Notizbuch: Bei den Wikingern in Birka

20 07 2019

200 Jahre wichtigster Handelsplatz in Nordeuropa

Samstag, 20. Juli 2019

Als die „Juno“ auf ihrer Fahrt auf dem Götakanal quer durch Schweden an der Insel Björkö anlegt, erwartet uns eine Überraschung: Wikinger. Stilecht verkleidete Amateur-Fremdenführer, die uns die Wikingersiedlung Birka erklären. Das gelingt ihnen so gut, dass Birka mitsamt der Bewohner in unserer Fantasie wieder lebendig wird.

Die Insel Björko liegt im Mälaren, dem drittgrößten See Schwedens. Auf der viertägigen Fahrt von Göteborg nach Stockholm führt die Route nicht nur durch den Götakanal – der so eng ist, dass oft der Eindruck entsteht, das Schiff spaziere über die Wiese -, sondern durch zahlreiche Seen. Da ist der Vänern, der größte See des Landes und drittgrößter Europas. Mit einer Länge von 135 Kilometern und einer Breite von 31 Kilometern ist der Vättern der zweitgrößte See Schwedens. Einmal fährt das Schiff auch über ein Stück offene Ostsee. Die Abwechslung zwischen dem engen Kanal mit seinen vielen Schleusen und den Seen mit zum Teil „unendlichem“ Horizont macht einen wesentlich Reiz der Reise aus.

Zur Wikingerzeit war der Mälarsee kein See, sondern Teil der Ostsee. In dieser Bucht entstand im 8. Jahrhundert das, was oft „die erste Stadt Schwedens“ genannt wird – ein doppelter Unsinn: Städte, die diesen Namen verdienten, gab es damals nicht, und es existierte auch kein Staat Schweden. Birka, günstig am Wasser gelegen, war 200 Jahre, bis zum 10. Jahrhundert, der wichtigste Handelsplatz für ganz Nordeuropa. Aber da wurde nicht verkauft und gekauft, sondern getauscht – Bernstein, Bronzewaren und Gegenstände aus geschnitztem Horn, Webwaren, Pelze und Eisenwaren gegen Perlen und Tuch, Silberschmuck, Seide [aus China!] und vieles mehr. Vom blühenden, „weltweiten“ Handel zeugen Münzen aus Arabien. 700 bis 1000 Bewohner hatte der Handelsplatz.

Ihn und die dort wohnenden und vorbeireisenden Händler schützte der König, dessen Sitz Hovgården    auf der gegenüberliegenden Insel Adelsön lag. Mit kostbaren Gegenständen aus Birka beschenkte er seine Vasallen, die ihn wiederum stützen und seine Macht stärkten. Warum die Bewohner Birkas Ende des 10. Jahrhunderts ihren Handelsplatz verließen, ist nicht bekannt. Seit 1993 stehen Birka und Hovgården auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.

Auch wenn keine konkreten Zeugnisse aus Wikingerzeiten zu sehen und zu fassen sind, lohnt sich der Besuch in Birka. Unsere Wikinger weisen uns auf ein weites grünes Feld hin, in dem sich lauter Hügel erheben – 2.300 Gräber wurden hier gefunden. Viele der Toten wurden verbrannt, andere mit kostbaren Grabbeigaben bestattet.

Wo früher die Wikingerburg lag, auf dem höchsten Platz der Insel, steht ein mächtiges Steinkreuz. Es wurde 1834 in Erinnerung an den Mönch Ansgar errichtet, der 830 zum Missionieren nach Birka kam und eineinhalb Jahre blieb. Er war wohl nicht sehr erfolgreich, auch nicht bei seiner zweiten Missionsreise 852.

Ein Museum auf Björkö erklärt didaktisch sehr geschickt das [Alltags-]Leben der Bewohner von Birka. Und ganz in der Nähe sind Hütten nachgebaut, wie sie die Händler und ihre Familien benutzten.

Auch Nachbauten von Boten gehören zu den interessanten Zeugnissen aus der Wikingerzeit, die wir bei diesem Schiffsausflug genossen haben. Als unsere Wikinger uns zur „Juno“ bringen und diese wieder Richtung Stockholm mit uns an Bord ablegt, komme ich mir vor wie ein Wikinger – nicht wie ein kriegerischer Wikinger, sondern wie einer auf großer Tauschfahrt.

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