Notizbuch: Das Gedächtnis des Tourismus

15 10 2016

Samstag, 15. Oktober 2016

Viele gute Geschichten fangen mit dem Satz an: Es war einmal… Es war einmal ein florierendes Institut der Freien Universität [FU] Berlin. Das hieß Institut für Tourismus und machte erfolgreich in einem Aufbaustudium Studierende fit für die Arbeit im Tourismus. Die kamen aus wirklich aller Welt und aus allen nur denkbaren Disziplinen im Erststudium. Aber vor ein paar Jahren wurde das Institut überraschend – der derbe Ausdruck sei gestattet! – plattgemacht. Was geblieben ist, ist das Historische Archiv zum Tourismus.

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Dr. Kristiane Klemm

Ich habe das Historische Archiv zum Tourismus [HAT] mit Dr. Kristiane Klemm und Prof. Dr. Hasso Spode besichtigt. Kristiane kenne ich gut, ich würde sagen: Ich bin mit ihr irgendwie befreundet. Sie war Wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Tourismus, und ich habe dort viele Jahre – schon in der Modellphase, als ich noch bei der Stiftung Warentest war – Seminare durchgeführt. Ewiges Thema: Pressearbeit im Tourismus. Dr. Klemm hat 1986/87 mit Prof. Dr. Walter Eder das HAT gegründet und ist heute Vorsitzende des Fördervereins zur Unterstützung des Archivs.

Die Anfänge der Sammlung waren bescheiden. Aber durch Schenkungen und Ankäufen „wuchs sie zu einem weltweit unvergleichlichen Bestand heran“, wie es auf der HAT-website [www.hist-soz.de/willy-scharnow-archiv] heißt. Unter Leitung von Prof. Dr. Spode wurde der Bestand von 1998 bis 2001 neu strukturiert und erschlossen und „erfüllt seither die Anforderungen eines wissenschaftlichen Archivs und Dokumentationszentrums“.

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Noch ein paar nüchterne Anmerkungen zum „Gedächtnis des Tourismus“ (HAT-Eigenwerbung). Das Archiv ist heute an der Technischen Universität Berlin angesiedelt, und zwar am Center for Metropolitan Studies und am Zentrum Technik und Gesellschaft. Die Adresse: Hardenbergstraße 16-18 [in drei Kellerräumen]. Die wissenschaftliche Leitung hat Prof. Dr. Hasso Spode. Nun kann nicht jeder einfach in das Archiv heineinspazieren, dafür ist es zu eng und dafür stehen zu wenige Mitar-beiter zur Verfügung [und dies nur zu eingeschränkten Zeiten]. Also ist ein Termin zu vereinbaren: hat@hist-soz.de

img_0013Den Grundstock für das bemerkenswerte Archiv bildeten drei Sammlungen. Friedrich Burger, einst [vor Klatt] Hauptgeschäftsführer des Deutschen ReiseVerbandes, besaß eine prächtige Baedeker-Sammlung; die er bis in die 80-er Jahre hinein auch während der ITB Berlin ausstellte. Dazu kam die Sammlung Schwarzenstein. Franz F. Schwarzenstein war Leiter der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr [heute DZT]. Drittes Standbein war die Sammlung von Walter Kahn [Kahn-Reisen, First-Reisebüro].

img_0009Die Liste der Spender von Geld und Sachspenden liest sich wie der Gotha des Tourismus. Baedeker und Berliner Flugring ist da zu lesen, DER und DRV, asr, ITB, Studienkreis für Tourismus und viele, viele mehr. Auch Sachspenden zahlreicher Privatpersonen sind da verzeichnet, darunter – über den Daumen gepeilt – 130 Reiseführer aus dem Redaktionsbüro Schwartz.

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600 Regalmeter belegt das HAT, das 70.000 Druckwerke umfasst. Beim Rundgang kam ich aus dem Staunen nicht heraus. 2000 Zeitschriftenbände, Grieben-Reiseführer, Blaue Reihe, Deutsche Verkehrsblätter, Gartenlaube, Merian-Hefte, Reise- und Länderberichte, etwa 50.000 Ortsprospekte, „Kolonialliteratur“, die kompletten Reise-Analyse, private Fotoalben, Plakate – was für ein Schatz. Noch ist der gesamte Schatz nicht gehoben. 20 Umzugskartons warten darauf, dass ihr Inhalt durchgesehen und archiviert wird.

unten: Es bleibt noch viel zu tun…

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Rückblick 1: Walter Krombach, Geschäftsführer der Willy-Scharnow-Stiftung, stellt zu dem Post „Das Gedächtnis der Branche“ fest: Lieber Horst Schwartz, wunderbar. Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass das vermutlich weltweit einzige „Historische Archiv zum Tourismus“ die ergänzende Bezeichnung „Willy Scharnow-Archiv“ trägt, weil es seit Jahren mangels Interesse aus der Branche und ihrem Umfeld finanziell AUSSCHLIESSLICH von der Willy Scharnow-Stiftung am Leben. erhalten wird. Prof. Karl Born [„Borns Bissige Bemerkun- gen“] dazu: Weil es eigentlich eine Schande ist, dass sich die Branche nicht für ihre Wurzeln interessiert. Das Geld wäre ein Klacks für die.

Rückblick 2: Den blog-Beitrag über die AIDA-„Testreise“ von meinem Enkel und mir haben 539 Leser angeklickt.

Ausblick: Wahrscheinlich am Montag, spätestens am Dienstag poste ich den nächsten Beitrag – über die Tourismus-Studierenden der Hochschule für Wirtschaft und Recht [HWR] Berlin, die ihren ITB-Auftritt vorbereiten und am Montag eine Zwischenbilanz präsentieren

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Tagebuch: Nerger & Kieker

28 08 2013

Mittwoch, 28. August 2013

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Sein Ruf war schon legendär, bevor er nach Berlin kam: Hanns Peter Nerger, Deutschland-Touristiker aus Leidenschaft, hatte schon als Vertreter der Deutschen Zentrale für Tourismus [DZT] in Skandinavien gewirkt, ehe er nach Lübeck ging und den Tourismus von Lübeck und Travemünde gehörig aufmischte.

Als er vor 2O Jahren nach Berlin berufen wurde, fuhren Sabine Neumann und ich nach Lübeck, um nicht nur ihn zu interviewen, sondern auch Hoteliers und Restaurantchefs. Die Grundstimmung war – Traurigkeit. Sie wussten, dass sie diesen Mann ziehen lassen mussten, aber gerne gab ihn wohl niemand an die Hauptstadt ab. Dort, in Berlin, wurde Nerger erster Geschäftsführer der neu gegründeten Berlin Tourismus Marketing GmbH [BTM].

DSCN0777Mit fünf Mitarbeitern – von denen einer kurze Zeit später tragisch am Schreibtisch starb – begann Nerger seine Arbeit. Heute hat visitBerlin, wie die BTM jetzt heißt, 180 Mitarbeiter. In Worten: einhundertachtzig. Mit drei Millionen Gästen im Jahr 1993 und schätzungsweise über elf Millionen Gästen bis Ende 2013 haben sich die Besucherzahlen seitdem fast vervierfacht. Die Übernachtungen stiegen von sieben Millionen im Jahr 1993 auf geschätzt 26 Millionen bis Ende des Jahres. 1993 gab es in Berlin 40 000 Hotelbetten, jetzt sind es 90 000. Berlin hat sich unter den Top 3 der beliebtesten Städtereiseziele in Europa etabliert.

Von Nerger soll der Satz stammen, als ihm Berliner Hoteliers dumm kamen: „Meine Herren, ich muss nicht arbeiten.“ Mit Sicherheit musste er das nicht aus wirtschaftlicher Not: Nergers Vater war Bruno H. Schubert, Ehrenbürger von Frankfurt am Main und Unternehmer, dem das Weltunternehmen Henniger-Brauerei gehörte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd als Nerger von Journalisten auf den Dreck in Berlin angesprochen wurde, konterte er: „Ich bin nicht bei der Müllabfuhr.“ War das arrogant? Arroganz wurde Nerger oft nachgesagt, wohl zu unrecht. Aber er war im wahrsten Sinne des Wortes ein feiner Kerl.

Der Tagesspiegel schrieb zu seiner Verabschiedung im November 2008: Schon mit seiner stattlichen Statur war Nerger eine Autorität, ohne autoritär zu sein – der Mann mit dem Einstecktuch im dunklen Zweireiher ist nicht das ruppige Berlin, sondern eher das, was die Leute hierherzieht: die Metropole der Theater und Museen, der Kultur und Bildung und der Kreativität.

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Stabwechsel: Nerger [rechts], Kieker

Nerger übernahm die Geschäftsführung in der Stiftung seines Vaters, der gemeinnützigen Bruno H. Schubert-Stiftung. Deren Zweck ist es, „der Förderung der Wissenschaften und deren praktischer Umsetzung in Erkenntnis und Abwehr von Bedrohungen für Natur, Tier und Umwelt zu dienen.“ Alle zwei Jahre vergibt sie den Bruno H. Schubert-Preis, mit dem „wissenschaftliche Leistungen und deren praktische Umsetzung auf dem Gebiet des Natur- und Umweltschutzes ausgezeichnet“ werden.

Leider ist Hanns Peter Nerger durch einen Streit nach dem Tod seines Vaters mit dessen Witwe in unrühmliche Schlagzeilen geraten. Doch das gehört hier nicht zum Thema.

Kurz bevor Burkhard Kieker sein Nachfolger wurde, hatte ich das Vergnügen, Kieker auf einer China-Reise zu begleiten. Der frühere Journalist war da noch Marketingchef der Berliner Flughafengesellschaft. Wir haben viel miteinander geredet, und Kieker hat viel über die Stationen seines durchaus bewegten Lebens erzählt. Seitdem ist er mir – ich habe das hier schon mehrfach „zugegeben“ – ans Herz gewachsen.

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Kieker und seine Mann- und Frauschaft sind auf Erfolgskurs. In jeder einzelnen Minute kommen 20 Gäste in die Stadt. Für dieses Jahr ist ein neuer Besucherrekord zu erwarten. Das lassen die aktuellen Zahlen der Halbjahresbilanz erwarten. „visitBerlin gilt weltweit als eine der erfolgreichsten Marketingorganisationen, die für eine Stadt wirbt“, sagt Michael Zehden, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft, „für unser erfolgreiches Unternehmensmodell einer Public Private Partnership interessieren sich zunehmend auch die Kollegen anderer Städte.“

TA Hainan Airlines 026Kein Wunder: visitBerlin ist es gelungen, sämtliche Partner aus dem Bereich Hotellerie, Messe, Flughafen und Politik sowie alle relevanten Kultur-, Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen zu vereinen, um gemeinsam für Berlin zu agieren. Die Mitarbeiter sind auf allen Kontinenten in 39 Ländern aktiv, um für Berlin als Tourismus- und Kongressmetropole zu werben. Auf über 300 Events weltweit präsentierte visitBerlin 2012 die deutsche Hauptstadt. Über 1.200 internationale Journalisten werden jährlich auf ihren Recherchereisen in Berlin betreut. Das Portal visitBerlin.de informiert Besucher in mittlerweile 13 Sprachen. In der Stadt betreibt visitBerlin fünf Tourist Infos, in denen 2012 über eine Million Gäste gezählt wurden.

Zum Jubiläum noch ein Blick zurück: Die Verhüllung des Reichstags durch das Künstlerehepaar Christo war das erste touristische Großereignis, das von der BTM begleitet und aktiv beworben wurde. Rund fünf Millionen Gäste zog der verhüllte Reichstag 1995 in die Hauptstadt. 1,2 Millionen Besucher sahen 2004 die Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ und nahmen dafür Wartezeiten von bis zu neun Stunden in Kauf. 2006 gingen die Bilder der Fanmeile zur FIFA Fußballweltmeisterschaft um die Welt und zeigten Berlin als gastfreundliche und weltoffene Metropole. Zwei Millionen Besucher kamen 2009 nach Berlin, um den 20. Jahrestag des Mauerfalls zu feiern.