Notizbuch: Platz & Licht

26 07 2018

Donnerstag, 26. Juli 2018

Für mich ist das Kunsthaus Dahlem ein Glücksfall. Es bietet Platz. Wo sonst können plastische Figuren so großzügig aufgestellt werden, dass man sie umrunden und von allen Seiten betrachten kann – frei im Raum stehend, so weit von jeder Wand entfernt, dass man diese gar nicht mehr wahrnimmt. Und dann das Licht, das den Figuren eine ganz besondere Plastizität verleiht! Es scheint von zwei Seiten herein, und es flutet regelrecht die Ausstellungshalle, wenn draußen die Sonne scheint.

Die Künstler, die in der aktuellen Ausstellung »Was war Europa?« vertreten sind, hätten ihre Beteilung an dieser Schau sicherlich als eine Herausforderung betrachtet. Aber ihre hier versammelten Werke wurden schon einmal in einer Schau gezeigt, die 68 Jahre zurückliegt. Mit dem Titel »Werke Europäischer Plastik« fand diese als erste Nachkriegsausstellung ihrer Art unter vergleichbaren räumlichen Ausstellungsbedingungen im Münchner Haus der Kunst statt.

Damals wurden 70 Werke europäischer Bildhauer präsentiert, darunter Skulpturen von Aristide Maillol und Henry Moore. Die heutige Schau fokussiert Werke von Künstlern der jungen Bundesrepublik. 1950 wurde nicht darüber gesprochen, ob der eine oder andere Künstler ein Rädchen oder gar Rad im NS-Kunstbetrieb war; heute ist diese Frage angesichts der Geschichte des Kunsthauses Dahlem geradezu unumgänglich.

Unabhängig von den Ergebnissen dieser Diskussionen steht ein gewaltiges plastisches Œuvre zur Besichtigung. Ich musste mich regelrecht zwingen, die wohlproportionierten Kunstwerke nicht zu berühren, Mann mit Pferdbeispielsweise von Hans Mettel, Hagener Torso von Wilhelm Lehmbruck [rechts], Alexanders Fischers Reiterbild, Gerhard Marcks‘ Mädchen mit Apfel oder – fast unwiderstehlich – Ewald Matarés Eingekauertes Rind II. [links]  Auffallend ist, dass es sich allesamt um Kunstwerke in süddeutscher figürlicher Bildhauer-Tradition handelt. Der Begleittext zur Ausstellung weist darauf hin, dass zur selben Zeit »in Berlin eine abstrahierende beziehungsweise abstrakte Moderne Anerkennung fand«. Beispiele hierfür liefern die wundervollen Werke des Berliner Bildhauers Bernhard Heiliger, die im Nachbarraum zu sehen sind.

Was für einen Gegensatz zur Ausstellung im Hauptraum bietet die Galerieausstellung mit Skulpturen und Gouachen des polnischen Bildhauers Karol Broniatowski! Der Titel »Im Moment« könnte nicht besser gewählt sein.

Gezeigt werden Werke, die ihren Entstehungsprozess sichtbar machen. Dem Künstler gleichsam über die Schulter zu sehen, wie er seine plastischen Werke schafft und immer wieder verändert, hat für den Betrachter etwas Beglückendes.

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Notizbuch: Fremd? Fremd!

27 02 2018

Dienstag, 27. Februar 2018

Das Thema lag und liegt in der Luft. Fremd? heißt es. Durchaus mit Fragezeichen. Im regulären Kunstunterricht haben sich drei Klassen der Rudolf Steiner Schule Dahlem mit diesem hochemotionalen Thema auseinandergesetzt. Wohl jede Schülerin und jeder Schüler hat dieses Gefühl schon einmal erlebt, fremd zu sein, sich fremd zu fühlen, Fremden zu begegnen. Ihre Plastiken, Ergebnisse dieser künstlerischen Auseinandersetzung, sind in einem Raum des Kunsthauses Dahlem ausgestellt.

Es ist die dritte Schülerausstellung des noch jungen Museums, jede in Kooperation mit der benachbarten  Rudolf Steiner Schule und der Kunstlehrerin Gisela Dumas. „In den Arbeiten der Schülerinnen und Schüler aus der zehnten Klasse erfolgte eine sowohl figürliche als auch abstrakte Auseinandersetzung mit der Thematik,“ erklärt sie. Die elfte Klasse erarbeitete ein abstraktes Relief. Dabei seien zunächst „biomorphe und kristalline Formen entwickelt“ worden, sagt Gisela Dumas. In einem Faltblatt zur Ausstellung heißt es dazu: Dabei handelt es sich um die einander fremdesten Formensprachen der Bildhauerei. In einem weiteren Schritt wurden beide Qualitäten zueinander in Verbindung gesetzt, um eine Integration zu erzielen. Am Ende der künstlerischen Auseinandersetzung sollte die Überwindung des Gegensatzes bzw. die Fremdheit beider Formensprachen stehen. Das klingt kompliziert. Aber das ausgestellte Ergebnis überzeugt.

Schülerinnen und Schülern der zwölften Klasse war die Aufgabe gestellt, Porträtdarstellungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu schaffen. Meisterwerke sind da entstanden.

 Am meisten haben mich zwei Köpfe eines Paares beeindruckt, offensichtlich fremder Herkunft, mit verhärteten Zügen, fremd in dieser Welt.

Offensichtlich hat niemand von den so begabten Schülerinnen und Schülern vor, sich zum Künstler ausbilden zu lassen. Aber „im Stillen sind sie sehr stolz“, versichert Giesela Dumas. Noch bis zum 13. April wird die Ausstellung gezeigt. Fremd? ist neben der Galerieausstellung über den jüdischen Maler Arnim Stern und die Ausstellung „Neue/alte Heimat – R/emigration von Künstlerinnen und Künstlern nach 1945“ in der großen Halle der dritte eigenständige Grund, das Kunsthaus Dahlem zu besuchen.

Dieser Text von mir – allerdings ohne das Relieffoto – ist für den Blog des Kunsthauses Dahlem [ http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de/ ]  geschrieben worden, für den ich aus Wertschätzung für das  Museum ohne Honorar schreibe.





Notizbuch: die Schöne und das Haus

12 01 2018

Freitag, 12. Januar 2018

Ich trage auch im Winter keinen Hut. Sonst würde ich ihn vor einer Frau ziehen, die ich bewundere: Dorothea Schöne, unendlich fleißige Chefin eines der unbekanntesten Berliner Museen, des Kunsthauses Dahlem. Das liegt am Rand des Grunewalds am Käuzchensteig, noch nicht einen Steinwurf vom berühmten Brücke-Museum entfernt.

Dr. Dorothea Schöne besitzt einen bunten Lebenslauf. Sie hat Kunstgeschichte und Politikwissenschaft und was weiß ich noch alles studiert und mehrere Jahre in den USA verbracht, wo sie am Los Angeles County Museum of Art [LACMA] gearbeitet hat. Ihr Thema – das sich wie ein Roter Faden durch ihre Biografie zieht – war auch dort die Nachkriegsmoderne. Als Dorothea Schöne nach Berlin zurückkehrte, wo ihre Eltern leben, arbeitete sie als freie Kuratorin, Kunstgeschichtlerin und Programm-Direktorin des auf Kunst spezialisierten Sparten-Fernsehkanals ikonoTV. Und dann kam vor ein paar Jahren eine Aufgabe auf sie zu, wie ich sie mir interessanter und passender nicht vorstellen könnte: Chefin des Kunsthauses Dahlem, untergebracht im früheren Atelierhaus des Bildhauers Arno Breker, in dem auch die Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Sitz hat.

Arno Breker, Bernhard Heiliger, Bernhard-Heiliger-Stiftung, Kunsthaus Dahlem – das hängt alles zusammen. Arno Breker [1900 bis 1991] war ein hochbegabter Bildhauer, der als einer von Hitlers Lieblingskünstlern unter den Nationalsozialisten zum Vizepräsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste aufstieg. Sein Gönner und Förderer war Albert Speer, der ihm zahlreiche Aufträge für Monumentalfiguren erteilte. Speer ließ von 1938 bis 1942 am Rand des Grunewald das Staatsatelier für Arno Breker bauen, jenes große Gebäude, das heute das Kunsthaus Dahlem beherbergt.  Wegen der zunehmenden Bombardierungen hat Breker das Atelier nur selten benutzt.

Nicht nur in der großen Halle [oben] des Kunsthauses Dahlem, sondern auch auf der Galerie [unten] finden Ausstellungen statt.

Nach dem Krieg dient das Haus als internationales Künstlerhaus. Einer der Künstler, der hier einzieht und arbeitet, war der Bildhauer Bernhard Heiliger [1915 bis 1995]. Heiliger, der bei Breker studiert und auch in dessen Bildhauerwerkstätten arbeitete, war kein Nazi-Günstling. Er war Aussteller der documenta I und II und der Biennale in Venedig und Mitglied der  Akademie der Künstler und empfing viele Auszeichnungen.

Eine von über 20 Plastiken Bernhard Heiligers im Garten des Kunsthauses

1996, im Jahr nach seinem Tod, wurde die Bernhard-Heiliger-Stiftung gegründet, die ihren Sitz in Heiligers Wohnatelier im Kunsthaus Dahlem hat. Ihr Zweck ist es, wie es in einem, Flyer der Stiftung heißt, „das Wirken Bernhard Heiligers kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten, Dokumente zu seinem künstlerischen Schaffen zu sammeln und zu bewahren sowie seinen umfangreichen Nachlass, bestehend aus Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen und Assemblagen, konservatorisch und restauratorisch zu betreuen.“

Vor ein paar Jahren, als ich aus dem benachbarten Brücke-Museum kam, noch ganz beseelt und berauscht von der Farben-Symphonie, in die ich dort eingetaucht war, warf ich zufällig einen Blick auf den Garten des Atelierhauses, das damals noch nicht als Kunsthaus Dahlem eröffnet war. Über 20 Großplastiken Heiligers waren locker über den Garten verstreut. Von da an war ich fasziniert von dem Ensemble Haus, Garten, Skulpturen. Umso glücklicher war ich, als ich 2014 erfuhr, dass in dem Atelierhaus das Kunsthaus Dahlem eröffnet worden war. Ich gehörte bestimmt zu den ersten Besuchern.

Vernarrt bin ich in das Museum, schon allein wegen seines  Gegenstands, über den man vergleichsweise selten etwas erfährt: Es widmet sich der Kunst der Nachkriegsmoderne in Ost- und Westdeutschland,  vor allem der Jahre von 1945 bis 1961. Die Nachkriegsmoderne und ihre Rezeption ist der Schwerpunkt der Forschungsarbeit der Museumschefin, der ihrer Veröffentlichungen und auch das Thema ihrer Doktorarbeit.

Dr. Dorothea Schöne, Chefin des Kunsthauses Dahlem

Träger ist die 2013 gegründete Atelierhaus Dahlem gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung. Das Museum genießt eine institutionelle Förderung des Berliner Senats. Das Haus ist eine landeseigene Liegenschaft. „Und eine Herausforderung aus konservatorischer Sicht“, fügt Dr. Dorothea Schöne hinzu. Es hat zwar ein stabiles Raumklima, aber keine Klimaanlage, Auch das Licht ist ein Problem, „es hat viel zu viel Licht“ [Schöne], folglich ist das Museum „mehr ein Haus für Plastiken, nicht für Grafiken“. Was das Museum an Licht zu viel hat, hat  es an Geld zu wenig. „Wir sind ein Eineinhalb-Frauen-Betrieb“, sagt die Museumschefin, die kein Budget für Öffentlichkeitsarbeit und kein sattes Budget für den Ausstellungsbetrieb hat. So bleiben die großen Ausstellungen ein Jahr lang, die Ausstellungen auf der Galerie des Museums wechseln alle drei bis vier Monate. Dorothea Schöne: „Mein größter Traum ist, ein Ausstellungsbudget für zwei bis drei Ausstellungen im Jahr zu haben.“

Ohne Honorar, sozusagen ehrenamtlich, schreibe ich jetzt für das Kunsthaus Dahlem Blog-Texte. Hier ist der erste: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de

 

 





Tagebuch: Gebrochene Identität

12 05 2016

Donnerstag, 12. Mai 2016

Wer die faszinierende Ausstellung auf der Galerie des [ohnehin äußerst sehens- und besuchenswerten] Kunsthauses Dahlem am Käuzchenweg [direkt beim Brückemuseum] besucht, weiß warum der Titel „Gebrochene Identität“ gewählt worden ist. Dazu demnächst mehr. Heute nur ein paar Bilder des vergessenen Malers Joachim Gutsche:

DSCN6084

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Joachim Gutsche 1

Joachim Gutsche 3