Notizbuch: die Schöne und das Haus

12 01 2018

Freitag, 12. Januar 2018

Ich trage auch im Winter keinen Hut. Sonst würde ich ihn vor einer Frau ziehen, die ich bewundere: Dorothea Schöne, unendlich fleißige Chefin eines der unbekanntesten Berliner Museen, des Kunsthauses Dahlem. Das liegt am Rand des Grunewalds am Käuzchensteig, noch nicht einen Steinwurf vom berühmten Brücke-Museum entfernt.

Dr. Dorothea Schöne besitzt einen bunten Lebenslauf. Sie hat Kunstgeschichte und Politikwissenschaft und was weiß ich noch alles studiert und mehrere Jahre in den USA verbracht, wo sie am Los Angeles County Museum of Art [LACMA] gearbeitet hat. Ihr Thema – das sich wie ein Roter Faden durch ihre Biografie zieht – war auch dort die Nachkriegsmoderne. Als Dorothea Schöne nach Berlin zurückkehrte, wo ihre Eltern leben, arbeitete sie als freie Kuratorin, Kunstgeschichtlerin und Programm-Direktorin des auf Kunst spezialisierten Sparten-Fernsehkanals ikonoTV. Und dann kam vor ein paar Jahren eine Aufgabe auf sie zu, wie ich sie mir interessanter und passender nicht vorstellen könnte: Chefin des Kunsthauses Dahlem, untergebracht im früheren Atelierhaus des Bildhauers Arno Breker, in dem auch die Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Sitz hat.

Arno Breker, Bernhard Heiliger, Bernhard-Heiliger-Stiftung, Kunsthaus Dahlem – das hängt alles zusammen. Arno Breker [1900 bis 1991] war ein hochbegabter Bildhauer, der als einer von Hitlers Lieblingskünstlern unter den Nationalsozialisten zum Vizepräsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste aufstieg. Sein Gönner und Förderer war Albert Speer, der ihm zahlreiche Aufträge für Monumentalfiguren erteilte. Speer ließ von 1938 bis 1942 am Rand des Grunewald das Staatsatelier für Arno Breker bauen, jenes große Gebäude, das heute das Kunsthaus Dahlem beherbergt.  Wegen der zunehmenden Bombardierungen hat Breker das Atelier nur selten benutzt.

Nicht nur in der großen Halle [oben] des Kunsthauses Dahlem, sondern auch auf der Galerie [unten] finden Ausstellungen statt.

Nach dem Krieg dient das Haus als internationales Künstlerhaus. Einer der Künstler, der hier einzieht und arbeitet, war der Bildhauer Bernhard Heiliger [1915 bis 1995]. Heiliger, der bei Breker studiert und auch in dessen Bildhauerwerkstätten arbeitete, war kein Nazi-Günstling. Er war Aussteller der documenta I und II und der Biennale in Venedig und Mitglied der  Akademie der Künstler und empfing viele Auszeichnungen.

Eine von über 20 Plastiken Bernhard Heiligers im Garten des Kunsthauses

1996, im Jahr nach seinem Tod, wurde die Bernhard-Heiliger-Stiftung gegründet, die ihren Sitz in Heiligers Wohnatelier im Kunsthaus Dahlem hat. Ihr Zweck ist es, wie es in einem, Flyer der Stiftung heißt, „das Wirken Bernhard Heiligers kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten, Dokumente zu seinem künstlerischen Schaffen zu sammeln und zu bewahren sowie seinen umfangreichen Nachlass, bestehend aus Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen und Assemblagen, konservatorisch und restauratorisch zu betreuen.“

Vor ein paar Jahren, als ich aus dem benachbarten Brücke-Museum kam, noch ganz beseelt und berauscht von der Farben-Symphonie, in die ich dort eingetaucht war, warf ich zufällig einen Blick auf den Garten des Atelierhauses, das damals noch nicht als Kunsthaus Dahlem eröffnet war. Über 20 Großplastiken Heiligers waren locker über den Garten verstreut. Von da an war ich fasziniert von dem Ensemble Haus, Garten, Skulpturen. Umso glücklicher war ich, als ich 2014 erfuhr, dass in dem Atelierhaus das Kunsthaus Dahlem eröffnet worden war. Ich gehörte bestimmt zu den ersten Besuchern.

Vernarrt bin ich in das Museum, schon allein wegen seines  Gegenstands, über den man vergleichsweise selten etwas erfährt: Es widmet sich der Kunst der Nachkriegsmoderne in Ost- und Westdeutschland,  vor allem der Jahre von 1945 bis 1961. Die Nachkriegsmoderne und ihre Rezeption ist der Schwerpunkt der Forschungsarbeit der Museumschefin, der ihrer Veröffentlichungen und auch das Thema ihrer Doktorarbeit.

Dr. Dorothea Schöne, Chefin des Kunsthauses Dahlem

Träger ist die 2013 gegründete Atelierhaus Dahlem gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung. Das Museum genießt eine institutionelle Förderung des Berliner Senats. Das Haus ist eine landeseigene Liegenschaft. „Und eine Herausforderung aus konservatorischer Sicht“, fügt Dr. Dorothea Schöne hinzu. Es hat zwar ein stabiles Raumklima, aber keine Klimaanlage, Auch das Licht ist ein Problem, „es hat viel zu viel Licht“ [Schöne], folglich ist das Museum „mehr ein Haus für Plastiken, nicht für Grafiken“. Was das Museum an Licht zu viel hat, hat  es an Geld zu wenig. „Wir sind ein Eineinhalb-Frauen-Betrieb“, sagt die Museumschefin, die kein Budget für Öffentlichkeitsarbeit und kein sattes Budget für den Ausstellungsbetrieb hat. So bleiben die großen Ausstellungen ein Jahr lang, die Ausstellungen auf der Galerie des Museums wechseln alle drei bis vier Monate. Dorothea Schöne: „Mein größter Traum ist, ein Ausstellungsbudget für zwei bis drei Ausstellungen im Jahr zu haben.“

Ohne Honorar, sozusagen ehrenamtlich, schreibe ich jetzt für das Kunsthaus Dahlem Blog-Texte. Hier ist der erste: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de

 

 

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Tagebuch: Gebrochene Identität

12 05 2016

Donnerstag, 12. Mai 2016

Wer die faszinierende Ausstellung auf der Galerie des [ohnehin äußerst sehens- und besuchenswerten] Kunsthauses Dahlem am Käuzchenweg [direkt beim Brückemuseum] besucht, weiß warum der Titel „Gebrochene Identität“ gewählt worden ist. Dazu demnächst mehr. Heute nur ein paar Bilder des vergessenen Malers Joachim Gutsche:

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Joachim Gutsche 1

Joachim Gutsche 3





Tagebuch: Kunst am Käuzchenweg

16 01 2016

Freitag, 16. Januar 2016

Die an Museen nicht gerade arme Stadt Berlin hat ein neues Museum. Im Kunsthaus Dahlem lässt sich das geniale Werk des Bildhauers Bernhard Heiliger entdecken.

Berlin hat seit letztem Herbst ein Museum mehr, und es ist nicht das schlechteste. Direkt neben dem berühmten Brücke-Museum liegt am Käuzchenweg 8 [was für ein schöner Name] das Kunsthaus Dahlem. Es steht auf einem großen, mit eindrucksvollen Kunstwerken bestückten Grundstück. Das Haus ist stattlich, bietet viel Platz und dient als Museum der Kunst der deutschen Nachkriegsmoderne in Ost und West. Im Fokus steht die Zeit von 1945 bis 61, politisch geprägt von den Stationen Kapitulation, Blockade, Bildung zweier deutscher Staaten, Mauerbau. Stilistisch stand am Anfang das Bemühen um Rehabilitierung der Moderne, die in der NS-Zeit verfemt war. In beiden Staaten entwickelte sich eine höchst unterschiedliche „offizielle“ Kunst, und in beiden brachten Künstler Höchstleistungen hervor. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf plastischer Kunst, aber auch Gemälde und Fotografien werden gezeigt.

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Träger des neuen Museums ist die Atelierhaus Dahlem eGmbH, Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung. Der Bildhauer Bernhard Heiliger [1915 – 95] studierte unter anderem in Stettin beim Bauhausschüler Kurt Schwerdtfeger und von 1938 bis 41 an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin bei Arno Breker. Der war so etwas wie ein Staatstkünstler, hoffiert und Hitlers Günstling. Für ihn wurde von 1939 – 42 das Kunsthaus erbaut, in dem heute das Kunsthaus Dahlem untergebracht ist. Aber da die Bombardierung Berlins da schon zunahm, hat Breker das riesige Atelier nur selten benutzt. Er arbeitete in einem Rittergut, das Hitler ihm zum 40. Geburtstag geschenkt hatte.

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Nach dem Krieg beherbergte das Haus eine Propaganda- und Zensurabteilung der US-Amerikaner. 1949 zog Heiliger in den Ostflügel, in dem seit seinem Tod die Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Sitz hat. Seit 1964 brachten der DAAD und der Berliner Kultursenat im großen Atelier abwechselnd internationale Künstler unter.

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Man darf Bernhard Heiliger künstlerisch nicht Breker gleichsetzen [wobei Breker keineswegs unbegabt war], obwohl er durch Brekers Protektion im Krieg eine „Unabkömmlichstellung“ bekam und in einem der Ateliers Brekers arbeiten durfte. 1939 lernte er in Paris moderne Künstler Aristide Maillol, Auguste Rodin oder Hans Arp kennen. Seine frühen Werke erinnern an Henry Moore. Seine Werke aller Epochen beeindrucken mich sehr, allen voran Porträtköpfe bedeutender Zeitgenossen der 1950-er und 1960-er Jahre. Faszinierend ist auch die Vielfalt der verwendeten Materialien. Das neue Museum ist in jeder Hinsicht eine Offenbarung.