Notizbuch: Bulgarien boomt

7 03 2017

Montag, 7. März 2017

Sieger und Verlierer im aktuellen Tourismusgeschäft treffen sich jetzt auf der ITB Berlin, der größten Tourismusmesse der Welt. Zu den Gewinnern gehören Griechenland und Bulgarien. Vor allem Bulgarien profitiert von der schwächelnden Nachfrage der Reiseländer Ägypten und Tunesien und wohl auch der Türkei.

Dies bescherte dem Land – in erster Linie natürlich der Schwarzmeerküste – in den vergangenen zwei Jahren einen Riesenerfolg. Die Zahl der deutschen Touristen, die traditionell hinter Rumänien und Griechenland rangiert, stieg im Vorjahr von Januar bis November um über 32 Prozent auf 812000 Feriengäste.

Begehrte Schwarzmeerküste: Albena. Foto: JT Touristik

Noch ist kein Ende des Booms abzusehen. Davon haben vor allem die Anbieter von Badeurlaub etwas. „Als Veranstalter von Studienreisen profitieren wir nicht von einer Nachfrageverschiebung“, sagt Area Manager Manfred Schreiber von Studiosus. Alltours dagegen, Anbieter von klassischem Badeurlaub, hat nach einem Plus von 37 Prozent im Vorjahr noch einmal kräftig aufgestockt. Die Rechnung geht auf: Der Veranstalter liegt derzeit im zweistelligen Buchungsplus. Noch ein weiteres Beispiel: Fast 100 Hotels in allen wichtigen Regionen bietet ETI an. Michael Nickel, Leiter der Produktabteilung: „Mehr als 40 Flüge die Woche deutschlandweit nach Varna und Burgas runden das Angebot ab.“

Wie seine Kollegen ist Nickel davon überzeugt, dass die Situation rund ums Mittelmeer nicht der einzige Grund für den Bulgarien-Boom ist: „Bulgarien besticht durch ein hervorragendes Preis-/Leistungs-verhältnis und mit einem Produkt, das hervorragend auf die Bedürfnisse der deutschen Kunden zugeschnitten ist.“ Zu diesem Produkt gehören für Omid Haghighat, Head of IT & Product bei JT Touristik auch „das All Inclusive-Angebot und die langen Sandstrände.“ Daher könne man die Beliebtheit der Destination „nicht alleine auf eine Verschiebung durch sogenannte Krisenländer rechtfertigen“, betont auch Halina Strzyzewska, Senior Commercial Manager für Südosteuropa bei FTI. Der Beweis: „Neben den Regionen Gold- und Sonnenstrand entwickelt sich auch in bisher weniger bekannte Küstenorte die touristische Infrastruktur mit einem hochwertigen Hotelangebot.“ Zudem besitzt Bulgarien Weltklasse-Golfplätze und zieht mit diesem Angebot neue Gäste an.


Unisono weisen die Bulgarien-Anbieter in der Branche kolportierte Gerüchte zurück, mit dem Boom sei auch die Reklamationsquote in die Höhe geschnellt. Omid Haghighat spricht für alle Mitbewerber, wenn er feststellt: „Wir haben keine besondere Reklamationsquote bei Bulgarien-Urlaubern feststellen können und haben auch selber keinen Grund. etwas zu beanstanden.“

Ein Punkt bereitet Thomas Grober vom Alltours Hoteleinkauf allerdings Unbehagen: „Die Hotels leiden unter der Abwanderung von touristischem Fachpersonal ins Ausland, das ist vor allem für Bulgarien ein Problem.“ Die Konsequenz, so assistiert Rolf-Dieter Maltzahn, Geschäftsführer der DER Touristik Köln, sei „die Beschäftigung minder ausgebildeter Saisonarbeitskräfte aus Nachbarstaaten.“ Und der Touristiker warnt: „Mittel- und langfristig könnten daher Qualitätsdefizite entstehen.“

Mein Bericht ist am 6. Februar im Osteuropa-Schwerpunkt der Zeitschrift touristik aktuell erschienen.





Notizbuch: Krisenmanagement

26 11 2016

Samstag, 26. November 2016

Welcher Wertschätzung sich der Türkei-Spezialist Öger Tours bei den türkischen Gastgebern erfreut, belegt die Tatsache, dass der Oberbürgermeister von Antalya, Menderes Türel, zur Programmvorstellung eine Rede hielt. Dabei spornte er den Veranstalter an, weiterhin auf Erfolgskurs zu bleiben, „denn Tourismus dient dem Frieden, nicht nur in der Türkei.“ Türel weiß, was sein Land am größten deutschen Türkei-Anbieter hat: Trotz des schwierigen Türkei-Jahres kann Öger Tours eine positive Bilanz ziehen und das Touristikjahr sogar mit Gewinn abschließen.

img_0005rrrrcccDer Erfolg ist dem Öger-Team, das auch die Türkei-Produkte für Deutschland, Österreich, die Schweiz und alle anderen kontinentaleuropäischen Quellmärkte von Thomas Cook produziert, nicht in den Schoß gefallen. „Ich war dieses Jahr mehr Krisenmanagerin als normale Geschäftsführerin“, sagt Öger Tours-Chefin Songül Göktas-Rosati.

33333Nach deutlichen Buchungsrückgängen im Sommer brachte der Herbst mit dem Kurzfristgeschäft das große Aufholen. Dabei erwiesen sich Deutschtürken als treue Stammgäste. Vor allem Bodrum ist bei ihnen beliebt; die bessere Anbindung mit Germania brachte ein sattes Gästeplus von 20 Prozent. Zum Erfolg trug auch Bulgarien bei, das im Öger-„Rutschenkatalog“ (Produktmanager Altan Terakci), also dem Aqua-Programm, prominent vertreten ist und zudem systemisch buchbar ist: Aus dem Stand wurden 10.000 Buchungen generiert.

Junge Paare als besonders kaufkräftige Zielgruppe, junge Familien, Young Ager von 30 bis 49 Jahren, die sogenannten Best Ager vor allem als Langzeit-Urlauber sowie die Türken und Deutschtürken – das sind die Zielgruppen der geplanten Marketing-Kampagne für Urlaub in der Türkei 2017, die in enger Zusammenarbeit mit Reisebüros stattfindet. Eine eigene Vertriebsmannschaft wird diese exklusiv mit zahlreichen Aktivitäten unterstützen.

Mit einem ausgeweiteten Angebot startet Öger Tours in die kommende Saison. Neue Flugverbindungen gibt es nach Bodrum und Dalaman sowie 14 tägliche Flugverbindungen von deutschen Flughäfen nach Antalya. 27 der 390 Hotels im Türkei-Katalog sind neu im Programm. Dazu kommen 600 Hotels in den Reservierungssystemen. Die Preise fallen um acht Prozent, Frühbucher können bis zu 40 Prozent sparen. „Das ist das beste Preis-Leistungs-Verhältnis im Mittelmeerraum“, betont Altan Terakci. Öger Tours will mit der Übernahme des 24-Stunden-Zufriedenheitsversprechens von Thomas Cook neue Qualitätsmaßstäbe setzen und mit dem Katalogangebot im Sommer 2017 eine Weiterempfehlungsrate von mindestens 90 Prozent erreichen. Dabei setzt der Veranstalter auf die starke türkische Incoming-Agentur Diana Travel.

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14 Flüge pro Tag nach Antalya bietet der Veranstalter kommendes Jahr an

Die Destination Bulgarien wird zur kommenden Saison systemisch ausgebaut. Der Orient-Katalog, mit dem sich der Veranstalter längst einen Namen gemacht hat, enthält 165 Hotels. Hinzu kommen fünf Rundreisen, vier Nilkreuzfahrten und vier sogenannte Kombi-Specials, eine Kombination von Nilkreuzfahrten und Badeurlaub am Roten Meer. 48 Häuser umfasst das Hotelprogramm in Ägypten. Die Region Sharm el-Sheik ist mit sechs Häusern und deutschlandweiten Flügen ins Reisegeschäft zurückgekehrt. „Der Aufwärtstrend der Region freut uns“, sagt Altan Terakci. Ebenfalls 48 Hotels werden in den Vereinigen Arabischen Emiraten angeboten. Marokko ist mit 16 Hotels in vier Regionen vertreten, Tunesien mit 46 Hotels auf dem Festland und auf Djerba.

Soweit mein Bericht zur Öger Tours-Programmvorstellung in Antalya. Er ist – mit minimalen Änderungen und weniger Fotos vergangenen Montag in der Ausgabe 46/2016 in touristik aktuell erschienen.





Tagebuch: Wiedergeburt – Bulgarien III

29 09 2014

Montag, 29. September 2014

Ehe ich Sie/Euch weiterhin mit auf die Reise durch Bulgarien nehme, muss ich noch eine Bemerkung loswerden: Die Reise hat mir wertvolle Erfahrungen und Einsichten gebracht. Ich habe gastfreundliche Menschen kennen gelernt, liebenswerte Mitreisende, herrliche Landschaften, wundervolle Städte. Ich habe mich nur über den Titel der Pressereise mokiert, der mich auf die falsche Fährte gelockt hat: „Kultur- und Dorftourismus“ – ich hatte mit „Urlaub auf dem Lande in Bulgarien“ gerechnet. Davon war auf der Reise nicht die Rede. Und der Zusatz zum Reisethema war auch irreführend: „…mit zusätzlichen Akzenten Gourmet und Verkostung bulgarischer Weine“. Wir haben gut gegessen und getrunken, aber das war keine Gourmetreise, und es gab keine Weinprobe – nur einmal ein Weinpröbchen.

Alles klar?

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„Architekturhistorische Reservat“ Bozhentzi

Unsere dritte Station war das „Architekturhistorische Reservat“ Bozhentzi, ein früheres Händlerdorf. 120 historische Häuser stehen dort, 250 bis 100 Jahre alt. Eines ist schöner als das andere, einige wurden in Museen umgewandelt. Den Museumsort durchziehen steile, grobgepflasterte Wege. Es ist, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Apropos Zeit: Davon haben wir zu viel in Bozhentzi verbracht. Gut, wir waren auf einer Pressereise und nicht auf der Flucht. Aber irgendwann ist alles gesagt und alles fotografiert… Tipp für die Organisatoren.

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Tryavna

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Im Gegensatz zu dem Museumsdorf ist Tryavna eine äußerst lebendige, sogar quirlige Stadt. Wir sahen viele junge Leute, Schülerinnen und Schüler, die am Straßenrand saßen und Stadtansichten malten und zeichneten, dies zum Teil mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Tryavna ist bekannt für Malerei, Ikonenmalerei und Holzschnitzerei und besitzt mehrere Kunstschulen. Wie vor 150 Jahren präsentiert sich der Zentralplatz mit Brücke und Uhrturm. Der wurde 1814 gebaut, und die Frauen der Stadt mussten angeblich Schmuck hergeben, um den Bau zu finanzieren.

1804 wurde das prächtige Daskalov-Haus erbaut, heute Museum der Schnitzkunst. Auch in diesem Haus verbrachten wir viel zu viel Zeit…

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Am Fuße des Balkangebirges und am Rand der Stadt Gabrovo liegt der sogenannte „Architekturetnografische Komplex“ mit dem Namen Etar, das einzige Freilichtmuseum des Landes. Es besteht jetzt genau 50 Jahre.

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„Architekturetnografischer Komplex“ Etar

3  3Die 50 Gebäude sind exakte Kopien bestehender Häuser, restaurierte Gebäude oder von anderen Orten auf das Museumsgelände versetze Häuser. Sie stellen die Kultur der Bergbewohner während der sogenannten „Wiedergeburtszeit“ dar, von der auf der Reise viel die Rede ist.

Die Wiedergeburtszeit Bulgariens war die zweite Hälfte des 18. und das 19 Jahrhunderts, fällt also in die türkische Besatzungszeit. Die Bulgaren schufen in dieser Zeit der Rückbesinnung eine eigene, spezielle Architektur – unter anderem mit den typischen auskragenden Obergeschossen.

2  2Das Freilichtmuseum ist nicht tot, sondern äußerst lebendig. Hier arbeiten Handwerker mit originalen Geräten und traditionellen Techniken. Sie töpfern und weben, stellen Kuhglocken her und schmieden Messer…

Die gut 20 Handwerker bewerben sich um ihre selbständige Beschäftigung, sie müssen Meister sein und die Fähigkeiten besitzen, mit Originalwerkzeug umzugehen.

Und alles, was sie herstellen, können Besucher kaufen – originelle und sinnvolle Souvenirs.

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Tagebuch: Landleben? Bulgarien II

23 09 2014

Dienstag, 23. September 2014

Was würden Sie denken, wenn Sie als Journalist eingeladen würden, „Kultur- und Dorftourismus“ in einem Land kennen zu lernen? Kulturtourismus – klar, abgehakt. Aber Dorftourismus? Au fein, dachte ich, als ich kürzlich unter dieser Überschrift nach Bulgarien eingeladen wurde.

gggggg

Da lerne ich das ländliche Leben der Bulgaren kennen, weit abseits der boomenden Schwarzmeer-Badeorte. Da erfahre ich, wie die Bulgaren auf dem Land leben, ob ihre Dorfgemeinschaften noch intakt sind und ob sie leerstehende Bauernhof-Kammern an Urlauber vermieten. Auf den Kontakt mit der [ländlichen] Bevölkerung freue ich mich.

Wie war im Programm zu lesen? Das bulgarische Dorf ist der hehre Bewahrer der Traditionen, der Geschichte und der Bräuche Bulgariens. Prima, dachte ich, genau das Thema, das ich suche.

Aber Horst denkt, der Gastgeber lenkt.

aaaaa

300 Kilometer fuhren wir von unserer ersten Reisestation, der wundervollen Hauptstadt Sofia, am zweiten Tag hinauf in den Norden. Das Dorf Sabotkovtzi war unser Ziel, dessen wesentliches Merkmal laut Programm in der erhaltenen authentischen Atmosphäre der bulgarischen Wiedergeburt besteht.

ddddd

Bulgarische Wiedergeburt? Aus Wikipedia: Die Bulgarische Nationale Wiedergeburt war eine Periode des sozio-ökonomischen Wachstums und der nationalen Einigung des bulgarischen Volkes während der 500-jährigen osmanischen Herrschaft…Der Beginn der Periode wird auf das Erscheinen des ersten geschriebenen bulgarischen Geschichtsbuchs von Paisi Hilendarski „Istorija Slawjanobolgarska“ („Geschichte der Slavobulgaren“) datiert und dauerte über ein Jahrhundert bis zur Befreiung und Gründung des Fürstentums Bulgarien 1878 als Folge des Russisch-Türkischen Krieges von 1877 bis 1878, der in Bulgarien auch als „Russisch-Türkischer Befreiungskrieg“ bezeichnet wird.

eeeeeGeschichte sollte uns also präsentiert werden, nicht die ländliche Gegenwart. Von dieser Wiedergeburt war während der Reise viel die Rede. Herrliche Architektur aus dieser Zeit bekamen wir zu sehen. Aber mit „ländlichem Tourismus“ hatte das nicht viel zu tun.

So waren unsere Gastgeber in Sabotkovtzi Mitarbeiter einer Firma, die auf Landerleben spezialisiert war. Freundliche Leute waren das, im Kern eine Familie. Dazu gehörten zwei wunderschöne Töchter, von denen eine gar keine Tochter, sondern eine Angestellte war.

Wir durften: unsere Tomaten für den typisch bulgarischen Schopka-Salat selbst ernten, zusehen, wie Joghurt gewonnen wurde, rustikal und traditionell essen, uns verkleiden und historische Trachten überstülpen, auf braven Pferden reiten, mit Pfeilen auf [unechte] Wildtiere schießen. Und Fotos machen, Fotos, Fotos und noch einmal Fotos.

fffffiiiii

Mit anderen Worten: Die vielen Stunden, die wir in Sabotkovtzi verbrachten, waren gelinde gesagt Touristengaudi oder – hart gesagt – Touristensch… Ein, zwei Stunden hätten als Zwischenstopp genügt. Mit dem Leben der Bulgaren auf dem Lande von heute hatte das nichts zu tun.





Tagebuch: wie die Kinder… [Bulgarien III]

25 05 2011

Mittwoch, 25. Mai 2011

Voranschicken muss ich: Ich spiele nicht Golf. Flapsig sage ich immer: So alt kann ich nicht werden, dass mir dieser langweilige Sport je gefallen würde. Natürlich weiß ich, dass dies ungerecht ist. Aber ich kann dieser Tätigkeit nun mal nichts abgewinnen. Mit entsprechend gemischten Gefühlen sass ich während der Journalisten-Recherchenreise zum Schwarzen Meer im Bus auf seiner Fahrt zu einem neuen Golfplatz, der in diesen Tagen eröffnet wird. Thracian Cliffs heißt er – und erwies sich als das spannendste, atemberaubendste Projekt der ganzen Reise. Ich denke, ich werde künftig weniger flapsig über Golf und die Golfer reden…

Der Golfplatz erstreckt sich über viereinhalb Kilometer – der Kurs misst sogar 6,6 Kilometer – wie ein schmaler Schlauch die Küste entlang. Seine Fläche: 164 Hektar – das sind 164 Fussballplätze. Oberhalb und unterhalb des Golfkurses verleihen Klippen dem Golfplatz etwas Abenteuerliches, an einem Loch des 18-Loch-Platzes geht es 40 Meter in die Tiefe. Wir alle, d.h. 20 Journalistinnen und Journalisten, waren sich einig: Einen solch spektakulären und atemberaubend schönen Golfplatz haben wir noch nie gesehen. Zwei mitreisende Golf spielende Kollegen versicherten: Auch auf so einem guten, schweren Platz haben sie noch nicht gespielt. Entsprechend viele Golfbälle haben sie im Meer versenkt.

Gary Player heißt der – in Golferkreisen berühmte – Architekt dieses Platzes. Er ist dafür bekannt, dass er mit vielen optischen Täuschungen arbeitet. Das verriet mir Perry Einfeldt, der General Manager von Thracian Cliffs. Auch er ist in der Szene kein Unbekannter: Zwölf Jahre hat er die Golf-Geschicke im deutschen Resort Fleesensee geleitet. Er ist ein sympathischer Mann, der uns bereitwillig und perfekt informierte [die regelmäßigen Leser dieses blogs wissen, dass das auf der Bulgarienreise eine Ausnahme war].

Der Golfplatz, so erzählte Perry, ist von einem bulgarischen privaten Investor ins Leben gerufen worden. Der heißt Georgi Tsvetanski und hat schon 110 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Wir haben auch ihn kennen gelernt. Er wirkt wie ein großer Junge in Cowboykleidern. „Er kommt ohne Bodyguards“, stellt einer unserer Begleiter fest, „also ist er sauber.“

Strände, künftig auch Läden, ein Gourmet-Restaurant, eine Bar, der Pro-Shop, ein Clubhaus  und zahlreiche Appartements, die man mieten oder kaufen kann, gehören zu der Anlage, die in den kommenden Monaten und Jahren noch ziemlich erweitert werden soll [wenn Georgi nicht das Geld ausgeht].

Wir haben die Appartements besichtigt. Wir haben im Gourmet-Restaurant gegessen. Und wir sind in Golf-Caddies über den Platz gebraust. Dabei haben wir uns gefühlt und benommen wie die Kinder – es war einfach herrlich. Diese Stunden waren auch für die Nicht-Golfer ein Erlebnis. Und wie gesagt: so flapsig werde ich nie wieder… Großes Indianerehrenwort.





Tagebuch: Souvenir vom Schwarzen Meer [II]

22 05 2011

Sonntag, 22. Mai 2011

Eine gestrickte grünbraune Schildkröte ist der neueste Schwarm meiner Freundin Püppi [4 Jahre]. Und das kam so:

Jedesmal, wenn ich auf Reisen gehe, wünscht Püppi sich ein Mitbringsel. Bei meiner vorletzten Reise, die nach Helsinki führte, war das „ein Eisbär“. Nun ist Finnland nicht gerade ein Eisbärland. Elche und Rentiere gibt’s in allen Materialien, Größen, Formen und Farben. Da ich ein  Rentier süß und knuddlig fand, kaufte ich es als Mitbringsel für Püppis Mama. Und ich suchte weiter nach einem Eisbären. Der, den ich schließlich fand, ist ein Winzling, der sich zum Kuscheln kaum eignet. Aber es war eben genau das Georderte: ein Eisbär. Das Resultat: Püppi hat sich bei Mami das Rentier ‚ausgeliehen‘, das nun zum Kuscheln herhalten muss. Und der Eisbär ist in irgendeiner Ecke gelandet…

Auch vor meiner Reise an die bulgarische Schwarzmeerküste erging eine Order von Püppi: Ein Rhinozeros sollte es diesmal sein. Da sich diese Mammutviecher nicht gerade an der Schwarzmeerküste tummeln, waren die Chancen, ein Rhinozeros aus Stoff oder Pappmaschee oder einem anderen Material zu finden, gleich Null. Eine Kollegin war so nett, mit mir auf die Suche zu gehen. Zu Beginn des Wanderwegs über das Kap Kaliakra fanden wir – die grünbraune Schildkröte. „Weeste wat“, sagte meine Kollegin, „die verkoofst der Kleenen als Rhinozeros.“ Das alte, zahnlose Weiblein, das die Schildkröte verkaufte, war froh, wenigstens ein klein wenig eingenommen zu haben. Wie viele Stunden wird sie daran gearbeitet haben. Für das sorgfältig verarbeitete Souvenir hat die Frau, die übrigens sehr herzlich war, umgerechnet fünf Euro verlangt. Das ist nicht viel Geld, für sie aber ein kleines Vermögen: Der Durchschnittslohn in Bulgarien liegt bei 250 Euro im Monat. „Schreiben Sie lieber 300 Euro“, riet mir unser Reiseleiter Stojan Bogdanov, „das klingt besser.“

Püppi habe ich die Strickkröte übrigens nicht als Rhinozeros ‚verkauft‘. Diese Order hatte sie schon längst wieder vergessen.





Tagebuch: Defizite am Schwarzen Meer [I]

20 05 2011

Samstag, 21. Mai 2011

Ganze zwölf Stunden war ich gestern unterwegs – und dann erst war ich zurück aus Bulgarien. Da es keinen Direktflug gab, führte die Rückreise von Vargas am Schwarzen Meer über Wien [mit drei Stunden Aufenthalt]. Schon allein die Anreise von Nessebar zum Flughafen Vargas dauerte zweieinhalb Stunden…

Ohne Zweifel: Das war ein Nachteil der Pressereise, aber es gibt derzeit noch keine Direktflüge nach Varna. Gut fand ich aber, dass jede[r] Teilnehmer[in] der Reise – 20 Journalistinnen und Journalisten – ein Namensschildchen am Band erhielten. Das konnten wir gut gebrauchen, denn es gab keine Vorstellungsrunde. Auch als eine Journalistin aus privaten Gründen erst einen Tag später zu uns stieß, wurde dies mit keiner Silbe erwähnt, und der mittlerweile schon etwas ‚zusammengewachsenen‘ Gruppe wurde die Kollegin auch nicht vorgestellt.

Unsere Begleitung dagegen präsentierte sich ausführlich: ein Fahrer, klar, ein Fremdenführer [auf ihn komme ich noch einmal zurück], eine Vertreterin der deutschen PR-Agentur für Bulgarien, zwei Vertreter der bulgarischen PR-Agentur und ein Vertreter des Ministeriums für alles Mögliche und Tourismus. Mitgezählt? Das waren sechs Personen.

Hören Sie hier einen leicht kritischen Unterton heraus? Bravo! Diese Reise war weder besonders gut vorbereitet noch besonders gut betreut – mit Ausnahme des Fremdenführers oder Reiseleiters Stojan Bogdanov. Dieser Mann ist Schatz. Mit welchem Wissen und Humor er uns sein Land erklärte! Und mit welcher Ironie! Das war ein Genuss. Stojan spricht perfekt Deutsch, er hat 20 Jahre in der Schweiz gelebt. Der gute Mann sparte auch nicht an Kritik – an den Missständen in den Hotelrezeptionen, an den örtlichen Fremdenführern [„Das ist das Problem mit den Lokalmathadoren…“], an der großen Schar unserer offiziellen Reisebegleiter. Für Journalisten sind solche Gesprächspartner ein Göttergeschenk. Wir suchen nicht immer das Negative, aber wir merken schon, wenn’s irgendwo klemmt. Und dann wollen wir Erklärungen haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vielleicht ist überhaupt einmal eine grundsätzliche Erklärung über Reisejournalisten angebracht. Auf Pressereisen trifft man vier Sorten von Journalisten. Da sind die Altgedienten, die Ausgedienten. Die Kollegen im Ruhestand, die nicht mehr arbeiten müssen und praktisch zu ihrem Vergnügen reisen und anschließend ohne jeden Zeit- und finanziellen Druck ihr Artikelchen abliefern. Dagegen ist ja nichts zu sagen, wenn nur diese Veteranen und Urgesteine nicht ununterbrochen darauf hinwiesen, wie toll [im Geschäft] sie einmal waren… Als würde ein Fischgeschäft werben: Vor einem Jahr hatten wir einen  tollen Hecht im Angebot.

Dann gibt es die Gruppe der Lokal-, Sport-, Kultur- oder Sonstwasjournalisten, die von ihrem Chefredakteur auf diese Reise geschickt wurden – im normalen Losverfahren, als Belohnung oder aus was sonst immer für einen Grund. Diese Gruppe teilt sich in zwei Untergruppen: Die erste betrachtet diese Reise als eine Art Urlaub, die zweite arbeitet ernsthaft an einer Reisegeschichte. Vor letzterer Gruppe habe ich die größte Hochachtung – hier finden sich übrigens die nettesten Kollegen und Kolleginnen. Und dann gibt es noch die professionellen Reisejournalisten, ganz gleich, ob angestellt oder frei. Reisejournalismus ist ein schöner, aber auch ein ganz schön harter Beruf. Die meisten Reisejournalisten stehen unter einem großen Zeit- und wirtschaftlichen Druck. Schön, wenn auf der Reise mal etwas Freizeit aufkommt, Zeit zur Besinnung braucht auch jeder. Aber drei Stunden Freizeit in Varna – einer Stadt., deren Kern man in einer halben Stunde abmessen kann? Natürlich gibt es noch ganz andere Sehenswürdigkeiten in Varna. Aber die wurden uns nicht gezeigt. Das renommierte Archäologische Museum der Stadt hatte zu dieser Zeit geschlossen. Bravo, Meisterleistung.

Wir Reisejournalisten sind auch immer auf der Suche nach einem kostbaren und seltenen Gut: nach Informationen. Sie sollten nicht glauben, das Liefern von Informationen auf einer Pressereise sei eine Selbstverständlichkeit. Drei Beispiele von der Bulgarien-Reise. Am zweiten Reisetag werden wir zu einer Präsentation gebeten. Sie war – ich drücke das jetzt sanft aus – ein Witz! Sie bestand im Grunde nur aus der Schilderung dessen, was Bulgarien mit der derzeitigen Werbe- und PR-Kampagne will – und aus dem Verlesen des Programms,  Version IV. Für einen solchen Quatsch haben professionelle Reisejournalisten keine Zeit. Beispiel zwo: Da besuchen wir einen wunderschönen Botanischen Garten [Detailbericht folgt] und stellen beiläufig fest, dass man mitten im Botanischen Garten auch herrlich Urlaub machen kann – und zwar in Ferienwohnungen. Niemand der fünfköpfigen Reisebegleitung [den Fahrer mal abgezogen] kam auf die Idee, uns darauf aufmerksam zu machen – geschweige denn, uns zu dem wunderschönen Thema Informationen zu liefern. Beispiel drei: Wir besuchten eine Muschelfarm – zum Essen. Zur eigentlichen Muschel-Produktionsstätte draußen im Meer durften nur sechs Journalisten mit dem Boot hinausfahren. Wieder eine verschenkte Geschichte.

Perfekt informiert dagegen wurden wir in der neuen Golfanlage Thracian Cliffs [Bericht folgt]. Kein Wunder: Der General Manager ist ein Deutscher, der zwölf Jahre in der Anlage Fleesensee für Golf verantwortlich war. Er weiß, was sich Journalisten – bei all der Freundlichkeit, neben Sonne und Relaxen – wünschen: Informationen. Die Stunden auf dem Golfplatz haben die Reise rausgehauen.