Tagebuch: sticks & stones

10 10 2014

Wie der Architekt Chipperfield die Berliner mit einer bombastischen Abschiedsausstellung in der Neuen Nationalgalerie beglückt.

Freitag, 10. Oktober 2014

Es gibt einen Ort, an dem ich glücklich bin, sobald ich ihn betrete. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit, egal, in welchem Monat. Es hat auch nichts damit zu tun, in welcher Verfassung ich bin. Wenn ich zu dem Ort komme, bin ich glücklich. Der Ort ist in Berlin. Nein, es ist nicht das Paradies. Es ist die Neue Nationalgalerie.

aaaeeeee

Und die wird Anfang kommenden Jahres geschlossen. Mindestens für drei Jahre, eher wahrscheinlich für fünf. [Wir alle wissen ja, wie lange in Berlin so etwas dauern kann… ] Denn das Meisterwerk von Mies van der Rohe muss saniert werden. Das ist nach über 50 Jahren unbedingt erforderlich. Die Betriebserlaubnis für das Gebäude erlischt.

Dass ich schon immer verrückt war nach dem Museumsbau hat nichts damit zu tun, dass Mies van der Rohe aus derselben Stadt stammt wie ich. Er wurde 1886 in Aachen geboren, er starb 1969 in Chicago. 1928/29 hat er den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona gebaut; von 1930 bis 33 war er Direktor des Bauhauses in Dessau und [ab 1932] in Berlin. Von 1965 bis 1968 baute er dann die Neue Nationalgalerie in Berlin.

gggggAls ich mich 1972 bei der Stiftung Warentest beim Chefredakteur der Zeitschrift „test“ vorstellte, um Leiter der Reiseredaktion zu werden, fragte er mich zum Abschluss: „Und, was werden Sie heute in Berlin noch machen?“ Spontan antwortete ich: „Ich gehe in die Neue Nationalgalerie.“ Ich erntete Unverständnis. Das war dann meine erste Begegnung mit dem Bauwerk. Ich glaube, es gab seitdem keine Ausstellung, die ich versäumt habe.

Das Stahldach der oberen Halle – das Museum hat noch einen weit verzweigten Unterbau – scheint frei zu schweben. Es ruht auf acht Stahlsäulen, die außen stehen. Der Innenraum – riesig: 2.500 Quadratmeter! – hat keine Stütze. Aber jetzt stehen in der Halle 144 deckenhohe Baumstämme. Ein Paradoxon: Bis zur Decke reichende Baumstämme in einer säulenfreien Halle.

Der berühmte Architekt David Chipperfield hat das gemacht. Er wird mit seinem Team das Museum sanieren, mit Fingerspitzengefühl, behutsam, dem Bau in jeder Beziehung gerecht werdend. So wie er Stülers Neues Museum auf der Museumsinsel wundervoll saniert hat. Das wird keine leichte Aufgabe. Die Riesenglasscheiben werden längst nicht mehr produziert, neues Glas muss entwickelt werden. Dass so etwas nicht einfach ist und nicht schnell geht, hat die Sanierung des Archäologischen Museums in Heraklion gezeigt, das mehrere Jahre geschlossen war. Unter anderem gab es Verzögerung bei der Produktion des Spezialglases für die Vitrinen in Belgien.

ddddaaaaaaAn Glas, das öffentlich bewahren und schützen soll, werden heute Anforderungen gestellt, an die vor 50 Jahren noch niemand gedacht hat. Auch die Sanierung des Daches der Neuen Nationalgalerie wird sehr kompliziert werden. Kein Besucher ahnt, dass es einen Spielraum von zwölf Zentimetern benötigt, um Witterungsschwankungen oder Schneefall auszugleichen. Entsprechend flexibel sind Chipperfields Fichtenstämme an Boden und Decke befestigt.

„Sticks and Stones“ nennt Chipperfield – ein Mann mit wunderschönen, klugen Augen, das fiel mir beim Pressetermin auf – seine Ausstellung. Das Wort Ausstellung lässt er allerdings nicht gelten, er nennt die Installation „Intervention“. Der Titel stammt von einem alten, köstlichen Kinderreim: „Sticks and Stones may break my bones – but words will never hurt me“. Sticks = Säulen, Stones = Steine – das Grundmaterial des Bauens. Darüber, so will Chipperfield, sollen die Besucher nachdenken. Und das wird jedermann tun, der die baumgespickte Halle betritt.

bbbb

Da fällt mir noch eine Geschichte ein, die alles andere als ernst und tiefsinnig ist. Ich hatte mal eine Freundin, die ich – sozusagen als running gag – mit Säulen gequält habe. Was ist das für eine Säule? Dorisch, jonisch, korinthisch? Ich habe die Ärmste, die’s nie begriffen hat, abgefragt , immer und überall, bis sie alle Säulentypen durcheinander warf. Die Ärmste. Ich entschuldige mich. Übrigens: In die Nationalgalerie ist sie gerne mit mir gegangen. Denn dort gab es ja keine Säulen…

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Tagebuch: BubeDameKönigAss

4 10 2013

Freitag, 5. Oktober 2013

Ist das nicht ein lustiger Ausstellungstitel?! BubeDameKönigAss… Vier Berliner Maler werden zurzeit unter diesem Titel in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt: Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle, Thomas Scheibiz. In dieser Reihenfolge oder anders rum – mit Bube, Dame, König und Ass ist keine Reihen- oder Rangfolge gemeint.

G

Martin Eder: figürliche, aber auch surreale Kompositionen zaubert er auf die Leinwand. Große Akte sind zu sehen – mit eindeutigen Titeln [„Frühlingserwachen“] und solchen, die man trotz langen Nachdenkens nicht errät [„Ein Jahr ohne Licht“, großes Bild unten].

Kräftige Farben, klare Konturen – herrliche Bilder, die allein schon den Besuch der Ausstellung lohnen.

EDMichael Kunze ist der zweite der vier Gegenwartsmaler, der gegenständlich malt. Das sind keine kräftigen Farben, keine scharfe Konturen, sondern das Gegenteil.

Das sind zarte, flirrende Farben, flirrende Konturen – und viele Zitate aus Philosophie, Kunstgeschichte, Film und Literatur. Eine Märchenwelt mit tausendundeinem Motiv, und jedes Mal entdecken Betrachter ein neues Detail.

Seine Bilder gefallen mir nicht so gut, aber das müssen sie ja auch nicht: Thomas Scheibitz bevorzugt einfache Formen, satte Farben, aber seine abstrakten Kompositionen sind mir zu „konstruiert“ [s. z.B. das große Bild unten].

Nun gut, der Platz in der Ausstellung sei ihm gegönnt, und den Besuchern auch…

B

AWow! Dann Anselm Reyles mit seinen großen Bildern, von denen keines einen Titel hat. Doch eines hat einen, es heißt „Black Earth“. Nur eines ist in „klassischer“ Technik entstanden, Acryl auf Leinwand. Mischtechnik, Chromoptik, Aluminium, Stahlrahmen ist immer wieder im Werksverzeichnis zu lesen. Und so sehen die Bilder auch aus. Eine spiegelnde, kühle Bilderwelt, oft absichtlich kitschig.

Bis zum 24. November ist die Ausstellung noch zu sehen. Sie lässt in der Haupthalle der Neuen Nationalgalerie, also dem oberirdischen Trakt ohne jede Stütze, viel Platz, um auch den Raum wirken zu lassen. Die Neue Nationalgalerie ist Mies van der Rohes Meisterwerk.

Der legendäre Architekt – übrigens geboren in meiner früheren Heimatstadt, in Aachen – war schon 76 Jahre alt, als er 1962 den Auftrag zu diesem Museumsbau erhielt. Die Realisierung des Baus übernahm sein Enkel. Mies van der Rohe kam zweimal nach Berlin, um nach dem Rechten zu sehen. Auch als das Dach eingeschwebt und angepasst wurde, stand der Architekt auf dem Bauplatz. Zur Einweihung 1968 konnte Mies van der Rohe nicht mehr anreisen, er starb ein Jahr später.

H

Jedes Mal, wenn ich den Bau betrete, bin ich – glücklich. Richtig glücklich.