Notizbuch: Paros-„Reste“

11 04 2018

Mittwoch, 11. April 2018

Wenn ich einen Report schreibe – in diesem Fall über die Kykladeninsel Paros – , mache ich mir ein Konzept. Schreibblockaden sind ja ganz modern, aber die kann ich mir nicht leisten. Fange ich an zu schreiben, weiche ich meist vom Konzept ab. Hauptsache, es fließt. Wenn der Bogen gespannt, die Zeichenzahl erreicht und das Schreiben zum Ende gekommen ist, bleibt immer vom recherchierten Material einiges übrig. Diesmal will ich es in diesem Blog-Beitrag verbraten…

450 Kirchen, Kapellen und Klöster gibt es auf Paros. Viele der kleinen Kirchen sind privat gestiftet. Die meisten Kirchen sind immer abgeschlossen und stehen nur zu den Namenstagen des Namenspatrons offen. Früher war das anders. Aber dann kamen die Touristen, und einige von ihnen haben Ikonen gestohlen.

Die Krise, so hat uns Eleni Tripolitsioti erklärt, sei vor allem 2011 und 2012 „sehr schlimm“ gewesen. Eleni [Foto links] hat meine wirklich zauberhafte und tüchtige Kollegin Maria Menzel [Foto rechts] und mich während der Reise betreut und auch das Programm bis ins Detail vorbereitet. In Sofia und England hat sie Politologie studiert und ist jetzt touristische Beraterin der Inselverwaltung. Ihr Arbeitspensum ist enorm, der Verdienst für unsere Begriffe gering. Viele Leute auf der Insel verdienen selbst bei relativ hohen Post so wenig, dass sie einen zweiten Beruf ausüben müssen.

Russische Reiseveranstalter sind nicht an Paros interessiert. „Sie wollen großer Einheiten und All Inklusive-Angebote“, sagt dazu Jiorgos Bafitis, Präsident der Hotelvereinigung Paros und Antiparos. Er hat bei der Tourismusentwicklung der Insel ein wichtiges Wort mitzureden. Jiorgos ist ein offener, freundlicher Mann. Er unterhält in zweiter Generation das Hotel Kalypso in Naoussa mit 40 Zimmern. Das überschaubare, gemütliche Haus direkt am Wasser wurde 1979 eröffnet. Bafitis: „Die ersten Gäste waren Windsurfer aus Deutschland.“ Dass die erste Frage seiner Gäste meist dem W-Lan gilt, findet der Hotelmanager „schrecklich“: „Das interessiert mehr als Meerblick.“

Hotel Kalypso: Blick von meinem Zimmer

Wer öfter nach Griechenland reist, kennt das: Da wird ein Schmetterlingstal angepriesen – und beim Besuch lässt sich kein Schmetterling blicken. Auf Paros liegt ein solches Butterfly Valley bei Aliki, wo alte Olivenbäume und Zypressen eine grüne Oase in der kargen Landschaft bilden. Die kleinen Schmetterlinge heißen Jersey Tiger oder Russischer Bär oder Spanische Fahne. Die Mottenart ist dieselbe wie im viel berühmteren Schmetterlingstal auf Rhodos. Die nur fünf bis sechseinhalb Millimeter große Motte sitzt am liebsten auf Efeu. Dass ich bei meiner Paros-Reise keine entdeckte, lag nicht an meiner Brille – sondern daran, dass die Jersey Tigers nur von Juni bis Mitte September auf Paros [Hochzeits-]Urlaub machen.

Paros hat auch so eine unendliche Geschichte wie Berlin. Ja, es geht dort auch um den Flughafen. 25 Jahre lang wurde darüber diskutiert, wie man den Ausbau der Mini-Start- und Landebahn, die nur für kleine Propellermaschinen geeignet war, finanzieren könne. Angestrebtes Ziel: 15 bis 20 Prozent mehr Gäste und Saisonverlängerung von vier auf sechs bis sieben Monate. Vergangenes Jahr war es so weit: Die Bahn wurde verlängert und ist jetzt auch für größere Jets geeignet. Der komplette Ausbau des Airports hätte 30 Millionen Dollar, aber es standen nur 20 Millionen zur Verfügung. Die Gemeinde und Hoteliers auf Paros sammelten 260.000 Euro, Aegean spendierte zwei Millionen. So konnte wenigstens ein klitzekleines Abfertigungsgebäude gebaut werden. Noch steuert kein von deutschen Reiseveranstaltern beauftragter Carrier den Flughafen an. „Im Hinblick auf den Flughafen“, merkt Christos Christoforos an, Tourismusbeauftragter von Paros und stellv. Bürgermeister, „scheint die Regierung die für die Erweiterung benötigten Mittel nicht bereitzustellen, um Direktflüge aus dem Ausland zu bekommen. Es gibt zur Zeit nur Charterflüge von Graz und Prag und die Standardflüge von Athen, Thessaloniki und Santorin.

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Notizbuch: Begegnungen

31 12 2017

Sonntag,  31. Januar 2017

Oft sind sie nur die Flüchtigkeit weniger Minuten. Mitunter aber sind sie der Beginn – oder das immerwährende Ritual – einer langjährigen Freundschaft: Begegnungen. Sie machen den Beruf eines Reisejournalisten besonders spannend. An ihnen war das abgelaufene Jahr sehr reich. Eine Auswahl…

Januar: In der Markthalle von Madeiras Hauptstadt Funchal bin ich diesem Kind begegnet. Schau her, was für eine große Puppe ich habe, sagte es, ohne Worte zu gebrauchen. Wir sind uns mehrfach zwischen den Marktständen über den Weg gelaufen. Und immer hielt das Mädchen die Puppe hoch: schau!

Diese drei lebhaften Ladies saßen mir im Februar während einer Reise nach Agadir gegenüber. Ihrem – Pardon! – gutgelaunten Geschnatter zuzuhören, war ein Vergnügen. Habe die Ehre, von links nach rechts: die Reisejournalistinnen Antonia Kasparek, Katharina Eppert, Marita Trinius. Die Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen sind noch der erfreulichste Bestandteil einer jeden Pressereise.

Auf der ITB Berlin im März: Noch einmal drei Ladies – Claudia Stöhr, Areti Prinou und Maria Zarnakoupi [von links] von der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr. Areti habe ich auf einer Athen-Reise im Oktober 2016 kennengelernt und auf der ITB wiedergesehen.  Inzwischen ist sie stellv. Leiterin der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in Frankfurt und zählt längst für mich in meinem Beruf zu den wichtigsten  Menschen – und auch über den Beruf hinaus.

Zur Documenta war ich im April in Athen. Dort traf ich im kleinen, aber feinen Herakleidon Museum, das sich den Themen Wissenschaft, Kunst und Mathematik widmet, Eleni Nomikou, die Chefin [rechts], und Elpida Mezilli, ihre Assistentin. Beide brennen für ihre Aufgabe.

Peter Becker, ein Uralt-Freund. Nicht uralt an Lebensjahren, sondern unsere Freundschaft reicht weiter zurück, als wir uns an deren Beginn erinnern können. Im Mai trafen wir uns wieder, um Pläne zu schmieden. Dass sie sich nicht realisieren ließen, lag nicht an uns.

Nach 53 Jahren besuchte ich im Juni mal wieder Paros, die wunderweiße Kykladeninsel. Mit mir reiste Maria Menzel, eine Kollegin. Es waren spannende Tage eines gemeinsamen Projekts. Für solche Begegnungen lohnen sich alle Mühen des Selbständigseins.

Eine meiner interessantesten, ertragreichsten Dienstreisen in 45 Jahren führte mich im Juli in die Grimme-Heimat nach Nordhessen. Im Tierpark Sababurg traf sich auf Uwe Kunze – so brav-bürgerlich heißt dieser späte Hippie. Mit einem Bein steht er in Deutschland, mit dem anderen in Schweden. Uwe unterhält im Tierpark ein waschechtes Lappen-Lager mit zahlreichen Rentieren. Er ist Chef der Firma Renrajd Vualka.

August: Nächtliche U-Bahn-Heimfahrt nach einem Spargelessen bei Kristiane Klemm, früher Institut für Tourismus der FU Berlin: Prof. Dr. Horst Kleinert, der frühere Studienleiter, umrahmt von zwei Ex-Studentinnen. Rechts Margherita Bozzano, links Gabi Hartmann. Vor vielen Jahren hat Gabi, eine liebe Freundin, halbtags in meinem Redaktionsbüro mit  gearbeitet und danach viele Jahre beim Deutschen Seminar für Tourismus auch meine Presseseminare betreut.

Der Deutsche Reiseverband [DRV] lud im September eine Schar Journalisten – darunter auch mich – nach Ras Al Khaimah ein, dem diesjährigen Austragungsort der DRV-Jahrestagung. Solche Journalisten-Vorreisen haben Tradition. Mit von der Partie: Heidi Diehl, meine Lieblingskollegin. Das schreibe ich NICHT, weil ich den einen oder anderen Beitrag für ihre Reiseseiten in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ schreiben darf.

65 wurde er im Oktober, aber er sieht aus wie Anfang 50: Prof. Dr. Jörg Soller, Fachleiter des Dualen Studienganges BWL/Tourismus an  der Hochschule für Wirtschaft und Recht [HWR] Berlin. Hier bespricht er gerade mit Studierenden eine Hotel-Machbarkeitsstudie. Wegen meiner Lehraufträge begegne ich ihm nicht nur einmal im Jahr, sondern häufig – ich wage zu sagen: zur gegenseitigen Freude.

Aus Anlass seiner Programmvorstellung war ich im November mit dem Reiseveranstalter Öger Tours in Ägypten. Dort hat dieser Berber-Junge, 10 Jahre und stolz, großen Eindruck auf mich gemacht.

Zwei, die dafür sorgen, dass die Reisebranche das Thema Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verliert: Lucienne Dam [von links, stellv. Vorsitzende der Nachhaltigkeits-Initiative Futouris e.V., Umweltmanagerin von TUI Cruises und diesjährige EcoTrophea-Preisträgerin] und  Anja Renner, Senior Manager Projekte & Kommunikation bei Futouris. Ein Schnappschuss auf dem Abschiedsabend zur DRV-Tagung in Ras  Khaimah am 9. Dezember.





Notizbuch: Paros und der Wein

23 09 2017

Samstag, 23. September 2017

Vier Weinproduzenten arbeiten auf der kleinen Kykladeninsel Paros. Weinproduzent, das klingt bombastisch. Aber es sind kleine Betriebe wie der 1910 gegründete Familienbetrieb,  den Savas Moraitis schon in der vierten Generation leitet.

Familienbetrieb in vierter Generation: Moraitis Winery

Für Urlauber lohnt sich ein Besuch im Betrieb der Familie Moraitis in Naoussa:  Da die alten Geräte zur Weinproduktion erhalten sind, ist Moraitis Winery so etwas wie ein Weinmuseum.  Größte Attraktion sind mehrere kleine, mit Porzellan ausgekleidete Kammern, in denen der Wein früher fermentiert wurde.  Nach vorne waren die Kammern geschlossen, es gab nur je eine Öffnung oben und unten. Diese Methode wurde bis in die frühen 70-er Jahre angewandt. Die Porzellanwände zeigen noch Spuren des Rotweins.

Wie ein Weinmuseum wirkt der Betrieb, weil alte Geräte zwar ausrangiert, aber nicht weggeworfen wurden

Paros hat  eine lange Weingeschichte, sie geht zurück auf die erste Zivilisation der Kykladen um 3.200 v. Chr. – „ohne Unterbrechung“, wie Savas betont. So etwas wie Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er darauf hinweist, dass es die Reblaus-Infektion, die in fast allen Weinanbaugebieten Europas verheerende Schäden angerichtet hat, auf Paros nie gegeben hat. Der Weinanbau auf der Insel ist aber nicht unproblematisch: Die Grundstücke zum Weinanbau sind alle klein, weil das Land sehr teuer ist.

150.000 Flaschen Wein werden pro Jahr produziert, ein Drittel davon für den Export

150.000 Flaschen Wein produziert Moraitis Winery im Jahr – Weißwein, Rotwein [der in Griechenland immer von weißen und roten Trauben hergestellt wird] und süßen Malvasia. Ein Drittel wird exportiert, in die USA, nach Kanada und in diverse europäische Länder, auch nach Deutschland. Da die Weinkellerei auch Weinproben anbietet, können sich Besucher direkt vor Ort von der Qualität der Moraitis-Weine überzeugen. In den Restaurants und Tavernen auf Paros finden sie dann ihren Lieblingswein wieder.

Savas Moraitis [Foto: Maria Menzel, auf dem kleinen Foto oben zu sehen]





Notizbuch: der Bumm

26 08 2017

„Es war ein Bumm“, sagt Giannis Vasiliopoulos. Der frühere Seemann, heute 72 Jahre alt, meint damit die touristische Entwicklung der Insel Paros. Diese setzte um 1980 ein, fast explosionsartig. Vor 53 Jahren, als ich zum ersten Male nach Griechenland reiste und auf Paros strandete, befand sich Kykladeninsel noch im Dornröschenschlaf.

Naussa, wo Giannis seit 20 Jahren ehrenamtlich das – nach dem Sammler Dr. Othonas Kaparis benannte – kleine Folklore- und Heimatmuseum leitet, war damals ein kleines, traditionelles Fischerdorf. Es gab zwei kleine Hotels, in der Hauptstadt Parikia vier. Das frühere Xenia-Hotel in der Hauptstadt dient heute als Rathaus. Heute stehen den Touristen 138 Hotels zur Verfügung, darunter drei Häuser mit fünf und 18 mit vier Sternen. Dass die Gastgeber der Insel auf dem Teppich geblieben sind, zeigt der Rest der Quartiere: 30 Häuser haben drei Sterne, 71 nur zwei Sterne, 16 einen Stern. Wie viele Ferienwohnungen, Ferienhäuser und Gäste-Villen es gibt, weiß niemand. Aber jetzt ist Naussa nicht nur voll von Restaurants und Bars, sondern auch voller Rooms to let und Studios. Gebaut werden darf maximal zweistöckig, und kein Quartier darf mehr als 50 Zimmer haben. Der Durchschnitt liegt bei 20 bis 25 Zimmern.

Naussa auf einer alten Postkarte [Foto: Maria Menzel]

Giannis Vasiliopoulos [rechts] zeigt mir seine Schätze [Foto: Maria Menzel]

Giannis hortet einen wahren Schatz von Belegen aus der Zeit vor dem großen Bumm: Fotos, Postkarten, alte Bücher. „Alles passiert so schnell“, philosophiert er, „alles war damals ruhig und klein“. Strom gab es früher nur von 21 bis 2 Uhr nachts. Giannis: „In zwei, drei Jahren ist Naussa dann ein bekanntes Dorf geworden.“

Eines aber ist gleich geblieben: Wie Orte auf anderen Kykladeninseln auch, strahlen die Häuser in beeindruckendem Weiß. Heute ist die traditionelle Farbe gesetzlich vorgeschrieben. Dazu ist Paros ein Blumenmeer. Die „Nähte“ zwischen den Steinplatten, mit denen die Gassen in den Orten auf Paros ausgelegt sind, wurden früher einmal im Jahr weiß nachgestrichen – heute machen sich die Inselbewohner viermal im Jahr die Mühe.

Ja, die Inselbewohner: Sie sind offen und kontaktfreudig. Die Parianer, früher alle Seeleute und Fischer, sind „bisher freundlich geblieben, vor allem die alten Leute“, sagt Giannis Vasiliopoulos. Auf Paros wohnen und arbeiten viele Leute, die nicht von der Insel kommen. „Die nicht lokalen Leute hier auf der Insel“, sagt Giannis, „sind vielleicht nicht so freundlich.“