Notizbuch: Rentiere in Hessen

15 09 2017

Freitag, 15. September 2017

Das Lapplandlager heißt „Björkträsk“. Es liegt im nordhessischen Tierpark Sababurg, der an sich als zweitältester Tierpark Europa schon einen Besuch wert ist. „Der Birkenwald hier, der auch in Lappland das Landschaftsbild prägt, ermöglicht es uns, Rentiere in bestmöglicher Annäherung an den natürlichen Lebensraum zu halten“, sagt Uwe Kunze. Er ist sozusagen der Cheflappe.

Im Rentierwald im Tierpark Sababurges liegt das authentische Lapplandlager mit Nomadenzelten, Lagergestellen, Vorratshütten und Feuerstellen. „Da unsere Familie ihre Wurzeln sowohl in Deutschland, als auch im samischen Rentierzuchtgebiet Nordschwedens hat, dort lebt und eigene Rentiere hält, informieren wir aus erster Hand über die einmalige  samischen Rentierkultur“, sagt Uwe Kunze, der mit seiner Frau Brigitte die Firma Renrajd Vualka unterhält. Renrajd nennt man den Zug der Rentierschlitten-Gespanne und der Trag-Rentiere. Vualka ist der südsamische Begriff für “sich auf den Weg machen“. Brigitte stammt aus der Schweiz, dieser Akzent ist nicht überhören. Beide sind seit 40 Jahren verheiratet und haben mehrere Kinder. Da die Familie auch im samischen Rentierzuchtgebiet Nordschwedens lebt und dort eigene Tundra-Rentiere hält, hat sie von dort ihre Kenntnis im Umgang mit dieser nordischen Hirschart nach Nordhessen mitgebracht.

Die Rentiere im Tierpark Sababurg, durchaus mächtige Exemplare, sinbd sanft, sie stoßen nicht mit ihren mächjtigen Geweihen, sie beißen nicht und spucken nicht oder was Besucher sons noch befürchten könnten. „Wir wollen einen Einblick in die Einmaligkeit der samischen Rentierkultur gewähren und somit sensibel und wissend machen, damit das letzte europäische Ursprungsvolk am Nordrand unseres Kontinents überleben kann,“ sagt Uwe.


Auf der Internetseite seines Unternehmens [www.renrajd.com] schreibt er: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, unsere Gäste für das Leben mit der Natur und dem dazugehörenden Kontakt zu Tieren zu begeistern. Das Erfahren von Zusammenhängen des natürlichen Miteinanders, sowohl der Tier und Pflanzenwelt, als auch unserer menschlichen Existenz, ist Voraussetzung für einen behutsamen Umgang mit unserem Lebensraum. Dazu gehört auch die Offenheit gegenüber anderen Kulturen.“

Die Sami, so habe ich ebenfalls der Website von Renrajd Vualka entnommen, sind das letzte Ursprungsvolk Europas. Ihre genaue Herkunft ist umstritten, man vermutet ihren Ursprung jedoch in den Weiten Nordasiens. Früher als Jäger lebend, folgten sie später den Rentierherden nomadisierend und errichteten nachweislich bereits vor 9 800 Jahren (z.B. im schwedischen Arjeplog) feste Wohnplätze (siehe auch Felszeichnungen bei Alta in Nordnorwegen und bei Messlingen /Ruändan im schwedischen Härjedalen). Nach der Halbdomestizierung des Rentieres folgte man den Tieren auf den alten Herdenwegen, jährlich wiederkehrend, von den Sommerweiden auf dem Kahlfjäll (Tundra) zu den Winterweiden in die geschützteren Wälder (Taiga). Die Zurückdrängung der Sami und deren Kultur, früher durch die Staatenbildung der jeweiligen Länder und die sich nach Norden ausdehnende Neubevölkerung und Neusiedler, erreichte ihren Höhepunkt im dem Verbot der samischen Religionausübung und des Ursprungsgesanges Joik (höre Musik: Joik von Jon-Henrik Fjällgren) durch christliche Missionare. Es folgten bis zum heutigen Tag schikanöse Besteuerungen (teilweise für einen Familienverbund in drei Staaten), Entfremdung der eigenen Kultur, indem man Samikinder in speziellen Schulinternaten von den Familien trennte, Diskriminierung und Entrechtung.

Von den heute 70 000 Sami gibt es 40 000 in Norwegen, 20 000 in Schweden, 6 000 in Finnland und 2 000 in Russland. Ungefähr 10 000 der Sami leben heute von der Rentierzucht. In Schweden verdienen z.B. gegenwärtig ca. 2 500 Familienbetriebe ihren Lebensunterhalt ausschließlich damit. Diese sind wiederum in 51 sogenannten Samebyar (Rentierzuchtgemeinden) aufgeteilt. http://www.renrajd.com:  Entsprechend der Siedlungsgebiete der Sami unterscheidet man zwischen den Gruppen der Bergsami (Rentierzucht), der Waldsami (Rentierzucht) und der an der nordnorwegischen Küste lebenden Seesami (Fischfang). Allen Gruppen dient außerdem die Jagd, das Kunsthandwerk (sameslöjd) und zunehmend auch der Tourismus als Erwerbsmöglichkeit.

Wunderschönes Kunsthandwerk bieten Brigitte und Uwe Kunze auch in Björkträsk an. Ich bedaure, dass ich nichts gekauft habe – als Souvenir einer hochspannenden Pressereise durch Nordhessen.

 

 

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