Notizbuch: Gutes tun im Schlaf

14 03 2018

Dienstag, 14. März 2018

„Nein“, wehrt Stephanie Lange ab, „bei uns wird nicht missioniert, und fromm zu sein ist bei uns kein Einstellungskriterium.“ Die Marketingleiterin der kleinen, aber feinen Hotelgruppe Albrechtshof Hotels wirbt zwar gerne mit dem Slogan „Gutes tun im Schlaf“, legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den vier Häusern der Gruppe – drei in bester Berliner Citylage, eines in der Lutherstadt Wittenberg – um „ganz normale Mittelklassehotels“ handelt.

Sonst würden „Reiseveranstalter wie Ameropa, Thomas Cook und andere die Hotels nicht in ihre Programme aufnehmen“. Der Hintergrund: Träger der Häuser ist die Berliner Stadtmission, die unter anderem die Bahnhofsmission im Bahnhof Zoo und Berliner Kältebusse unterhält. Jede Übernachtung in den vier Hotels trägt zur Finanzierung der Projekte bei.

Die Rezeption im Hotel Albrechtshof. Kein Designerhotel, aber gemütlich

Flaggschiff der Hotelgruppe ist das Hotel Albrechtshof direkt am Bahnhof Friedrichstraße. Das Haus gibt es schon seit über 100 Jahren, hieß früher „Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße“ und wurde in den 90-er Jahren umbenannt. Lange: „Der Hospizbegriff hat sich schließlich gewandelt.“ Schon immer, auch zu DDR-Zeiten, war das Haus eine renommierte Adresse. 1964 logierte hier Martin Luther King, als er sich mit Kirchenvertretern traf. An diesen Besuch erinnert eine Kapelle im Souterrain des Hotels, in der jeden Morgen eine Andacht angeboten wird – einziges Zugeständnis des Hauses an die kirchliche Bindung. „Sozusagen Frühstück für die Seele“, sagt Stephanie Lange, „aber es wird nicht gepredigt.“

Das Frühstück für die Seele ist keineswegs Pflicht

Die Rezeption, die Bar, das Restaurant Albis, der Veranstaltungsraum für 80 Personen, die 98 Zimmer – das alles ist gut in Schuss, aber nicht gerade vom modernsten Design: Ein wohltuender, charmanter Hauch von Nostalgie liegt über dem Hotel. Dem entsprechen auch die hohe Stammgast-Quote und die lange Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter. „Einige sind 30 Jahre im Betrieb“, sagt Stephanie Lange, die immerhin schon 15 Jahre dabei ist.

Während im Albrechtshof und dem gegenüberliegenden Hotel Allegra (76 Zimmer) langjährige Geschäftskunden das Stammpublikum stellen, sind es im dritten Berliner Haus mehr die Berlin-Touristen. Das Hotel liegt ebenfalls im Bezirk Mitte in der Auguststraße und heißt Augustinerhof. Vom Albrechtshof bis zum Augustinerhof sind es nur zehn Minuten zu Fuß, aber der dortige Kiez ist viel lebendiger und vor allem touristischer. Zum Luther-Hotel in der Altstadt von Wittenberg (159 Zimmer) gehören ein Tagungsbereich, der 320 Personen fasst, und das gehobene Restaurant „von Bora“ im Lutherhaus.

Viel Platz, alles da – Zimmer im Albrechtshof

In allen vier Albrechtshof Hotels können die Gäste, wenn sie mögen, über ihre Übernachtung hinaus Gutes tun, nämlich 20 Euro spenden. Soviel kostet der Stadtmission eine Übernachtung ihrer Kältegäste. Lange: „Natürlich gibt es dafür eine Spendenquittung.“

Meinen Bericht habe ich für touristik aktuell recherchiert und geschrieben. Dort ist er auch als erstes erschienen, und zwar in der Ausgabe 07 vom 26. Februar 2018

 

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Notizbuch: Heim für Best Ager

21 10 2017

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Antwort war klassisch. Als ich Hermann Paschinger eines sonntags per email fragte, ob er eigentlich immer arbeite, schrieb er zurück: „Ich bin selbstständig. Ich arbeite selbst. Und ständig.“ Hermann Paschinger ist Inhaber des Instituts für touristische Angebotsentwicklung mit Sitz in Straß im Straßertale/ Niederöster-reich. Sein größter Wurf: die 50plus Hotels.

Wohl kein anderer Mensch in Europa kennt sich im Marktsegment der Best Ager-Reisen so gut aus wie Hermann Paschinger. Der Tourismusberater erfand vor fast 20 Jahren, 1998, die Kooperation „50plus Hotels“. Schon ein Jahr später wurde dieses Konzept mit dem  Österreichischen Staatspreis für Tourismus ausgezeichnet. Mittlerweile gehören 25 Hotels in sechs europäischen Ländern dieser Kooperation an. Im Zentrum steht der deutschsprachige Markt. 50plus Hotels findet man auch in Italien, Ungarn und Tschechien. Die Mitgliedshotels haben drei bis fünf Sterne und sind meistens familiengeführte Betriebe. Gerade das ist Paschinger sehr wichtiig.

Typisch 50plus-Kooperation: Das Waldhotel Willingen [oben] ist familiengeführt. Unten: Jörg Virnich und Familie, Betreiber des Hotels

50plusHotels – das ist ein Qualitätsgütesiegel und steht nicht für ein spezifizisches Angebot. Paschinger: „Dieses wird vom betreffenden Hotelier erbracht.“ Die Mitgliedschaft in der Kooperation steht vielmehr für ein Service- und Qualitätsversprechen, das die Hoteliers abgeben. „Das bedeutet, dass man in unseren Häusern bestens auf die lebens- und reiseerfahrene Generation zugeht und sie herzlich und in aller Zuvorkommenheit umsorgt“, versichert Paschinger, „Kernkompetenz unserer Gastgeber ist die starke und persönliche Beziehung zum Gast.“

Viele Reisebüro-Mitarbeiterhaben erkannt, dass sie auf Nummer sicher gehen, wenn sie ihrer Best Ager-Kundschaft ein Haus der 50plus Hotels empfehlen und dort einbuchen. Auch Reiseveranstalter schätzen das Qualitätsversprechen der Kooperation und haben deren Häuser in ihr Portfolio aufgenommen. Dazu zählen TUI, Thomas Cook, Ameropa, Wikinger Reisen, einige kleinere Anbieter und diverse Gruppenreiseveranstalter.

Gartenhotel Pfeffel in Dürnstein/Wachau

Paschinger nennt seine 50plus Hotels „eine Lifestyle-Plattform, die auch für Harley-Davidson- und Cabrio-Fahrer, Golfer, Schneesportler, Wanderer und ganz generell für Geniesser attraktiv ist.“  Bei den Hotelangeboten liegt der Focus vor allem bei den  Angebotsthemen „Wandern & Natur“, „Sport & Aktiv“, „Wellness & Vital“ und „Kultur & Genuss“.

Aber kann man die Urlauber der Zielgruppe 50plus wirklich in einen Topf werfen? Haben 55-jährige nicht ganz andere Vorstellungen vom Urlaub und Urlaubsaktivitäten als 70-jährige? Paschinger räumt ein, dass die Zielgruppe sehr inhomogen ist. Aber er entdeckt doch gewisse einheitliche Züge: „Ab 50 ist das Hotel stärker als Komfortzone gefragt, Dienstleistung und Service gewinnen an Wichtigkeit.“ Und: „Die Generation 50plus bucht mehr Hotelaufenthalte als die Jüngeren, lässt sich eher als Stammkunde gewinnen und ist bereit, für ein gutes Erlebnis gut zu bezahlen.“ In vielen alpinen Destinationen stammt in den Sommermonaten jede zweite Übernachtung von Best Agern, und sie buchen auch in der schwach ausgelasteten Nebensaison. Und noch eine Gemeinsamkeit hat Paschinger entdeckt: „Menschen ab 50 fühlen sich in der Regel zehn bis 14 Jahre jünger als sie tatsächlich sind.“

Stimmt. So geht es mir auch.