Notizbuch: Ole Bull

2 09 2018

Sonntag, 2. September 2018

„Heute lernen Sie Ole Bull kennen“, strahlt mich die norwegische Reiseleiterin in Bergen an. Ole wer? „Ole Bull, unseren Nationalhelden“, sagt sie, spricht das aber aus wie „Uhle Büll“ – Norwegisch halt. Auf dem Weg zum Bus schnell gegoogelt. Also: Der Mann war Violinspieler und Komponist und lebte von 1810 bis 1880. Im Wiener Bezirk Favoriten ist sogar eine Gasse nach ihm benannt.

Die Fahrt von Bergen, Norwegens zweitgrößter Stadt, bis in den Lysøenfjord ist nur kurz. Der Bus hält an einer Anlegestelle, von wo uns das kleine Personenschiff „Ole Bull“ in wenigen Minuten zur Insel Lysøen bringt. Und dann kommt sie schon bald in Sicht, die Märchenvilla aus grau gestrichener Kiefer, die sich der damals schon weltberühmte Musiker 1873 errichten ließ. Der Stilmix ist abenteuerlich, aber nicht ohne Geschmack. Neben einem russischen Zwiebelturm führt eine Treppe auf einen Balkonvorbau, in dem sich venezianische und indische Stilanklänge mischen. Ole Bull selbst sprach angesichts der vielen maurischen Stilzitate von „meiner kleinen Alhambra“.

Im Innern des Hauses, das von einem Konzertsaal dominiert wird, beruhigt sich das Stilgemisch keineswegs. Glasmalereien aus Deutschland, Kamine im italienischen Stil, norwegische Holzschnitzereien, ein Ohrensessel, Lüster, viele Kerzenständer  – das alles vermischt sich zu einem  durchaus anheimelnden Gesamtbild. Die Sommerwohnung des Komponisten erscheint Besuchern sofort vertraut. Und sie haben den Eindruck, Ole Bull habe sie gerade erst und nur für kurze Zeit verlassen.

Die Märchenvilla kann bis in den Herbst hinein im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Die Führungen sind von erstaunlich hohem Niveau. Eine junge Norwegerin berichtet in einem fast poetisch anmutenden Englisch von Ole Bulls wildem, ja wüstem Leben, das am 5. Februar 1810 in Bergen begann. Die musikalische Begabung wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon mit neun Jahren trat der kleine Ole als Violinsolist in der Bergener Orchester-Vereinigung Harmonien auf. Seine Eltern wollten, dass er Theologe wurde, aber er bestand die Aufnahmeprüfung zum Studium nicht. Flugs gründete Ole ein Theaterorchester, und dann ging’s mit seiner Karriere bergauf. 1831 hörte er in Paris Niccolò Paganini – und imitierte seinen Stil. Auch er wurde zum „Teufelsgeiger“.  Robert Schumann, den er in Leipzig besucht hatte, hielt ihn denn auch für den „größten Geiger nach Paganini“. Mit 25 begeisterte er seine Zuhörer bei einem Solokonzert mit dem großen Orchester der Pariser Oper. 1836 und 37 gab Ole Bull fast 300 Konzerte in Irland und England. 1840 spielte er gemeinsam mit Franz Liszt in London Beethovens Kreuzersonate. Nach dem Konzert war Liszt der Überzeugung, einen solchen Geiger gebe es „kein zweites Mal in Europa“.  Der große norwegische Komponist Edvard Grieg, dessen Heim Troldhaugen in Bergen zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Norwegen gehört, ging in seiner Verehrung für seinen Förderer Ole Bull noch weiter: „Wenn seine rechte Hand meine berührte, war das wie ein elektrischer Schock.“

Ole Bull war wohl auch ein Genie in der eigenen Vermarktung. Es ist überliefert, dass er Konzertbesucherinnen dafür bezahlte, bei seinen Auftritten in Ohnmacht zu fallen, damit er sie  – kurze Konzertunterbrechung! – höchstpersönlich mit seinem Riechfläschchen wieder zurück ins Bewusstsein holen konnte. Schon früh ließ er eine Biografie verfassen und  zu Werbezwecken verteilen. Und im Amerika-Gepäck hatte er angeblich Seifenstücke mit einem Autogramm.

Ole Bull reiste unglaublich viel. Es waren insgesamt fünf Tourneen, die ihn quer durch die USA führten. Er spielt auch eigene Kompositionen. Ole Bull soll mehr als 70 Werke komponiert haben, nur zehn davon sind heute bekannt. Zwei seiner Konzerte  für Violine und Orchester wurden erst im letzten Jahrzehnt wiederentdeckt und  erst vor zehn Jahren zum ersten Mal auf Tonträger eingespielt.

Aus Amerika brachte Ole Bull seine zweite, sehr junge Frau namens Sara Thorp mit auf seine kleine Insel. Sie war es auch, die auf dem Harmonium Mozarts Requiem spielte, als Ole Bull in seinem Haus auf Lysøen 1870 einem Krebsleiden erlag. Das Harmonium steht heute noch dort. Denn seine Witwe Sara, die mit der gemeinsamen Tochter Olea noch viele Sommer auf der Insel verbrachte, ließ das Inventar unangetastet. Auch die nur 0,7 Quadratkilometer große Insel, auf der Bull Spazierwege von insgesamt 13 Kilometer Länge anlegen ließ, blieb unverändert. Bulls Nachfahren ließen lediglich einen 76 Meter hohen Aussichtsturm errichten. 1973 machte Ole Bulls Enkelin Sylvea Bull Curtis Insel und Haus der „Vereinigung zur Bewahrung norwegischer Kulturschätze“ zur Schenkung. Heute ist die Villa ein gesetzlich geschütztes nationales Kulturdenkmal.

Zwei Gründe, die nichts mit der Musik zu tun haben, tragen ebenfalls zu Ole Bulls Status als Nationalheld bei. Er setzte sich Zeit seines Lebens für eine eigenständige norwegische Kultur ein. 1814 war die Union mit Dänemark aufgelöst worden, in der Norwegen jahrhundertelang von Dänemark dominiert worden war. Ole Bull gründete beispielsweise in Bergen das Norske Theater, an dem Theaterstücke in Norwegisch aufgeführt wurden. Den jungen Dramatiker Henrik Ibsen heuerte er als Stückeschreiber und Regisseur an.

Und da ist auch sein soziales Engagement. Ein Beispiel: In Pennsylvania kaufte Bull 1852 ein 49.000 Hektar – 490 Quadratkilometer – großes Grundstück, auf dem er eine Kolonie gründete, um armen Bauern aus Norwegen eine neue Existenz zu bieten. Er etablierte vier Gemeinden mit den Namen “New Bergen“, „Oleana“, „New Norway“ und „Valhalla“ und begann, so etwas wie eine hölzerne Burg zu bauen, die er „Nordjenskald” nannte, aber nie vollendete. Das Projekt scheiterte, weil die Siedler Probleme mit der Rodung der waldreichen Grundstücke hatten und auch der Boden nicht fruchtbar genug war. Die Norweger zogen weiter Richtung Westen.

All diese wundersamen Geschichten erzählt die junge Norwegerin in Ole Bulls Haus. Kaum ist die Erzählung zuende, erklingt hinter uns Engelsmusik. Ein großer, schwarzgekleideter Geiger kommt langsamen Schrittes in die Halle und spielt auf Bulls alter, kostbarer Guarneri ein Werk von Ole Bull. Ich weiß nicht welches, aber die Auswahl ist ja nicht groß.

Mein Bericht über Ole Bull ist – in leicht veränderter Fassung und nur mit dem Foto der „kleinen Alhambra“ – in der Wochenend-Ausgabe 1./2. September 2018 der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen.

 

 

 

 

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