Tagebuch: gestatten, Kadir Ugur – Bauchtouristiker

15 02 2016

Sonntag, 14. Februar 2016

Bei allem Erfolg ist Kadir Ugur, CEO des Türkei-Spezialisten Bentour, uf dem Teppich geblieben. Einer von der aussterbenden Art der Bauchtouristiker.

Er ist eine lebende Legende. Ein Touristiker des Schlages, die ich „Bauchtouristiker“ nenne: Manager, bei denen sich Instinkt, also der richtige Riecher und BWL-Wissen die Waage halten. Eindeutig eine aussterbende Art! Ich habe Kadir Ugur [übrigens „Uhr“ ausgesprochen, wie unsere Ticktack] auf der DRV-Tagung in Salzburg keinen gelernt und gemocht vom ersten Augenblick. Vielleicht liegt das daran, dass wir beide Löwen sind. Kadir ist seit 50 Jahren im Tourismus tätig, und ich bin seit 50 Jahren Journalist. Kadir hat sich jugendliches, ich würde fast sagen: kindliches Wesen erhalten, und ich bin auch noch nicht richtig erwachsen geworden.

Kadir 4

In einem Bericht für touristik aktuell, der noch nicht erschienen ist, habe ich über eine Jachtreise mit Kadir geschrieben: Kadir Ugur ist es als CEO des Türkei-Veranstalters Bentour gewöhnt, das Steuer in der Hand zu halten. So nimmt er wie selbstverständlich seinem Skipper Murat das Ruder der „Ben Swisss Yacht“ aus der Hand, die durch die türkische Ägäis kreuzt. Dann sitzt er glücklich hinter dem großen Rad wie ein Zwölfjähriger, der seiner Playstation ein neues Spiel entlockt. Wie ein Kind also, kann Kadir sein. Die Jacht als sein Spielzeug. Die Reise war eine Pressereise, vier Kolleginnen und ich waren eingeladen. Nicht einmal hat Kadir Ugur gefragt: Was werdet Ihr schreiben? Das nenne ich souverän.

Kadir 2

Schon als Gymnasiast hat Kadir, Jahrgang 47, sich als Reiseführer in Instanbul Geld dazu verdient. Schon nach einem Jahr Studium der Wirtschaftswissenschaften gründete er mit Freunden zwei Touristikbüros, eines in Alanya, das zweite in Istanbul. 1983 wurde der Türkei-Spezialist ATT aus der Taufe gehoben, der 1991 n Rewe verkauft wurde. Ich will nicht jede Station dieses durchaus bewegten, zeitweise stürmischen Berufslebens auflisten. Nur so viel: Heute ist Kadir Ugur CEO des Türkei-Spezialisten Bentour mit Sitz in der Schweiz, sein Sohn Deniz ist mit ihm Geschäftsführer.

Kadir 5

Auf der Jachtreise durch die türkische Ägäis war Zeit für lange Gespräche. Kadir Ugur ist auf dem Teppich geblieben. Das großspurige Auftreten so mancher CEOs ist ihm fremd. Das belegt folgende kleine Geschichte: Als ich Kadir nach der Jachtreise, die im September letzten Jahres stattfand, im November auf der DRV-Tagung in Lissabon wiedersah, freute ich mich wie ein Schneekönig, umarmte ihn und drückte ihn herzlich. Ich bildete mir ein, dass ich ihn damit überfahren hatte und er mit deutlicher Zurückhaltung reagierte. Na ja, wer will schon einem anderen Menschen zu nahe treten? Also fragte ich ihn auf einer Abendveranstaltung, ob ich ihm mit meinem Überschwang lästig gefallen sei. „Wie kommst Du denn drauf“, fragte Kadir – und schon nach: „Dann müssen wir das wiederholen“. Sprach’s und schnappte und drückte mich.

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Tagebuch: Gewusel – Dubai I

10 05 2014

Samstag, 10. Mai 2014

fünf

Was für ein Gewusel! Der Arabian Travel Market [ATM], der jedes Frühjahr in Dubai stattfindet, ist zwar bei weitem nicht so groß wie die ITB in Berlin. Dafür aber dreimal so lebendig. Da trifft man nicht auf förmlich-geschäftliche und mehr oder wenig steife Zurückhaltung. Da ist ein einziges Umarmen, Abgeküsse und Zugewinke. Und natürlich: Reden, reden, reden in allen Sprachen der Welt. Und Visitenkarten-Tauschen. Noch nie bin ich so viele Visitenkarten pro Tag losgeworden wie auf dieser Messe.

einsZum dritten Male war ich in diesen Tagen auf der ATM, und wieder überwältigt von der Bereitschaft der Aussteller und Fachbesucher, Kontakte zu schließen. Ich war wieder im Auftrag von touristik aktuell da und wieder auf Einladung von JT Touristik. Der Produktmanager dieser Firma für die Vereinigten Arabischen Emirate ist jedes Mal mit von der Partie, Dr. Daniel Esavandi. Wir haben nicht nur viel Spaß miteinander, sondern ich bekomme auch wertvolle Tipps und Hintergrundinformationen.

Wir wohnten in einem Hotel ganz nach meinem Geschmack, im Sofitel The Palm. Es liegt, wie der Name verrät, auf der künstlichen Insel in Palmenform. Das Hotel ist vorzüglich, was Ausstattung und Service betrifft. Ich komme in den nächsten Tagen darauf zurück.

Westliche Geschäftsleute im dunklen Businessanzug, arabische Touristiker in blendend weißer Tunika, Frauen in der traditionellen Abaya, Managerinnen in erstaunlich freizügiger Business-Kleidung – sie alle wuseln. Dazwischen Clowns, stolze Falkner mit ihren Jagdfalken, mächtig aufgeplusterte Werbefiguren – eine köstliche Mischung. So macht man Messe.

acht

sechs

vier

zwei

Falke

Und dann das Abschlussfest! Die Branche traf sich im labyrinthartigen Aquarium des Hotels Atlantis. Da bestaunten Menschen erstaunte Fische und umgekehrt. Es war ein köstlicher Abend.





Tagebuch: Rückblick, anders

20 12 2013

Freitag, 20. Dezember 2014

Jahresrückblicke hasse ich. Was wird da alles aufgebauscht, was wird alles heruntergespielt… Was Jauch & Co. da servieren, ist nur schwer erträglich. Natürlich ist das Ansichtssache. Früher, bei den Aachener Nachrichten, habe ich selbst ein paarmal einen Jahresrückblick machen dürfen, vielleicht bin ich daher geschädigt.

Wenn ich auf mein eigenes berufliches Jahr zurückblicke, sehe ich – Zeitungssterben. Oder genauer: Zeitschriften-Sterben. Sales Business, eine Fachzeitschrift für Vertriebsleute: eingestellt. GoGlobalBiz, eine Fachzeitschrift für Geschäftsreisende: eingestellt.

Für Sales Business habe ich im Laufe der Jahre so einige Reports geschrieben – über Flugangst beispielsweise oder Jet Lag, über andere Sitten in anderen Ländern oder verlorengegangenes Gepäck. Die Redakteurin, die mir die Aufträge gab und meine Beiträge betreute, kannte ich noch von touristik aktuell: Sie war da mal ein paar Jahre Chefredakteurin. Mitte des Jahres wurde ihre Zeitschrift vom Markt genommen. Finito della musica.

Aus für die Spielwiese

Härter traf mich die Einstellung der Zeitschrift GoGlobalBiz. Drei Jahre lang war sie eine Spielwiese für mich. Reisethemen habe ich dort untergebracht und auch kompliziertere Fachthemen. Einen Systemvergleich Flugzeug-Bahn-Bus beispielsweise, die Themen CarSharing, Mietwagen, Mietbüros. Und das Thema Tagen stand häufig auf meiner Auftragsliste: Tagen in Norwegen, Tagen in Belgrad, Tagen auf See. Elf Folgen schrieb ich zum Thema Tagen im Grünen. Dabei wurden jeweils vier Tagungshotels abseits jeder Großstadthektik vorgestellt – insgesamt immerhin 44 Häuser.

Und da gab es noch das Internet-Portal, für das schnell die eine oder andere Meldung geschrieben war. Die Einstellung von Print- und Online-Fassung traf auch Ralph Langrock, den Chefredakteur, sehr hart. Ihn kenne ich schon seit Urzeiten. Während seines Studiums an der FU hörte er vor einem Vierteljahrhundert, was ich zum Thema „Pressearbeit im Tourismus“ zu sagen hatte. Irgendwann wurde er nach dem Studium Mitarbeiter in meinem Redaktionsbüro. Er arbeitete halbtags, und da er so wenig verdiente, musste er die andere Hälfte Taxi fahren.

Eine Prise Klatsch

Einmal – jetzt kommt wieder eine Prise Klatsch – sollte er mal hundert oder zweihundert Umschläge frankieren. Da das viel Arbeit war, nahm er einen Schwamm, machte die damals noch nicht selbstklebenden Marken nass und klatschte sie auf die Umschläge. Sie lagen auf einem Tisch neben der Heizung – mit dem Erfolg, dass sich alle Marken über Nacht ab- und zu dünnen Papierröllchen aufrollten. Da ich drohte, Ralph zu erwürgen, wenn er mittags zur Arbeit erschiene, ging ihm eine Kollegin entgegen, um ihn vor dieser Furie von Horst zu warnen.

Wir hatten eine schöne Zeit. Das ist das doofe an Jahresrückblicken, dass man am Ende sentimental wird.