Notizbuch: Der Quantensprung

11 07 2019

Was die neue James-Simon-Galerie für die Museumsinsel bedeutet

Donnerstag, 11. Juli 2019

Die Museumschefs kommen mit dem Schwärmen gar nicht mehr nach: Einen „Meilenstein“ nennt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Bau. Für Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, ist er „ein Traum“. Noch mehr: „ein Quantensprung“.

Die Rede ist von der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. In der Tat ist es erstaunlich, was dem Architekten David Chipperfield [kleines Foto] mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit der Bebauung des handtuchbreiten Streifens Am Kupfergraben gelungen ist. Erstaunlich, aber nicht überraschend: Schließlich hat das Unternehmen David Chipperfield Architects seinen Weltruhm mit der Wiederherstellung und Ergänzung der Bauten auf der Museumsinsel gemacht. Der Bau ist anmutig und architektonisch – für Berlin schon ein kleines Wunder, wenn man an die einfallslose Bebauung des Bahnhofsviertels denkt – auf dem Spitzentand, „wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört“ [Parzinger]. Er zitiert die benachbarte Kolonnadenbebauung, die von der Bodestraße zum Neuen Museum und zur Alten Nationalgalerie überleitet. Mit Treppen spielt Chipperfield wie ein Kind mit Bauklötzen – auch abgesehen von der großen Treppe, die von außen in den Hauptraum führt, ist der Neubau voll davon.

Bei aller Ästhetik durfte das Architektenteam nicht den Multifunktionsauftrag des Gebäudes vergessen: Das zentrale Empfangsgebäude der Museumsinsel besitzt einen großen Ticket- und Infobereich, großzügige – in der Tat! – Toiletten, ausreichend Garderoben, eine schon gigantisch zu nennende Buchhandlung, einen Sonderausstellungsbereich, ein Auditorium mit 300 Plätzen und ein Restaurant mit herrlicher Terrasse, das auch von außen betreten werden kann und bis 23 Uhr geöffnet ist. Zudem führt die Galerie direkt in das Pergamonmuseum. Die Museumsmanager ließen keinen Zweifel daran, dass die Sammlungen auf der Museumsinsel einen solchen Eingangsbereich brauchen, um die Besucherströme aufzufangen. Dazu behält jedes der Museen sein eigenes Eingangsfoyer mit Kasse, Infotresen, Garderobe usw.

So, und was soll nun der Name James-Simon-Galerie? Er ist ganz bewusst gewählt worden, um die Erinnerung an einen großen, wenn nicht gar an den größten Mäzen der Museumsinsel wachzuhalten. Oder genauer: Erst mal wieder zu wecken. James Simon, jüdischen Glaubens, lebte in Berlin von 1851 bis 1932, war Unternehmer und an Kunst und sozialem Leben gleichermaßen interessiert. Sein Reichtum ließ ihm zum Förderer der Museumsinsel und in gleichem Maße sozialer Projekte werden. Simons Schenkungen an die Berliner Museen sind zahlreich. „Er hat mit 10.000 Objekten Spuren in zehn unserer 16 Sammlungen hinterlassen,“ betont Michael Eissenhauer. Die berühmteste Schenkung ist die Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum.

Noch etwas ist zu erwähnen: Der Bau der James-Simon-Galerie steht in guter Berliner Tradition: Der Bau sollte 2012 fertig sein, wird aber erst am morgigen Freitag von der Bundeskanzlerin eröffnet. Das ist eine Verspätung von sieben Jahren. Kosten sollte er 71 Millionen Euro – die Schlussrechnung beträgt 134 Millionen Euro.

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Tagebuch: sticks & stones

10 10 2014

Wie der Architekt Chipperfield die Berliner mit einer bombastischen Abschiedsausstellung in der Neuen Nationalgalerie beglückt.

Freitag, 10. Oktober 2014

Es gibt einen Ort, an dem ich glücklich bin, sobald ich ihn betrete. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit, egal, in welchem Monat. Es hat auch nichts damit zu tun, in welcher Verfassung ich bin. Wenn ich zu dem Ort komme, bin ich glücklich. Der Ort ist in Berlin. Nein, es ist nicht das Paradies. Es ist die Neue Nationalgalerie.

aaaeeeee

Und die wird Anfang kommenden Jahres geschlossen. Mindestens für drei Jahre, eher wahrscheinlich für fünf. [Wir alle wissen ja, wie lange in Berlin so etwas dauern kann… ] Denn das Meisterwerk von Mies van der Rohe muss saniert werden. Das ist nach über 50 Jahren unbedingt erforderlich. Die Betriebserlaubnis für das Gebäude erlischt.

Dass ich schon immer verrückt war nach dem Museumsbau hat nichts damit zu tun, dass Mies van der Rohe aus derselben Stadt stammt wie ich. Er wurde 1886 in Aachen geboren, er starb 1969 in Chicago. 1928/29 hat er den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona gebaut; von 1930 bis 33 war er Direktor des Bauhauses in Dessau und [ab 1932] in Berlin. Von 1965 bis 1968 baute er dann die Neue Nationalgalerie in Berlin.

gggggAls ich mich 1972 bei der Stiftung Warentest beim Chefredakteur der Zeitschrift „test“ vorstellte, um Leiter der Reiseredaktion zu werden, fragte er mich zum Abschluss: „Und, was werden Sie heute in Berlin noch machen?“ Spontan antwortete ich: „Ich gehe in die Neue Nationalgalerie.“ Ich erntete Unverständnis. Das war dann meine erste Begegnung mit dem Bauwerk. Ich glaube, es gab seitdem keine Ausstellung, die ich versäumt habe.

Das Stahldach der oberen Halle – das Museum hat noch einen weit verzweigten Unterbau – scheint frei zu schweben. Es ruht auf acht Stahlsäulen, die außen stehen. Der Innenraum – riesig: 2.500 Quadratmeter! – hat keine Stütze. Aber jetzt stehen in der Halle 144 deckenhohe Baumstämme. Ein Paradoxon: Bis zur Decke reichende Baumstämme in einer säulenfreien Halle.

Der berühmte Architekt David Chipperfield hat das gemacht. Er wird mit seinem Team das Museum sanieren, mit Fingerspitzengefühl, behutsam, dem Bau in jeder Beziehung gerecht werdend. So wie er Stülers Neues Museum auf der Museumsinsel wundervoll saniert hat. Das wird keine leichte Aufgabe. Die Riesenglasscheiben werden längst nicht mehr produziert, neues Glas muss entwickelt werden. Dass so etwas nicht einfach ist und nicht schnell geht, hat die Sanierung des Archäologischen Museums in Heraklion gezeigt, das mehrere Jahre geschlossen war. Unter anderem gab es Verzögerung bei der Produktion des Spezialglases für die Vitrinen in Belgien.

ddddaaaaaaAn Glas, das öffentlich bewahren und schützen soll, werden heute Anforderungen gestellt, an die vor 50 Jahren noch niemand gedacht hat. Auch die Sanierung des Daches der Neuen Nationalgalerie wird sehr kompliziert werden. Kein Besucher ahnt, dass es einen Spielraum von zwölf Zentimetern benötigt, um Witterungsschwankungen oder Schneefall auszugleichen. Entsprechend flexibel sind Chipperfields Fichtenstämme an Boden und Decke befestigt.

„Sticks and Stones“ nennt Chipperfield – ein Mann mit wunderschönen, klugen Augen, das fiel mir beim Pressetermin auf – seine Ausstellung. Das Wort Ausstellung lässt er allerdings nicht gelten, er nennt die Installation „Intervention“. Der Titel stammt von einem alten, köstlichen Kinderreim: „Sticks and Stones may break my bones – but words will never hurt me“. Sticks = Säulen, Stones = Steine – das Grundmaterial des Bauens. Darüber, so will Chipperfield, sollen die Besucher nachdenken. Und das wird jedermann tun, der die baumgespickte Halle betritt.

bbbb

Da fällt mir noch eine Geschichte ein, die alles andere als ernst und tiefsinnig ist. Ich hatte mal eine Freundin, die ich – sozusagen als running gag – mit Säulen gequält habe. Was ist das für eine Säule? Dorisch, jonisch, korinthisch? Ich habe die Ärmste, die’s nie begriffen hat, abgefragt , immer und überall, bis sie alle Säulentypen durcheinander warf. Die Ärmste. Ich entschuldige mich. Übrigens: In die Nationalgalerie ist sie gerne mit mir gegangen. Denn dort gab es ja keine Säulen…