Notizbuch: so viel Mies wie möglich

29 09 2018

Samstag, 29. September 2018

Was ich denn mit dem Rest des Tages noch anfangen wolle, wurde ich gefragt. Das war 1972. Ich hatte mich in der Redaktion der Zeitschrift „test“ der Stiftung Warentest als neuer Reiseredakteur beworben, und der Flug von Köln/Bonn nach Berlin zum Vorstellungsgespräch war der erste Flug meines Lebens… „Ich will mir unbedingt die Neue Nationalgalerie ansehen!“ war meine Antwort. Den versammelten Herren sah ich an, dass sie das damals schon weltberühmte Ausstellungshaus noch nie von innen gesehen hatten.

Ich bekam die Stelle. Und von meinem ersten Berlin-Tag machte ich den Bau von Mies van der Rohe zu einer Art Rückzugsort bei jeder Art seelischer Blähung. Das hat immer funktioniert, egal welche Ausstellung dort zu sehen war. Was habe ich da in 45 Jahren für Ausstellungen gesehen. Wer jetzt um den Bauzaun herumgeht, der die Neue Nationalgalerie während der Sanierung umgibt, sieht von jeder dieser Ausstellungen das Originalplakat – eine gute Idee.

Ich bin in die Jahre gekommen. Mies van der Rohes Bau auch. Der wird nun generalsaniert, bei Gebäuden geht das ja. 50 Jahre haben dem Beton zu schaffen gemacht, und nicht nur dem. Zudem ist es kein  Geheimnis, das der Bau aus Glas und Stahl mit seinem „schwebenden“ Dach zwar ein architektonischer Geniestreich ist, aber in seiner Funktion als Museum so seine Macken hatte.

Mies van der Rohe – der aus meiner Heimatstadt Aachen stammte – erhielt den Auftrag zum Bau eines Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts 1962. Als das Dach eingeschwebt wurde, kam er eigens aus den USA herbeigeflogen. Zur Einweihung 1968 war er dazu körperlich nicht mehr in der Lage. Mies van der Rohe, geboren 1886, starb 1969.

Den Wettbewerb zur mittlerweile 110 Millionen Euro teuren Generalsanierung gewann das Architekturbüro von David Chipperfield, sozusagen ein Spezialist für Berliner Museen. Er schuf den Neu- und Wiederaufbau des vor zehn Jahren [wieder-]eröffneten Neuen Museums auf der Museumsinsel und ist der Schöpfer des neuen – durchaus umstrittenen – Eingangsgebäudes James-Simon-Galerie. James Simon war zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein großer Mäzen der Berliner Museen.

Als Berater steht im Mies van der Rohes Enkel Dirk Lohan zur Verfügung. Der war Bauleiter vor 50 Jahren und hat dann das Architekturbüro seines Großvaters übernommen. Schon fünf Museen hat er entworfen. Die Aufgabe in Berlin ist gigantisch. Der Museumsbau wurde in 35.000 Einzelteile zerlegt, die in Lagerstätten rund um Berlin verteilt sind. Die 3,40 mal 5,60 großen Glasscheiben, die auch erneuert werden müssen, kommen aus China. Dort steht das einige Werk der Welt, das so etwas kann. Den Sanierungsarbeiten hat Chipperfield auch ein Motto verpasst: „so viel Mies wie möglich“.

 

 

 

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Tagebuch: Die Tjaereborg-Story

8 08 2014

Samstag, 9. August 2014

DSCN3310Das Ereignis liegt zwar schon einige Wochen zurück, ist aber eine Erwähnung wert: Eine Überraschung für die angereisten Journalisten hielt Sören Hartmann bereit, Sprecher der Geschäftsführung der DER Touristik. Bei der Vorstellung des Winterprogramms der Marken ITS und Tjaereborg in St. Johann in Tirol teilte er die Gründung einer neuen Marke mit: Travelix. Sie kombiniert das bisher größte buchbare Hotel- und Flugangebot der DER Touristik mit tagesaktuell günstigen Preisen. „Verbunden mit der sicheren Abwicklung eines großen Reiseveranstalters bietet Travelix damit Kunden und Reisebüros eine neue starke Marke“, betonte Hartmann. Und: „Gut auch für die Natur durch die Einsparung von mehr als zwölf Tonnen Papier, denn Travelix kommt ohne Katalog aus.“ Die Preise von Travelix sind so aktuell und scharf kalkuliert, „dass sie bei Erscheinen eines Kataloges schon überholt wären“ (Hartmann).

In einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt es: Mit annähernd 4.000 Hotels in über 100 Reisezielen ist Travelix bereits zum Start breit aufgestellt. Die Klassiker unter den Urlaubsregionen stehen im Mittelpunkt: Rund um das Mittelmeer reicht das Angebot von den Balearen über die Türkei und Griechenland bis nach Tunesien und Ägypten. Fernreisen bietet Travelix in die Karibik, nach Asien und im Indischen Ozean an. Städte-Ziele sind etwa Berlin, Barcelona, London, Rom, Paris oder New York.

Das Travelix-Angebot bietet größtmögliche Flexibilität: Die Gäste entscheiden, ob sie zu Flug und Hotel einen Transfer buchen möchten oder nicht. Auch die einzelne Buchung von Hotelangeboten ist möglich. Wofür sich die Gäste auch entscheiden, die Travelix-Reiseleitung ist rund um die Uhr erreichbar.

thUnd Tjaereborg, die Preiswert-Marke von DER Touristik Köln? Hartmann: „Das Katalogangebot von Tjaereborg finden Reisebüros und Kunden ab 1. November 2014 zum größten Teil bei ITS.“ Mit anderen Worten: Tjaereborg ist futsch vom Markt. Damit ist eine rasante Geschichte zu Ende gegangen.

Ein Pfarrer hat die Firma 1950 gegründet – und nach seinem Heimatort, dem dänischen Tjaereborg benannt. Zuerst fuhr er mit zwei gecharterten Bussen und seiner Gemeinde nach Spanien. Dabei fand er so viel Spaß am Reisen – und dem Einholen preiswerter Angebote. Er kaufte Busse, gründete Reisebüros und schickte eine eigene Fluggesellschaft, die Stirling Airways, auf die Reise. Im Nu war Tjaereborg einer der größten Reiseveranstalter Europas.

220px-Sterling_OY-MLWAls Leiter der Reiseredaktion der – von der Stifftung Warentest herausgegebenen – Zeitschrift „test“ habe ich ab 1972 mitbekommen, welch große Angst die deutschen Veranstalter vor der Billig-Konkurrenz aus Dänemark hatten. Ich erfuhr als erster Journalist von der Invasion. Auf der ITB 1974 kam ein Herr an den Stand der Stiftung Warentest, bestellte alle vom Reiseservice der Stiftung Warentest herausgegebenen 3.000 Hotelbeschreibungen weltweit – und überreichte mir eine Visitenkarte mit Aufschrift und Logo Tjaereborg. Da hatte der Pfarrer schon vier Monate vorher Tjaereborg Deutschland als hundertprozentige Tochter seiner dänischen Firma gründen lassen. Drei Jahre später war Tjaereborg viertgrößter deutscher Reiseveranstalter.