Notizbuch: „Ich erlaube mir alles“

8 07 2017

Samstag, 8. Juli 2017

Wohl kein anderer Künstler hat in der Nazizeit gleichzeitig Gunst und Verachtung der Nazis zu spüren bekommen wie Rudolf Belling: Während seiner Plastik des Boxers Max Schmeling 1937 die Ehre widerfuhr, in der Ersten Großen Deutschen Kunstausstellung bewundert zu werden, landete seine – heute berühmte – Plastik „Dreiklang“ in der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung über „Entartete Kunst“.

Max Schmeling – in der Ersten Großen Deutschen Kunstausstellung. Dreiklang – in der Ausstellung „Entartete Kunst

Rudolf Belling war kein Nazi. Aber er gab ihnen mit seinen verschiedenen Stilrichtungen Rätsel auf. Er schuf die ersten abstrakten Plastiken, wurde gegenständlicher – bis einige seiner Werke denen Arno Brekers ähnelten. Später kehrte er zur Abstraktion zurück.

Das alles vermittelt die meisterhaft kuratierte Ausstellung zu seinen Werken im Hamburger Bahnhof. Dort gehört sie eigentlich nicht hin, denn der Hamburger Bahnhof widmet sich Zeitgenössischer Kunst. Der Westflügel dieses Museums, Neue Galerie genannt, ist praktisch eine Außenstelle der Neuen Nationalgalerie, so lange diese renoviert wird [was beim in Berlin üblichen Bautempo weitaus länger als die veranschlagten fünf Jahre dauern wird…]

„Ob gegenständlich oder gegenstandslos, ich erlaube mir alles“, hat Belling einmal gesagt. Er war nicht „nur“ ein Künstler, der gegenständliche [z.B. Porträts] und weniger gegenständliche Plastiken schuf. Er schuf Bühnenbilder und stattete Aufführung Max Reinhards aus, schuf Schaufensterpuppen, entwarf eine Kühlerfigur für einen Horch und entwarf sogar eine avantgardistische Tankstelle.

Schaufensterpuppen – Tankstelle

Bis zum 17. September ist diese wundervolle Ausstellung noch zu sehen. Vor hundert Jahren gab es schon einmal eine Belling-Ausstellung in Berlin, natürlich nur der frühen Werke. Sie wurde im Kronprinzenpalais gezeigt, das von 1919 bis 1939 als Neue Abteilung der Nationalgalerie Berlin diente, und damit als erstes Museum der Welt für zeitgenössische Kunst.

Advertisements




Tagebuch: Charme & Charisma

13 08 2013

Dienstag, 13. August 2013

Er war Maler und Bildhauer, Fotograf und Performancekünstler, Schauspieler und Schriftsteller, Tänzer und Trinker. Und vieles mehr. Er hatte Charme und Charisma. Und nun hat er eine riesige Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Martin Kippenberger, geboren 1953 und gestorben 1997, wäre im März 60 Jahre geworden. Die Ausstellung, die noch bis zum 18. August zu sehen ist – also rasch hin!!! – dokumentiert eindringlich, dass der Mann einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit war.

444

333

555

Zuerst zum Hamburger Bahnhof. Das schlichte, wohlproportionierte Gebäude, 1840-er Jahre, Spätklassizismus, Berlins einziger erhaltene Kopfbahnhof und eines der ältesten Bahnhofsgebäude Deutschlands, wurde schon 1884 stillgelegt. 1906 wurde in ihm das Königliche Bau- und Verkehrsmuseum eröffnet.

222Als 1984 die [West-]Berliner Verkehrsbetriebe die in Westberlin liegenden S-Bahn-Strecken übernehmen, die bis dahin unter DDR-Regie fuhren, gelangte auch der Museumsbahnhof  in Westberliner Besitz. Ich kann mich noch genau an mein Staunen erinnern, als der bis dahin verschlossene Museumsbau fürs Publikum geöffnet wurde.

111Man muss kein „Pufferküsser“ sein – wie Eisenbahnfreunde genannt werden –, um von den Loks und den Salonwagen fasziniert zu sein. Die kostbaren Exponate gelangten dann ins Verkehrsmuseum Dresden und ins Deutsche Technikmuseum Berlin.

Für das heutige Museum der Gegenwart wurde der Hamburger Bahnhof von 1990 bis 1996 nach Plänen des berühmten Architekten Josef Paul Kleihues um- und ausgebaut.

Für Liebhaber von Kunst der Gegenwart sind das Namen wie Musik: Beuys, Kiefer, Lichtenstein, Warhol, Twombly gehören zum Museumsbestand. Und immer wieder zeigt das Museum überwältigende Ausstellungen. Jetzt also Kippenberger.