Notizbuch: Geheimtipps statt Hotspots

2 03 2019

Wie Berlin den nahenden Overtourismus ausbremst

Samstag, 2. März

Berlin-Bashing ist in. Wer als Oberbürgermeister oder Feuilleton-Journalist etwas auf sich hält, ätzt über die Hauptstadt.

Um zu belegen, dass sich auch eine Wochenendreise nach Berlin nicht mehr lohnt, wird immer das gleiche Bild skizziert: Ganze Wohnhäuser werden in Ferienwohnungen umgewandelt, Scharen Rollkoffer schleppender Touristen lassen friedliche Anwohner nicht schlafen, lautstark und enthemmt feiern Junge Leute aus aller Herren Ländern ihre Feste, und die Spuren der Maßlosigkeit lassen sich am nächsten Morgen an den Hauswänden oder – noch schlimmer! – in den Hausfluren ablesen. Kurz: Die Welle des Overtourismus ist auch über Berlin hereingeschwappt und hat die Stadt für Bewohner und Besucher unliebenswert gemacht. Und als sei dies eine Insiderinformation wird noch verraten: Berlins Bewohner gehen wegen des Zuviel an Tourismus auf die Barrikaden.

Solche Schilderungen sind nur die halbe Wahrheit. 73 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sind „stolz darauf, dass Menschen aus aller Welt Berlin besuchen“. Das hat eine repräsentative Bevölkerungsumfrage im Vorjahr ergeben. 17 Prozent fühlen sich durch den Tourismus gestört, wobei die Störfaktoren sehr ungleichmäßig über Berlin verteilt sind. Mit 70 Prozent liegt der Bezirk Mitte ganz vorne, Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg folgen mit 34, 33 und 23 Prozent der genannten Bezirke, in denen sich die 17 Prozent der Berliner gestört fühlen.

Vertreter aller zwölf Bezirke nach der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarungen

Vom Overtourismus sind solche Werte weit entfernt. Aber die Politik in Berlin war hellhörig geworden. Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, für den Berlin-Tourismus zuständig, entdeckte „erste ernstzunehmende Warnzeichen, dass die Akzeptanz schwindet“, dies vor allem in den stark frequentierten Innenstadtbezirken. Die Akzeptanz für den Tourismus in der Stadt zu stärken, war eins der erklärten Ziele des im vergangenen Jahr formulierten Tourismuskonzeptes 2018+ . Einer der Bausteine des Konzepts ist das intensivierte Bezirksmarketing, womit visitBerlin betraut wurde.

Das Konzept wurde prompt landauf landab missverstanden: visitBerlin wolle die Touristenströme von den innerstädtischen Hotspots weglocken und in die Randbezirke der Stadt drängen. Dabei ist bei dem Konzept nicht an Erstbesucher gedacht, die logischerweise das Brandenburger Tor, das Reichstagsgebäude und die Museumsinsel erkunden wollen. Die Pläne zielen auf die Wiederholer unter den Berlin-Touristen, die immerhin über 60 Prozent ausmachen. „Wir können Touristen nicht aktiv umleiten,“ stellt Christian Tänzler Pressesprecher von visitBerlin, richtig,, „aber wir können den Gästen, die zum wiederholten Male kommen, eine Inspiration geben, auf sehenswerte Punkte außerhalb der Mitte Berlins zu schauen.“ Und in der Tat kennen selbst viele Berliner nicht – um nur zwei Beispiele zu nennen – das Humboldt-Schlösschen in Tegel oder die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz.

 

Die Hufeisensiedlung in Britz

Um Overtourismus auszubremsen, beließ es die Politik nicht bei Plänen und Bekenntnissen: Sie stattete die Berlin-Werber mit den nötigen Mitteln aus. Zur Zeit kümmert sich bei visitBerlin ein Stab von acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um die Arbeit mit den Bezirken. Die steht auf solidem Boden: Zur bezirklichen Tourismusentwicklung haben die Senatsverwaltung für Wirtschaft, visitBerlin und alle zwölf Berliner Bezirke Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet. Tänzler: „Ein erster Meilenstein in der Umsetzung des neuen Tourismuskonzeptes.“ Und visitBerlin-Chef Burkhardt-Kieker freute sich: „Jetzt können wir eine gute Arbeitsstruktur für die nächsten Jahre aufbauen, damit die Bezirke die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen zusteht.“

Dass im Zusammenhang mit dem Berliner Tourismuskonzept immer wieder der Begriff „Qualitätstourismus“ fällt, kann zu Missverständnissen führen. Damit ist nicht etwa ein etwa 35 Jahre alter Plan aus der Mottenkiste geholt worden, nach dem der damalige (West-)Berliner Wirtschaftssenator Turnschuhtouristen und Pflastermaler aus Berlin vergraulen wollte. „Hierbei geht es nicht nur um das Ausgabeverhalten“, stellt Christian Tänzler richtig, „was wir nicht wollen, sind Junggesellen-Partys und Bierbikes.“ Gewollt seien unabhängig vom Alter und vom Portemonnaie „Besucher, die sich für Kultur interessieren und den Lebensstil in Berlin kennenlernen wollen und respektieren“.

Ein – erstes – gutes Beispiel für die Bezirksarbeit ist die neue Dahlem-Route im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, eine 18 Kilometer lange Radroute mit sieben Einstiegsmöglichkeiten an U- und S-Bahnhöfen. Die Rundstrecke ist in beiden Richtungen ausgeschildert und führt an vielen Attraktionen vorbei – unter anderem am Brücke-Museum, am Kunsthaus Dahlem, am Alliierten-Museum, der Domäne Dahlem, dem Haus am Waldsee und dem Botanischen Garten.

Das Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ kommt VisitBerlin und den Bezirken gerade recht bei der Absicht, Berlin-Besucher weg von den Hotspots zu den Geheimtipps in den Bezirken zu locken. Geschickt ist es von den Berlin-Werbern mit der Berliner Moderne verbunden worden.  Wer auch nur einen Bruchteil der Baudenkmäler sehen will, muss hinaus in die Bezirke – zur Hufeisensiedlung eben im Bezirk Neukölln, zur Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg oder zur Weißen Stadt in Berlin-Reinickendorf.

Mein Bericht über den Kampf gegen den Overtourism in Berlin ist in der Ausgabe 1/2019 des Magazins der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten „Columbus“ rechtzeitig zur ITB Berlin erschienen.

 

 

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