Notizbuch: Mys Schatzkiste

15 11 2020

Bornholmer Reminiszenzen IV: Ein Laden in Snogebæk ist eine wahre Fundgrube

Sonntag, 15. November 2020

Von außen ist der Laden recht unscheinbar. Aber im Innern entpuppt sich „My’s Antik og Kunst“ als wahre Schatzkiste. Was tummelt sich da nicht alles auf engstem Raum: Porzellan und Glas, Keramik, Silber und Schmuck, Bücher, Schallplatten und Spielzeug, Möbel, Lampen und Teppiche – und Gemälde. Bei unserem letzten Bornholm-Aufenthalt waren wir so fasziniert von dem Geschäft, dass wir immer wieder hinfuhren.

Eine Mischung aus Trödelladen und Antiquitätengeschäft [oben; unten:] Jesper und Bent bei einem unserer Besuche in der Schatzkiste

My Størups Geschäft, eine Mischung aus Trödelladen und Antiquitätengeschäft, liegt in der Hovedgade 7 im kleinen Ferienort Snogebæk. My selbst ist schon die erste Überraschung: eine beseelte, hübsche Frau mit einem bezaubernden Lächeln. Sie käme gar nicht auf die Idee, einem Kunden etwas aufzuschwatzen. Aber schwatzen oder genauer: fachsimpeln mit der Kundschaft, das macht sie gerne. Ich kam mit ihr über Kerstin Clemann ins Gespräch, von der sie zahlreiche Keramikwerke und Gemälde verkauft.

[links: Moritz, der Tischler, begutachtet einen antiken Tisch] Die Farben der Gemälde dieser Künstlerin sind zart, die Motive versponnen. Aber noch mehr haben es mir die Keramikwerke von Kirsten Clemann angetan. Die Künstlerin ist schon seit ein paar Jahren tot, aber an ihren köstlichen Keramikbildnissen – Frauen mit Spitzmund, großen Augen und markanten Locken, Männer mit knapp sitzenden Anzügen, häufig Clowns, Vögel und Engel – können sich Bornholm-Besucher an verschiedenen Orten auf der Insel ergötzen. Besonders viele Werke besitzt das Restaurant „Den Lille Havrue“ in Snogebæk und eben auch My Størup.

Ich war jahrelang mit Kirsten Clemann gut befreundet und besuchte sie jedes Mal, wenn ich zu Buchrecherchen auf Bornholm war. Wir haben über ihre Erlebnisse gesprochen, über Kunst und über Gott und die Welt. Sie hatte die ganze Welt bereist und schließlich auf Bornholm, wie sie sagte, ihr Paradies gefunden. Das Paradies hieß für sie in erster Linie Haus, Hof und Werkstatt. In der Werkstatt standen große Frauenfiguren, die später Blumentöpfe auf dem Kopf tragen sollten. Kerstin formte den Ton mit einer Leichtigkeit, als wäre er Marzipan. Die fertigen Werke hat sie in einem Raum ausgestellt, der Wohnzimmer und Galerie zugleich war. Deshalb hat ihr kleines Haus umgebaut, weil ihr die Trennung von Laden und Wohnung, von Arbeit und Privatem unerträglich schien.

Bilder aus Mys Schatzkiste. Die beiden unteren Bilder sind von Kirsten Clemann 

Ihr größtes Werk, ein bizarrer Kaminplatz im Hof, bunt verziert und verspielt wie alles, was sie geschaffen hat, blieb unverkäuflich. Die Frage nach Kitsch und Kunst stellt sich bei Kirstens Werken nicht. Ich besitze von ihr einen Frauenkopf als Kerzenständer und einen zauberhaft dekorierten Spiegel.

My kennt sich aus unter den Künstlern auf Bornholm. So kamen wir auch auf Pia Ranslet zu sprechen, eine Bornholmer Malerin, die aber schon viele Jahre in Israel lebt. My bedauert, dass es viel zu wenig Kunstwerke dieser Malerin auf dem Markt gibt, mit der sie zu deren Bornholmer Zeiten befreundet war. Ich besitze ein Aquarell von Pia, an dem ich mich jeden Tag erfreue. Und das gebe ich nicht her – noch nicht mal an My Størup.

Gemälde von Pia Ranslet – Bornholmer Landschaft