Notizbuch: der Wiederentdeckte

30 01 2018

Dienstag, 30. Januar 2018

Gut, sagte ich mir, Du schaust Dir die kleine Ausstellung von Armin Stern an, und das ist es dann. Aber als ich im Kunsthaus Dahlem die Treppe zur Galerie hochging und sich die ersten Gemälde ins Blickfeld schoben, war ich wie elektrisiert. Das war im wörtlichen Sinne eine Stern-Stunde. Unglaublich, dass dieser Künstler 70 Jahre lang in Vergessenheit geraten war und erst jetzt wiederentdeckt wurde.

Armin Stern wurde 1883 als Kind jüdischer Eltern im damaligen Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Er studierte Malerei in Frankfurt, München – dort bei Franz von Stuck! – und Paris. Er machte sich international einen Namen als Porträt- und Landschaftsmaler. 30 seiner Werke sind in der Ausstellung mit dem Titel „Armin Stern – Zionist, Grenzgänger, Kosmopolit“ zu sehen, Ölgemälde, Radierungen, Aquarelle, Monotypien, Zeichnungen. Die Werke stammen aus Privatsammlungen bzw. aus dem Nachlass des Künstlers, der sich in Besitz der Familie befindet.

Beeindruckt hat mich die Bandbreite der Techniken und der Motive: Thomas Mann in einer Bleistiftzeichnung, die Jerusalemer Klagemauer, der Luna Park auf Coney Island, die Judengasse in Preßburg. Ganz gefangen genommen hat mich das Bildnis eines Talmud-Schülers. Grenzgänger war Armin Stern nicht nur in der Wahl seiner Wohnorte, sondern auch in der Stilwahl zwischen (französischem) Impressionismus und (deutschem) Expressionismus. Allein dieser Aspekt der Ausstellung lohnt den Weg nach Dahlem.

Zu den Exponaten gehört auch der Brief, der Armin Stern erschüttert haben muss: Da wird ihm 1933 vom Frankfurter Kunstverein die Teilnahme an einer Ausstellung zur deutschen Gegenwartskunst verweigert. Dies nicht, weil die Werke nicht den Ansprüchen der Auswahlkommission genügten, sondern – weil er Jude war. Stern ging mit seiner Familie nach Bratislava, um den Nazis zu entkommen, und 1938 nach New York. Er starb im Exil 1944.

Dass seine Werke – genauer: das, was von seinem Œvre nicht verloren gegangen ist – der Vergessenheit entrissen und zum ersten Mal in Berlin gezeigt werden, ist auch der Unterstützung der Axel Springer Stiftung und der Kooperation mit dem Slowakischen Institut Berlin zu verdanken. Das Echo ist positiv: Kamen zur Eröffnung vor einer Woche 200 Besucher, waren es am ersten Öffnungssonntag über 100. Gedanken drängen sich auf: Während in der großen Halle des Kunsthauses Dahlem in der Ausstellung „Neue/Alte Heimat“ Werke von nach Deutschland zurückgekehrten Exil-Künstlerinnen und –Künstlern gezeigt werden, präsentiert die Galerie-Ausstellung das Werk eines Künstlers, der die Befreiung vom Naziregime, das ihn vertrieben hatte, und die Rückkehr in seine Heimat nicht erleben durfte.

Der Text ist in derselben Fassung, aber mit anderen Bildern, im Blog des Kunsthauses Dahlem erschienen: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de/

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Tagebuch: bei Lenbachs

31 12 2014

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Heute ist mein letzter Tag des Weihnachtsurlaubs in München. Morgen geht es wieder zurück nach Berlin. Meine Reisen nach München sind immer auch Museumstrips. Gerade die Gelegenheit, bestimmte Museen immer wieder zu besuchen, machen den Reiz aus. Diesmal standen auf dem Programm: die Neue Pinakothek, das Ägyptische Museum und das Lenbachhaus.

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DSCN4309 kBei allen drei Museumsbesuchen war meine kleine Münchner Freundin mit von der Partie, während deren Mama, sozusagen meine große Münchner Freundin, zuhause blieb. Denn die Tochter hatte sich ausbedungen, die Museumsbesuche allein „mit meinem Horst“, wie sie immer sagt, zu unternehmen. Ich habe noch nie ein siebenjähriges Kind gesehen, dass sich so sehr für Museen interessiert. Das war sogar schon vor zwei, drei Jahren so…

DSCN4284 kDas Lenbachhaus also. Faszinierend ist das Zusammenspiel von Alt- und Neubau. Der Maler Franz von Lenbach hatte sich hier im späten 19. Jahrhundert eine prächtige Künstlerresidenz bauen lassen. Einige der historischen Räume dienen heute als Museumsräume, eben prächtiger Rahmen für die Sammlung des 19.Jahrhunderts und der „Münchener Schule“ mit so unterschiedlichen Künstlern wie Courbet, Corinth, Spitzweg, Franz von Stuck…

1929 wurde das Lenbachhaus als Städtische Galerie eröffnet, danach zweimal umgebaut und erweitert und dann nach der Jahrtausendwende für vier Jahre geschlossen: Das renommierte Architekturbüro Foster & Partner [Berliner Reichstagskuppel!] baute das Museum um und vor allem aus. Im Mai vorigen Jahres wurde das neue Lenbachhaus eröffnet. Das Angebot an Werken völlig verschiedener Kunstrichtungen von der Malerei des 19. Jahrhunderts bis zur Kunst nach 1945 ist – um das abgegriffene Wort doch mal zu gebrauchen: – überwältigend. Was die Kunst der Gegenwart betrifft, haben so einige Künstler ihre Werke auf die neuen Räume abgestimmt, oder anders ausgedrückt: exakt für diese Räume gemalt – ein wichtiges, viel zu wenig beachtetes Alleinstellungsmerkmal des Museums.

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Viel mehr beachtet – und das ist logisch – ist eine andere Spezialität des Hauses: Es besitzt die größte Sammlung der Welt an Werken der Blauen Reiter. Allein die Malerin Gabriele Münter hat dem Lenbachmuseum über tausend [!] Werke dieser Künstlergruppe geschenkt, eigene Werke und welche von Marc und Macke, Jawlenski, Klee, Kubin, Kandinsky [ihrem Lebensgefährten] und wie sie alle heißen.

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Die [Wieder-]Begegnung mit Gabriele Münter war für mich ein Erlebnis. Das ging mir unter die Haut. Bis mir meine kleine Freundin erklärte, sie wolle jetzt den Rundgang nun fortsetzen. Also: Jugendstil, Neue Sachlichkeit [Kommentar zu Christian Schads „Operation“: „iiiiih, wie eklig“], Joseph Beuys [u.a. mit seiner einst heftig diskutiertem Environment „zeige deine Wunde], Richter, Kiefer, Eliasson…

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Frage an die kleine Madame, als wir nach dem Museumsbesuch wieder durch den Schnee stapfen: „Na, was hat Dir denn am besten gefallen?“ Die überzeugende Antwort: „ALLES!“

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