Notizbuch: Berliner Lächeln

22 02 2017

Mittwoch, 22. Februar 2017

Die Chemie scheint zu stimmen. Die bisherige Wirtschaftssenatorin gab in Pressekonferenzen zum Berlin-Tourismus immer die eiserne Lady. Ramona Pop von den Grünen dagegen, die neue Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, ist dem Geschäftsführer von visitBerlin, Burkhard Kieker, an Charme durchaus ebenbürtig. So wurde auf der Pressekonferenz zur Berliner Tourismus- und Kongressbilanz für das Jahr 2016 so viel gelächelt wie schon lange nicht mehr. Das Gespann Pop/Kieker signalisierte: Wir werden das Kind Berlin-Tourismus schon schaukeln. Und dies auch in schwierigen Zeiten.

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Moderat hat sich der Berlin-Tourismus im vergangenen Jahr entwickelt. Die Übernachtungen der Berlin-Besucher sind um 2,7 Prozent auf mehr als 31 Millionen gestiegen. „Es gibt nur zehn Städte in der Welt mit über 30 Millionen Übernachtungen“, betonte Kieker durchaus mit Stolz. Die Zahl der internationalen Gäste lag zum ersten Mal über der Fünf-Millionen-Marke. Die meisten Auslands-Besucher kamen aus Großbritannien [Kieker: „Das sind noch nicht die Brexit-Flüchtlinge!“], gefolgt von US-Amerikanern und Spaniern.

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Zum ersten Mal befindet sich auch Israel unter den Top-10 Ländern, aus denen die meisten Übernachtungen gezählt wurden. Mit 54,4 Prozent haben die deutschen Gäste nach wie vor den größten Anteil an den Übernachtungen. Mehr als 240.500 Menschen in Berlin gibt der Tourismus Lohn und Brot.

„Berlin hat sich in einem schwierigen internationalen Umfeld als Top-3-Destination in Europa behauptet“, freute sich Burkhard Kieker. Aber um weiterhin erfolgreich zu sein, müsse die Anbindungen für interkontinentale Besucher verbessert werden. Sprich: Der Flughafen BER muss endlich her.

Nicht die Easy-Jetter bilden das Gros der Berlin-Touristen. Kieker: „Die 40- bis 60-jährigen sind die Kernzielgruppe.“ Der klassische Berlin-Besucher ist im Durchschnitt 39,3 Jahre alt. Im Schnitt bleiben die Gäste 2,4 Tage, Besucher aus dem Ausland bleiben mit 2,8 Tagen wie-derum länger als die deutschen Berlin-Urlauber. Die drei wichtigsten Gründe für eine Reise in die deutsche Hauptstadt sind die Sehenswürdigkeiten, das Kunst- und Kulturangebot sowie Stadtbild und Architektur. Mehr als die Hälfte aller Besucher kommt wegen Kunst und Kultur. Oder andersherum betrachtet: 40 bis 60 Prozent der Nutzer von Kulturangeboten sind Touristen. „Die deutsche Hauptstadt hat als Kultur- und Veranstaltungsort im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen eine herausragende Bedeutung“, betonte die Wirtschaftssenatorin.

Wirtschaftssenat und visitBerlin hüten noch einen anderen Schatz: Ein Viertel aller Übernachtungen wird durch Kongressbesucher generiert. Es reisten im vergangenen Jahr mehr als 11,5 Millionen Teilnehmer zu rund 137.500 Veranstaltungen in die deutsche Hauptstadt.

Soweit die Bilanz. Das alles hätten die Berlin-Werber auch via E-Mail verkünden können, deshalb benötigt man keine Pressekonferenz – wären da nicht Kiekers kluge und auch humorvolle Anmerkungen, die allein die Anreise lohnen. Vom Auftritt der Wirtschaftssenatorin dagegen war ich – bis auf ihr Lächeln – enttäuscht. Ich hatte nicht nur die Ankündigung eines neuen Tourismuskonzepts erwartet, sondern konkrete Eckpunkte, Forderungen an die Akteure, Erklärungen in einer flammenden Rede, wie sich rotrotgrüne Tourismuspolitik von der bisherigen unterscheiden soll.

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Klar, Ramona Pop ist noch neu im Geschäft. Sonst wäre ihr der Fauxpas nicht passiert, das derzeit so populäre Couchsurfen mit „Verwandtenbesuchen“ gleichzusetzen. Frau Senatorin, das ist etwas ganz anderes. Wer als Couchsurfer reist, kommt bei wildfremden Menschen unter, dies meist kostenlos. Das aber ist bei den meisten nicht der Grund zum Couchsurfen, sondern das Eintauchen in das Leben der Einheimischen, soziale Kontakte, Stadtführungen von Insidern, das Leben im Kiez.

vb3Noch etwas fiel mir an Ramona Pop – außer ihrem Lächeln – auf: Während der Kommissarische Vorstand des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg in der gebührenden Langatmigkeit [diese ist systemimmanent] Zahlen vortrug, widmete sich die Wirtschaftssenatorin ausgiebig ihrem Handy.

Das geht gar nicht.

Den Hinweis, dass unsere Kanzlerin das auch macht, lasse ich nicht gelten. Ramona Pop ist nicht die Kanzlerin. Noch nicht.





Tagebuch: Luxus

1 05 2014

Donnerstag, 1. Mai 2014

Berlin eine Stadt des Luxus? Da denkt man doch eher an Historie oder Kunst und an das preiswerte Berlin. Aber das Bild trügt. Der Luxus-Tourismus ist für Berlin von großer Bedeutung. „Luxusreisende sind nur eine kleine Gruppe von Ankünften“, räumt Burkhard Kieker ein, Geschäftsführer von visitBerlin, „aber sie sind weltweit Meinungsbildner und setzen Trends.“

Luxus

Kieker [links] und Upchurch sind mit dem Luxus-Angebot der Stadt zufrieden.

Mode, Schmuck, Lederwaren und Elektronik sind es in erster Linie, was gut betuchte Berlin-Touristen konsumieren. Bei den Ausgaben sind die Chinesen führend: Sie geben mit durchschnittlich 594 Euro pro Einkauf am meisten aus, gefolgt von Besuchern aus der Ukraine (430 Euro) und Russland (366 Euro). Auch Araber (331 Euro), US-Amerikaner (338 Euro), Schweizer (253 Euro) und Brasilianer (241 Euro) lassen bei ihren Einkäufen viel Geld in der Stadt. „Wenn Chinesen kommen, schließen die Kudamm-Juweliere“, erzählt Kieker, „natürlich mit den Chinesen im Laden“.

Paris Hilton mit Einkaufstüten

In dieses Bild passt, dass jetzt der weltweit führende Verband internationaler Veranstalter von Luxusreisen, Virtuoso, sein jährliches Symposium zum ersten Mal in der deutschen Hauptstadt ausgerichtet hat. 500 Teilnehmer reisten aus 38 Ländern an und genossen die Stadt. Im Virtuoso-Verband sind mehr als 330 Agenturen mit über 7.200 Elite-Reisespezialisten in 20 Ländern in Nord- und Südamerika, in der Karibik, Australien und Neuseeland Mitglied, sowie 1.250 der weltbesten Hotels, Reiseanbieter und Top-Destinationen.

„Das Wort Luxus ist in der Welt von heute als Wort problematisch“, gibt Matthew D. Upchurch zu, Geschäftsführer des Virtuoso-Netzwerks, „man stellt sich dabei Paris Hilton mit einem Haufen Einkaufstüten vor.“ Aber es sei nicht die Einkaufskraft, die hinter der Idee von Luxusreisen stecke, sondern das Genießen. Und genossen hat Upchurch die vier Tage in der Stadt. Jetzt ist er zu seiner Tochter nach Paris gereist: „Und der werde ich sagen, dass sie unbedingt nach Berlin reisen soll.“ Es darf damit gerechnet werden, dass der Papa der Tochter vor dem Berlin-Trip ein wenig Kleingeld zusteckt.





Tagebuch: Nerger & Kieker

28 08 2013

Mittwoch, 28. August 2013

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Sein Ruf war schon legendär, bevor er nach Berlin kam: Hanns Peter Nerger, Deutschland-Touristiker aus Leidenschaft, hatte schon als Vertreter der Deutschen Zentrale für Tourismus [DZT] in Skandinavien gewirkt, ehe er nach Lübeck ging und den Tourismus von Lübeck und Travemünde gehörig aufmischte.

Als er vor 2O Jahren nach Berlin berufen wurde, fuhren Sabine Neumann und ich nach Lübeck, um nicht nur ihn zu interviewen, sondern auch Hoteliers und Restaurantchefs. Die Grundstimmung war – Traurigkeit. Sie wussten, dass sie diesen Mann ziehen lassen mussten, aber gerne gab ihn wohl niemand an die Hauptstadt ab. Dort, in Berlin, wurde Nerger erster Geschäftsführer der neu gegründeten Berlin Tourismus Marketing GmbH [BTM].

DSCN0777Mit fünf Mitarbeitern – von denen einer kurze Zeit später tragisch am Schreibtisch starb – begann Nerger seine Arbeit. Heute hat visitBerlin, wie die BTM jetzt heißt, 180 Mitarbeiter. In Worten: einhundertachtzig. Mit drei Millionen Gästen im Jahr 1993 und schätzungsweise über elf Millionen Gästen bis Ende 2013 haben sich die Besucherzahlen seitdem fast vervierfacht. Die Übernachtungen stiegen von sieben Millionen im Jahr 1993 auf geschätzt 26 Millionen bis Ende des Jahres. 1993 gab es in Berlin 40 000 Hotelbetten, jetzt sind es 90 000. Berlin hat sich unter den Top 3 der beliebtesten Städtereiseziele in Europa etabliert.

Von Nerger soll der Satz stammen, als ihm Berliner Hoteliers dumm kamen: „Meine Herren, ich muss nicht arbeiten.“ Mit Sicherheit musste er das nicht aus wirtschaftlicher Not: Nergers Vater war Bruno H. Schubert, Ehrenbürger von Frankfurt am Main und Unternehmer, dem das Weltunternehmen Henniger-Brauerei gehörte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd als Nerger von Journalisten auf den Dreck in Berlin angesprochen wurde, konterte er: „Ich bin nicht bei der Müllabfuhr.“ War das arrogant? Arroganz wurde Nerger oft nachgesagt, wohl zu unrecht. Aber er war im wahrsten Sinne des Wortes ein feiner Kerl.

Der Tagesspiegel schrieb zu seiner Verabschiedung im November 2008: Schon mit seiner stattlichen Statur war Nerger eine Autorität, ohne autoritär zu sein – der Mann mit dem Einstecktuch im dunklen Zweireiher ist nicht das ruppige Berlin, sondern eher das, was die Leute hierherzieht: die Metropole der Theater und Museen, der Kultur und Bildung und der Kreativität.

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Stabwechsel: Nerger [rechts], Kieker

Nerger übernahm die Geschäftsführung in der Stiftung seines Vaters, der gemeinnützigen Bruno H. Schubert-Stiftung. Deren Zweck ist es, „der Förderung der Wissenschaften und deren praktischer Umsetzung in Erkenntnis und Abwehr von Bedrohungen für Natur, Tier und Umwelt zu dienen.“ Alle zwei Jahre vergibt sie den Bruno H. Schubert-Preis, mit dem „wissenschaftliche Leistungen und deren praktische Umsetzung auf dem Gebiet des Natur- und Umweltschutzes ausgezeichnet“ werden.

Leider ist Hanns Peter Nerger durch einen Streit nach dem Tod seines Vaters mit dessen Witwe in unrühmliche Schlagzeilen geraten. Doch das gehört hier nicht zum Thema.

Kurz bevor Burkhard Kieker sein Nachfolger wurde, hatte ich das Vergnügen, Kieker auf einer China-Reise zu begleiten. Der frühere Journalist war da noch Marketingchef der Berliner Flughafengesellschaft. Wir haben viel miteinander geredet, und Kieker hat viel über die Stationen seines durchaus bewegten Lebens erzählt. Seitdem ist er mir – ich habe das hier schon mehrfach „zugegeben“ – ans Herz gewachsen.

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Kieker und seine Mann- und Frauschaft sind auf Erfolgskurs. In jeder einzelnen Minute kommen 20 Gäste in die Stadt. Für dieses Jahr ist ein neuer Besucherrekord zu erwarten. Das lassen die aktuellen Zahlen der Halbjahresbilanz erwarten. „visitBerlin gilt weltweit als eine der erfolgreichsten Marketingorganisationen, die für eine Stadt wirbt“, sagt Michael Zehden, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft, „für unser erfolgreiches Unternehmensmodell einer Public Private Partnership interessieren sich zunehmend auch die Kollegen anderer Städte.“

TA Hainan Airlines 026Kein Wunder: visitBerlin ist es gelungen, sämtliche Partner aus dem Bereich Hotellerie, Messe, Flughafen und Politik sowie alle relevanten Kultur-, Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen zu vereinen, um gemeinsam für Berlin zu agieren. Die Mitarbeiter sind auf allen Kontinenten in 39 Ländern aktiv, um für Berlin als Tourismus- und Kongressmetropole zu werben. Auf über 300 Events weltweit präsentierte visitBerlin 2012 die deutsche Hauptstadt. Über 1.200 internationale Journalisten werden jährlich auf ihren Recherchereisen in Berlin betreut. Das Portal visitBerlin.de informiert Besucher in mittlerweile 13 Sprachen. In der Stadt betreibt visitBerlin fünf Tourist Infos, in denen 2012 über eine Million Gäste gezählt wurden.

Zum Jubiläum noch ein Blick zurück: Die Verhüllung des Reichstags durch das Künstlerehepaar Christo war das erste touristische Großereignis, das von der BTM begleitet und aktiv beworben wurde. Rund fünf Millionen Gäste zog der verhüllte Reichstag 1995 in die Hauptstadt. 1,2 Millionen Besucher sahen 2004 die Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ und nahmen dafür Wartezeiten von bis zu neun Stunden in Kauf. 2006 gingen die Bilder der Fanmeile zur FIFA Fußballweltmeisterschaft um die Welt und zeigten Berlin als gastfreundliche und weltoffene Metropole. Zwei Millionen Besucher kamen 2009 nach Berlin, um den 20. Jahrestag des Mauerfalls zu feiern.





Tagebuch: die Unsinns-Steuer

19 07 2012

Donnerstag, 19. Juli 2012

Die einen nennen es [verlogen!] „Kulturförderabgabe“, die anderen treffender „Bettensteuer“. 20 deutsche Städte erheben diese unsinnige Zwangsabgabe, in Berlin soll sie im kommenden Jahr eingeführt werden. Eine solche Abgabe würde vielleicht noch Sinn machen, wenn der Erlös tatsächlich und ausschließlich zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur verwendet würde. In den meisten Fällen fließt sie aber in den allgemeinen Haushalt. Das wird auch in Berlin der Fall sein.

Jetzt hat das Bundesverwaltungsgericht geurteilt: Nur privat bezahlte Übernachtungen – also die von Touristen – dürfen mit dieser Abgabe belegt werden. Übernachtungen von Geschäftsleuten nicht. Haarspalterei? Mitnichten, sagt das Gericht. Ich zitiere aus dem Online-Portal Hotel & Technik, Ausgabe 12. Juli:

Die Kulturförderabgabe auf Übernachtungen ist eine örtliche Aufwandsteuer nach Art. 105 Abs. 2a GG. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts erfassen Aufwandsteuern die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Verwendung von Einkommen für den persönlichen Lebensbedarf (Konsum) über die Befriedigung des allgemeinen Lebensbedarfs hinausgeht. Diese Voraussetzung liegt zwar vor bei entgeltlichen Übernachtungen aus privaten, insbesondere touristischen Gründen. Sie fehlt aber bei entgeltlichen Übernachtungen, die beruflich zwingend erforderlich sind. Solche Übernachtungen dienen bei einer wertenden Betrachtung nicht der Verwendung, sondern der Erzielung von Einkommen und unterliegen daher nicht der Aufwandbesteuerung.

Alles klar?

In Berlin kann die Steuer fatale Folgen haben. Die 350 Berliner Hotels, die Hautanteilseigner an der Berlin-Werbegesellschaft VisitBerlin sind, unterstützen die vorzügliche Arbeit der Berlin-Werber mit jährlich einer Million Euro. Es könnte sein, dass sie sich dieses Geld sparen, wenn auch in der Hauptstadt die Unsinnssteuer eingeführt wird. Denn dem Vernehmen nach sind die Hoteliers nicht bereit, auf einen Schlag die Preise um fünf Prozent [= geforderte Bettensteuer] zu erheben. Ein Teufelskreis: Weniger Geld – weniger Berlin-Werbung – weniger Touristen – weniger Kaufkraftzufluß. Das sollten sich alle Berliner Polittiker noch einmal genau überlegen.