Notizbuch: Bulgarien boomt

7 03 2017

Montag, 7. März 2017

Sieger und Verlierer im aktuellen Tourismusgeschäft treffen sich jetzt auf der ITB Berlin, der größten Tourismusmesse der Welt. Zu den Gewinnern gehören Griechenland und Bulgarien. Vor allem Bulgarien profitiert von der schwächelnden Nachfrage der Reiseländer Ägypten und Tunesien und wohl auch der Türkei.

Dies bescherte dem Land – in erster Linie natürlich der Schwarzmeerküste – in den vergangenen zwei Jahren einen Riesenerfolg. Die Zahl der deutschen Touristen, die traditionell hinter Rumänien und Griechenland rangiert, stieg im Vorjahr von Januar bis November um über 32 Prozent auf 812000 Feriengäste.

Begehrte Schwarzmeerküste: Albena. Foto: JT Touristik

Noch ist kein Ende des Booms abzusehen. Davon haben vor allem die Anbieter von Badeurlaub etwas. „Als Veranstalter von Studienreisen profitieren wir nicht von einer Nachfrageverschiebung“, sagt Area Manager Manfred Schreiber von Studiosus. Alltours dagegen, Anbieter von klassischem Badeurlaub, hat nach einem Plus von 37 Prozent im Vorjahr noch einmal kräftig aufgestockt. Die Rechnung geht auf: Der Veranstalter liegt derzeit im zweistelligen Buchungsplus. Noch ein weiteres Beispiel: Fast 100 Hotels in allen wichtigen Regionen bietet ETI an. Michael Nickel, Leiter der Produktabteilung: „Mehr als 40 Flüge die Woche deutschlandweit nach Varna und Burgas runden das Angebot ab.“

Wie seine Kollegen ist Nickel davon überzeugt, dass die Situation rund ums Mittelmeer nicht der einzige Grund für den Bulgarien-Boom ist: „Bulgarien besticht durch ein hervorragendes Preis-/Leistungs-verhältnis und mit einem Produkt, das hervorragend auf die Bedürfnisse der deutschen Kunden zugeschnitten ist.“ Zu diesem Produkt gehören für Omid Haghighat, Head of IT & Product bei JT Touristik auch „das All Inclusive-Angebot und die langen Sandstrände.“ Daher könne man die Beliebtheit der Destination „nicht alleine auf eine Verschiebung durch sogenannte Krisenländer rechtfertigen“, betont auch Halina Strzyzewska, Senior Commercial Manager für Südosteuropa bei FTI. Der Beweis: „Neben den Regionen Gold- und Sonnenstrand entwickelt sich auch in bisher weniger bekannte Küstenorte die touristische Infrastruktur mit einem hochwertigen Hotelangebot.“ Zudem besitzt Bulgarien Weltklasse-Golfplätze und zieht mit diesem Angebot neue Gäste an.


Unisono weisen die Bulgarien-Anbieter in der Branche kolportierte Gerüchte zurück, mit dem Boom sei auch die Reklamationsquote in die Höhe geschnellt. Omid Haghighat spricht für alle Mitbewerber, wenn er feststellt: „Wir haben keine besondere Reklamationsquote bei Bulgarien-Urlaubern feststellen können und haben auch selber keinen Grund. etwas zu beanstanden.“

Ein Punkt bereitet Thomas Grober vom Alltours Hoteleinkauf allerdings Unbehagen: „Die Hotels leiden unter der Abwanderung von touristischem Fachpersonal ins Ausland, das ist vor allem für Bulgarien ein Problem.“ Die Konsequenz, so assistiert Rolf-Dieter Maltzahn, Geschäftsführer der DER Touristik Köln, sei „die Beschäftigung minder ausgebildeter Saisonarbeitskräfte aus Nachbarstaaten.“ Und der Touristiker warnt: „Mittel- und langfristig könnten daher Qualitätsdefizite entstehen.“

Mein Bericht ist am 6. Februar im Osteuropa-Schwerpunkt der Zeitschrift touristik aktuell erschienen.





Notizbuch: Hellas jubelt

8 02 2017

Griechenland jubelt. Die Griechenland-Veranstalter jubeln. Der Grund: Hellas ist wie ein Volkswagen – und läuft und läuft.

So optimistisch wie diesmal ist die Reisebranche wohl noch nie in eine Griechenland-Saison gestartet. „ Wir rechnen damit, dass dies das Trendziel des Sommers 2017 wird“, sagt Florian Fleischer, Leiter des TUI Produktmanagements Griechenland. Er hat guten Grund zum Optimismus: Mit einem Buchungsplus von 41 Prozent ist Griechenland bei den Hannoveranern zum Saisonauftakt Favorit. Auch Sabine Näcker vom Griechenland-Produktmanagement der Veranstalter-Marken Thomas Cook und Neckermann-Reisen stellt mit Genugtuung „ein ordentliches Buchungswachstum“ bei den Hellas-Buchungen fest. „Alle griechischen Destinationen liegen im Plus“, betont Oliver Grosse-Kleimann vom Alltours Produktmanagement. „Im Pauschalgeschäft erleben wir einen wahren Ansturm auf Griechenland“, staunt Rolf-Dieter Maltzahn, Geschäftsführer DER Touristik Köln, „fast alle griechischen Ziele wachsen überdurchschnittlich.“

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So rechnen denn alle Griechenlandanbieter mit einem Plus am Ende der Saison, auch Schauinsland und FTI, JT-Touristik oder ETI, Attika-Reisen und Dertour. Da stehen auch die Anbieter von Studienreisen nicht zurück, deren Buchungssaison häufig anders verläuft als bei den großen Sortimentern. Thomas Graune, Area Manager bei Studiosus: „Wir verzeichnen aktuell ein hohes zweistelliges Buchungsplus und führen das u. a. auf einen Nachholbedarf zurück.“ Auch Steffen Keese, Produktmanager bei Gebeco, liefert den Grund für den momentanen Erfolg gleich mit: „In den Medien laufen deutlich weniger schlechte Nachrichten aus Griechenland.“

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Für die Produktmanager kommt der Erfolg nicht von ungefähr. Unisono heißt es in der Branche: Griechenland ist im internationalen Vergleich nicht nur gut, sondern sehr gut aufgestellt. „Der Tourismus in Griechenland befindet sich auf einem sehr respektablen Kurs: Die Branche weiß um ihr großes volkswirtschaftliches Gewicht“, fasst es Jan Frankenberg, Bereichsleiter Produkt und Hoteleinkauf der DER Touristik Köln, zusammen. Und: „Beim Thema Servicequalität spielt Griechenland in einer Liga mit Spanien.“

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Es sind vor allem die Massenziele, die beim Boom Masse machen: Kreta, Rhodos, Korfu. Auch Kos, in den Vorjahren wegen der Flüchtlingskrise von vielen Urlaubern gemieden, ist wieder gut im Geschäft. Da die großen Inseln die Nachfrage nicht befriedigen könnten, haben jetzt auch kleinere Inseln wie Paros, Naxos, Santorin und Mykonos größere Chancen als in den Vorjahren. „Das ist das größte Griechenland-Angebot aller Zeiten“, frohlockt Florian Fleischer von der TUI. Sie hat allein auf Kreta, Rhodos und Kos das Angebot um 40 Prozent erweitert. Auf der Beliebtheitsskala aller weltweiten TUI Ziele liegt Griechenland bei den Gästen auf dem zweiten Platz hinter Spanien. Auch bei Alltours hat sich Hellas zum zweitstärksten Sommerziel entwickelt.

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Bleiben bei solch einem Aufgebot noch genug Flugsitze und Hotelbetten für die Konkurrenz? „Wir haben vorgesorgt“, heißt es sinngemäß bei fast allen Häusern. Aber wegen der guten Nachfrage „werden die Hotels in diesem Jahr schneller ausgebucht sein“, warnt Lothar Münzenthaler, Produktleiter Dertour, „hier heißt es: schnell sein!“ Ein Last Minute-Geschäft wird es kaum geben.

Diesen Bericht habe ich im Auftrag von touristik aktuell recherchiert und geschrieben. Er ist in leicht veränderter Fassung – und ohne  Fotos – in Ausgabe 4/2017 der Fachzeitschrift erschienen.





Notizbuch: „Nicht nur der Preis zählt“ – Studiosus mit empfindlicher Klientel

26 07 2016

Dienstag, 26. Juli 2016

Die Studienreisen-Klientel reagiert anders als klassische Badetouristen. Und empfindlicher, wie Studiosus-Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch jetzt bei der Präsentation von zwei Jahreskatalogen betonte.

kubschBeispiel Sri Lanka: Dass sich die Insel derzeit so gut verkaufe, liege nicht nur am Nachholeffekt nach dem Ende des Bürgerkriegs, sondern „auch daran, dass Indien nicht so gut läuft“. Seit 2012 gehen nach den Nachrichten über Vergewaltigungen die Buchungen für den Subkontinent zurück. „Wir stellen immer wieder fest: Nicht nur der Preis zählt“, sagt Kubsch, „unsere Kunden denken auch stärker über Politik nach oder die Stellung der Frau“.

Eindeutige Verlierer bei Studiosus sind derzeit Nordafrika und der Nahe Osten. Die Buchungen für Studienreisen in die Vereinigten Arabischen Emirate gehen zurück, Marokko wird nur halb so gut gebucht wie gewohnt, Tunesien „kommt fast zum Erliegen“ (Kubsch). Das alles habe „nichts mit Sicherheitsbedenken zu tun, sondern mit Sympathie“.

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„Fast zum Erliegen“: Tunesien

Mit 16 neuen Fernreisen geht Studiosus ins Rennen um die Gunst des Studienreise-Publikums im Reisejahr 2017. Allein sechs der Reisen führen durchs südliche Afrika. Neu sind unter anderem eine 18-tägige Natur-Studienreise mit Schwerpunkt auf der Tierbeobachtung und eine Wanderreise, die Südafrika mit dem Königreich Lesotho kombiniert. Das südliche Afrika erfährt auch im aktuellen Reisejahr „eine starke Wiederbelebung“, Ausgebaut wurde für 2017 auch das Angebot für Australien, Indochina, Sri Lanka und Kuba.

Kuba liegt als großes Boomziel auf Platz eins der diesjährigen Gewinner. „Alle wollen noch einmal den Soziaslismus life erleben“, erklärt Kubsch den Run auf die Insel, „deren Hotelkapazitäten voll sind und deren touristische Infrastruktur überlastet ist“. Auch der Iran, “in den letzten zwei, drei Jahren explosionsartig gewachsen“, ist ein solches Boomziel, aber dort hält die Entwicklung auf dem Hotelsektor der Nachfrage stand.

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Boomziele: Kuba [oben] und Iran. Fotos: Studiosus

Pavilion over the Tomb of Hafez in Shiraz, Iran

Pavilion over the Tomb of Hafez in Shiraz, Iran

Für die sehr unterschiedliche Preisentwicklung hat Kubsch einleuchtende Erklärungen. Dass Kuba im kommenden Jahr zehn Prozent teurer wird, überrascht nicht. Aber wieso wird das gut gebuchte südliche Afrika sechs Prozent preiswerter? Kubsch: „Vorteilhafter Wechselkurs.“ Und „viele neue Kapazitäten und gesunkene Nachfrage“ drücken den Preis für Chinareisen im kommenden Jahr um 16 Prozent.

41 Reisen, 15 mehr als dieses Jahr, enthält der Katalog „small & small“ für Studiosus-Kunden, „denen Badeurlaub zu langweilig ist, Studienreisen aber zu anstrengend“ (Kubsch). „Auszeit mit Kultur“ lautet denn auch die Unterzeile des neuen Kataloges, dessen Reisen von kleinen Gruppen und familiären Hotels geprägt sind. Neu diesmal sind die Ziele Sardinien, Schottland, Myanmar und Iran. Im Oktober liefert Studiosus weitere Studienreise-Kataloge für 2017 aus: Europa-Angebote, Reisen für Singles & Alleinreisende, Familienurlaub und Städtereisen.

„Das schmeckt mehr nach Urlaub“, sagt Holger Baldus, Produktleiter der Marke Marko Polo – die ebenfalls zur Studiosus-Gruppe gehört – zu seinem Angebot, „wir sind Mainstream im besten Sinne.“ Gereist wird bei Marco Polo in kleinen Gruppen mit durchschnittlich 18 Teilnehmern. Dabei stehen Kultur- und Naturhighlights der Destinationen auf dem Programm, der Studienreise-Charakter ist im Vergleich zu Studiosus deutlich zurückgefahren.

IMG_000521 neue Rundreisen enthält der Katalog für Erlebnis- und Entdeckerreisen, den Marco Polo jetzt mit dem Katalog für Minigruppen 2017 vorgelegt hat. Anfang Oktober erscheinen zwei weitere Kataloge: Young Line Travel und Individuelle Reisen ohne Gruppe. Die neuen Erlebnis- und Entdeckerreisen führen durch Südafrika, China, den boomenden Iran und Südthailand.

Drei neue Reisen bietet der Minigruppen-Katalog an, und zwar nach Costa Rica, Südindien und Kambodscha/Vietnam. Die Gruppen sind maximal zwölf Personen groß, aber „auch schon mal neun“ (Baldus). Übernachtet wird ausschließlich in kleineren Unterkünften mit besonderem Flair. Baldus: „Uns ist ein wichtiger Punkt, dass die Reiseteilnehmer den Gastgeber persönlich kennenlernen können.“

Im Jubiläumsjahr – Marco Polo ist schon seit 60 Jahren auf dem Markt – liegt die Nachfrage laut Baldus „deutlich im Plus“. Besonders beliebt sind Kuba, das südliche Afrika und Südostasien. Jahrelang, so erzählt Baldus, habe Marco Polo bei Reisebüroexpedienten mit dem Image zu kämpfen gehabt, ein besonders teurer Veranstalter zu sein. „Seit der Neuausrichtung vor zwölf Jahren sind wir das längst nicht mehr“, versichert Baldus. Im Gegenteil: Marco Polo ist der preiswertere Anbieter der Studiosus-Gruppe. Eine zehntägige Marokko-Reise ist bereits ab 1199 Euro buchbar.

[Dieser blog-Eintrag basiert auf zwei Berichten von mir in der aktuellen Ausgabe von touristik aktuell, Ausgabe 29-30, Seite 6]





Tagebuch: Ex-Trinker-Börse

8 03 2016

Montag, 7.März 2016

Es wurde viel getrunken in den ersten zehn, zwanzig Jahren der ITB Berlin. Dafür ist heute kaum noch Platz. Heute ist die ITB, die 50 Jahre alt geworden ist, eine Messe, auf der hart gearbeitet wird.

Lediglich neun Aussteller aus fünf Ländern nahmen an der ersten ITB in Berlin teil, die der Übersee-Importmesse „Partner des Fortschritts“ angegliedert war. Damals dachte niemand daran, dass aus dieser Miniausstellung auf mickrigen 580 Quadratmetern einmal die weltgrößte Tourismusmesse werden konnte.

Im vergangenen Jahr wurden 160.000 Quadratmeter vermietet, gebucht von über 10.000 Ausstellern aus 186 Ländern. Rechnet man alle Verträge und Abschlüsse zusammen, beträgt der Umsatz der Aussteller und Fachbesucher 6,7 Milliarden Euro. Die Pioniere aus dem Jahr 1966 heißen Ägypten, Brasilien, die Bundesrepublik, Guinea und Irak. 250 Fachbesucher wurden im ersten Jahr gezählt. Sie nahmen in der Kongresshalle im Tiergarten an einem Seminar zum Thema „Neue Urlaubsziele in neuen Kontinenten“ teil. Dabei wirkten Vertreter von 24 mittel- und westafrikanischen Staaten mit.

 1966 - erste ITB 1966 - Klein und Bescheiden: Im September 1966 stellten anlässlich der 1. Internationalen Tourismus-Börse ITB Berlin neun Aussteller aus Ägypten, Brasilien, der Bundesrepublik Deutschland, Guinea und dem Irak auf einer Ausstellungsfläche von 580 qm ihr touristisches Angebot vor.

1966 – Klein und Bescheiden: Im September 1966 stellten anlässlich der 1. Internationalen Tourismus-Börse ITB Berlin neun Aussteller aus Ägypten, Brasilien, der Bundesrepublik Deutschland, Guinea und dem Irak auf einer Ausstellungsfläche von 580 qm ihr touristisches Angebot vor.

Der Visionär, der den Mut hatte, die ITB aus der Taufe zu heben, heißt Dr. Manfred Busche. Als Angestellter der AMK (Ausstellungs-, Messe- und Kongress-Gesellschaft), wie die Messe Berlin damals hieß, erdachte er das neue Format. Ein Jahr später, von 1967 bis 1999, wurde Dr. Busche Geschäftsführer der Berliner Messegesellschaft. All die Jahre wurde er anerkennend „Vater der ITB“ genannt, er nahm das schmunzelnd zur Kenntnis. Dabei schlug ihm viel Gegenwind entgegen, als er vor einem halben Jahrhundert seine ITB-Pläne präsentierte. Die Messe suchte dringend nach einem neuen Betätigungsfeld. „Zuerst war eine Jagdausstellung im Gespräch“, erinnert sich Dr. Busche, „in Anbetracht des Viermächte-Status von Berlin schien uns die Umsetzung allerdings illusorisch, diese Branche hat ja mit Waffen zu tun…“

1976 – Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, schneidet am Stand von Griechenland eine Torte an

1976 – Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, schneidet am Stand von Griechenland eine Torte an

Seine Idee einer Reisemesse kam nicht überall gut an. Reisebüro-Inhaber befürchteten eine Verschiebung ihres Reisegeschäfts. Hoteliers sahen eine Expansion der Hotelkapazität auf Berlin zukommen. Der Gedanke, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, war im damaligen West-Berlin nicht weit verbreitet. Doch Dr. Busche erzielte schnell Erfolg. Schon die zweite ITB 1968 brachte den dauerhaften Durchbruch: Sprunghaft kletterte die Ausstellungsfläche auf fast das Achtfache, mehr als fünfmal so viele Fachbesucher kamen auf das Messegelände.

Schnell hat die Internationale Tourismus Börse ITB – die inzwischen offiziell ITB Berlin genannt wird – ihren Spitznamen: Internationale Trinker Börse. Es wurde wirklich viel getrunken auf der Messe in früheren Zeiten, um nicht zu sagen: Es wurde gesoffen. Wer seit Jahrzehnten auf der ITB unter-wegs ist, wird sich an Interviewpartner erinnern, mit denen man sich am besten mittags zwischen 12 und 15 Uhr verabredete. Vor 12 Uhr waren sie noch nicht nüchtern, und nach 15 Uhr waren sie nicht mehr nüchtern.

Das ausgiebige Feiern ist seit vielen Jahren passé. Zu gigantisch ist die weltgrößte Tourismusmesse geworden und zu stressig, um sich mit Alkohol auszubremsen. Die Fachbesuchertage haben sich auf drei konzentriert, das verlangt stringentes Arbeiten. Früher war das anders. Die ITB erstreckte sich wie heute die Grüne Woche über zwei Wochenenden. Da fiel es nicht so ins Gewicht, wenn Touristikmanager mal einen Tag mit „Migräne“ ausfielen. 1980 wurde die Fach- und Publikumsmesse um ein Wochenende gekürzt, im Laufe der Jahre folgten weitere Streichungen. Auch die Zahl abendlicher Empfänge und Feste ist rapide zurückgegangen. Sie gehörten früher zur Reisemesse unterm Funkturm wie ein Papier-Ticket zur Flugreise. Im letzten Jahr lud JT-Geschäftsführerin Yasmine Taylor zur ersten „Pink Party“. Ihr Ziel: Der weltgrößten Tourismusmesse wieder ein abendliches Highlight zu bescheren, bei dem Glamour, Show und Tourismus zusammentreffen.

Schon von Anfang an zeichnete sich ab, ws ein Markenzeichen der ITB werden sollte: Noch als die Welt noch mitten im Kalten Krieg steckte, kamen die Ostblockländer Ungarn und Rumänien. Bis heute werden – unabhängig von politischen und weltanschaulichen Grenzen – Länder und Gebiete zur ITB zugelassen, ja geradezu eingeladen. Sternstunden waren gemeinsame Pressekonferenzen sich feindlich gegenüber stehender Länder wie Israel und Ägypten.

1986 – Die „2300-jährige unterirdische Armee“aus China  zu Gast auf der ITB Berlin

1986 – Die „2300-jährige unterirdische Armee“aus China zu Gast auf der ITB Berlin

Auch stellten und stellen Länder aus, die Untertanen nicht pfleglich behandeln und Menschenrechte wenig beachten. Auf der zu Busches Zeiten üblichen, stets gut besuchten und medial beachteten ITB-Abschlusspressekonferenz wurde der Messechef deswegen einmal hart angegangen. „Wenn Sie alle Länder von der Messe ausschließen würden, die es mit den Menschenrechten nicht genau nehmen, gäbe es keine ITB“, konterte er und fügte grummelig, wie er manchmal sein konnte, hinzu: „…und keinen Tourismus.“

Während seiner Amtszeit pilgerte Busche Abend für Abend von ITB-Event von ITB-Event. Kein Saal war ihm zu voll, keine Location zu eng, kein Weg zu weit, um mit Gastgebern, Ausstellern und Fach-besuchern ins Gespräch zu kommen. Oft ging das weit über Smalltalk hinaus. Er zelebrierte Networking – zu einer Zeit, als die touristische Welt das Wort noch gar nicht kannte.

Von Anfang an führt die ITB ein Zwitterleben, sie ist Fach- und Publikumsmesse zugleich. Zur zweiten ITB trafen sich schon 1.250 Fachbesucher, und 123.000 Privatpersonen besuchten als Publikum die Messehallen unter dem Funkturm. Zu der hohen Zahl trug gewiss bei, dass die zweite ITB mit der Boots- und Freizeitschau stattfand. Diese Kombination wurde bis 1980 beibehalten, dann wurde die Bootsmesse von der ITB abgekoppelt. Die Begründung, dass die ITB alleine nicht so respektable Publikumszahlen erzielen konnte, lautete vor der Wende: Dem eingemauerten West-Berlin fehle das Umland. Doch auch nach dem Fall der Mauer änderte sich die Zahl nicht signifikant. Letztes Jahr kauften rund 50.000 Besucher ein Ticket.

Aus Sicht des Veranstalters ist der Spagat zwischen reiner Fachbesuchermesse und rasanter Show fürs Publikum eine Herausforderung. Mal ärgerten sich Aussteller und Fachbesucher über zu viel Lärm durch Folklore-Darbietungen, mal beklagte sich das Publikum über zu wenig Show. 1982 unternahm die Messe den Versuch, mit klaren Regelungen zur Folklore und weiteren Publikumsattraktionen die ITB als Publikumsveranstaltung fester zu verankern. Fachbesucher und Aussteller haben die ersten drei Tage Business-Atmosphäre, das Publikum kommt am Wochenende. Dieser Versuch ist gelungen, auch wenn sich das nicht in steigendem Besucherandrang niedergeschlagen hat. Zeitig vor dem Messestart gibt die Messe sogar eine eigene Pressekonferenz zum Thema: ITB fürs Publikum.

Noch etwas zeichnet die Messe aus: Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente, viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, Gay & Lesbian Travel… Die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit. Noch etwas zeichnet die Messe aus. Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente. Viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen/Youth Travel, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, ITB Career Center, Gay & Lesbian Travel… Die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit. Ohne die Cluster wären Spezialisten vermutlich unauffindbar. Das riesige Angebot sinnvoll zu bündeln und zugänglich zu machen, ist eine der Herkules-Aufgaben des ITB-Teams. Hilft die Messe den einen, sich zu etablieren, bietet sie anderen eine Plattform, gesehen und gehört zu werden. Fachlicher Austausch, durchaus tiefgründig und kontrovers, findet in teils hochrangigen Podiumsdiskussionen statt.

Kritische Töne – aber bitte nicht zu viele und nicht zu laut – sind gerne gehört. Einen Namen gemacht haben sich die „Zwischenrufe“ des Studienkreis für Tourismus und das Studiosus-Gespräch mit Experten. Weltweiten Ruf genießen die ITB-Foren. 1977 feierte das Kirchenforum Premiere, 1988 wurde zum ersten Male das Afrika-Forum veranstaltet, 1992 folgte das Karibik-Forum. Jüngstes Austauschforum ist der Tag des Barrierefreien Tourismus.

Tourismuskritiker und Anbieter von alternativen Reisen bezeichnen 1984 als Durchbruch: „Probehalber“, wie die Messe ankündigte, stellten sie in einer eigenen Halle mit dem Titel „Anderes Reisen“ aus. Seitdem gehören sie zur ITB wie die Kehrseite einer Medaille – verstreut übers gesamte Messegelände und nicht mehr nur in einer Halle. Kritisches wird auch mit einigen der Awards ausgedrückt, die im Zusammenhang mit der ITB reichlich verliehen werden. Einige waren nicht so beständig wie die ITB selbst. Da gab es mal die „Goldene Reisekutsche“ des Jaeger-Verlags und den messe-eigenen Filmwettbewerb „Prix ITB“. Beide sind Vergangenheit.

Neu auf der ITB Berlin: "KulturTourismus" New at the ITB Berlin: "Culture Tourism"

Neu auf der ITB Berlin: „KulturTourismus“
New at the ITB Berlin: „Culture Tourism“

Etabliert haben sich der Book Award und auch der Columbus-Ehrenpreis „für besondere Verdienste um den Tourismus“. Zum zehnjährigen Bestehen der Weltmesse des Tourismus verlieh der VDRJ ihn zum ersten Mal an Bundeswirtschaftsminister Dr. Hans Friederichs. Die Liste der nachfolgenden Preisträger in vier Jahrzehnten liest sich wie der Gotha des Tourismus: César Manrique (1978), Dr. Martin Busche (1985), Horst von Xylander (1995), Friedensreich Hundertwasser (1998), Reinhold Messmer (2007), Klaus Laepple (2013)…

In dieser Ehrengalerie könnten wir uns auch gut Peter Köppen vorstellen. 34 (!) Jahre, von der vierten ITB bis zur Messe 2004, war er Pressesprecher der ITB – ein Fels in der Brandung, eine Persönlichkeit mit Stil und Charme. Jahr für Jahr saß Peter Köppen auf seinem blauen Stuhl im Pressezentrum und stellte sich dem Ansturm der Journalisten aus aller Welt. Sein Presseteam war bunt gemischt und spiegelte die Vielfalt der Nationalitäten. Im babylonischen Sprachengewirr prasselten täglich tausende Fragen ungezählter Medienvertreter auf das Presseteam ein, Fragen nach Pressekonferenzen und Parkausweisen, Interviewterminen und Messetrends. Meist gelassen und geduldig, mitunter auch leicht genervt ob der Ansprüche einiger Journalisten, war er über Jahrzehnte der Pol, um den sich das Messegeschehen aus journalistischer Sicht drehte. Peter Köppen war ein begnadeter Netzwerker. Manchem Journalisten verhalf er zu exklusiven Geschichten. Intensiv kümmerte er sich um den journalistischen Nachwuchs. Und wenn es nötig war, half er Kollegen auf den richtigen (Heim-)Weg, wenn diese sich zu sehr an den Spitznamen der Messe gehalten hatten. Sein blauer Stuhl steht noch immer in der Pressestelle.

Erst verborgen in den Katakomben, inzwischen herangereift zum größten Tourismus-Kongress der Welt und nicht mehr wegzudenken, geben sich illustre Branchenvertreter beim ITB-Kongress die Klinke in die Hand. Parallel zu den Fachbesuchertagen wird hier ein hochkarätiges Programm zu-sammengestellt. Hotellerie, CSR, Tourismus-Marketing, die Zukunft des Reisens sind die Themen, die – stets unter Beachtung der aktuellen Entwicklung – an eigenen Schwerpunkttagen in mehreren Kongresssälen behandelt werden. ITB-Vater Busche nennt die Gründung des Kongresses 2004 einen „großen Meilenstein“. Den Charme der Anfangsjahre hat sich der ITB-Kongress erhalten, Dozenten, Kongressbesucher und Studenten kommen unkonventionell miteinander ins Gespräch.

Und wie begeht die Messe Berlin das Jubiläum? Für die größte Tourismusmesse der Welt hat sie sich eine eigenwillige Aktion ausgedacht. In Kooperation mit airberlin schickte sie 50 ernannte ITB-Botschafter unter dem Motto „From Berlin With Love“ in 50 [Reise-]Ziele, u.a. nach Abu Dhabi, Wien oder das Kennedy Space Center in Florida: Dort trafen sie 50 Repräsentanten und unterhielten sich mit ihnen über 50 besondere Ereignisse, Themen oder Projekte, die für den Tourismus besonders prägend waren oder sind. Zur Erinnerung überreichten die Botschafter ihren Gesprächspartnern einen limitierten ITB-Buddy Bären. Zur ITB ist ein Erinnerungsbuch geplant. Der Titel: From Berlin with Love. 50 Destinations. 50 Encounters. 50 Stories.

Zum Jubiläum vor 25 Jahren widmete die Deutsche Bundespost der Messe eine 100-Pfennig-Sondermarke. Sie wurde in ganz Deutschland geklebt, nur nicht auf Briefe der Messe Berlin. „Dazu hätten wir ja extra einen Studenten anstellen müssen“, argumentierte die Messe und nutzte auch im Jubiläumsjahr den Freistempler. Diesmal gibt es keine Sondermarke.

Erwartet die ITB Berlin eine rosige Zukunft? „Im digitalen Zeitalter steigt die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung“, ist Busche überzeugt, „deshalb ist das jährliche Familientreffen auf der ITB Berlin, wo Menschen sich in die Augen sehen und die Hände schütteln, ein absolutes Muss.“ Oft ist die Begegnung eine kurze: „Wir sehen uns!“ rufen sich zwei Fachbesucher zu, die sich in irgendeiner Halle begegnen. Doch in dem Gewühl der Fachbesucher, der über 5.000 Journalisten aus 75 Ländern und der 350 Blogger aus 30 Ländern sehen sie sich – leider viel zu oft – nicht wieder.