Notizbuch: Knüppel und Pistole

3 06 2017
Wie der Schah im Aachener Dom blamiert wurde

Samstag, 3. Juni 2017

„Knüppel und Pistole sind kein Instrumentarium der Demokratie!“ Markige Worte, mit empörter Stimme ausgerufen vom Rektor der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule in Aachen. Das war auf einer Demonstration heute vor 50 Jahren. Am Tag zuvor war in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Das war, wie man heute weiß, eine Hinrichtung.

Das ahnten vor 50 Jahren schon viele, nicht nur die unruhigen Studenten der Vor-68-er-Zeit. Die Nation hielt den Atem an. In vielen Städten Deutschlands gingen Studenten auf die Straße, so auch in Aachen. Ich war als Redakteur der Aachener Nachrichten dabei und machte ein Foto von dem protestierenden Hochschulrektor und seinen Studenten auf der Treppe, die zum Hochschul-Hauptgebäude führte. Rechts auf dem Foto entdeckte ich meine damalige Frau, die als Studentin mit demonstrierte.

Und die Polizei? Die hielt sich im Gegensatz zu ihren Berliner Kollegen sichtbar zurück – den sie blieb praktisch unsichtbar. Die „Wannen“ standen, wie ich selbst sah, in Seitenstraßen. Überhaupt muss ich der Polizei in Nordrhein-Westfalen ein Kompliment machen: Sie hielt sich auch in der wüsten Zeit der 68-er-Proteste zurück. Knüppelorgien hat es nicht gegeben. Dass war das Verdienst des Innenministers Willi Weyer [FDP], der seine Polizisten zurückhielt. Ich selbst habe die Räumung des Aachener Stadttheaters miterlebt, als Protestler in eine Vorstellung eindrangen. Wenn diese gefilmt worden wäre, könnte der Streifen als Musterbeispiel für deeskalierendes Vorgehen der Polizei dem Polizeinachwuchs gezeigt werden.

Schon einen Tag vor dem Mord an Benno Ohnesorg, also am 1. Juni 1967, bekam ich eine Ahnung davon, wie brisant der Schahbesuch war. Der Schah, der seit dem 27. Mai in Deutschland war, stattete der Stadt Aachen einen offiziellen Besuch ab. Besichtigung des Doms und Empfang im Rathaus waren die Programmpunkte. Wie andere Journalisten auch musste ich mich für beide Programmpunkte gesondert akkreditieren, bekam ein entsprechendes Umhängeschild und genaue Anweisungen, wann ich im Dom zu sein hätte und wann und auf welchem Weg ich zum [nebenan liegenden] Rathaus zu gehen hätte. Auf dem Weg zum Dom sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Scharfschützen, die auf den Dächern rund um Dom und Rathaus lagen.

20 Minuten waren für die Führung durch den Dom durch den – in Aachen sehr populären – Domvikar Erich Stephany [Foto] angesetzt. Wir Journalisten mussten uns auf engstem Raum aufhalten, der durch Bänder markiert war. Mit uns waren auch ein paar Kollegen aus dem Iran. Als ein deutscher Kollege eine etwas lästerliche Bemerkung über den Schah machte, bekam er blitzschnell die Faust eines persischen Kollegen ins Gesicht. So richtig zum Zuge kamen die Prügelperser ja einen Tag später in Berlin. Ganz nebenbei: Im Dom war keine Polizei zu sehen.

Und dann kam der große Moment: Schah und Schahbanu betraten den Dom. Fast im Eilschritt führte Stephany sie durch den Dom, Französisch parlierend. Seine ganze Haltung drückte aus, was der Domherr für die Herrscher aus dem Iran empfand: Verachtung, In fünf Minuten war die Führung zuende. Das ganze Programm geriet durcheinander.

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