Notizbuch: 50 Jahre touristik aktuell

12 08 2019

Auf welch merkwürdigem Weg ich Reisejournalist bei „test“ wurde

Montag, 12. August 2019

Wenn ich gefragt werde, wem denn die größte Leidenschaft meines Lebens gegolten habe – und damit nicht Frauen gemeint sind oder meine Kinder, sondern so etwas wie zwischen Hobby und Lebensziel -, dann heißt die Antwort seit mehreren Jahrzehnten: touristik aktuell. Ich liebe diese Fachzeitschrift und bin stolz darauf, zu denen zu gehören, die dafür schreiben. Jetzt ist das Blatt 50 geworden. Eine Sonderausgabe enthält einen Riesenschatz an Erinnerungen und Informationen.

Zwei Beiträge von mir sind dabei: einer über das Historische Archiv für Tourismus [„Das Gedächtnis des Tourismus“] und einer mit meinen Erinnerungen an den ungewöhnlichen Start als Reisejournalist, an die Arbeit bei der Stiftung Warentest und an 38 Jahre Redaktionsbüro Schwartz. Er trägt den Titel „Tourismus büffeln“. Hier ist der Text:

Als ich mich in Berlin vorstellte, um dort bei „test“ als Reisejournalist und nicht mehr bei den Aachener Nachrichten als Lokalredakteur zu arbeiten, war das der erste Flug meines Lebens. Das war 1972. Auch sonst war der Start in den Reisejournalismus ungewöhnlich. Sie suchten „einen erfahrenen Reisejournalisten“, schrieb die Stiftung Warentest in ihrer Anzeige. Ich sei ganz und gar kein erfahrener Reisejournalist, aber ein guter Journalist, räumte ich in meiner Bewerbung ein – und legte als „Beweis“ meine ganzseitige Reportage über die Geburt meines ersten Sohnes bei.

Ich bekam die Stelle. Und hatte drei Monate Zeit all das zu lernen, was ich über Tourismus nicht wußte. Welche Inseln gehören zu den Balearen? Was sind die Kanaren? Kann man in Kenia Strandurlaub machen? Ich büffelte Abend für Abend über den Prospekten, die ich mir von allen in (West-)Deutschland vertretenen Fremdenverkehrsämtern schicken ließ. Neun Jahre war ich bei der Stiftung Warentest. Wir inspizierten 3000 Hotels pro Jahr, um den Ist-Zustand mit den Katalogbeschreibungen zu vergleichen. Zu der Zeit gab es – heute undenkbar – eine regelrechte Katalogsprache. Da wurde eine sechsspurige Schnellstraße zum „Boulevard“. Und ein Hotel, in dem wegen der Diskothek die halbe Nacht Remmidemmi herrschte, wurde als „Haus für Unternehmenslustige“ bezeichnet. Eine „Zeit“-Reiseredakteurin hat damals über diese Täusch-Sprache eine Doktorarbeit geschrieben.

Dass ihr plötzlich derart auf die Finger geschaut wurde, gefiel der Branche natürlich nicht. Auf meiner ersten ITB – im nächsten Jahr ist es die 48. – wetterte der damalige Hauptgeschäftsführer des DRV von der Bühne gegen „Test“ und namentlich gegen mich. Und am letzten ITB-Tag verwüsteten Vertreter Berliner Reiseveranstalter den ITB-Stand der Stiftung Warentest.

Wie die Zeit vergeht. Und wie sie an einem nagt. So sah ich aus, als ich 1983 bei touristik aktuell anfing…

Als ich nach neun „Test“-Jahren mein Redaktionsbüro gründete, hatte die Branche längst ihren Frieden mit mir gemacht. Seit fast 30 Jahren ist das Redaktionsbüro eine GbR mit Sabine Neumann als Mitinhaberin. Es war der damalige Chefredakteur Werner Claasen, der mich 1982 als Berliner Korrespondenten für touristik aktuell verpflichtete. Viele Auftraggeber kamen und gingen seitdem, ta blieb immer meine große Leidenschaft. Dabei war es in den 80-er Jahren gar nicht so leicht zu recherchieren. Nicht wegen des noch fehlenden Internets, sondern weil es in West-Berlin viele Closed Shops gab. Ein Beispiel: „Wir wollen unter uns bleiben“, wurde mir beschieden, als ich mich zur Jahrespressekonferenz der Flughafengesellschaft anmelden wollte.

Ich habe mal versucht aufzulisten, welche Reiseveranstalter in den letzten Jahren verschwunden sind – weil sie Pleite gingen oder weil ihr Markenwert als zu gering eingeschätzt wurde. Die meisten Namen habe ich vergessen, nur nicht die Berliner: Berliner Flugring, Flugunion Berlin, Ischia Reisen, Unger Flugreisen… Scharnow ist mir natürlich auch in Erinnerung geblieben, Touropa, Twen Tours – und Tjaereborg. Als die Firma des dänischen Pfarrers Eilif Krogager aus dem Ort Tjaereborg Ende der 70-er Jahre auf den deutschen Markt drängte, hatte so mancher Veranstalter Angst vor dieser Konkurrenz. Mit ungewöhnlichen Marketing- und Vertriebsmethoden – Sonderangebote hingen vor der Düsseldorfer Zentrale auf Wäscheleinen – jagte ihnen der Newcomer viele Kunden ab. Bis er selbst an Bedeutung verlor, eine Marke der Rewe Touristik wurde und vor ein paar Jahren von der Bildfläche verschwand.

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