Notizbuch: Die Vertreibung der Griechen

20 05 2019

Mirko Heinemanns hinreißende Spurensuche am Schwarzen Meer

Nicht nur beeindruckt bin ich von diesem Buch, sondern geradezu überwältigt. Ich habe es auf meiner letzten Reise im Zug zur Hälfte gelesen – und mit Erstaunen bemerkt, dass ich ja gar keinen Kriminalroman in der Hand hatte. Im Ernst: so spannend, so gut recherchiert und so gut erzählt. Der Titel: „Die letzten Byzantiner“. Der Untertitel: „Die Vertreibung der Griechen vom Schwarzen Meer. Eine Spurensuche.“ Der Verlag: Ch. Links Verlag. Der Autor: Mirko Heinemann.

Wer Sabine Neumann und mich vom Redaktionsbüro Schwartz besser kennt, kennt wahrscheinlich auch Mirko Heinemann. Seit vielen Jahren haben wir zur größten Tourismusmesse der Welt, der ITB Berlin, in der Pressehalle ein Redaktionsbüro.  Und seit mehreren Jahren arbeitet dort auch Mirko, genießt sozusagen Gastrecht und erfreut uns durch seine Anwesenheit. Der Arbeitsdruck lässt wenig Zeit für Unterhaltungen. Und so sagen wir uns jedes Jahr: Wir müssten uns mal zwischen den ITBs treffen, um uns gründlich auszuquatschen. Und dann ist schon wieder die nächste ITB da.

Dieses Jahr erzählte Mirko – eher beiläufig – von einem Buch, das er geschrieben habe. Griechenland, Türkei, Großmutter, Spurensuche – sehr viel Konkretes ist mir nicht Erinnerung geblieben.  Als er jetzt zur Buchpremiere [Foto unten] einlud, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Was für ein Thema! Was für ein Buch. Es hat, so heißt es im Verlagstext auf dem Schutzumschlag,  eine hierzulande fast vergessene Geschichte zum Inhalt.

Es ist ein Abend im ersten Weltkrieg, der 9. August 1917. Ordu, eine Kleinstadt an der Schwarzmeerküste, die zum Osmanischen Reich gehört, wird von Kriegsschiffen des verfeindeten Russlands in Brand geschossen. Verlagstext:

Da die christlichen Minderheiten des Reichs verdächtigt werden, den Kriegsgegner insgeheim zu unterstützen, fürchten die ortsansässigen Griechen die Rache ihrer türkischen Nachbarn, Panisch versuchen sie, an Bord der Schiffe zu gelangen. Eine, die es schafft, ist die 15-jährige Alexandra.

Alexandra ist Mirkos Großmutter. 100 Jahre später geht der Enkel auf Spurensuche durch den Norden der Türkei – auf die Suche nach seiner Großmutter, seiner Familie und der sogenannten Pontos-Griechen. Der Plan, in die Türkei zu fahren, sei über mehrere Jahre gereift, sagt er. Er sei „ursprünglich aus der reinen Motivation heraus entstanden, das Land und die Heimatstadt meiner Großmutter mit eigenen Augen zu sehen.“ Aber mit zunehmendem Wissen über den Hintergrund, über die Vertreibungen, die Massaker, hat Mirko   „auch die Geschichte dahinter gesehen und die Chance, dass sich eine größere Öffentlichkeit dafür interessieren könnte.“

Mirko Heinemann vor der Brücke in Ordu, Alexandras Heimatstadt

Als Mirko im Sommer 2016 die zehntägige Reise entlang der Schwarzmeerküste unternahm, hatte er eine Zusage von Deutschlandfunk Kultur über ein Radiofeature, das 2017 gesendet wurde. „Dass daraus ein Buch werden würde, war mir damals noch nicht klar,“ sagte er. Aber kurz nach seiner Reise in die Türkei traf er zufällig den Verleger Christoph Links bei einem Grillabend und erzählte ihm von seiner Reise. Und der sah das Potenzial: „Hast du schon mal überlegt, ein Buch daraus zu machen?“ Bei der Realisierung dieses Plans „hat geholfen, dass die FAZ im Sommer 2017 einen großen Artikel von mir über das Thema abgedruckt hat – es interessierte also offenbar mehr Menschen als nur eine kleine Minderheit.“ Heute kommt ihm die zufällige Verkettung vieler Ereignisse schicksalhaft vor, „als sei es die Geschichte selbst gewesen, die aufgeschrieben und veröffentlicht werden wollte“.

Die Türkeireise ans Schwarze Meer bildet im Buch den eigentlichen Rahmen. Aber natürlich schimmern durch die Erzählung immer wieder Erlebnisse und Erfahrungen zahlreicher Reisen nach Griechenland und in Türkei durch, die Mirko im Lauf seines Lebens unternommen hat: „Seit meiner Kindheit fuhren wir beinahe jeden Sommer in den Schulferien nach Kavala in Nordgriechenland, ich kenne Makedonien, Thessaloniki und viele griechischen Inseln sehr gut.“ Auch war er mehrere Male in Istanbul und im Süden der Türkei.

Ehemalige griechische Kirche in Ordu

Bei der Lektüre des Buches habe ich immer wieder gestaunt, wie viele glückliche Zufälle Mirko Heinemann bei seinen Recherchen geholfen haben. Hartnäckig und zielstrebig hat der Journalist auch am PC und in Bibliotheken recherchiert: „Ich habe bereits vor der Reise viel über das Thema gelesen. Knapp 40 für die Recherche relevante Bücher besitze ich selbst, viele davon habe ich gebraucht gekauft. Als es in die heiße Phase ging, war ich in Bibliotheken, habe aber auch viel im Internet recherchiert, Zeitzeugenportale und Dokumentationen durchforstet. Ich habe Interviews geführt, persönlich, telefonisch und per Mail.“

Das Schreiben, jeweils an zwei Tagen der Woche, hat ein Jahr gedauert. Dann kam das Lektorat. Mirko Heinemann:  „Das hat mich noch einmal zwei Monate harter Arbeit mit vielen Abendschichten gekostet, darunter war noch viel historische Recherche.“ Der Lektor Christof Blome hat „das Buch mit dem Blick eines Historikers gelesen, viele Passagen hinterfragt und mich zur differenzierten Betrachtung angeleitet“, berichtet der Autor, „dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Der Kern der Erzählung ist hart und grausam. Der Autor, so heißt es im Text der Schutzhülle, erzählt, wie Griechen seit der Antike an den kleinasiatischen Küsten lebten, mit Byzanz das Erbe Roma antraten, bis sie in den letzten Jahren des Osmanischen Reichs erst dem aufgeschaukelten Nationalismus und schließlich den Interessen der Großmächte zum Opfer fielen.

Auf die Frage, ob er jetzt noch in die Türkei fahren würde, hat Mirko eine klare Antwort:  „Ja, das würde ich, ich habe Freunde in der Türkei und glaube fest daran, dass sich die offene Gesellschaft in diesem Land durchsetzen wird.“ Die Pressefreiheit in der Türkei sei derzeit massiv eingeschränkt, politische Journalisten seien andauernd in Gefahr. Umso wichtiger sei es für Ausländer, Präsenz zu zeigen – „nicht nur als Touristen am Strand, sondern mitten in der Gesellschaft.“ Freunde solle man nicht alleine lassen. Mirko Heinemann: „Es werden bessere Zeiten kommen.“

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