Notizbuch: vom Küssen

25 07 2017

„Küssen kann man nicht alleine“ singt Max Raabe. Und der Bursche hat Recht: In der wundervollen Ausstellung „Kuss“ im Berliner Bröhan-Museum sind keine Single-Küsse zu sehen. Dafür jede nur denkbare Variante: Küsschen-Küsschen-Küsse, Wangenküsse, Zungenküsse, platonische Küsse, erotische Küsse, politische Bruderküsse und – Todesküsse.

Ein Wort zum Bröhan-Museum, das viele Berliner gar nicht kennen. Dabei nimmt es international eine bedeutende Stellung ein. Es ist das „Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus“ – den Perioden von 1889 bis 1939. Es ist in einer bemerkenswert gefälligen früheren Infanteriekaserne aus dem Jahr 1839 untergebracht. Das spätklassizistische Gebäude lliegt gegenüber dem Schloss Charlottenburg in der Schloßstraße. Die reichen Bestände bestehen aus Kunsthandwerk-Objekten und Bildender Kunst. Der Sammler Karl H. Bröhan (1921 bis 2000) hat es gegründet und schenkte seine Sammlung zu seinem 60. Geburtstag der Stadt Berlin.

Zurück zur Küsserei. Die Ausstellung hat den Untertitel „Von Rodin bis Bob Dylan“. Die Liste der Künstler, die sich mit dem Kuss beschäftigt haben, ist lang und reicht von A bis Z, von Marina Abramović bis Akram Zaatar. Illustre Namen und entsprechende Werke sind darunter, Auguste Rodin, Franz von Stuck, Edvard Munch, Peter Behrens, Bob Dylan… Gemälde sind zu bewundern, Grafiken, Skulpturen – darunter ein Modell zu Rodins berühmten küssenden Paar -,  Fotos und Filme, Videokunst, Werbung. Und immer wird geküsst.

In zahlreichen Werken werfen die Küssenden Fragen auf, Fragen zur Identität, zur Sexualität, zum Feminismus, zur Homosexualität. Durchaus aufregende und auch anregende Kunstwerke sind ausgestellt. Entsprechend beschwingt verließ ich die Ausstellung. Aber zum Küssen – zum Küssen war niemand da…





Tagebuch: bei Lenbachs

31 12 2014

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Heute ist mein letzter Tag des Weihnachtsurlaubs in München. Morgen geht es wieder zurück nach Berlin. Meine Reisen nach München sind immer auch Museumstrips. Gerade die Gelegenheit, bestimmte Museen immer wieder zu besuchen, machen den Reiz aus. Diesmal standen auf dem Programm: die Neue Pinakothek, das Ägyptische Museum und das Lenbachhaus.

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DSCN4309 kBei allen drei Museumsbesuchen war meine kleine Münchner Freundin mit von der Partie, während deren Mama, sozusagen meine große Münchner Freundin, zuhause blieb. Denn die Tochter hatte sich ausbedungen, die Museumsbesuche allein „mit meinem Horst“, wie sie immer sagt, zu unternehmen. Ich habe noch nie ein siebenjähriges Kind gesehen, dass sich so sehr für Museen interessiert. Das war sogar schon vor zwei, drei Jahren so…

DSCN4284 kDas Lenbachhaus also. Faszinierend ist das Zusammenspiel von Alt- und Neubau. Der Maler Franz von Lenbach hatte sich hier im späten 19. Jahrhundert eine prächtige Künstlerresidenz bauen lassen. Einige der historischen Räume dienen heute als Museumsräume, eben prächtiger Rahmen für die Sammlung des 19.Jahrhunderts und der „Münchener Schule“ mit so unterschiedlichen Künstlern wie Courbet, Corinth, Spitzweg, Franz von Stuck…

1929 wurde das Lenbachhaus als Städtische Galerie eröffnet, danach zweimal umgebaut und erweitert und dann nach der Jahrtausendwende für vier Jahre geschlossen: Das renommierte Architekturbüro Foster & Partner [Berliner Reichstagskuppel!] baute das Museum um und vor allem aus. Im Mai vorigen Jahres wurde das neue Lenbachhaus eröffnet. Das Angebot an Werken völlig verschiedener Kunstrichtungen von der Malerei des 19. Jahrhunderts bis zur Kunst nach 1945 ist – um das abgegriffene Wort doch mal zu gebrauchen: – überwältigend. Was die Kunst der Gegenwart betrifft, haben so einige Künstler ihre Werke auf die neuen Räume abgestimmt, oder anders ausgedrückt: exakt für diese Räume gemalt – ein wichtiges, viel zu wenig beachtetes Alleinstellungsmerkmal des Museums.

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Viel mehr beachtet – und das ist logisch – ist eine andere Spezialität des Hauses: Es besitzt die größte Sammlung der Welt an Werken der Blauen Reiter. Allein die Malerin Gabriele Münter hat dem Lenbachmuseum über tausend [!] Werke dieser Künstlergruppe geschenkt, eigene Werke und welche von Marc und Macke, Jawlenski, Klee, Kubin, Kandinsky [ihrem Lebensgefährten] und wie sie alle heißen.

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Die [Wieder-]Begegnung mit Gabriele Münter war für mich ein Erlebnis. Das ging mir unter die Haut. Bis mir meine kleine Freundin erklärte, sie wolle jetzt den Rundgang nun fortsetzen. Also: Jugendstil, Neue Sachlichkeit [Kommentar zu Christian Schads „Operation“: „iiiiih, wie eklig“], Joseph Beuys [u.a. mit seiner einst heftig diskutiertem Environment „zeige deine Wunde], Richter, Kiefer, Eliasson…

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Frage an die kleine Madame, als wir nach dem Museumsbesuch wieder durch den Schnee stapfen: „Na, was hat Dir denn am besten gefallen?“ Die überzeugende Antwort: „ALLES!“

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