Notizbuch: Heim für Best Ager

21 10 2017

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Antwort war klassisch. Als ich Hermann Paschinger eines sonntags per email fragte, ob er eigentlich immer arbeite, schrieb er zurück: „Ich bin selbstständig. Ich arbeite selbst. Und ständig.“ Hermann Paschinger ist Inhaber des Instituts für touristische Angebotsentwicklung mit Sitz in Straß im Straßertale/ Niederöster-reich. Sein größter Wurf: die 50plus Hotels.

Wohl kein anderer Mensch in Europa kennt sich im Marktsegment der Best Ager-Reisen so gut aus wie Hermann Paschinger. Der Tourismusberater erfand vor fast 20 Jahren, 1998, die Kooperation „50plus Hotels“. Schon ein Jahr später wurde dieses Konzept mit dem  Österreichischen Staatspreis für Tourismus ausgezeichnet. Mittlerweile gehören 25 Hotels in sechs europäischen Ländern dieser Kooperation an. Im Zentrum steht der deutschsprachige Markt. 50plus Hotels findet man auch in Italien, Ungarn und Tschechien. Die Mitgliedshotels haben drei bis fünf Sterne und sind meistens familiengeführte Betriebe. Gerade das ist Paschinger sehr wichtiig.

Typisch 50plus-Kooperation: Das Waldhotel Willingen [oben] ist familiengeführt. Unten: Jörg Virnich und Familie, Betreiber des Hotels

50plusHotels – das ist ein Qualitätsgütesiegel und steht nicht für ein spezifizisches Angebot. Paschinger: „Dieses wird vom betreffenden Hotelier erbracht.“ Die Mitgliedschaft in der Kooperation steht vielmehr für ein Service- und Qualitätsversprechen, das die Hoteliers abgeben. „Das bedeutet, dass man in unseren Häusern bestens auf die lebens- und reiseerfahrene Generation zugeht und sie herzlich und in aller Zuvorkommenheit umsorgt“, versichert Paschinger, „Kernkompetenz unserer Gastgeber ist die starke und persönliche Beziehung zum Gast.“

Viele Reisebüro-Mitarbeiterhaben erkannt, dass sie auf Nummer sicher gehen, wenn sie ihrer Best Ager-Kundschaft ein Haus der 50plus Hotels empfehlen und dort einbuchen. Auch Reiseveranstalter schätzen das Qualitätsversprechen der Kooperation und haben deren Häuser in ihr Portfolio aufgenommen. Dazu zählen TUI, Thomas Cook, Ameropa, Wikinger Reisen, einige kleinere Anbieter und diverse Gruppenreiseveranstalter.

Gartenhotel Pfeffel in Dürnstein/Wachau

Paschinger nennt seine 50plus Hotels „eine Lifestyle-Plattform, die auch für Harley-Davidson- und Cabrio-Fahrer, Golfer, Schneesportler, Wanderer und ganz generell für Geniesser attraktiv ist.“  Bei den Hotelangeboten liegt der Focus vor allem bei den  Angebotsthemen „Wandern & Natur“, „Sport & Aktiv“, „Wellness & Vital“ und „Kultur & Genuss“.

Aber kann man die Urlauber der Zielgruppe 50plus wirklich in einen Topf werfen? Haben 55-jährige nicht ganz andere Vorstellungen vom Urlaub und Urlaubsaktivitäten als 70-jährige? Paschinger räumt ein, dass die Zielgruppe sehr inhomogen ist. Aber er entdeckt doch gewisse einheitliche Züge: „Ab 50 ist das Hotel stärker als Komfortzone gefragt, Dienstleistung und Service gewinnen an Wichtigkeit.“ Und: „Die Generation 50plus bucht mehr Hotelaufenthalte als die Jüngeren, lässt sich eher als Stammkunde gewinnen und ist bereit, für ein gutes Erlebnis gut zu bezahlen.“ In vielen alpinen Destinationen stammt in den Sommermonaten jede zweite Übernachtung von Best Agern, und sie buchen auch in der schwach ausgelasteten Nebensaison. Und noch eine Gemeinsamkeit hat Paschinger entdeckt: „Menschen ab 50 fühlen sich in der Regel zehn bis 14 Jahre jünger als sie tatsächlich sind.“

Stimmt. So geht es mir auch.

 

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Notizbuch: Malta auf Rekordkurs

6 04 2017

Donnerstag, 6. April 2017

Malta ist auf der Erfolgsspur. Nach fünf Jubeljahren lagen auch im Vorjahr die Zahlen ausländischer Besucher auf Rekordniveau. Knapp zwei Millionen Ausländer reisten im Vorjahr ins kleinste EU-Land. Das sind 10,5 Prozent mehr als 2015.

Traditionell lagen die Deutschen nach den Briten und den Italienern auf Platz drei der Statistik: Mit 157.000 Urlaubern – auch hier beträgt die Steigerung 10,5 Prozent – ist der deutsche Quellmarkt eine verlässliche Stütze im Malta-Tourismus.

Die Erfolgsstory setzt sich in diesem Jahr fort. „Die Buchungen liegen für alle drei Marken, TUI, Airtours und 1-2-Fly, über dem Vorjahr,“ erklärt Robin Wilbertz, Leiter TUI Produktma-nagement Malta. Und Steffen Keese, Product Manager Südeuropa von Gebeco, freut sich: „Die Nachfrage hat deutlich angezogen.“ Viele Veranstalter melden gar ein zweistelliges Buchungsplus. Einreisezahlen von Januar dieses Jahres, gewiss nicht der attraktivste Reisemonat, spiegeln die positive Tendenz: Die internationalen Gäste nahmen im Vergleich zum Januar 2016 um gut 21 Prozent zu, die der Deutschen um 20 Prozent. „Unsere Maltabuchungen sind mehr als zufriedenstellend“, bringt Kevin Ach es auf den Punkt, Senior Produktmanager Neckermann Reisen für Südeuropa und Nordafrika.

Mehr als zufrieden sind die Veranstalter auch mit dem Fremdenverkehrsamt Malta. „Wir arbeiten bereits seit Jahren sehr erfolgreich zusammen“, lobt Stefan Walter, Senior Product Manager Malta von FTI, die Malta-Werber. Ähnliche Töne schlagen auch die Produktmanager der Mitbewerber an.

Auch in einem anderen Punkt liegen sie auf einer Wellenlänge: in ihrer Kritik am Flugangebot. „Die Fluganbindung ab Deutschland könnte ausgebaut werden“, klagt Christina Link vom Alltours-Hoteleinkauf, „insbesondere mangelt es hier an Direktflügen.“

Das sieht man auch bei der TUI so. Wilbertz: „Eine größere Auswahl an Direktflügen wäre wünschenswert.“ „Schade ist, dass Air Malta ihre Verbindung ab Frankfurt eingestellt hat,“ beklagt sich Zsuzanna Szabo, Produktmanagerin von Dertour, „erfreulich ist, dass die Condor Malta mit in ihr Programm aufgenommen hat.“ Omid Haghighat von JT Touristik hofft, “dass die neue Anbindung mit Condor das jetzige Wachstum noch weiter unterstützen kann.”

Bleibt noch das Kapitel Hotels. Auch hier hält sich die Kritik in Grenzen. “Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Ein, zwei Boutique-Hotels, die man für Gruppen nutzen kann, wären schick“, sagt Thomas Graune, Area Manager von Studiosus. „Auf den Inseln gibt es verschie-dene Hotelkategorien, die die Nachfrage von einfach bis luxuriös abdecken“, fasst Claudia Ortel, Produktmanager Wikinger Reisen, die Hotelsituation zusammen, „die Häuser, die ich bis jetzt auf Malta kennengelernt habe, entsprechen den Erwartungen unser Gäste.“

Mein Bericht ist in leicht geänderter Fassung – aber mit anderen Fotos – im Malta-Special der Zeitschrift touristik aktuell in der Ausgabe 12/2017 [vom 3. April] erschienen.





Notizbuch: Hellas jubelt

8 02 2017

Griechenland jubelt. Die Griechenland-Veranstalter jubeln. Der Grund: Hellas ist wie ein Volkswagen – und läuft und läuft.

So optimistisch wie diesmal ist die Reisebranche wohl noch nie in eine Griechenland-Saison gestartet. „ Wir rechnen damit, dass dies das Trendziel des Sommers 2017 wird“, sagt Florian Fleischer, Leiter des TUI Produktmanagements Griechenland. Er hat guten Grund zum Optimismus: Mit einem Buchungsplus von 41 Prozent ist Griechenland bei den Hannoveranern zum Saisonauftakt Favorit. Auch Sabine Näcker vom Griechenland-Produktmanagement der Veranstalter-Marken Thomas Cook und Neckermann-Reisen stellt mit Genugtuung „ein ordentliches Buchungswachstum“ bei den Hellas-Buchungen fest. „Alle griechischen Destinationen liegen im Plus“, betont Oliver Grosse-Kleimann vom Alltours Produktmanagement. „Im Pauschalgeschäft erleben wir einen wahren Ansturm auf Griechenland“, staunt Rolf-Dieter Maltzahn, Geschäftsführer DER Touristik Köln, „fast alle griechischen Ziele wachsen überdurchschnittlich.“

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So rechnen denn alle Griechenlandanbieter mit einem Plus am Ende der Saison, auch Schauinsland und FTI, JT-Touristik oder ETI, Attika-Reisen und Dertour. Da stehen auch die Anbieter von Studienreisen nicht zurück, deren Buchungssaison häufig anders verläuft als bei den großen Sortimentern. Thomas Graune, Area Manager bei Studiosus: „Wir verzeichnen aktuell ein hohes zweistelliges Buchungsplus und führen das u. a. auf einen Nachholbedarf zurück.“ Auch Steffen Keese, Produktmanager bei Gebeco, liefert den Grund für den momentanen Erfolg gleich mit: „In den Medien laufen deutlich weniger schlechte Nachrichten aus Griechenland.“

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Für die Produktmanager kommt der Erfolg nicht von ungefähr. Unisono heißt es in der Branche: Griechenland ist im internationalen Vergleich nicht nur gut, sondern sehr gut aufgestellt. „Der Tourismus in Griechenland befindet sich auf einem sehr respektablen Kurs: Die Branche weiß um ihr großes volkswirtschaftliches Gewicht“, fasst es Jan Frankenberg, Bereichsleiter Produkt und Hoteleinkauf der DER Touristik Köln, zusammen. Und: „Beim Thema Servicequalität spielt Griechenland in einer Liga mit Spanien.“

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Es sind vor allem die Massenziele, die beim Boom Masse machen: Kreta, Rhodos, Korfu. Auch Kos, in den Vorjahren wegen der Flüchtlingskrise von vielen Urlaubern gemieden, ist wieder gut im Geschäft. Da die großen Inseln die Nachfrage nicht befriedigen könnten, haben jetzt auch kleinere Inseln wie Paros, Naxos, Santorin und Mykonos größere Chancen als in den Vorjahren. „Das ist das größte Griechenland-Angebot aller Zeiten“, frohlockt Florian Fleischer von der TUI. Sie hat allein auf Kreta, Rhodos und Kos das Angebot um 40 Prozent erweitert. Auf der Beliebtheitsskala aller weltweiten TUI Ziele liegt Griechenland bei den Gästen auf dem zweiten Platz hinter Spanien. Auch bei Alltours hat sich Hellas zum zweitstärksten Sommerziel entwickelt.

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Bleiben bei solch einem Aufgebot noch genug Flugsitze und Hotelbetten für die Konkurrenz? „Wir haben vorgesorgt“, heißt es sinngemäß bei fast allen Häusern. Aber wegen der guten Nachfrage „werden die Hotels in diesem Jahr schneller ausgebucht sein“, warnt Lothar Münzenthaler, Produktleiter Dertour, „hier heißt es: schnell sein!“ Ein Last Minute-Geschäft wird es kaum geben.

Diesen Bericht habe ich im Auftrag von touristik aktuell recherchiert und geschrieben. Er ist in leicht veränderter Fassung – und ohne  Fotos – in Ausgabe 4/2017 der Fachzeitschrift erschienen.





Tagebuch: Filoxenia

18 04 2016

Montag, 18. April 2016

Ihr wichtigstes Kapital haben die Griechen in all den Krisenjahren nicht verloren: die Gastfreundschaft. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die ich unter zahlreichen Veranstaltern – kleinen Spezialisten wie Großanbietern – gestartet habe.

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„Griechenland bietet eine ausbalancierte Mischung aus Gastfreundschaft und landestypischer Mentalität der Einheimischen, bei der sich Urlauber wie bei Freunden zu Hause zu fühlen“, heißt es zum Beispiel beim Reiseveranstalter FTI. Auch der Griechenland-Spezialist Attika-Reisen, seit genau 40 Jahren auf dem Markt, spart nicht mit Lob: „Man kann sich überall frei bewegen und wird von der Bevölkerung herzlich und freundschaftlich empfangen und bewirtet, die Leute sind sehr kinderlieb, man ist sofort integriert, wenn man es möchte, man fühlt sich nie fremd, die Menschen sind sehr natürlich…“ Ins selbe Horn stößt der für Griechenland zuständige Produktmanager von Gebeco: „Insbesondere die griechische Gastfreundschaft macht den Charme des Reiselandes aus. Sie bleibt den Gästen und auch mir stets in guter Erinnerung.“

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„Griechenland zeichnet sich nach wie vor durch seine unschlagbare Gastfreundschaft aus, das ist und bleibt ein großes Plus“, heißt es aus dem Hause Thomas Cook/Neckermann-Reisen. Der mächtige Mitbewerber TUI konstatiert: „Last not least ist es Filoxenía, die griechische Gastfreundschaft, die Urlauber begeistert.“ Noch mehr: „Die Tourismusbranche hat viel investiert und unternommen, um die Attraktivität Griechenlands für Urlauber zu verbessern. Die Investitionen haben sich ausgezahlt, denn die Qualität der Hotels und der Service-Level in Griechenland waren noch nie so hoch wie heute.“

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Das aber sieht man bei Gebeco anders: „Generell muss Griechenland in die Hotelstrukturen investieren. Hier hat sich über die Jahre ein erheblicher Nachholbedarf aufgestaut. Auch die kleineren, einfacheren Häuser sollten auf aktuellem Stand sein. Abgenutzte Möbel, veraltete Badarmaturen oder beschädigte Zimmer- und Flurwände möchte kein Kunde sehen.“ Ebenso kritisch urteilen die Experten von Wikinger Reisen: „Aufgrund der seit Jahren andauernden Wirtschaftskrise fehlt es an öffentlichen und privaten Investitionen. Notwendige Renovierungen/Umbauten der Unterkünfte entfallen oder werden aufgeschoben. Die Folgen sind absehbar. Modernisierungen und/oder der Ausbau von Flughäfen sind lange überfällig. Das Thema Umwelt- und Landschaftsschutz“ wird für viele Urlauber immer wichtiger, auch hier besteht finanziell und ideell Nachholbedarf.“

Werbung für Taverne

Noch mehr von Wikinger: „Um das Land für Urlauber wieder attraktiver zu machen, benötigt es ein positive Wahrnehmung. Wirtschaftliche und politische Stabilität sowie Verlässlichkeit sind gefordert. Zehntausende Flüchtlinge, deren geplante Weiterreise in andere europäische Länder nicht mehr möglich ist, innenpolitische Streitereien, andauernde schwierige Verhandlungen mit internationalen Geldgebern und der damit einhergehende Rückstand beim Spar- und Reformkurs der griechischen Regierung prägen zur Zeit das Image des Landes. Dieses Bild vermittelt weder Charme noch unbeschwerte Urlaubsfreude.“

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Aber alle Befragten sind sich einig, dass es kaum eine andere derart vielfältige Reisedestination in Europa gibt. Einige Stimmen: „Eine einmalige Inselwelt, saubere Strände, eine gute Wasserqualität und ein angenehmes Klima – Griechenland ist ein vielseitiges Urlaubsziel und gleichzeitig eine Reise in die europäische Vergangenheit“ (TUI). „Die Natur und die Kultur sind einzigartig. In Griechenland kann man überall einen fantastischen Badeurlaub mit der Möglichkeit verbinden, Land und Leute sowie Stätten aus der Wiege der europäischen Kultur kennenzulernen“ (Schauinsland).

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JT Touristik schreibt ein langes Lobeslied: „Griechenland kann in vielerlei Hinsicht entdeckt werden, man denke an das Festland und die unzähligen Inseln. Kein anderes europäisches Land verfügt über eine so vielfältige Insellandschaft. Mit „EINER Reise nach Griechenland“ hat man bei Weitem nur einen Bruchteil dessen gesehen, was Griechenland zu bieten hat. Das Land hat unzählige Facetten, die es zu einem idealen Reiseziel für unterschiedlichste Zielgruppen machen. Es ist reich an kulturellem und historischem Erbe, hat bildschöne Landschaften sowie sehr gastfreundliche Einwohner. Das wundervolle an Griechenland ist, dass sich keine Naturlandschaft der unterschiedlichen Inseln gleicht. Die zauberhaften Sandstrände, das blaue Meer aber auch die Landschaften mit Ihren ursprünglichen Städtchen oder der ausgebauten Infrastruktur bilden traumhafte Kulissen für Postkarten.“ Das alles veranlasst Attika Reisen zu dem Rat: „Griechenland dürfte mit seinen Vorzügen ruhig selbstbewusster umgehen.“

Sonnenuntergang





Tagebuch: Weißt Du, wieviel Sternlein stehen…

8 01 2014

Mittwoch, 8. Januar 2014

Jeder kennt so eine Geschichte aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis. Da bucht jemand voller Erwartung ein Vier-Sterne-Hotel und wird am Urlaubsort herb enttäuscht. Das Essen ist alles andere als First Class, das Personal ruppig, das Zimmer schmuddelig. Wer sich auf die Hotelsterne verlässt, ist oft verlassen. Eine europaweite Initiative ist dabei, das zu ändern.

Der Sternenhimmel über den Urlaubsgebieten der Welt funkelt in unterschiedlicher Intensität. Ideal wäre eine einheitliche Klassifizierung für den ganzen Globus. Aber schon in Europa erschweren verschiedene Erwartungen die Vereinheitlichung: Legen Gäste aus skandinavischen Ländern größten Wert auf ein großzügig bemessenes Bett, ist dies den meisten Südeuropäern schnuppe. Franzosen erwarten ein Bidet im Zimmer. Nebenbei: Ohne Eismaschine auf dem Korridor geht bei Amis nichts. Wie solche Hoffnungen in ein Sternekorsett zwingen? Geht gar nicht, sagen beispielsweise die Finnen – und verzichten völlig auf eine Hotelklassifizierung.

Sechs Sterne in Dubai

 Dass die Sterne-Systeme der einzelnen Länder sich häufig nicht miteinander vergleichen lassen, haben Reiseveranstalter längst erkannt und eigene Kennzeichnungen entwickelt. Da gibt es Sonnen [TUI], ein bis 5 „N“ [Neckermann], Rauten [Dertour] und vieles mehr. Auch hier ist Vorsicht angebracht: Streng genommen lassen sich die Sonnen, Ns und Rauten nur in den jeweiligen Regionen vergleichen. Manchmal reicht das vorhandene Fünf-Stufen-Arsenal an Sterne-Ersatz nicht aus – zum Beispiel beim Superluxushotel Burj al Arab in Dubai. Da wurde flugs eine sechste Kategorie kreiert.

Aber die Veranstalter überprüfen die Hotelprädikate jedes Jahr. Das ist beim viel gepriesenen Sterne-System des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes [Dehoha] nicht der Fall. Die verliehenen Sterne – mitsamt einer repräsentativen Tafel neben der Eingangstür – gelten drei Jahre. Dann muss erneut geprüft werden, und zwar alle 270 Punkte aus dem pingeligen Kriterien-Katalog. Das System kennt fünf Stufen: von einem Stern [„Unterkunft für einfache Ansprüche“] bis zu fünf Sternen [„Unterkunft für höchste Ansprüche“]. Liegt ein Hotel in der Bewertung zwischen zwei Stufen, wird zusätzlich zur niedrigeren Stufe ein „Superior“ verliehen. Sechs von zehn Häusern finden sich in der Kategorie drei Sterne [„Unterkunft für gehobene Ansprüche“] wieder. Die Anforderungen sind durchaus hoch [s. Kasten]. Auffallend ist, dass sich ein internationaler Trend auch in Deutschland ausbreitet: Die 4-Sterne-Häuser [Dehoga: „Unterkunft für hohe Ansprüche“] nehmen rasant zu.

System mit Schwachpunkten

Aber das System hat mehrere Schwachpunkte: Erstens sind nicht weniger als 18 regionale Gesellschaften bei der Klassifizierung zugange. Im Saarland ist das zum Beispiel die Förderungsgesellschaft für das saarländische Gaststätten- und Hotelgewerbe mbH, in Mecklenburg-Vorpommern die Hotel- und Gaststätten Marketing GmbH. Auch wenn die Tester nach einheitlichen Kriterien arbeiten, sind da Unschärfen vorprogrammiert. Wie ist es – um nur ein Beispiel zu nennen – zu erklären, dass ein Leser in einem Haus einer internationalen Hotelkette in einer bedeutenden deutschen Messestadt von Service- und Ausstattung enttäuscht ist, obwohl am Eingang das Schild „4 Sterne Superior“ prangt: 90 Minuten Wartezeit an der Rezeption, nicht perfekt sauberes Zimmer, an die Wand geklatschtes Bügelbrett mitsamt Bügeleisen…

Der Dehoga versichert, gegen Ausreißer dieser Art ebenso hart vorzugehen wie gegen Hoteliers, die sich selbst ohne jede Prüfung Fantasie-Sterne verleihen. Das kommt immer wieder vor. Ein anderer Schwachpunkt ist nicht zu übersehen: Die Klassifizierung ist freiwillig, und 60 Prozent der 21000 deutschen Hotels sind nicht klassifiziert. Die einen scheuen die Kosten – je nach Größe des Hauses liegen sie für Nicht-Dehoga-Mitglieder zwischen 520 und 720 Euro -, die anderen wie das komfortable Landhaus „Lösch für Freunde“ in Hornbach/Saarland halten eine solche Prozedur schlicht für überflüssig.

Deutschland liefert Blaupause

Bei allen Schwächen der deutschen Klassifizierung: Sie dient einer europaweiten Initiative zur einheitlichen Hotelkennzeichnung als Blaupause. Dabei handelt es sich erstaunlicherweise nicht um ein Projekt der EU-Kommission, deren Regulierungswut noch nicht einmal vor dem Krümmungsgrad von Bananen halt macht. Sondern eine freiwillige Kooperation europäischer Hotelverbände namens HOTELSTARS UNION. Schirmherr und Dach ist die in Brüssel ansässige HOTREC – Hotels, Restaurants und Cafés in Europa. Der Dachverband vertritt 1,7 Millionen Betriebe mit 9,5 Millionen Arbeitnehmern in 27 europäischen Ländern.

 Nicht alle sind Mitglied der HOTELSTARS UNION, aber immerhin 15: Belgien, Dänemark, Deutschland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Schweden, Schweiz, Österreich, Tschechien und Ungarn. Frankreich und Italien verhalten sich noch abwartend und haben Beobachterstatus. Die Union bedeutet konkret: Ein 3-Sterne-Hotel in Kopenhagen ist mit einem 3-Sterne-Haus auf Kreta vergleichbar. Bis Ende kommenden Jahres sollen in den Mitgliedsländern 21000 Hotels klassifiziert sein, und die Union drängt europaweit Reiseveranstalter und Buchungsportale, die einheitliche Klassifizierung zu übernehmen. Nur ein Punkt der einheitlichen „Klassifizierungsspielregeln“ bereitet Kritikern Kopfzerbrechen. Da ist zu lesen: „Begrenzter Ermessensspielraum gegeben.“

Dieser Bericht aus meiner Feder ist in leicht geänderter Fassung in der Januar-Ausgabe von Clever Reisen erschienen.

Rückblick: Ich schäme mich. Fremd. Für meine Kollegen der Krawall-Berichterstattung. Da muss die Frau des Ex-Rennfahrers Schumacher die Pressemeute zum wiederholten Male bitten, das Krankenhaus, in dem ihr Mann im Koma liegt, zu verlassen, die Ärzte ihre Arbeit tun zu lassen, die Familienmitglieder in Ruhe zu lassen…