedeutenden Barockbaumeistern. An diesem Gymnasium hatte ich einen Zeichenlehrer, der bei Otto Mueller studiert hatte. Wegen seines aparten Haarschnitts wurde er „Mecki“ genannt. Er war – vielleicht – ein guter Künstler, aber ein miserabler Pädagoge. Wenn es ihm zu laut im Zeichensaal wurde – und es wurde immer zu laut, weil ihm niemand zuhörte -, klopfte er energisch mit seinem Schlüsselbund gegen die Heizung. Die Klopfgeräusche übertrugen sich in zahlreiche andere Klassenräume. Ich höre sie heute noch, wenn der Name Otto Mueller fällt.

Fünf – das Foto zeigt nur vier – wichtige Leute machten Journalisten langatmig mit der Ausstellung vertraut

Noch ein Wort zur Präsentation des Ausstellungsprojekts. Das war ganz großer Bahnhof mit fünf natürlich ganz wichtigen Personen, die die Journalisten informierten. Nur – erster Minuspunkt – hielten sie sich nicht an die alte Pressekonferenz-Regel: Man kann über alles reden, nur nicht über fünf Minuten. Es gab offensichtlich keine Abstimmung und deshalb Dopplungen – zweiter Minuspunkt. Dritter Minuspunkt: Die Presskonferenz fand nicht in den Ausstellungsräumen statt, sondern in einem weit entfernten Funktionsraum ohne Atmosphäre; wenn wenigstens einige der erwähnten Bilder an die Wand projiziert worden wären. Noch ein Minuspunkt: das Name Dropping. Ich behaupte, mich in der europäischen Kunstgeschichte, zumal in der modernen, ganz gut auszukennen. Aber es fielen in der Pressekonferenz so viele Namen polnischer Künstler, die ich noch nie gehört hatte. Eine Pressekonferenz ist kein Kunstgeschichts-Seminar. Fazit: setzen, sechs! Nun, nicht sechs, aber vier minus. Zu schwach für solch ein Ausstellungsprojekt.

 

Advertisements




Notizbuch: so viel Mies wie möglich

29 09 2018

Samstag, 29. September 2018

Was ich denn mit dem Rest des Tages noch anfangen wolle, wurde ich gefragt. Das war 1972. Ich hatte mich in der Redaktion der Zeitschrift „test“ der Stiftung Warentest als neuer Reiseredakteur beworben, und der Flug von Köln/Bonn nach Berlin zum Vorstellungsgespräch war der erste Flug meines Lebens… „Ich will mir unbedingt die Neue Nationalgalerie ansehen!“ war meine Antwort. Den versammelten Herren sah ich an, dass sie das damals schon weltberühmte Ausstellungshaus noch nie von innen gesehen hatten.

Ich bekam die Stelle. Und von meinem ersten Berlin-Tag machte ich den Bau von Mies van der Rohe zu einer Art Rückzugsort bei jeder Art seelischer Blähung. Das hat immer funktioniert, egal welche Ausstellung dort zu sehen war. Was habe ich da in 45 Jahren für Ausstellungen gesehen. Wer jetzt um den Bauzaun herumgeht, der die Neue Nationalgalerie während der Sanierung umgibt, sieht von jeder dieser Ausstellungen das Originalplakat – eine gute Idee.

Ich bin in die Jahre gekommen. Mies van der Rohes Bau auch. Der wird nun generalsaniert, bei Gebäuden geht das ja. 50 Jahre haben dem Beton zu schaffen gemacht, und nicht nur dem. Zudem ist es kein  Geheimnis, das der Bau aus Glas und Stahl mit seinem „schwebenden“ Dach zwar ein architektonischer Geniestreich ist, aber in seiner Funktion als Museum so seine Macken hatte.

Mies van der Rohe – der aus meiner Heimatstadt Aachen stammte – erhielt den Auftrag zum Bau eines Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts 1962. Als das Dach eingeschwebt wurde, kam er eigens aus den USA herbeigeflogen. Zur Einweihung 1968 war er dazu körperlich nicht mehr in der Lage. Mies van der Rohe, geboren 1886, starb 1969.

Den Wettbewerb zur mittlerweile 110 Millionen Euro teuren Generalsanierung gewann das Architekturbüro von David Chipperfield, sozusagen ein Spezialist für Berliner Museen. Er schuf den Neu- und Wiederaufbau des vor zehn Jahren [wieder-]eröffneten Neuen Museums auf der Museumsinsel und ist der Schöpfer des neuen – durchaus umstrittenen – Eingangsgebäudes James-Simon-Galerie. James Simon war zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein großer Mäzen der Berliner Museen.

Als Berater steht im Mies van der Rohes Enkel Dirk Lohan zur Verfügung. Der war Bauleiter vor 50 Jahren und hat dann das Architekturbüro seines Großvaters übernommen. Schon fünf Museen hat er entworfen. Die Aufgabe in Berlin ist gigantisch. Der Museumsbau wurde in 35.000 Einzelteile zerlegt, die in Lagerstätten rund um Berlin verteilt sind. Die 3,40 mal 5,60 großen Glasscheiben, die auch erneuert werden müssen, kommen aus China. Dort steht das einige Werk der Welt, das so etwas kann. Den Sanierungsarbeiten hat Chipperfield auch ein Motto verpasst: „so viel Mies wie möglich“.